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Herr Rucht, wir sehen derzeit bundesweit Hunderttausende Menschen, die gegen die AfD und Rechtsextremismus auf die Straße gehen. Wie kommt das so plötzlich?

Diese Wucht überrascht mich auch. Ich hatte schon vor längerer Zeit prognostiziert, dass sich gegen den Aufstieg der Rechtsextremen zivilgesellschaftlich etwas zusammenbrauen wird. Aber ich hatte eher mit einem langsamen Anstieg gerechnet, nicht mit dieser abrupten Welle. Mit dem jetzigen Anlass, dem Bericht über ein Geheimtreffen von AfD und anderen Rechtsextremen, ist das eigentlich nicht zu erklären.

Correctiv berichtete, dass auf dem Treffen Pläne über millionenfache Vertreibungen besprochen wurden. Das hat offenbar viele aufgeschreckt.

Ja, das habe ich auch im persönlichen Umfeld so erlebt. Aber solche Treffen hat es ja schon früher gegeben. Diesmal aber wurde es medial sehr prominent aufgegriffen, und viele Leute haben gesagt, wenn sich jetzt Mitmenschen schon fragen, ob sie auswandern müssen, dann ist der Punkt erreicht, an dem ich aktiv werde. Es gibt eine neue Qualität der Wahrnehmung über die Gefahren, die dieser Gesellschaft drohen. Es hat sich etwas angestaut, was bisher keine Ausdrucksform gefunden hat. Viele Leute waren beunruhigt über den Rechtsruck, aber wussten nicht so recht, wie sie reagieren sollten. Jetzt ist ein Damm gebrochen.

Nicht nur in Großstädten, auch in der Provint wird nun gegen die Afd protestiert. 

Das ist schon ungewöhnlich und inzwischen eine Art Selbstläufereffekt. Viele wollen jetzt auch im eigenen Ort ein Zeichen setzen. Das Bemerkenswerte ist auch die Vielfalt der Gruppen, die das gerade organisieren. Das kommt ja wirklich bürgerschaftlich von unten, nicht langfristig von Großorganisationen geplant. Ein generalisiertes Aufwachen.

Soziologe Dieter Rucht WZB Berlin Leibniz Magazin
Der Soziologe Dieter Rucht. Foto FABIAN ZAPATKA

DIETER RUCHT
ist Bewegungsforscher und beschäftigte sich am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung jahrzehntelang mit politischen Protesten.

Gibt es eine gemeinsame Botschaft, die alle Proteste verbindet?

Ja: Dass es mit der Radikalisierung der Rechtsextremen so nicht weitergehen darf. Und auch die Sorge, dass die Demokratie selbst inzwischen in Gefahr ist.

Einige fordern jetzt ein noch breiteres Aufstehen der Zivilgesellschaft, andere ein AfD-Verbot. Braucht es noch konkretere Ziele?

Nicht unbedingt. Ich glaube nicht, dass sich auf der Ebene der Gesetzgebung oder Justiz jetzt viele Hebel bewegen lassen. Der zentrale Effekt ist die Aktivierung der Zivilgesellschaft in der Fläche. Und das kann durchaus nachhaltig sein.

Inwiefern?

Wir werden vermutlich keine sich immer weiter steigernde Protestwelle erleben. Demnächst wollen die Protestierenden noch einmal eine Menschenkette um den Bundestag ziehen, das dürfte noch mal größer werden. Danach aber dürfte es Abflauen oder Innehalten geben. Aber es besteht eine gute Chance, dass sich der Protest immer wieder neue Angelpunkte suchen wird, dass er sich an kleineren Anlässen wieder entzündet, wenn sich etwa die AfD oder andere rechtsextreme Gruppen bei den Wahlkämpfen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg versammeln.

Wird das der AfD am Ende bei den Wahlen schaden?

Das glaube ich nicht. Denn die Proteste sorgen jetzt erst mal nur für klarere Verhältnisse, wer wo steht. Aber sie sorgen bisher ja nicht dafür, dass AfD-Anhänger abspringen. Im Gegenteil dürften diese jetzt enger zusammenrücken und noch entschlossener agieren. Beide Lager profilieren sich, ohne dass sich die Gewichte verschieben.

Schon in der Vergangenheit gab es Lichterketten und einen Aufstand der Anständigen gegen Rechtsextremismus. Ist das jetzt ein Revival oder gibt es Unterschiede?

Beides. Auch die Lichterketten nach den rassistischen Anschlägen in den neunziger Jahren waren spontan von Bürgerinnen von unten organisiert, ohne große Vorbereitungszeit. Damals aber ging es um den Schutz einer gefährdeten Gruppe, der Migranten. Heute geht es um den Schutz der Demokratie insgesamt. Für die Protestierenden geht es damit auch um Selbstschutz. Beide Motive haben ihr Gutes und mich persönlich beruhigt es, dass da jetzt eine Entwicklung in Gang kommt.

Das Interview mit Dieter Rucht erschien zunächst in der taz.

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