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Blau gepolsterte Sitze füllen den Saal im Theater am Rande der Fußgängerzone von Pristina, die Wände sind vertäfelt mit dunklem Holz. Drei Flaggen, neben der kosovarischen auch die deutsche und die europäische, zieren die hell erleuchtete Bühne. Auf ihr diskutieren Wissenschaftlerinnen, der deutsche Botschafter, ein Polizist und Atifete Jahjaga, die ehemalige Präsidentin des Kosovo, im Scheinwerferlicht. Es geht um die Rolle der Frauen in der kosovarischen Gesellschaft. Ich hoffe, bald nicht mehr über Gleichberechtigung reden zu müssen, sagt Jahjaga in ihrem Eingangsstatement.

Ein Satz, den drei junge Frauen im Publikum vermutlich sofort unterschreiben würden. Brikena Avdyli, 31 Jahre alt, sitzt in einer der vorderen Reihen. Gespannt hört sie zu, dabei schaut sie immer wieder auf ihr Handy, denn gleich steht schon die nächste Veranstaltung im vollen Kalender. Einige Reihen hinter ihr sitzt mit ernster Miene Valëza Zogjani, 28 Jahre alt, die für eine NGO arbeitet und sich gerade für eine bezahlte Elternzeit für Männer einsetzt. Schräg vor ihr: Janine Läpple. Sie kennt Avdyli und Zogjani seit bald zwei Jahren. Alle drei Frauen beobachten den Kosovo genau – und schauen jede auf ihre Weise, wie er sich verändert. Der Kosovo ist einfach ein unglaublich spannendes Land, sagt Janine Läpple. Am Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) untersucht sie für ihre Doktorarbeit, welchen Anteil junge Frauen wie Avdyli und Zogjani daran haben.

Meine Gesprächspartnerinnen haben im Ausland unglaublich viel Selbstbewusstsein gewonnen.

JANINE LÄPPLE

JANINE LÄPPLE

ist Doktorandin am Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien in Halle. Ihre Schwerpunkte sind internationale Migration und Entwicklungszusammenarbeit.

Kosovo. Noch immer wird der kleine Staat oft mit Krise und Krieg assoziiert. Dabei ist es fast 20 Jahre her, dass die Konflikte zwischen Serben und Kosovo-Albanern in einem der blutigsten Kriege der jüngeren Weltgeschichte eskalierten: In eineinhalb Jahren starben rund 3.500 Menschen, 10.000 wurden verletzt und Hunderttausende flohen, etwa 650 Orte wurden teilweise oder komplett zerstört. Seitdem hat sich viel getan. Teile des Landes wurden wieder aufgebaut, 2008 erklärte der Kosovo seine Unabhängigkeit, heute wird er von 23 der 28 EU-Mitglieder anerkannt. Doch die junge Demokratie funktioniert leidlich, sie kämpft mit Korruption, hoher Arbeitslosigkeit, erzkonservativen Werten. Für den Kosovo, der doch zur EU gehören will, ist das ein großer Widerspruch.

Der zeigt sich schon im Kleinen, als Janine Läpple und Brikena Avdyli das Gebäude verlassen und ins Taxi zur nächsten Veranstaltung steigen. Während drinnen im Theater junge, weltläufige Frauen über die Zukunft diskutieren, werden ein paar Gehminuten entfernt auf dem Basar der Hauptstadt säckeweise Kartoffeln und Karotten über schlecht geteerte Straßen geschleppt – von älteren Frauen. Die Männer sitzen derweil in den Nebenstraßen, rauchen, trinken Kaffee und schauen zwischendurch auf ihre Smartphones.

Auch knapp 20 Jahre nach dem Krieg geht es den 1,9 Millionen Kosovaren nicht wirklich gut. Das monatliche Durchschnittseinkommen liegt bei 421 Euro netto, eine Wohnung im Zentrum von Pristina aber kostet im Schnitt 250 Euro, ein Liter Milch rund 85 Cent. Jeder Dritte ist arbeitslos, die Jugendarbeitslosigkeit erreicht phasenweise um die 50 Prozent. In einem Land, in dem mehr als 40 Prozent der Einwohner unter 25 Jahre alt sind.

