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Im Netz ist alles umsonst! Es demokratisiert die Welt wie von selbst! Gleichzeitig tummeln sich hier allenthalben Wahlfälscher und Cyberkriminelle! Um das Internet ranken sich unzählige Mythen, ob es nun um Privatsphäre, freie Meinungsäußerung oder Künstliche Intelligenz geht. Matthias C. Kettemann und Stephan Dreyer vom Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut (HBI) in Hamburg haben sich die 50 am weitesten verbreiteten Annahmen angeschaut. Wir stellen unsere Top 15 davon vor.

Mythos 11: Drastische Verbesserungen der Cybersicherheit sind dringend erforderlich

Sie stehlen Passwörter, Daten, persönliche Informationen und manchmal sogar ganze Identitäten. Immer öfter wird deshalb der Ruf nach einer deutlich verbesserten Sicherheit im Internet laut, um Cyberkriminellen ihr Handwerk zu erschweren. Nur: Wie realistisch ist diese Forderung? Die Antwort ist so einfach wie ernüchternd: Absolute Sicherheit kann es im Internet nicht geben, denn ein derart komplexes System wird immer Schwachstellen haben, die gezielt aufgespürt und missbraucht werden können. Dennoch gibt es bereits viele Angebote, die das Interneterlebnis sicherer machen. Dazu gehören etwa die Zwei-Faktor-Authentifizierung, regelmäßige Updates und sichere Passwörter; sie werden jedoch zu selten genutzt. Statt einer grundlegenden Reform des Internets ist also eher ein aufgeklärter und risikobewusster Umgang mit Onlineangeboten angezeigt. Gegen Angriffe mittels Phishing-Mails beispielsweise hilft nur eine Portion gesunder Menschenverstand: verdächtige Links nicht anklicken, dubiosen Zahlungsaufforderungen nicht folgen!

Mythos 12: Alle Millenials sind internetaffine Digital Natives

Kinder kommen heute immer früher mit digitalen Medien in Berührung. Doch beherrschen sie neue Technologien deshalb wirklich besser als Erwachsene? Dass die sogenannten Digital Natives in einem mediengeprägten Umfeld aufwachsen, heißt nicht, dass sie dabei automatisch Medienkompetenz erwerben. Denn in souveräner Umgang, mit Smartphone, Tablet oder heimischen PC erfordert neben technischen Fähigkeiten auch Wissen: Was sind Algorithmen? Worin unterscheiden sich öffentlich-rechtliche von privaten Programmen? Und wie artikuliere ich meine Ansichten, ohne die Rechte anderer zu verletzen? Je nach Alter, sozialem Kontext und Bildungsstand nutzen Heranwachsende Onlineangebote dabei ganz unterschiedlich. Digitale Ungleichheiten haben sich von der Ebene des Zugangs zur Ebene der Nutzung verschoben. So zeigen Studien, dass vor allem wohlhabende und gebildete Menschen von den Möglichkeiten des Internets profitieren. In Bildungseinrichtungen wie der Schule erfordert die Digitalisierung deshalb mehr als die bloße Bereitstellung technischer Infrastrukturen.

Mythos 13: Das Internet fördert die Demokratie, etwa während des Arabischen Frühlings

Ohne Internet kein Arabischer Frühling? Seit 2010 haben sich im Nahen Osten und Nordafrika viele Protestbewegungen über soziale Netzwerke vernetzt und organisierten so auch ihre Aktionen. Trotzdem gelang es ihnen nicht, die politischen Systeme in Staaten wie Ägypten, Libyen, Sudan und Tunesien dauerhaft zu demokratisieren. Denn nicht nur die Protestierenden nutzen das Internet: Auch Regierungen versuchen, online Unterstützer zu mobilisieren. Demokratische Bewegungen können im Internet zwar schneller als je zuvor Sympathisanten für politische Forderungen gewinnen – das gilt aber auch für ihre Gegner.

Mythos 14: Das Domain Name System garantiert ein globales Internet

Es ist das Telefonbuch des Internets: Das Domain Name System (DNS) verbindet URL- mit IP-Adressen und stellt so sicher, dass Internetnutzer jederzeit an die richtigen Websites weitergeleitet werden – zumindest in der Theorie. Doch in der Praxis ist die Idee des World Wide Web als universelles und globales Netzwerk ein Wunschdenken der Vergangenheit. Unter dem Deckmantel der Souveränität finden Länder wie Russland oder Saudi-Arabien immer neue Konfigurationen, um das westlicheDNS zu umgehen und so alternative Realitäten zu schaffen. China hat mit seiner digitalen Brandmauer einen gigantischen Zensurapparat errichtet, der Seiten wie Facebook oder Google zugunsten nationaler Dienste blockiert: The Great Firewall wird er auch genannt. Für die Internetnutzer von morgen könnten ganze Länder aus dem Netz verschwinden, wenn autoritäre Regierungen beschließen, nationale Domains von ihren eigenen nationalen Root-Servern auszuschließen. Schon jetzt stehen wir am Beginn eines Zeitalters vieler fragmentierter Internets – des Splinternets.

Mythos 15: Die Privatsphäre ist tot

Wir stellen insgesamt 15 Internetmythen vor. Hier geht es zu Teil 1 der Serie, Teil 2 finden Sie hier.

Oft heißt es, das Internet sei das Ende der Privatsphäre. Wir nutzen soziale Netzwerke, Messenger-Dienste oder Suchmaschinen – obwohl wir wissen, dass sie unsere privaten Daten speichern, auswerten und weiterverkaufen. Doch empirische Studien zeigen, dass viele Internetnutzer sich der Gefahr bewusst sind und auch entsprechend handeln: Menschen, die sich um ihre Privatsphäre sorgen, teilen beispielsweise weniger persönliche Informationen in sozialen Netzwerken. Schon in der Vergangenheit wurde die Privatsphäre im Zuge technologischer Innovationen wie der Erfindung des Fotoapparats für tot erklärt – und überlebte doch. Damit sie auch dem Internet nicht zum Opfer fällt, sollte technisch nachgerüstet werden. Ein Beispiel: der Ausbau von Angeboten wie anonymen Webbrowsern.

HINTERGRUND

Der Beitrag basiert auf dem Sammelband Stimmt’s? 50 Internetmythen auf dem Prüfstand, den Matthias C. Kettemann und Stephan Dreyer vom Leibniz-Institut für Medienforschung anlässlich des Internet Governance Forum 2019 herausgegeben haben. Die vollständige Publikation finden Sie hier. In 50 kurzen Texten gehen 58 Autorinnen und Autoren darin den wichtigsten Internetmythen auf den Grund – und entlarven sie. Mit den Mythen dieser Folge haben ANDREW ODLYZKO (Cybersicherheit), CLAUDIA LAMPERT (Digital Natives), LAEED ZAGHLAMI (Demokratie), ROBIN TIM WEIS (Domain Name System) und PAULA HELM mit TOBIAS DIENLIN, JOHANNES EICHENHOFER und KATHARINA BRÄUNLICH (Privatsphäre) aufgeräumt. Ihre Texte haben wir für unsere Serie redaktionell bearbeitet und gekürzt.

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