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Wer, wie, was? Wieso, weshalb, warum? In der Rubrik Frag Leibniz können Sie – die Leserinnen und Leser unseres Magazins – aktiv werden. Stellen Sie den Forschenden der Leibniz-Institute Ihre Frage. Wir machen uns auf die Suche nach einer Antwort.

Die Frage dieser Folge lautet: Was passiert mit dem Darmmikrobiom, wenn man als Vorbereitung auf eine Fastenkur den Darm vollständig entleert? Werden dann alle Darmbewohner ausgeschieden? Wie regeneriert sich die Darmflora wieder?

Die Antwort stammt von Tobias Goris und Tina Schifelbein, wissenschaftlicher Mitarbeiter (im EU-Projekt SynBio4Flav) und Doktorandin in der Forschungsgruppe Intestinale Mikrobiologie am Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE).

Viele Mikroorganismen verbleiben im Darm. So kann sich die Darmmikrobiota regenerieren.

TOBIAS GORIS & TINA SCHIFELBEIN

 

 

Foto KERSTIN BREUSTEDT

»Das Darmmikrobiom enthält viele nützliche und manchmal auch schädliche Bakterien, Pilze und andere Einzeller. Der menschliche Darm wird von etwa 100 Billionen Mikroorganismen besiedelt. Diese mikrobielle Gemeinschaft wird als »intestinale Mikrobiota« – der Begriff »Darmflora« ist veraltet und nicht korrekt – bezeichnet. Sie ist zu einem großen Teil individuell und von der Ernährung abhängig und beeinflusst zahlreiche Stoffwechselprozesse im Darmtrakt und in vielen anderen Organen des Menschen in positiver Weise.

Jeder Mensch hat seinen individuellen Rhythmus zur Darmentleerung. Mit jedem Stuhlgang wird eine ganze Menge dieser Mikroorganismen ausgeschieden. Untersuchungen haben gezeigt, dass sogar knapp die Hälfte unseres Stuhls aus Bakterien besteht. Die im Darm verbleibenden Bakterien vermehren sich wieder, wenn Nachschub an Nahrung von oben kommt. Ein ständiges Kommen und Gehen, bei dem ein Eingreifen von außen im Allgemeinen nicht notwendig ist.

Zur genauen Beantwortung Ihrer Frage müssen wir uns zunächst den Verdauungstrakt ansehen, der in der unteren Hälfte aus Dünn- und Dickdarm besteht. Beide Därme bestehen ihrerseits aus verschiedenen Teilen und sind zusammen rund fünf Meter lang, wovon etwa ein Meter auf den Dickdarm entfällt. Die verschiedenen Teile bieten den dort lebenden Mikroorganismen jeweils unterschiedliche Lebensräume. Das bedeutet, dass sich die Zusammensetzung der Mikrobiota im Verlauf des Darmtrakts je nach den vorherrschenden Bedingungen unterscheidet. Die Mikroorganismen können sich temporär auf einer Schleimschicht ansiedeln, die unsere Darmzellen natürlicherweise bedeckt. Der Darm bleibt bei gesunden Menschen ständig besiedelt, auch wenn große Teile des Darmmikrobioms natürlicherweise oft ausgetauscht werden. Wie genau diese Mikrobengemeinschaften aussehen und welche Rolle sie bei der Entstehung oder Therapie von Erkrankungen, wie etwa Adipositas oder entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn, spielen, ist noch nicht vollständig aufgeklärt und bleibt weiterhin Gegenstand intensiver Forschung.

Wenn der Darm nun »künstlich«, also durch Nachhelfen von oben durch Abführmittel oder von unten durch einen Einlauf entleert wird, werden mehr Mikroorganismen als gewöhnlich ausgeschieden, sodass sich die Bakterienzusammensetzung tatsächlich ändern kann. Viele Mikroorganismen verbleiben aber im Darm und so kann sich die Darmmikrobiota regenerieren und nach etwa zwei Wochen ist kaum ein Unterschied mehr vorhanden. Beide Darmentleerungsmethoden sollten am besten unter ärztlicher Aufsicht stattfinden, da auch hier unerwünschte Nebenwirkungen, im schlimmsten Fall Verletzungen, auftreten können. Für die Mikroorganismen, speziell die Darmbakterien, sind Antibiotika in der Regel aber nachteiliger, da durch diese mehr Bakterien abgetötet werden und die Vielfalt und das Gleichgewicht an Bakterienstämmen gestört werden kann. Durch eine gesunde, pflanzenbasierte und ballaststoffreiche Ernährung regeneriert sich das Darmmikrobiom nach spätestens zwei Wochen wieder von selbst. Oft helfen auch pro- oder präbiotische Lebensmittel wie Sauerkraut und Naturjoghurt, die unter anderem positiv wirkende Milchsäurebakterien enthalten, oder Chicorée, der den Ballaststoff Inulin enthält, den manche Darmbakterien bevorzugt verstoffwechseln.

Das Fasten an sich schadet der intestinalen Mikrobiota nicht: Genau wie wir Menschen können auch die Bakterien im Darm einige Zeit ohne Nahrung überleben. Je nach Dauer und Art der Fastenkur kann sich jedoch die Zusammensetzung des Darmmikrobioms etwas verändern. Das kann vorteilhaft bei der Behandlung von bestimmten Erkrankungen sein, die durch eine ungünstige Zusammensetzung der Darmmikrobiota ausgelöst werden, etwa bestimmte Darmentzündungen oder eine Clostridium difficile-Infektion.«

STELLEN AUCH SIE IHRE FRAGE!

Wie groß ist der Weltraum? Kann man Dinosaurier zum Leben erwecken? Und wie funktioniert eigentlich unser Denken? Wohl jede und jeder von uns hat schon einmmal die kleineren und größeren Fragen des Lebens gewälzt. In unserer Rubrik »Frag Leibniz« können Sie die Forscherinnen und Forscher der Leibniz-Institute um Antwort bitten. Sie wollen es wissen? Stellen Sie hier Ihre Frage – wir leiten Sie direkt an das passende Institut weiter.

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