Viele Menschen wollen den Kosovo deshalb verlassen. Allein zwischen 2008 und 2018 sind mehr als 200.000 ausgewandert. Unter ihnen sind viele gut ausgebildete Frauen wie Valëza Zogjani und Brikena Avdyli. Denn auch wenn Pristina mit seinen digitalen Werbetafeln und Sojamilchkaffees to go nach 21. Jahrhundert aussieht, ist der Alltag von teils jahrhundertealten Werten und Traditionen geprägt: Bis sie einen Mann gefunden haben, wohnen viele Frauen bei ihren Eltern, sie erben nichts, häusliche Gewalt wird toleriert. Nur eine von fünf Frauen leistet Erwerbsarbeit, viele betreuen ein Leben lang Kinder und ältere Verwandte und erhalten im Alter kaum Rente. Gehen sie fort, dann meist für niedere Arbeiten.

Frauen würden deshalb auch im Kontext der Migrationsforschung oft in einer Opferrolle betrachtet, sagt Janine Läpple. Das habe ihr nicht gefallen – zumal bekannt sei, dass Frauen, die in patriarchale Gesellschaften zurückkehren, ihr Umfeld oft positiv beeinflussen. Dieser Umstand fasziniert Läpple. In ihrer Doktorarbeit fragt sie: Unter welchen Umständen werden RückkehrerInnen zu agents of change?

Wissenschaftler sprechen von social remittances, wenn es darum geht, wie Rückkehrer eine Gesellschaft durch neue Werte und Einstellungen verändern. Doch dazu gibt es bisher weder eine Theorie noch eine Systematik der Einflussfaktoren, sagt Läpple. Dabei ist Migration eigentlich ein gut erforschtes Feld: Wie viele Menschen sind wohin gezogen? Wie lange sind sie geblieben? Wie schnell haben sie sich in den Arbeitsmarkt integriert, unter welchen Umständen sind sie schließlich zurückgekehrt? All das wurde vielfach beantwortet, allerdings meist mit nüchternen Zahlen. In ihrer Dissertation will Läpple die Menschen dahinter betrachten. Anfang 2018 reist sie in den Kosovo, um 16 Frauen im Alter von 24 bis 37 Jahren zu treffen, die nach mindestens einem Jahr im Ausland wieder zurückgekehrt sind. In langen Interviews erzählen sie ihr von ihren Erfahrungen.

Brikena Avdyli sitzt fast zwei Jahre später in einem Café, wenige Gehminuten entfernt von der Mutter-Teresa-Kathedrale. Die junge, große Frau ist klar in ihrer Wortwahl und spricht Englisch, als sei es ihre Muttersprache. Zweimal war sie in den USA, das erste Mal 2006 bei einer Familie in Kalifornien. Damals wussten die wenigsten Menschen dort, wo der Kosovo liegt, erinnert sie sich. Nur ein älterer Herr glaubte, eine Ahnung zu haben: Das sei doch in Jugoslawien und Tito der Präsident. Sie lächelt und sagt: Ich wusste nicht, was ich ihm zuerst erklären sollte: Dass es Jugoslawien nicht mehr gibt oder dass es Tito nicht mehr gibt.

Fünf Jahre später setzt Avdyli ihr Studium der Internationalen Entwicklung in Washington fort. Beide Aufenthalte prägen sie, denn zuhause habe sie sich immer ein wenig als Außenseiterin gefühlt: In den USA ist es einfacher, sich einzufügen, weil es dort so viele unterschiedliche Menschen gibt, dass jeder seine Nische findet. Sie ist dort zum ersten Mal allein, doch findet bald Freunde aus dem Iran und aus Israel. Noch heute seufzt sie verzückt, wenn sie an die App denkt, die ihr anzeigt, wann in Washington die Busse fahren. In ihrer Heimat Pristina gab es bis 2012 kein warmes Wasser nach 22 Uhr und keine Post an die Haustür.

