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Ungleichheit und Unterdrückung scheinen eine Konstante der Menschheitsgeschichte zu sein. Gab es jemals eine Zeit, in der es keine Herrscher gab? Der Archäologe Detlef Gronenborn erforscht Gesellschaften der Jungsteinzeit. Er sagt: Vor ziemlich genau 6.500 Jahren kamen Menschen erstmals auf die Idee, Macht und Reichtum in großem Maßstab an sich zu reißen.

DETLEF GRONENBORN
ist stellvertretender Leiter des Kompetenzbereichs »Vorgeschichte« am Römisch-Germanischen Zentralmuseum — Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie in Mainz.

LEIBNIZ Herr Gronenborn, eine Gesellschaft, in der alle frei und gleich sind: Kann man sich das Zusammenleben der Menschen in der Jungsteinzeit so vorstellen?

DETLEF GRONENBORN Das hat man lange gedacht. Als wären aus einem hierarchiefreien Vakuum, in dem die Menschen fröhlich umhertanzten, direkt die Staaten des klassischen Griechenlands und das Römische Reich entstanden. Jetzt ändert sich langsam ein ganzes Forschungsparadigma. Es war ein langer zeitlicher Vorlauf notwendig, bevor Gesellschaftsformen wie Stadtstaaten entstehen konnten. Wir sammeln viele Hinweise, dass Hierarchien bereits in der Jungsteinzeit entstanden sind und bestimmte Herrschaftsformen sich auch schon für einige Zeit verstetigt haben.

Wie lebten die Menschen damals nach neueren Erkenntnissen?

Ich beschäftige mich mit der Zeit zwischen 5.500 und 3.500 vor Christus. In dieser Zeit gab es große Bevölkerungsverschiebungen. Aus dem heutigen West Anatolien kamen Menschen nach Europa, die bereits die Kulturtechniken der Landwirtschaft und der Viehzucht kannten und praktizierten. Sie trafen auf einheimische Jäger und Sammler, die sich auch optisch von ihnen unterschieden. Die einheimische Bevölkerung hatte dunklere Haut und häufig blaue Augen, die Einwanderer waren etwas hellhäutiger. Zumindest in Mitteleuropa vermischten sich beide Gruppen lange Zeit auch nicht

Woran lag das? Gab es schon damals Rassismus?

Dass die Kontakte eher spärlich waren, lag wohl an der Verteilung von Armut und Reichtum. Die Einwanderer waren produzierende Bauern in reichen Familienverbänden mit großen Häusern, Rindern, Schafen. Dagegen waren die einheimischen Jäger und Sammler vermutlich deutlich ärmer und suchten die Nähe der Dörfer. Und dann sahen sie auch noch ein bisschen anders aus, das kam vielleicht noch dazu. Aber ich würde es als Statusfrage sehen, nicht als ausgeprägten Rassismus.

Im Zentrum steht ein Mann, der einen funkelnden Stein mit beiden Händen in die Höhe hält. Hinter ihm eine runde Behausung. Hände reichen ihm weitere Steine. Vor und neben ihm schemenhafte Gesichter und menschliche Figuren, die ihn anbeten.

In Hessen wurde ein ganzes Dorf massakriert.

DETLEF GRONENBORN

Es gab also in Mitteleuropa zwei verschiedene Bevölkerungsgruppen. Waren denn innerhalb dieser Gruppen alle Menschen gleich?

Eliten hat es schon immer gegeben. Jede Familie, jede Jagdgemeinschaft hatte irgendein Oberhaupt. Dieser Status wurde von der Gruppe je nach Situation neu verliehen, zum Beispiel, weil jemand besonders gut organisieren, verhandeln oder kämpfen konnte. Aber die Macht verstetigte sich nicht, das heißt: Wenn das Oberhaupt starb und sein Sohn taugte nichts, dann wurde er auch nicht Oberhaupt. Das ist später, zum Beispiel beim Adel im Mittelalter, anders. Trotzdem waren steinzeitliche Gesellschaften sozial schon sehr rigide. Jede Großfamilie — heute würde man vielleicht Clan sagen — hatte durch ihre Abstammungslinie bestimmte Rechte, die sie von anderen absetzte. Jeder konnte sofort sehen, wo jemand herkam. Das war eine Überlebensstrategie, weil man die Stärke des Clans hinter sich wusste, und deswegen haben das auch alle deutlich signalisiert.

Wie?

