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Wie geht es den Leibniz-Forscherinnen und -Forschern inmitten der Corona-Krise? Wie kommen sie im Homeoffice und mit dem völlig neuen Alltag klar? Wir haben sie gefragt, was sich für sie durch Corona geändert hat, welche Strategien sie für das Leben mit dem Virus entwickelt haben – und auf was sie sich für die Zeit nach der Pandemie schon jetzt wieder freuen. Dieses Mal haben wir unseren Corona-Fragebogen nach Hamburg geschickt: an den Kommunikationswissenschaftler Hans-Ulrich Wagner.

Herr Wagner, in welcher Situation treffen wir Sie an?

Lockdown und mobiles Arbeiten zu Hause fielen bei uns unmittelbar mit dem Umzug in eine neue Wohnung zusammen. Die erste Herausforderung – wie bringen wir Internet, Telefon zum Laufen – haben wir dank nachbarschaftlicher Hilfe gemeistert. Seit dem 16. März arbeiten meine Frau und ich in unseren Homeoffices. Es war also vieles noch nicht in der gewohnten Ordnung oder sagen wir ruhig in Unordnung.

Was lesen Sie derzeit?

Ich war früher einmal ein richtig guter, ein ausdauernder Leser. Jetzt schaffe ich nur noch die kürzeren Formen – aktuell Die Gedichte von Paul Celan: Ich schreibe gerade was zu Celans Rezitationen am Rundfunk; dann Our Story begins, Short Stories von Tobias Wolff mit dem klassischen Wendepunkt, und einen kurzen Roman über Australien als Einwanderungsland von A. S. Patrić mit dem Titel Black Rock White City.

Derzeit wird man mit Onlineangeboten nur so überhäuft. Was ist Ihr Favorit?

Kolleg*innen haben mich auf The Conversation aufmerksam gemacht. Das ist ein sehr interessanter Versuch, wissenschaftliche Ergebnisse journalistisch aufzubereiten und sie direkt zu vermitteln. Ich verfolge die für mich thematisch relevanten Blog-Beiträge und lese immer auch einen Artikel aus einem komplett anderen Wissensgebiet. Mein Lieblingsblog ist zweifelsohne Geschichte der Gegenwart. Hier werden Aspekte der Gegenwart oft aus einer geschichtlichen Perspektive betrachtet, das kommt mir sehr entgegen. Überhaupt ist auf diesem Gebiet gerade äußerst viel in Bewegung: Wissenschaftler*innen wollen ihre Erkenntnisse vermitteln, mal mit Unterstützung von Journalist*innen wie beim Science Media Center, mal direkt wie bei den genannten Beispielen. Ansonsten lasse ich mich täglich verführen. Über Twitter erhalte ich oft sehr relevante Hinweise von Peers und empfehle meinerseits lesenswerte Beiträge.

Was kann man sich momentan gut anschauen?

Sie betonen das Anschauen. Ich bin ganz eindeutig ein Liebhaber der akustischen Medien, mag klassische Musik und Jazz, höre Hörspiele und interessiere mich für Sound Art. Ich empfehle also, viel (mehr) Radio zu hören: Opernübertragungen aus der Met am Samstagabend, Geistliche Musik und CD-Neuheiten am Sonntagabend – und überhaupt Hörspiele. Die Dramaturgien bieten eine tolle Bandbreite an aktuellen Themen, die künstlerisch verarbeitet werden. Jeden Freitag erhalte ich die Newsletter der Hörspielabteilungen, und dann markiere ich mir ein paar must listen to. Ganz aktuell freue ich mich auf den Home-Officer, ein Kriminalhörspiel des sehr inspirierenden Berliner Autors Hermann Bohlen, das ich bei der Ursendung auf Deutschlandfunk-Kultur nicht gleich anhören konnte.

Wie halten Sie sich zu Hause fit?

Gymnastik, einfache, aber wirkungsvolle Übungen, vor allem für den Rücken – mindestens einmal am Tag, frühmorgens als Start in den Arbeitstag.

Was ist ihr derzeitiges Lieblingsgericht?

Lachsnudeln a la Herbert, wie wir sagen. Gemeint ist ein Gericht aus einem der Sansibar-Kochbücher: Rigatoni, Lachs, Robiola, Tomaten, Karotten, Lauch. Diese Mischung ist toll. Die Lachsnudeln mussten wir im März auch gleich unbedingt selbst machen, da unsere traditionelle Woche Sylt-Break zwischen Winter- und Sommersemester in diesem Jahr ausfiel.

Macht Ihr Institut aktuell Online-Angebote, die Sie empfehlen können?

Unser Institut veröffentlicht auf seiner Seite einen Media Research Blog. Gerade in der aktuellen Situation gibt es viele kommunikationswissenschaftliche und medienrechtliche Fragen, zu denen wir Stellung nehmen. Diese Beiträge empfehle ich sehr.

Was vermissen Sie derzeit am meisten?

Ganz klar persönliche Gespräche. Mit einem Freund, der in Scheidung lebt, habe ich die Tage telefoniert. Das ist nicht dasselbe wie sich treffen und sprechen. Überhaupt Gespräche mit Leuten – mit Kolleg*innen, mit Studierenden: Mit dem chinesischen Gastwissenschaftler, einem Doktoranden aus Shanghai, der ein Jahr in Hamburg bei mir zu Gast ist, zoome ich einmal die Woche. Das ist gewinnbringend, aber bei weitem nicht dasselbe, wie zusammen wissenschaftlich intensiv zu diskutieren und eine Sache intellektuell weiterzuentwickeln.

