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Wer, wie, was? Wieso, weshalb, warum? In der Rubrik „Frag Leibniz!“ können Sie – die Leserinnen und Leser unseres Magazins – aktiv werden. Stellen Sie den Forschenden der Leibniz-Institute Ihre Frage. Wir machen uns auf die Suche nach einer Antwort.

Die Frage dieser Folge lautet: Was ist wirklich dran an der sogenannten Obsoleszenz? Gibt es eine Art Sollbruchstelle bei Geräten, um deren Absatz zu steigern?

Die Antwort stammt von Wolfgang M. Heckl, Generaldirektor des Deutschen Museums, eines Leibniz-Forschungsmuseums, und Inhaber des Oskar von Miller Lehrstuhls an der TU München.

Langlebigkeit und Reparierbarkeit sind der beste Ressourcen- und Umweltschutz!

WOLFGANG M. HECKL

Wolfgang M. Heckl und Mai Kai halten eine Buch, im Hintergrund weitere Personen.
Über das Thema hat Wolfgang M. Heckl auch ein Buch geschrieben: »Die Kultur der Reparatur«. Hier übergibt er es dem Vizepremier der Volksrepublik China, Ma Kai. Foto DEUTSCHES MUSEUM

»Per Definition bezeichnet Obsolenz die natürliche oder künstliche Alterung eines Produktes, die dazu führt, dass man es nicht mehr so verwenden kann, wie das eigentlich einmal gedacht war. Und natürlich gibt es Obsoleszenz, zum Beispiel im technischen Sinn (wenn ein Gerät kaputt geht) oder im betriebswirtschaftlichen Sinn (weil Produkte so hergestellt werden, dass ihre Bauteile nach einer gewissen Zeit das Ende ihrer Lebensdauer erreicht haben und defekt ausfallen). Aber auch wenn das Design eines Gebrauchsgegenstandes aus der Mode gerät, seine Besitzer und Besitzerinnen ihn nicht mehr nutzen wollen oder weil neue bessere Nachfolgemodelle auf den Markt kommen, kann man von Obsoleszenz sprechen.

Das grundlegende Prinzip der künstlichen, also geplanten Obsoleszenz ist aber schon der Produktion von technischen Gebrauchsgegenständen inhärent. Es ist gewünscht oder wird billigend in Kauf genommen, dass Produkte nicht ewig haltbar sind – und zwar sowohl von den Produzenten wie auch von den Käuferinnen und Käufern. Für sämtliche produzierte Industriegüter oder Gebrauchsgegenstände legen die Hersteller eine statistische Lebensdauererwartung fest. Sie orientiert sich am Preis, an den Wünschen der Kundschaft und daran, wieviel Geld ein Unternehmen für die Herstellung des Produkts unter dem Gesichtspunkt der Gewinnmarge einsetzen will.

Wer sich ein Paar Schuhe für 20 Euro kauft, ahnt wohl schon, dass sie nicht lange halten werden. Und wenn die Produzenten danach trachten, möglichst billig zu produzieren, wird ein Produkt eben beispielsweise geklebt, statt geschraubt oder vernäht. Dadurch kann man es deutlich schwerer reparieren – was seine Lebensdauer erheblich verkürzt. Auch das Verbauen von Einmal-Akkus in Elektrogeräten, die sich nicht austauschen lassen, ist Teil der Obsoleszenz aus falsch verstandener Sparsamkeit der Kundschaft, die letztendlich den Produzenten zu Gute kommt. Denn so wird künstlich eine höhere Nachfrage erzeugt: Das Produkt muss noch einmal gekauft werden.

Besonders habe ich allerdings die Software-Hersteller im Verdacht, Obsoleszenz gezielt zu planen: Da kommt ein neues Betriebssystem auf den Markt und man muss unter Umständen nicht nur seinen Computer, sondern auch gleich die ganze Peripherie wegwerfen, weil sie mit dem neuen Betriebssystem nicht funktioniert.

Was aber hilft gegen Obsoleszenz? Ein (nicht zwangsläufig kostenloses) Reperaturangebot, für das die Hersteller sorgen müssen und die dementsprechende Ersatzteilbevorratung! Kürzlich wurde ein ebensolches Recht auf Reparatur für bestimmte (wenn auch noch zu wenige) Produkte in der EU beschlossen.

Reparaturen und reparierbare Produkte wirken Obsoleszenz entgegen, egal ob diese nun geplant oder ungeplant ist. Vor allem können wir so unsere Rohstoffe schonen, etwa seltene Erden, das Aluminium-Erz Bauxit aber auch Georessourcen für die Energieerzeugung und Öl für die Plastikindustrie, denen wir durch den ständigen Erneuerungszyklus aus allzu kurz genutzten, dann weggeworfenen und wieder neu gekauften Produkten schweren Schaden zufügen.

Langlebigkeit und Reparierbarkeit sind also der beste Ressourcen- und Umweltschutz! Nicht zufällig arbeitet die Natur in vollkommenen Kreisläufen und wir sollten uns als Menschen noch mehr an diesen natürlichen Reparaturmechanismen orientieren, sollten von der Natur eine »Kultur der Reparatur« (so habe ich das in einem Buch zum Thema genannt) lernen. In der Forschung und Entwicklung müssen wir uns zum Beispiel an das Thema des Molekularen Recyclens heranwagen, so wie es die Natur am Ende eines jeden Lebenzyklus natürlicher Objekte macht. Die chemische Industrie forscht zum Beispiel daran, wie wir Plastik wieder in seine molekularen Bausteine zerlegen und dann zu neuem Plastik weiterverarbeiten können.

Ein schönes Beispiel dafür, wie wir Obsoleszenz entgegenwirken können, sind die immer beliebteren Repair-Cafés, in denen man defekte Alltagsgegenstände in netter Atmosphäre selbst und mit der Hilfe anderer reparieren kann.«

STELLEN AUCH SIE IHRE FRAGE!

Wie groß ist der Weltraum? Kann man Dinosaurier zum Leben erwecken? Und wie funktioniert eigentlich unser Denken? Wohl jede und jeder von uns hat schon einmmal die kleineren und größeren Fragen des Lebens gewälzt. In unserer Rubrik »Frag Leibniz« können Sie die Forscherinnen und Forscher der Leibniz-Institute um Antwort bitten. Sie wollen es wissen? Stellen Sie hier Ihre Frage – wir leiten Sie direkt an das passende Institut weiter.

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