Am Abend des gleichen Tages sitzt Valëza Zogjani in ihrem Büro der NGO Democracy for Development, für die sie arbeitet. Ihre Kolleginnen sind längst zuhause, kleine Regenbogenflaggen stehen auf verwaisten Schreibtischen; es ist Pride Week im Kosovo. Heute ist es für Zogjani selbstverständlich, dass sie teilnimmt. Mit 22 Jahren war sie für zwei Jahre in Schweden, 2018 – fünf Jahre später – sechs Monate in den USA. Dass sie in das skandinavische Land ging, folgte einer harten Pragmatik: Alles andere war zu teuer, die Zahl der Stipendien für Kosovaren in den meisten westlichen Ländern begrenzt.

Einen Teil meines neuen Selbst musste ich im Kosovo verleugnen.

VALËZA ZOGJANI

Zogjani hatte Glück, sagt sie, in mehrfacher Hinsicht. Ich hatte sehr hohe Erwartungen an Schweden, und die wurden erfüllt. Dabei war sie zunächst überfordert, als sie das erste Mal das Studentenwohnheim betrat: Die Wohnung teilte sie sich mit Männern und Frauen, neun anderen Menschen aus völlig anderen Kulturen. Das wäre im Kosovo undenkbar gewesen. Weiter ging es an der Uni: Die Hälfte der Lehrenden war weiblich, im Kosovo hatte Zogjani genau eine Professorin gehabt. Fast das Gegenteil von Schweden. Ich habe dort von Anfang an gelernt, dass Geschlechtergerechtigkeit nicht nur ein fancy buzzword ist, sondern Wirklichkeit, sagt sie. Zwar ist sie in einer vergleichsweise liberalen Familie aufgewachsen. Aber sonst herrschte in ihrem Umfeld eine klare Haltung: Als Frau kannst du zwar eine Ausbildung machen, brauchst sie später aber eher nicht. Dass das anders sein kann, hat Zogjani in Schweden gelernt – und bis wenige Wochen vor dem Ende ihres Aufenthalts überlegt, ob sie überhaupt zurück in ihre Heimat will.

Schon wenige Monate im Ausland können zwei Jahrzehnte Lebenserfahrung in der Heimat infrage stellen. Das hat Janine Läpple in den Gesprächen mit den jungen Frauen immer wieder gehört. Was auch deutlich wurde: Vor allem in Bezug auf Diversität erweitern sie ihren Horizont. Menschen anderer Hautfarbe oder sexueller Orientierung hatten die wenigsten vorher getroffen. Manche haben mir erzählt, dass sie früher Angst vor solchen Menschen hatten und wie sehr sie sich jetzt dafür schämen, sagt Läpple. Was die Frauen außerdem gelernt haben: Als Bürgerinnen haben sie Möglichkeiten, sich einzubringen, erst recht in einer Demokratie.

Für mehr Bildung, mehr Chancen und neue Perspektiven sind die Frauen, die Janine Läpple interviewt hat, immer wieder ins Ausland gegangen. Eine von ihnen ist Liridona Osmanaj. Fürs Studium ist sie in die USA gezogen – wo unsere Autorin sie angerufen hat.

Eines ist klar: Keine von Janine Läpples 16 Gesprächspartnerinnen kehrte unverändert zurück. Alle haben unglaublich viel Selbstbewusstsein gewonnen. Was erfreulich klingt, hat aber auch eine Kehrseite: Viele haben das erlebt, was Experten einen reverse cultural shock nennen: So kehrte auch Valëza Zogjani aus Schweden mit dem Wunsch zurück, im Kosovo vieles zu verändern – und stieß auf Unverständnis: Bloß weil du im Ausland warst, denkst du, du kannst uns jetzt die Welt erklären? Einen Teil meines Selbst, den ich in Schweden kennengelernt hatte, musste ich verleugnen, sagt sie heute.