Was für neue Seiten haben Sie an sich entdeckt? Und an Ihren Lieben?

Wenn ich antworte mein handwerkliches Geschick, ist das sicherlich hoch gegriffen. Aber ich bin stolz darauf, das Sideboard mit etwa 100 Teilen aus dem Internet selbständig aufgebaut zu haben.

Was hilft Ihnen, den Lockdown für einen Moment zu vergessen?

Meinen kleinen Garten anzulegen, auf den ich von meinem Schreibtisch aus sehe. Da möchte ich auf jeden Fall noch mehr Kräuter anbauen.

Welche Rituale haben Sie etabliert, um den neuen Alltag zu strukturieren?

Obwohl ich um die stabilisierende Wirkung von Ritualen und Routinen weiß, bin ich jemand, der sie nicht pflegt. Ein spontaner Typ also. Wegen der vielen Online-Meetings aktuell gilt es aber auf jeden Fall, wenn irgend möglich, eine gemeinsame Mittagspause bewusst zu genießen.

Wem sind Sie momentan am nächsten?

Meiner Frau, nicht nur im Moment.

Was haben Sie sich für die Krise vorgenommen?

Sich Vorsätze zu machen, habe ich grundsätzlich aufgegeben. Ich weiß: Die löse ich eh nicht ein.

Wann waren Sie zuletzt vor der Tür – und wo?

Jetzt am Wochenende auf unserem Wochenmarkt in einem Hamburger Stadtteil. Dieser Markt ist mit Recht in Hamburg berühmt – er ist ein El Dorado für Feinschmecker*innen.

Was gibt Ihnen Hoffnung?

Die grundsätzliche Erkenntnis aus der Geschichte, dass Krisen gemeistert werden und dass nicht selten neue gesellschaftliche Strukturen und neue Handlungsmuster daraus hervorgehen. In Hamburg betonen wir gern das Beispiel der Cholera-Epidemie von 1892, die Robert Koch aus Berlin mit seinen Hygiene-Maßnahmen gemeistert hat. Sein Schüler Bernhard Nocht wird 1893 neuer Hafenarzt in Hamburg und 1900 wird er Direktor des neu gegründeten Instituts für Schiff- und Tropenkrankheiten. Aber ganz allgemein geantwortet: Die Hoffnung selbst. Im Moment wird sie jedoch gerade sehr herausgefordert, von all der Ignoranz, von den großen und kleinen Egoismen, dem verschwörungstheoretischen Geschwurbel und der damit eingehergehenden Dreistigkeit. Arrogance of ignorance schrieb Ruth Wodak über die Populisten. Speziell diese arrogance macht mir im Moment Sorge.

Wen bewundern Sie derzeit am meisten?

All die Kolleg*innen im weiten Umkreis von Forschen, Lehren und Vermitteln, die – wie man so schön sagt – den Laden am Laufen gehalten haben und halten. Den Bibliothekar*innen, die uns benötigte Literatur gescannt und zugeschickt haben. Allen, die sich flexibel zeigen, die wenn nicht alles, so doch vieles möglich gemacht haben und machen.

Hat sie Ihren Blick auf die Welt verändert und wie?

Dass wir in einem babylonischen Machbarkeits- und Wachstumswahnsinn leben, war uns eigentlich klar. Wie leicht und vor allem wie schnell ein solcher Turmbau gestört werden kann und wir verwirrt werden können, das erfahren wir derzeit. Die größte Gefahr ist, dass wir genauso schnell darüber hinwegkommen und genau wieder dort weitermachen, wo wir am 16.3. aufgehört haben.

Ein positiver Effekt der Krise?

Sicherlich ein bisschen mehr Carpe diem, das bewusste Genießen des Hier und Jetzt, aber auch das bewusstere Handeln.

Worauf freuen Sie sich nach Ende der Krise am meisten?

Ganz klar: Wieder zu reisen, privat nach Portugal, dienstlich zu Tagungen, zu Projekttreffen. In diesem Moment wäre ich in Jyväskylä, in Finnland, bei einem Historiker-Kollegen. Der Workshop dort ist auf Oktober verschoben und findet hoffentlich statt. Und ich freue mich auf einen längeren Australien-Aufenthalt am Ende des Jahres bei meinen Kolleg*innen an der Macquarie University in Sydney. Geplant war und ist, unser Projekt Transnational Media History mit einem digital environment, also einem Onlineangebot abzuschließen. Das wollen wir unbedingt schaffen – und dass digitale Ressourcen und Anwendungen äußerst hilfreich sind, brauchen wir aktuell gar nicht mehr eigens begründen.

HANS-ULRICH WAGNER

arbeitet als Senior Researcher am Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut in Hamburg. Gemeinsam mit einer Kollegin ist er Sprecher des Forschungsprogramms Wissen für die Mediengesellschaft. Dort leitet Wagner den Kompetenzbereich Mediengeschichte und beschäftigt sich sowohl mit der Kommunikation in der Vergangenheit als auch mit der Kommunikation über die Vergangenheit – aktuell mit den geschichtspolitischen Praktiken der europäischen Rechten.

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