Wir gehen davon aus, dass die Menschen jedes Clans ihre Zugehörigkeit auf bestimmte Weise nach außen deutlich machten, vielleicht durch Bemalung oder das Tragen von Insignien, auch wenn wir davon heute kaum noch Spuren finden können. Aber wir sehen, dass jeder Clan seine Keramiktöpfe anders verzierte. Auch die Abmessungen der Steinbeile sind individuell. Es durfte auch nicht jeder jeden heiraten. Wir müssen uns also von der Idee verabschieden, dass steinzeitliche Gesellschaften so paradiesisch waren, wie sich das Maler im Mittelalter vorgestellt haben: Alle tanzen und freuen sich. Getanzt haben sie, gefreut haben sie sich sicherlich auch. Aber die Gesellschaft war wirklich extrem strikt organisiert.

Dadurch scheint sie ja auch sehr stabil gewesen zu sein. Warum kommen Menschen plötzlich auf die Idee, Herrscher zu brauchen?

Bevor es dazu kam, blühten die Siedlungen in weiten Bereichen Europas zunächst tatsächlich mehrere Jahrhunderte lang auf. In einigen Regionen vermischten sich die Einheimischen und die Einwanderer dann auch. Es gab ein enormes Bevölkerungswachstum. Doch um 5.000 vor Christus kippte das Ganze plötzlich, vielleicht ausgelöst durch Klimaschwankungen und darauffolgende Hungersnöte. Die Menschen fingen an, sich zu bekriegen. In Hessen gab es zum Beispiel zwei benachbarte Dörfer, nur zwei Kilometer voneinander entfernt: Da sind offensichtlich die Leute zu ihren Nachbarn gegangen und haben das ganze Dorf massakriert. Wir haben die Massengräber gefunden, wo sie sogar Kinder einfach hineingeworfen haben. Das war fürchterlich grausam. Und nach dieser Zeit der extremen sozialen Unsicherheit finden wir dann plötzlich Gräber von Einzelpersonen, die sich weit über die restliche Bevölkerung erhoben und sich verehren ließen.

Was war das Besondere an diesen Gräbern?

Vor dieser Zeit wurden die Menschen auf Gräberfeldern in eng aneinanderliegenden Gruben bestattet. Da wurde jemandem vielleicht mal ein Topf oder Beil mehr mitgegeben. Aber um 4.500 vor Christus werden plötzlich riesige, abgesonderte Gräber für ein oder zwei Verstorbene gebaut. Grabhügel, an denen Menschen aus mehreren Dörfern gearbeitet haben müssen. Berühmt sind die Gräber in der Bretagne und in Bulgarien. In diesen Grabkammern lagen kostbare Steinbeile aus Materialien aus weit entfernten Regionen Europas. Die Ausstattung zeigt, wie reich und mächtig die Verstorbenen waren. Ihren Reichtum stellten sie noch im Tode zur Schau. Im Leben ganz sicher auch, so wie heute etwa russische Oligarchen.

Das jungsteinzeitliche Äquivalent des goldenen Wasserhahns ist eine Steinsammlung?

Vor allem Jadebeile. Die Jade stammte aus zwei Bergen in der Nähe von Genua. Sie wurde aus 3.000 Metern Höhe heruntergebracht und dann geschliffen, in Stunden und Tagen und Wochen von Arbeit. Diese Beile waren so spiegelglatt, dass die Reflektion des Lichts blendete. Dadurch bekamen sie eine richtige Aura. Ich habe mich immer gefragt: Wie brachten die neuen Machthaber Menschen dazu, so viel Arbeit in etwas zu investieren, wovon sie selbst rein gar nichts hatten? So eine Überhöhung ist ja gar nicht notwendig, um sozialen Frieden zu schaffen. Warum haben die Leute nicht gesagt: »Moment?! Wozu Beile polieren? Ich geh’ lieber auf Walfang!«

Haben Sie eine Vermutung?

Die Mächtigen haben den Untertanen wohl irgendwelche Mythen erzählt. Dafür sind Menschen in Krisen anfällig, ähnlich wie heute. Um 5.000 vor Christus haben ambitionierte Individuen sich in Führungspositionen aufgeschwungen und gesagt: »Wir müssen uns gegen unsere Nachbarn, die unsere Dörfer überfallen und uns massakrieren, zusammenschließen und wehren.« Diese Positionen haben sich verstetigt. Wie genau, wissen wir noch nicht, es gelang aber, die Idee von Machtkonzentration auch nach der konkreten Bedrohung zumindest in einigen Gesellschaften aufrechtzuerhalten.

