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KATJA FELS
ist Leiterin der Kommunikationsabteilung des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen und forscht in der Gruppe Nachhaltigkeit und Governance.

 

JÖRG PETERS
leitet die RWI-Forschungsgruppe Klimawandel in Entwicklungsländern und ist Professor an der Universität Passau.

Wenn die Menschen am Kivusee im Westen Ruandas von den ersten Sonnenstrahlen geweckt werden, erfüllt bald der beißende Gestank der Kerosinlampen die Luft. Mit ihnen erleuchten sie hier die Hütten. Wer das Handy nutzen will, muss meist bis ins nächstgrößere Dorf laufen, um es dort an einer Autobatterie aufzuladen. 50 Minuten Fußweg und 10 Cent (von einem Dollar am Tag zum Leben) für einen vollen Akku. Kühlschrank, Laptop, Fernseher, elektrischer Herd — das alles kommt im Leben der Menschen am Ufer des Kivusees nicht vor. Sie gehören zu den 1,1 Milliarden Menschen auf der Welt, die keinen Zugang zu Strom haben. 600 Millionen davon leben allein im ländlichen Afrika.

Die Initiative Sustainable Energy for All der Vereinten Nationen hat sich auf die Fahnen geschrieben, bis 2030 auch in diesen Regionen einen Zugang zu Elektrizität bereitzustellen. Dabei geht es nicht nur um gute Lebensbedingungen. Strom gilt als wesentliche Voraussetzung für die wirtschaftliche Entwicklung. Das Thema hat deshalb auch für die Bundesregierung Priorität, nicht nur angesichts der vielen afrikanischen Migranten, die eine Perspektive in Europa suchen.

Mit Strom lassen sich Maschinen betreiben und wer elektrisches Licht hat, kann auch nach Einbruch der Dunkelheit lernen und arbeiten. Mittelfristig könnte sich die Wirtschaft dadurch besser entwickeln. Fortschritt durch Elektrizität — das ist die Hoffnung. Doch sie schlägt teuer zu Buche: Mehr als 31 Milliarden Euro jährlich müssten Schätzungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zufolge bis 2030 investiert werden, um alle afrikanischen Haushalte an das Stromnetz anzuschließen.

Zum Vergleich: Die jährlichen Zahlungen in die Entwicklungszusammenarbeit für den Kontinent betragen aktuell rund 44 Milliarden Euro. Politik und Wissenschaft müssen sich fragen: Lohnt eine solch massive Investition in die Netzinfrastruktur oder wäre das Geld woanders sinnvoller angelegt?

Licht führt dazu, dass man seinen Tagesablauf flexibler gestalten kann.

Seit zehn Jahren evaluiert das RWI — Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Elektrifizierungsprogramme in verschiedenen Ländern Afrikas. Mehrmals jährlich reisen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler etwa nach Burkina Faso, Benin, Senegal oder Ruanda, immer wieder auch an den Kivusee. Das Fazit ist, gemessen an den hohen Erwartungen der Regierungen und Geberorganisationen, ernüchternd. Zahlreiche Feldstudien in Kooperation mit afrikanischen Universitäten und Experten zeigen, dass sich aus dem Ausbau des Stromnetzes nur begrenzte wirtschaftliche Perspektiven ergeben. Die erhofften Firmengründungen oder Produktivitätszugewinne in der Landwirtschaft bleiben in der Regel aus.

Denn die, die nun Strom haben, nutzen ihn hauptsächlich für elektrisches Licht und um Radios, Mobiltelefone und andere Kleingeräte zu betreiben. Besagte zusätzliche wirtschaftliche Aktivitäten, die einen stärkeren Stromverbrauch auslösen würden, entfalten sie nicht. So haben die neuen Beleuchtungsmöglichkeiten zwar den Tagesablauf der Menschen verändert: Die Kinder lernen länger nach Einbruch der Dunkelheit, dafür sitzen sie tagsüber weniger über ihren Büchern.

Die bessere Verfügbarkeit von hochwertigem Licht führt dazu, dass auch Erwachsene ihren Tagesablauf flexibler gestalten können, indem sie die Abendstunden nutzen. Die gewonnene Zeit hilft ihnen, die harte landwirtschaftliche Arbeit zu erbringen; andere einkommensgenerierende Aktivitäten ergeben sich aber kaum.

