leibniz

Das leuchtend gelbe Schild an der Glastür mahnt zur Vorsicht: »S2« – Sicherheitsstufe zwei. Marylyn Addo, eine zierliche Frau mit dunklen Haaren und wachen Augen, öffnet die Tür des Genlabors. Sie ist Spezialistin für neu auftretende Infektionen am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Labortische reihen sich hier aneinander, darauf Mikroskope und Computer zwischen Plastikbehältern, Desinfektionsmitteln und braunen Flaschen. Nur mit weißem Kittel und Latexhandschuhen darf man diesen Raum betreten. Seit Beginn der Corona-Pandemie gehört auch ein Mundschutz zur Ausstattung. Addo und ihr Team arbeiten nun in kleinen Gruppen im Schichtbetrieb. Sie deutet auf einen gläsernen Kasten, das Herzstück des Labors: eine sterile Werkbank mit Belüftungssystem. Dort untersucht die Medizinerin das Blut von genesenen Patienten auf Antikörper. Antikörper gegen das Virus, das die Welt derzeit in Atem hält: das Coronavirus Sars-CoV-2.

Das Bernhard-Nocht-Institut gehört zu den europaweit führenden Einrichtungen auf dem Gebiet der Tropenmedizin. Mit ihrem Team hat Addo an dem Hamburger Leibniz-Institut bereits Impfstoffkandidaten gegen Ebola und die Lungeninfektion Mers getestet. Bis ein Impfstoff am Ende zum Einsatz kommt, vergehen oft Jahre, manchmal Jahrzehnte. Angesichts des sich weiter ausbreitenden Coronavirus wird der Prozess beschleunigt. Deshalb bereitet Addo schon seit Januar  jene Phase vor, die eigentlich am Ende eines langen Weges mit vielen Stationen steht: den Test am Menschen.

Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, bei dem schon jetzt klar ist, dass Addo die erste Runde verlieren wird. Für die aktuelle Erkrankungswelle kommt ihr Impfstoff zu spät. Im September soll er erstmals an gesunden Probanden getestet werden. Die Viren sind schneller. Doch das Blutbild der Patienten, die Covid-19 bereits überstanden haben, liefert ihr dafür wichtige Erkenntnisse.

Abends, wenn ihre beiden Kinder schlafen, schreibt sie Anträge.

Es ist der 1. Januar 2020, als die Medizinerin eine E-Mail in ihrem Postfach findet, die sie über ein neuartiges Virus aus Wuhan informiert. Von Hamburg aus verfolgt sie die Meldungen, hört, dass Forscher die genetische Information bereits kurz nach dem Ausbruch entschlüsselt und veröffentlicht haben. Experten, Gesundheitsbehörden und Pharmafirmen auf der ganzen Welt machen sich ans Werk. Forschungsteams beginnen mit der Entwicklung eines Impfstoffes. Mit dabei: Addo und ihre Kollegen.

Bis der Impfstoff zum Einsatz kommt, ist es noch ein langer Weg. Konzentriert erklärt Addo die Schritte der Impfstoffentwicklung: Zuerst wurde das Erbgut des Virus in einem Münchner Labor nachgebaut und vermehrt. Nachdem die Forscher einen Impfstoffkandidaten gefunden hatten, wurde dieser an Mäusen getestet. Jetzt prüfen sie, ob die gebildeten Antikörper das Virus hemmen und ob der Impfstoff vor einer Ansteckung schützt. Die ersten Ergebnisse seien vielversprechend, sagt Addo im Mai. Als nächstes soll der Impfstoff nun in größeren Mengen produziert werden.

Erst wenn auch dieser Schritt ohne Komplikationen verläuft, kann Addo den Impfstoff an freiwilligen Probanden testen. Addo bereitet ihr Labor bereits jetzt darauf vor, kontrolliert Geräte, bestellt Reagenzien und kurbelt das bürokratisch aufwendige und langwierige Zulassungsverfahren an: Abends, wenn ihre beiden Kinder schlafen, schreibt sie Anträge und kümmert sich um die Finanzierung – und das seit Januar. Addo ist nicht die Einzige, die dann noch arbeitet: »Wenn ich nachts um zwei Uhr den Antrag abschicke, bekomme ich eine Stunde später eine E-Mail zurück.«

Sie muss weiter, zum nächsten Termin ins Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Dort leitet sie die Infektiologie. Sie ist die Hauptverantwortliche für die Isolation und Behandlung der Kranken in der Hansestadt. Bevor sie losgeht, tippt sie auf einen Spruch auf ihrem Rucksack: »Work is not a place anymore«.

Als Addo 2013 ihre Professur am UKE übernahm, sagte sie unter einer Bedingung zu: Neben der Arbeit im Labor will sie zwei Tage in der Woche mit Patienten verbringen.

