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»Sie nennen die Schwarzen wilde Tiere und behandeln sie auch so. Dabei sind sie selbst Menschen ohne Gewissen, Moral und Verstand, schlimmer als wilde Tiere. Sie sind wahnsinnig vor Gier.« Es ist das Jahr des Herrn 1682, als der Kapuzinermönch Epifanio de Moirans in einer Zelle der Festung La Fuerza in Havanna seine Empörung niederschreibt. Gemeinsam mit seinem Mitbruder Francisco José de Jaca erwartet der 37-Jährige seinen Prozess wegen Anstachelung zum Aufruhr in der spanischen Kolonie Kuba.

Die beiden Mönche nutzen die Haft, um ihre Erlebnisse aufzuschreiben. Und den in ihren Augen einzig richtigen Schluss zu ziehen: Die Versklavung der Afrikaner ist eine grausame Sünde. Alle Sklaven müssen freigelassen werden. Und: Die Sklavenhalter müssen zahlen, eine angemessene Entschädigung für das erlittene Unrecht.

»Die Radikalität dieser Forderung ist erstaunlich«, sagt der Historiker Thomas Weller. Er erforscht am Leibniz-Institut für Europäische Geschichte in Mainz, wie in der Frühen Neuzeit über Sklaverei diskutiert wurde. Die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei, der sogenannte Abolitionismus, gilt als erste humanitäre Bewegung in der Geschichte. Oft werde angenommen, dass sich die Empörung über die Sklaverei um 1800 unter angloamerikanischen Protestanten entwickelt habe. »Quasi ohne Vorläufer, ein ›humanitärer Big Bang‹«, sagt Weller. »Aber hier haben wir Bruder Epifanio und Bruder Francisco: eine ›Zwei-Mann-Bewegung‹, die schon 100 Jahre zuvor für die Abschaffung der Sklaverei kämpfte.«

Die beiden inhaftierten Mönche kennen sich erst seit etwa einem Jahr, ihre Wege aber ähneln sich. Beide treten mit Anfang 20 in Spanien den Kapuzinern bei, einem katholischen Bettelorden, der sich für die Armen, Kranken und Schwachen einsetzt. Beide werden als Missionare in die Kolonien geschickt, um den christlichen Glauben zu verbreiten. Bruder Francisco arbeitet im heutigen Kolumbien, Bruder Epifanio im heutigen Französisch-Guyana, auf Martinique und in Venezuela. 1681 treffen sie unabhängig voneinander auf Kuba ein. Die Insel ist der zentrale Hafen für alle spanischen Kolonien in Amerika. Hier sammeln sich die Schiffe, beladen mit Edelmetallen und Kolonialwaren, bevor sie in großen Flotten, geschützt gegen Piraten und Freibeuter, mit günstigen Winden und mit dem Golfstrom gen Spanien segeln.

Die Zeitgenossen vertrauten darauf, dass die Kirche ihnen ihre Sünden vergab.

THOMAS WELLER

Die Arbeit im Hafen, in den Unternehmen und Haushalten, in den Bergwerken und auf den Plantagen im Hinterland erledigen tausende schwarze Sklaven. Darin unterscheidet sich Kuba nicht von Kolumbien, Guyana, Martinique oder Venezuela. Zwischen 1641 und 1773 werden eine halbe Million Menschen zur Zwangsarbeit aus Westafrika nach Spanischamerika gebracht.

Bruder Francisco und Bruder Epifanio kennen das Leiden der Männer, Frauen und Kinder. Sie haben es in allen Kolonien beobachten können. Nun machen sie sich zum Sprachrohr der Sklaven, die selbst keine Möglichkeit haben, von ihrer Qual zu berichten. »Ich habe so viele große Grausamkeiten mit eigenen Augen gesehen, mit eigenen Ohren gehört und mit eigenen Händen berührt, dass selbst Barbaren erschüttert wären, geschweige denn Christen«, schreibt Bruder Epifanio.

Aus offizieller Kirchensicht gibt es keine Einwände gegen den Einsatz von Sklaven, solange die Versklavung »rechtmäßig« geschieht. Kriegsgefangene anderen Glaubens, verurteilte Verbrecher oder »Feinde der Christenheit« wie Muslime dürfen nach kanonischem Recht versklavt werden. Viele Theologen und Juristen meinen, vom Käufer könne nicht verlangt werden, dass er die Gründe prüft; schließlich würden die Menschen am anderen Ende der Welt, an den Küsten Westafrikas, gefangen genommen. Die Sklavenhalter seien deshalb frei von Sünde. Den allermeisten gilt die Sklaverei als althergebrachte Tradition, legitimiert durch zahlreiche geistliche und weltliche Autoritäten. Einige berufen sich auch auf Aristoteles, der behauptete, bestimmte Menschen seien von Natur aus für die Sklaverei geschaffen.

