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Die Freiheit kann das ab!

Freiheit ist ein Wort, das man ein wenig oft hört in diesen Tagen. Verstehen Sie mich nicht falsch, es ist ein schönes Wort! Es dient nur gegenwärtig zu vielen Positionen, die häufig im Widerspruch stehen. Denken Sie an die Maskenpflicht: Den einen ist die Maske Mittel zu einem möglichen Maß an Freiheit in Zeiten einer Pandemie, den anderen …

Ich zähle mich zu den ersten, ohne dass ich den Mund-Nasen-Schutz gern tragen würde. Aber das ist nicht so wichtig wie die Möglichkeit oder gar die Freiheit, mich und andere zu schützen. Mit Blick auf die Gesellschaft ist Immanuel Kants Aussage von der Freiheit des Einzelnen, die da ende, wo die des Anderen beginne, alles andere als überkommen. Freiheit mag nie ein absoluter Begriff gewesen sein, ein robuster war er immer. Wenn er jetzt Argument jedweder Unvernunft und jedweden Egoismus werden soll, laufen wir Gefahr, Freiheit an sich zu verspielen. Und wenn Freiheit nicht absolut ist, dann gibt es Beispiele, unsere Freiheit zu wiegen und ihre Weite hierzulande zu schätzen: Menschenrechte — Freizügigkeit, Bildung, Meinung, Äußerung, Glauben, Lebensformen …

Nehmen wir die grundrechtlich verbürgte Freiheit von Wissenschaft und Forschung: Inhaltlich und methodisch selbstbestimmt und unabhängig, sind sie doch gerahmt von der Verfassung, die etwa im Schutz anderer Grundrechte Schranken gibt. Diesem Freiraum entspringt übrigens direkt die Forschung an mRNA-Technologien, die — als wir, die globale Gesellschaft, sie so dringend brauchten — schon längst begonnen hatte, damals noch ohne Anlass und ohne Not. Das erlösende und erlösend schnelle Ergebnis kennen wir.

Wir in der Leibniz-Gemeinschaft leisten uns einen Moment der Unabhängigkeit in Bindung, in Selbstbindung: die Leibniz-Evaluierung. Sie ist und soll unabhängig sein und zentrales Element der Qualitätssicherung und deren Ernsthaftigkeit. Zugleich gehört sie zur Leibniz-Gemeinschaft und zu deren Selbstverständnis, sie wird unter ihrem Dach vorbereitet, durchdacht, reflektiert, diskutiert. Die Leibniz-Evaluierung, deren Verfahrensköpfe im satzungsgemäß rein extern besetzten Leibniz-Senat zu finden sind, ist ein wichtiges Charakteristikum der Gemeinschaft. Die Umkehrprobe ergibt: Ohne Leibniz-Gemeinschaft keine Evaluierung. (Selbst-)Bindung im unabhängigen Rahmen kann zugleich Berechtigung sein. So schlage ich ganz allgemein vor, dass wir der Freiheit ihre Robustheit zutrauen. Sie kann das ab.

MATTHIAS KLEINER

ist seit 2014 Präsident der Leibniz-Gemeinschaft. Zuvor war er von 2007 bis 2012 Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Von 1976 bis 1982 studierte Matthias Kleiner Maschinenbau an der Universität Dortmund, wo er 1987 promoviert wurde und 1991 auch die Habilitation im Fach Umformtechnik erlangte.

Weitere Folgen seiner Kolumne Nur so ein Vorschlag ... finden Sie hier.

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