Mitte der Neunzigerjahre, Addo studierte Medizin in Bonn und Straßburg, absolvierte sie einen Teil ihrer Ausbildung auf der HIV-Station. Der Erreger war damals kaum bekannt, die Krankheit wurde stigmatisiert. Doch Addo fühlte sich den Betroffenen verbunden, auch wegen ihrer familiären Nähe zu Afrika, wo die Krankheit besonders wütete. Ihr Vater, ebenfalls Mediziner, kommt aus Ghana, bis heute verbringt sie immer wieder Zeit in seiner Heimat und sieht, was durch Impfungen etwa gegen Polio erreicht werden kann: »Nur der Zugang zu sauberem Wasser hat global gesehen eine größere Auswirkung bei der Bekämpfung von Infektionskrankheiten.« Da es in Deutschland keine Facharztausbildung für Infektiologie gibt, geht Addo 1999 ans Massachusetts General Hospital in Boston, um über die Immunität gegen Viruserkrankungen, vor allem HIV, zu forschen.

Als sie 15 Jahre später zurückkommt, wird 2014 auf der Sonderisolierstation des UKE der erste Ebola-Patient Deutschlands eingeliefert.

Es gibt weder einen Impfstoff noch eine Therapie. Addo und ihr Team behandeln den Mann mit herkömmlichen Mitteln, geben viel Wasser, fiebersenkende Medikamente, Infusionen. Im Krankenzimmer des Mannes hängt das Foto seiner vierjährigen Tochter. Nicht zuletzt der Gedanke an das Kind habe sie bis spät in die Nacht wach gehalten, sagt Addo. Der Mann überlebt, nach 40 Tagen wird er entlassen.

Die Ebola-Krise war ein Einschnitt in der internationalen Seuchenbekämpfung. Erstmals schlossen sich Forscher aus der ganzen Welt zusammen und entwickelten in rasantem Tempo einen Impfstoff weiter. Nur wenige Monate später wird die Vakzine mit dem Namen »rVSV-ZEBOV« an Menschen getestet. Es ist Marylyn Addo, die die Injektionsspritze mit Flüssigkeit füllt und die Viruspartikel in den Körper des ersten freiwilligen Probanden in Hamburg schickt. Als Leiterin der sogenannten klinischen Phase beobachtet sie, wie sich das Immunsystem mit den Fremdstoffen auseinandersetzt, wie es die typischen Merkmale des Virus abspeichert und sich so wappnet für eine Begegnung mit dem echten Virus. Kurze Zeit später wird der Impfstoff gegen Ebola zugelassen – und kommt bei einem zweiten Ausbruch der tödlichen Krankheit in der Demokratischen Republik Kongo zum Einsatz, wo er weite Teile der Bevölkerung immunisiert.

Eine Erkenntnis jedoch bleibt: Die Weltgemeinschaft war nicht vorbereitet auf den Ebola-Ausbruch. Dabei war der Erreger bereits 1976 in Zaire, nahe dem Ebola-Flüsschen im Norden des Landes, entdeckt worden. Doch die Zahl der Infizierten blieb lange Zeit niedrig, die Krankheit war weit weg, niemand interessierte sich dafür. Ein Fehler, wie die Ebola-Epidemie zeigte. Als Konsequenz wurde auf dem Weltwirtschaftsforum 2017 in Davos die internationale Impfstoff-Allianz CEPI gegründet. Die Idee: Impfstoffe gegen besonders aggressive Viren sollen so weit wie möglich im Labor entwickelt werden – damit sie einsatzbereit sind, wenn eine Epidemie droht.

Einer der neuen Impfstoffe sollte gegen Mers schützen, jene Lungenkrankheit, die erstmals 2012 in Saudi-Arabien ausgebrochen war. Nachdem Forscher die Vakzine erfolgreich an Kamelen getestet hatten, kam sie auch ins Labor von Marylyn Addo. Seit vergangenem Jahr wird der Impfstoff an 24 Freiwilligen in Hamburg getestet. Bei minus 80 Grad Celsius lagern in Addos Labor die kleinen Fläschchen, auf den weißen Etiketten steht »MVA-MERS-S«. Das neue Coronavirus verleiht der Flüssigkeit eine besondere Bedeutung: Die Impfung schützt gegen Mers, also hilft sie vielleicht auch gegen andere Coronaviren, zum Beispiel gegen Sars-Cov-2.

Es sind die kleinen Dinge, die ihr Kraft geben: Das Paket eines Unbekannten mit Schokolade, eine Kinderzeichnung, Freiwillige, die Blut spenden.

Marylyn Addo fährt mit den Händen durch die Luft und fügt unsichtbare Teile zusammen. Ein moderner Impfstoff funktioniere wie ein Set aus Bausteinen, erklärt sie. Tritt ein neues Virus auf, wird meistens nur jene Sequenz aus seinem Erbgut isoliert, welche den Krankheitserreger so gefährlich macht. Diese wird in eine fertige »Impfstoffplattform« eingesetzt.

