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LEIBNIZ Frau Koelbl, wie nähert man sich als Fotografin einer solchen Krise an?

HERLINDE KOELBL Zunächst mit einer Analyse: Wo liegen die Schwerpunkte, welche Aspekte sind besonders wichtig, in welchen Ländern spielt sich das alles ab? Es sollte ein Überblick werden, ohne Tendenz: vom Ankommen der Schiffe in Italien bis zu dem Punkt, wo und wie die Menschen untergebracht sind.

Was wollten Sie zeigen?

Ich wollte mir nicht nur das Schlimmste herauspicken, sondern zeigen, dass die Krise viele Facetten hat. Ich habe Notunterkünfte in Deutschland besucht, aber auch mit den Bewohnern griechischer Camps gesprochen. In allen diesen Lagern sind die Lebensumstände völlig verschieden. In manchen schon etwas besser geordnet, in manchen wirklich sehr, sehr hart.

Was hat sie besonders berührt?

Die Hoffnungslosigkeit. Viele meiner Gesprächspartner sind vor Verfolgung geflohen oder vor Kriegen wie dem in Syrien. Einige waren Jessiden und mussten ihre Heimat aus religiösen Gründen verlassen, andere aus Armut. Die Menschen sind oft schon lange unterwegs und kommen nun nicht weiter. Sie haben sich etwas erhofft, das nicht eingetreten ist. Und davon erzählen sie natürlich. Das war auch belastend.

Gab es Momente der Hoffnung?

Ich habe sie bei Familien beobachtet. Die Eltern hoffen auf Arbeit und wollen, dass ihre Kinder lernen, studieren, eine bessere Zukunft haben. Man spürt, wie sie ihre Energien bündeln, um eine Chance auf gesellschaftliche Akzeptanz zu haben. Vielleicht sogar auf ein wenig Aufstieg.

bei IDOMENI, griechisch-mazedonische Grenze
IDOMENI, Griechenland
ATHEN, Griechenland
CATANIA, Italien
DONAUWÖRTH, Deutschland
BERLIN, Deutschland

Oft stoßen Bilder die Debatte an, etwa das des dreijährigen Alan Kurdi, dessen Leichnam an den türkischen Mittelmeerstrand gespült wurde.

Bilder haben eine große Kraft, weil sie direkt die Emotion anstoßen und nicht erst über den Intellekt gehen. Sie rufen bei jedem Menschen Assoziationen hervor, an eigene Erfahrungen, an das eigene Leben. Da ist immer ein direkter Bezug. Die Fotografie ist deshalb auch häufig politisch missbraucht worden. Das ist die andere Seite, ihre suggestive Kraft, bei der man aufpassen muss.

Hat sich Ihr Blick auf die Krise verändert?

Es ist für mich noch zu früh, das zu beurteilen. Doch die Auswirkungen politischer und wirtschaftlicher Interessen sind mir sehr bewusst geworden. Diese Wochen haben mich sehr bewegt. Es ist ein Thema, das in einem sitzt, in einem bleibt. Es wird noch eine Weile dauern, bis das vergeht und ich nicht jede Nacht davon träume.

Im Zeit-Magazin fragen Sie Menschen, was sie gerettet hat. Wie können wir Europa retten?

Darauf habe ich keine Antwort. Jedenfalls sollten die Politiker alle Anstrengungen unternehmen, dass Europa als Gemeinschaft erhalten bleibt. Ich stelle aber immer wieder fest, dass es entscheidend ist, selbst aktiv zu werden, etwas im eigenen Umfeld zu verändern. Das ist der erste Schritt. Ein zweiter, entscheidender ist: Wenn wir die Aversionen, den Hass und die Vorurteile abbauen wollen, die diese Krise bestimmen, müssen wir bei den Kindern beginnen. Sie sind lernfähig, verstehen, dass der andere nicht einfach der Böse oder der Fremde ist, sondern ein Mensch wie jeder andere.

Sie waren im Auftrag des Europarats und des Auswärtigen Amts unterwegs. Spürten Sie eine Erwartungshaltung?

Nein, ich war völlig frei darin, wie ich die Ausstellung gestalte und was ich einbringe. Ich möchte neben meinen Bildern auch den Asylparagraphen und kleine Texte zeigen, um Denkanstöße zu geben. Und ein Einstein-Zitat: »Was für eine Welt könnten wir bauen, wenn wir die Kräfte, die ein Krieg entfesselt, für den Aufbau einsetzten, ein Zehntel der Energien, ein Bruchteil des Geldes wäre hinreichend, um den Menschen aller Länder zu einem menschenwürdigen Leben zu verhelfen.«

LESBOS, Griechenland
Flucht · Krisen · Europa · Fotografie