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Handeln für eine lange Zukunft.

Es steckt eine mögliche Verwirrung im schönen Begriff der Nachhaltigkeit: Er suggeriert ein gewisses Hinterher-Sein, ein »Gerade eben so«. Nachhalten kann wie Hinterherlaufen und dann noch einen Zipfel Erwischen klingen, wie ein spätes Aufwachen und ein verzweifelter Versuch, die Kontrolle wiederzuerlangen, etwas in letzter Minute aufzuhalten.

Tatsächlich aber markiert das kleine Präfix »nach« einen Standpunkt weit voraus. Denn das »nach« wirkt nicht zurück in die Vergangenheit, es beleuchtet aus dem Morgen das Heute und wirkt aus der Gegenwart in die Zukunft: Nachhaltig zu denken und zu handeln heißt ja nichts anderes, als dem heutigen Tun nicht nur eine Reflexion der Folgen, sondern auch ihre Berücksichtigung für die intendierte Wirksamkeit angedeihen zu lassen. Das Tun selbst — und auch das Nichts-Tun — ist also Handeln für die Gegenwart und eine möglichst lange Zukunft. Es ist eine Aufgabe von Forschung, die Zukunft auf möglichst lange Sicht in den Blick zu nehmen, Szenarien zu entwickeln, anhand von Simulationen Prognosen zu treffen, Lösungswege zu erproben und Politik und Gesellschaft zu beraten.

Wir haben in diesem vergangenen Sommer eindrücklich erleben und buchstäblich spüren können, dass eine »Heißzeit« real werden kann, dass der Klimawandel, den wir lange nicht direkt wahrgenommen haben, für uns nun greifbar wird, dass das gewohnt gemäßigte maritim-kontinentale Klima Deutschlands zu ersten Extremen neigt und dass wir gut daran tun, unser Handeln darauf einzustellen, wo wir können, um die globale Erderwärmung zu verlangsamen und zu stoppen.

Es gibt weitere eingängige Beispiele, die uns vor Augen führen, dass Forschung eine Voraussetzung für Nachhaltigkeit ist. Ein Blick auf die Website etwa der Leibniz-Gemeinschaft führt zu sehr unterschiedlichem, teils unerwartetem Wissen, das Nachhaltigkeit im beschriebenen Sinne von Voraussichtigkeit befördern kann: Heute, am 3. Oktober, kann man dort von verbesserten Erkenntnissen in der Tuberkulose-Behandlung lesen, von gerechter Vererbung, von nützlichen Effekten des Rauschens, von der stabilen Wahrnehmung durch Auge und Gehirn, auch wenn wir blinzeln. Das ist wie ein Adventskalender des Wissens übers ganze Jahr! Öffnen doch auch Sie einmal wieder ein Fensterchen...

MATTHIAS KLEINER

ist seit 2014 Präsident der Leibniz-Gemeinschaft. Zuvor war er von 2007 bis 2012 Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Von 1976 bis 1982 studierte Matthias Kleiner Maschinenbau an der Universität Dortmund, wo er 1987 promoviert wurde und 1991 auch die Habilitation im Fach Umformtechnik erlangte.

Weitere Folgen seiner Kolumne Nur so ein Vorschlag ... finden Sie hier.

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