Ein von Totenköpfen gesäumter Weg führt zu einer rauchenden Fabrik. Links und rechts Pflanzen und zwei große Vögel.

Was für Mythen könnten das gewesen sein?

Ein Narrativ könnte mit den Jadebeilen verbunden sein. In der Nähe von Paris gibt es in Stein geritzte Darstellungen: Menschen, umgeben von Beilen, denen Strahlen aus Kopf und Körper kommen. Diese Strahlen könnten Kraftlinien symbolisieren. Es gab also Mächtige, die diese wertvollen Beile besaßen und den anderen erzählten: »Ich habe übernatürliche Macht. Und ihr müsst auf mich hören, weil ich euch das Heil bringe.«

Haben die Untertanen denn freiwillig gearbeitet?

Es gab offensichtlich Kriegsgefangene und vielleicht auch »Sträflinge«, die in einer Frühform von Sklaverei schwere und unangenehme Arbeiten erledigen mussten. Aber die Wirtschaft war noch nicht komplex genug, um eine richtige »Sklavenkaste« zu unterhalten. Die meisten Menschen waren freie Bauern. Und die mussten überzeugt werden.

Wie?

Wir kommen erst langsam darauf, dass es in der Steinzeit neben Steinen noch einen anderen wichtigen Rohstoff, eine wirtschaftliche Machtbasis gab: Salz. Damit konnte man Vorräte einpökeln, Vieh gefügig machen und Jagdwild anlocken. Als Wirtschaftsgut war Salz vermutlich so wichtig wie für
uns Erdöl. Es könnte Abhängigkeitsverhältnisse wirtschaftlich untermauert haben. Die reichsten Gräber stehen jedenfalls in Regionen, wo es Salz gab. Die Herrschenden waren eingebunden in ein komplexes Netzwerk, über das letztlich Beile gegen Salz getauscht wurden.

Wie groß war der Einflussbereich dieser politischen und wirtschaftlichen Netzwerke?

Beispiele dafür stammen etwa aus der sogenannten Michelsberger Kultur, die wir am Römisch-Germanischen Zentralmuseum erforschen. Sie entstand zwischen dem Pariser Becken und den Ardennen und breitete sich dann nach Osten aus. Erst kürzlich haben wir auf dem Kapellenberg im Taunus die Reste eines großen Grabhügels gefunden, der sehr große Ähnlichkeit mit Bestattungen in der Südbretagne hat. Dieser Grabhügel war bis jetzt gar nicht bekannt. Wir wussten nur, dass es dort wenige Jahrhunderte später eine große Siedlung gab, mit etwa 1.000 Einwohnern. Sie bestand aber nur etwa 100 Jahre. Dann bricht das gesamte System zusammen und es ist Stille.

Stille?

Offensichtlich ist diese Kultur kollabiert, es gibt keinerlei weitere Spuren. Die wenigen Menschen, die in der Region verblieben, haben sich in kleine Dörfer auf sturmumtosten Berggipfeln zurückgezogen. Ausschlaggebend waren wohl innere Konflikte, wie auch schon Jahrhunderte zuvor. In Süddeutschland wurden Schädel gefunden, die offensichtlich zur Abschreckung auf Pfähle gesteckt waren. Es muss in den Siedlungen ausgesehen haben wie in der Schlussszene von »Apocalypse Now«. Das romantische Bild der Steinzeit, in der alle frei und fröhlich sind, ist einfach falsch.

Gibt es noch andere Kontinuitäten dieser frühen Herrschaft, die wir vielleicht bis heute spüren?

Die Idee, dass sich Herrschaft auf Abstammungslinien gründen kann, war in der Welt. Aber lange konnten sich die Eliten damals noch nicht halten, die Systeme waren instabil. Dennoch finden wir bereits vor 6.000 Jahren die Anfänge sozialer Strukturen und politischer Organisationsformen, wie sie danach immer wieder auftauchen und ab dem Mittelalter dann auch die Gesellschaften bestimmen. Auch die sakrale Begründung von Herrschaft. Und interessanterweise wurden damals auch schon die Wegesysteme, über die noch der mittelalterliche Fernhandel lief, genutzt. Die Steinzeit ist uns näher, als wir gemeinhin glauben, in positiver wie in negativer Hinsicht.

Es muss ausgesehen haben wie in der Schlussszene von »Apocalypse Now«.

DETLEF GRONENBORN

Anfänge · Archäologie · Geschichte · Gesellschaft · RGZM

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