Brikena Avdyli geht es ähnlich. Ihr fallen nach der Rückkehr Eigenheiten ihrer Landsleute auf, die sie vorher normal fand. Etwa, dass der Kontrolleur am Flughafen mit Blick auf ihren Pass kommentiert, sie würde ja ganz schön viel reisen. Oder als ihr Nachbar wissen will, warum sie nicht im Büro ist, als sie einen Tag von zuhause aus arbeitet und er sie tagsüber beim Einkauf zwischendurch trifft. Willkommen im Kosovo, einem Land, das so klein ist, dass jeder alles weiß, witzelt sie. Ein halbes Jahr lang fühlt sich Avdyli, als gehöre sie nicht mehr dorthin, wo ihre Wurzeln liegen. Und fühlt sich schuldig, erzählt sie.

Erst nachdem sie den ersten Kulturschock überstanden hat, merkt sie, dass ihre Auslandserfahrungen ihr helfen. Seit November 2019 ist sie Geschäftsführerin der von der einstigen kosovarischen Präsidentin gegründeten Jahjaga Stiftung. So kann sie sich auch beruflich für das einsetzen, was ihr wichtig ist: Diversität in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Auch in ihrer Familie wird jetzt mehr über Fragen der Gleichberechtigung diskutiert – wenngleich ihre Eltern manches, was sie sagt, für übertrieben halten.

Ich lebe in einer Zeit, die meine verstorbene Großmutter nicht wiedererkennen würde.

BRIKENA AVDYLI

Auch Zogjani berichtet gern von kleinen beruflichen und großen privaten Erfolgen. Ich wache jeden Morgen auf und denke: Ich möchte, dass Frauen im Kosovo mehr Möglichkeiten haben, dass sie zum Beispiel Kinder kriegen und trotzdem Karriere machen können. Bei Democracy for Development arbeitet sie gerade an einer Kampagne für Elternzeit für Väter. Laut einer von der NGO in Auftrag gegebenen Umfrage hätten 30 Prozent der Väter daran Interesse, wenn sie weiter bezahlt werden. Zuletzt hat Zogjani ihren Schwager überredet, Elternzeit zu nehmen.

Genau diese Auseinandersetzungen im vermeintlich Kleinen sind unglaublich wichtig, sagt Janine Läpple. Denn eines haben die meisten Frauen, die sie getroffen hat, gemein: Für ihre Herzensthemen sind sie trotz guter beruflicher Chancen im Ausland in ihre Heimat zurückgekehrt. Viele engagieren sich heute im Kosovo in der Entwicklungszusammenarbeit.

In Schweden wäre ich einfach eine weitere arbeitende Frau gewesen, sagt Zogjani, hier kann ich mein Land verändern wie nirgendwo sonst auf der Welt. Auch Brikena ist überzeugt, im Kosovo viel erreichen zu können. Und sie findet, dass sich schon jetzt viel tut. Während der Präsidentschaftswahl im Oktober 2019 hat sie ein Projekt betreut, das den Anteil der Frauen, die als Wahlhelferinnen beschäftigt wurden, von 17 auf 25 Prozent erhöht hat.

Als sie an diesem Mittag mit Janine Läpple vom IAMO in Halle aus dem Taxi ins Gebäude der American University in Pristina eilt, erwartet man sie schon. Man ist stolz, erfolgreiche Alumnae wie Avdyli zu haben. Kurz darauf steht sie an einem Rednerpult, erzählt von ihren Auslandsaufenthalten, der fordernden Zeit an der Uni und wie sie während der Arbeit in Washington Bill Clinton kennenlernte. Es ist kurz vor der Mittagspause, viele junge Männer hören nicht zu und auch einige Studentinnen widmen sich vor allem ihren Smartphones. Vielleicht sind solche weiblichen Karrieren für sie, die noch einmal einige Jahre jünger sind als Brikena und die Frauen ihrer Generation, einfach schon etwas weniger überraschend?

Avdyli jedenfalls freut sich. Ich lebe in einer Zeit, die meine verstorbene Großmutter nicht wiedererkennen würde.

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