Dennoch hat Elektrizität eine hohe Priorität für die Menschen, sie verbinden sie mit Modernität. Straßenlaternen in Dörfern aktivieren das öffentliche Leben nach Sonnenuntergang. Der Fernseher bietet nicht nur Unterhaltung, sondern auch Teilhabe an gesellschaftlichen und politischen Prozessen. Zwar liegen belastbare Forschungsergebnisse noch nicht vor, aber wer nach Sonnenuntergang einmal ein paar Stunden in einem frisch elektrifizierten Dorf verbracht hat, kann sich des Gedankens nicht erwehren, dass dies die vielzitierten Fluchtursachen mindern kann.

Für Ruanda, das die Elektrifizierungsquote im Land seit 2009 massiv erhöht hat, zeigen RWI-Studien, dass sich die Lebensqualität in den neuangeschlossenen Dörfern deutlich verbessert. Der Verbrauch bleibt jedoch gering, pro Kopf meist weit unter 10 Kilowattstunden im Monat (in Deutschland sind es etwa 275). Sowohl Familien als auch Unternehmen könnten mehr Geräte und größere Maschinen nutzen.

Was auf den ersten Blick verwundert, lässt sich über die Studien, für die wir die Dörfer vier Jahre lang begleitet haben, einleuchtend erklären. Ein neu verlegtes Stromnetz bedeutet längst nicht, dass Betriebe und Firmen Zugang zu Absatzmärkten haben, eine Ausweitung ihrer Produktion lohnt darum oftmals kaum. Außerdem schließen sich nicht alle Haushalte des Dorfes tatsächlich an. Dreieinhalb Jahre nach der Elektrifizierung ihres Dorfes blieb ein Drittel weiter vom Netz abgekoppelt. Die ärmsten Bevölkerungsgruppen konnten sich die einmalige Anschlussgebühr von umgerechnet 60 Euro schlicht nicht leisten.

Doch es gibt auch gute Nachrichten: Der zu beobachtende entscheidende Zugewinn an Lebensqualität ist für viele Haushalte weitaus kostengünstiger zu haben. Das Zauberwort heißt: Solarstrom. Schon sehr einfache Geräte, die 20 bis 30 Euro kosten, liefern ausreichend Strom für elektrische Beleuchtung und das Laden von Telefonen per Sonne frei Haus. Für anspruchsvollere Solartechnologien müssen um die 200 Euro bezahlt werden. Die ärmeren Bevölkerungsschichten können sich auch dies nicht leisten — Subventionen müssten helfen, damit die Elektrizität wirklich alle erreicht.

Doch im Vergleich zum Aufbau einer Netzinfrastruktur wäre das günstig: Ein Anschluss an das Stromnetz schlägt mit mindestens 1.000 Euro pro Haushalt zu Buche, in dünner besiedelten Gebieten können es leicht an die 6.000 Euro werden.

Für den Großteil der ländlichen Bevölkerung reichen die dezentralen Solarstromtechnologien aus, um ihren Bedarf zu decken. In Dörfern, deren Bewohner bis dato Batterie- oder Öllampen genutzt und einen hohen Preis für das Aufladen ihrer Handys gezahlt haben, macht bereits der Zugang zu Solarstrom einen großen Unterschied. Nur Maschinen kann man mit Solartechnologien nicht oder nur zu sehr hohen Kosten betreiben.

Die Politik steht damit vor der Herausforderung, für die Netzerweiterung jene Regionen zu identifizieren, in denen wirtschaftliches Potenzial besteht. Wünschenswert wäre eine integrierte Strategie, die das Stromnetz mit »netzfernen« Technologien, also Solarsystemen, aber auch Kleinwasserkraft oder Windenergie, kombiniert und sowohl wirtschaftliche Entwicklung als auch breiten Zugang zu einfachen Stromquellen ermöglicht.

Die Daten dafür kann die Wissenschaft liefern, wenn die Politik sie bei der interdisziplinären Forschung stärker unterstützt: Die von sachkundigen Ingenieuren erstellten Energieplanungssysteme sollten mit sozio-ökonomischen Nachfrageprognosen kombiniert werden, die anzeigen, wo der Netzausbau am dringendsten gebraucht wird. Teure Investitionen können dann dort konzentriert werden, wo sie potenziell Wachstum auslösen. Für entferntere Regionen sind Subventionen für Solarsysteme und die Sonne der richtige Weg.

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