Im Fall von Mers nutzte das Bernhard-Nocht-Institut als Plattform ein abgeschwächtes Pockenvirus. Dieses ist für den Menschen harmlos, doch so beschaffen, dass das Immunsystem des Geimpften auf den neuen Stoff reagiert. Für die Impfung gegen Covid-19 wurde eine Gensequenz des neuen Coronavirus in das Pockenviruserbgut eingesetzt. Der Vorteil: Die Forschenden kennen die Plattform, wissen, wie sie im Körper funktioniert und haben sie bereits an Probanden getestet. Das spart Zeit, da entscheidende Tests bereits durchlaufen wurden.

Als Addo Ende Februar in den ersten Stock des Universitätsklinikums zu einer Besprechung mit Kollegen hastet, steht die Entwicklung des neuen Impfstoffes noch am Anfang. Niemand weiß, ob und wann das Virus in Hamburg ankommt. Auf der Weltkarte, die ein Beamer an die Wand wirft, sieht sie rote Punkte in verschiedenen Größen und die aktuellen Zahlen der Infizierten: Zehntausende in China, aber auch Fälle in Südkorea, Japan, Italien ...

Addo geht schnell zur Tagesordnung über. Sie will Ruhe bewahren. Nach den ersten Nachrichten aus China war das nicht einfach. Immer mehr Menschen kamen in die Notaufnahme, die glaubten, sich infiziert zu haben. Mehr als hundert E-Mails gingen jeden Tag bei ihr ein, ihre Mailbox war voller Nachrichten.

Addo klärt auf, beantwortet Fragen, verweist an den ärztlichen Bereitschaftsdienst – und beruhigt die Menschen: Das UKE sei vorbereitet, die Mitarbeiter seien geschult. Nur wenige Tage später, am Abend des 27. Februars, fällt in Hamburg ein Testergebnis zum ersten Mal positiv aus. Der Infizierte ist ein Arzt. Er arbeitet nicht irgendwo, sondern hier, am UKE. Noch in jener Nacht werden die Namen der Menschen zusammengetragen, mit denen er Kontakt hatte. Doch das Virus hat weltweit eine Kettenreaktion in Gang gesetzt, die nicht mehr aufzuhalten ist. In den darauffolgenden Tagen und Wochen werden immer mehr Patienten bei Marylyn Addo eingeliefert.

Zwölf Isolierzimmer gibt es auf ihrer Station, weitere zwanzig auf der Intensivstation. In den Zimmern herrscht Unterdruck, damit die Keime nicht entweichen. Bald schon sind alle Betten vergeben und weitere Gebäudeteile werden abgeriegelt. Auf dem Höhepunkt dieser ersten Infektionswelle sind sechs Stationen des UKE mit Covid-19-Patienten belegt, davon drei Intensivstationen.

Wenn Addo in der Klinik ist, dann streift sie sich Atemschutzmaske, Schutzkittel und Handschuhe über und bekämpft die Symptome mit altbekannten Mitteln, wie anfangs bei Ebola. Schwer Erkrankte werden auch mit experimentellen Therapien behandelt, zum Beispiel mit Remdesivir, einem Medikament, das eigentlich gegen Ebola-Viren entwickelt wurde. Vieles ist wie damals: Die Tage auf Station sind lang und anstrengend. Wieder sind es die kleinen Dinge, die ihr Kraft geben: Das Paket mit Schokolade und Kaffee, das ein Unbekannter ins Krankenhaus geschickt hat. Eine Kinderzeichnung an ihrer Wand. Darauf ein stacheliger Virus, eine Frau in weißem Kittel mit buschigem Pferdeschwanz und ein kleines Fläschchen, alles beschriftet in wackeliger Kinderschrift: Marylyn, Virus, Gegenmittel. Nicht zuletzt die Patienten, die freiwillig an Medikamenten-Studien teilnehmen, Blut spenden und ihre Daten der Forschung zur Verfügung stellen.

Im Labor des Bernhard-Nocht-Instituts untersucht Addo das Blut und wertet die Immunantworten aus. Wenn sie im September auch das Blut gesunder Probanden testet, hofft sie, dort ähnliche Antikörper zu finden – ausgelöst nicht durch Covid-19, sondern weil sie eine Waffe gegen die Krankheit gefunden hat: einen Impfstoff.

Noch ist unklar, ob das Virus bis dahin auf dem Rückzug ist und die Impfung früh genug kommt, um den Unterschied zu machen, den sie machen könnte. Trotzdem ist die Arbeit im Labor genauso wichtig wie die auf Station. Addo weiß aus Erfahrung: Viren sind unberechenbar, sie können jederzeit auftreten oder nach Jahren wiederkommen. Eine Vakzine wird den Ausbruch nicht stoppen, aber sie kann helfen, die Krankheit wieder unter Kontrolle zu bekommen. Der Impfstoff-Baukasten muss vorbereitet sein.