Es entwickeln sich die Anfänge des modernen Rassismus: die Idee, dass der Wert eines Menschen an der Hautfarbe zu erkennen sei. Doch während die Kirche als Institution eng mit den weltlichen Herrschern verbunden ist und von der Eroberung und Missionierung der »Neuen Welt« profitiert, erleben viele Missionare in den Kolonien die blutige Wirklichkeit.

Seit Mitte des 16. Jahrhunderts tauschen zunächst vor allem portugiesische Sklavenhändler in Westafrika Menschen gegen Tabak und Alkohol, Textilien, Waffen oder Luxusgüter aus Europa. Dann werden jeweils hunderte Männer, Frauen und Kinder geschoren, entkleidet und auf umgebaute Handelsschiffe verladen. Während der wochenlangen Überfahrt sitzen oder liegen sie angekettet mehr auf- als nebeneinander. Nur die Stärksten überleben die Fahrt, oft kommen die Schiffe nur mit zwei Dritteln der »Fracht« in den Kolonien an.

Dort werden die ausgelaugten Menschen herausgeputzt, damit sie bei der Präsentation auf dem Sklavenmarkt die besten Preise erzielen. Wer keinen Käufer findet, wird meist ermordet. Der Rest kommt auf die Plantagen oder in die Minen, wo die Menschen schuften, bis sie sterben. Bruder Epifanio schreibt: »Die Schwarzen erleiden ein unendliches Martyrium. Sie werden für die kleinsten Dinge gepeitscht, bis Blut fließt und Knochen bloßliegen. Andere Sklavenhalter verbrennen mit heißen Messern die empfindlichsten Körperstellen der Sklaven und einige schneiden ihnen sogar mit Rasiermessern die Hoden ab.«

AUSGEBEUTET

Ob in der Textilindustrie, im Fischfang oder im Bausektor: Obwohl das Verbot von Sklaverei seit 1948 in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte festgeschrieben ist, arbeiten laut der Internationalen Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen noch immer 40 Millionen Menschen unter sklavereiähnlichen Umständen, jeder vierte von ihnen ist ein Kind. Auch in Europa essen, tragen und verarbeiten wir Rohstoffe und Produkte, die unter ausbeuterischen Bedingungen entstanden sind. Menschenrechtsorganisationen fassen unter dem Begriff der »modernen Sklaverei« Arbeiten zusammen, die aufgrund von Gewalt, Täuschung, Machtmissbrauch oder Drohungen nicht abgelehnt werden können. Rund Dreiviertel der Betroffenen sind weiblichen Geschlechts. Darunter fallen auch die 15 Millionen Frauen und Mädchen, die im Zuge einer Zwangsheirat zu körperlichen und sexuellen Diensten gezwungen werden.

Epifanio de Moirans und Francisco José de Jaca sind unter den ersten, die gegen die Gewalt einschreiten. Thomas Weller sagt: »Wahrscheinlich kannten sie Berichte von Missionaren aus anderen Kolonien oder aus Afrika. Und die Schriften von Bartolomé de Las Casas waren ihnen auf jeden Fall bekannt.« Der Dominikaner hatte 1511, also 170 Jahre vor Bruder Epifanio und Bruder Francisco, kubanischen Boden betreten und sich in kürzester Zeit vom Konquistador und Sklavenhalter zum entschiedenen Gegner der Sklaverei gewandelt.

Wie er beginnen die beiden Mönche nun, in den haciendas rund um Havanna gegen die Sklaverei zu predigen. Sie sagen, jeder, der von Sklavenarbeit profitiert, sei ein Sünder. Denn jeder wisse natürlich, dass die Afrikaner unrechtmäßig versklavt würden, »dafür muss man nur mit klaren, christlichen Augen auf die kleinen Jungen und Mädchen schauen, die nach Amerika gebracht werden wie Hunde, Katzen oder Schafe«, argumentiert Bruder Francisco. Schließlich wenden die beiden Mönche ihre schärfste Waffe im Kampf gegen die Sklaverei an: Sie werfen Sklavenhalter aus dem Beichtstuhl und weigern sich, ihnen die Absolution für ihre Sünden zu erteilen. Ein Skandal.

»Die Zeitgenossen vertrauten darauf, dass die Kirche ihnen ihre Sünden vergab«, sagt Thomas Weller. »Die Kirche verlangte sogar schriftliche Belege dafür, dass jeder Katholik mindestens einmal im Jahr die Beichte ablegte.« Bruder Epifanio und Bruder Francisco lassen die kubanischen Herren nicht nur mit ihren alltäglichen Sünden sitzen. Sie konfrontieren sie auch noch öffentlich damit, dass zur Vergebung ihrer schwersten Sünde Wiedergutmachung nötig sei: die Freilassung und Entschädigung aller Sklaven.

Der Bischof und der Gouverneur von Kuba reagieren schnell. Sie lassen die beiden Kapuziner einsperren, bis die nächste Flotte nach Spanien segelt, wo ihnen der Prozess gemacht werden soll. Die »Zwei-Mann-Bewegung« gegen die Sklaverei scheint nach nur einem Jahr am Ende.

Doch nun zeigt sich, dass viele Geistliche ihnen insgeheim zustimmen. Die Schriften von Epifanio und Francisco werden auf wichtige Schreibtische gelegt, Gespräche werden geführt, Hebel werden in Bewegung gesetzt. 1683 kommen die beiden Missionare schließlich frei.

Und mehr noch: Der spanische König Karl II. erlässt im gleichen Jahr ein Dekret, das die Beamten in den Kolonien anweist, grausame Sklavenhalter zu bestrafen. Auch die päpstliche Kurie veröffentlicht eine offizielle Stellungnahme zur Sklaverei, die eindeutig von den Argumenten der beiden Kapuzinermönche beeinflusst wurde, sagt Thomas Weller: Käufer hätten die Pflicht, sich über die Herkunft ihrer Sklaven zu informieren und sie im Zweifelsfall freizulassen und zu entschädigen. Die beiden mächtigsten Institutionen der damaligen Welt sehen sich also genötigt, zu handeln. Ihre Dekrete ändern nichts.

Auf dem Rücken hunderttausender Sklaven erwirtschafteten die Kolonien riesige Gewinne.

1685 gibt Karl II. eine Untersuchung in Auftrag, die Klarheit bringen soll, ob seine Kolonien in Amerika von der Sklaverei profitieren und welche Konsequenzen ihre Abschaffung hätte. Weller fasst das Ergebnis zusammen: »Die Antwort seiner Berater hätte deutlicher nicht sein können: Der Aufruhr, den Bruder Epifanio und Bruder Francisco in Kuba verursacht hatten, sei nur ein kleiner Vorgeschmack dessen, was passieren würde, wenn man die Sklaverei einschränke.«

Seit Jahren befindet sich das riesige spanische Weltreich in einer Krise. Der Profit aus den Kolonien sei fast vollständig an die ausländischen Kreditgeber der tief verschuldeten spanischen Krone gegangen, erklärt Weller, in Städte wie Genua, Amsterdam oder London. Der Sklavenhandel war eine beliebte, weil berechenbare Anlage. Der spanische König verpachtete das Recht zur Einfuhr einer bestimmten Anzahl von Sklaven in seine Kolonien über mehrere Jahre an internationale Handelshäuser — die übliche Todesquote von 30 Prozent der gefangenen Afrikaner war dabei bereits einkalkuliert.

In der Zeit, als Bruder Epifanio und Bruder Francisco agitierten, stiegen immer mehr Mächte in den Dreieckshandel auf dem Atlantik ein und belieferten nicht nur Spanischamerika, sondern auch andere Kolonien mit Sklaven. Sogar Brandenburg gründete 1683 die Kolonie Großfriedrichsburg im heutigen Ghana, aus der etwa 17.000 Afrikaner in die Karibik verschleppt wurden.

Auf dem Rücken hunderttausender Sklaven erwirtschafteten die Kolonien riesige Gewinne, die das spanische Imperium finanzierten. Neben Gold und Silber aus den amerikanischen Bergwerken war vor allem Zucker ein wichtiges Exportprodukt. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Kuba, das bis 1898 eine spanische Kolonie blieb, zum weltweit führenden Produzenten. Die spanische Großmacht konnte so Kriege finanzieren, aber auch Städte wie Sevilla, Madrid oder Barcelona verschönern. Wenn Touristen heute deren Prunk bewundern, erfreuen sie sich nichtsahnend auch an den Früchten von Sklaverei und Zwangsarbeit.

Zwar begannen um 1800 angloamerikanische Abolitionisten weltweit gegen die Sklaverei zu kämpfen und auch Spanien schloss sich 1820 offiziell einem internationalen Verbot des Sklavenhandels an, doch Menschenhändler schmuggelten danach noch fast eine Million Afrikaner nach Kuba und von dort aus weiter in die USA. Von der »Entdeckung der Neuen Welt« bis zur Abschaffung der Sklaverei in Brasilien 1888 wurden vermutlich 12,5 Millionen Afrikaner als Zwangsarbeiter über den Atlantik verschleppt. Bis heute ist unbekannt, wie viele bereits während der Überfahrt starben.

Die Spur von Epifanio de Moirans und Francisco José de Jaca verliert sich im Dunkel der Geschichte. Thomas Weller sagt: »Man hat ihre Schriften in den königlichen Archiven weggeschlossen und ihnen verboten, jemals wieder nach Amerika zu reisen.« Die Forderungen und das Engagement der beiden frühen Sklavereigegner gerieten für 300 Jahre in Vergessenheit.

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