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Keine Stunde ist es her, dass in Oksana Senatorovas Straße geschossen wurde. Es ist der 25. Februar 2022. Die russische Armee hat Charkiw erreicht, die zweitgrößte Stadt in der Ukraine, kaum 35 Kilometer von der Grenze entfernt. Es ist der Moment, in dem Senatorova sich entscheidet: Sie muss fliehen.

Bei einer russischen Besatzung würde ihr politische Verfolgung drohen. Seit Russland 2014 die Krim annektiert hat, forscht Senatorova als Professorin für Völkerrecht zu russischen Kriegsverbrechen. Zudem leitet sie an der Universität in Charkiw das »Forschungszentrum für Übergangsjustiz«. Ihre Tochter, die bereits im Ausland ist, ruft sie immer wieder an, fleht: Sie möge die Stadt verlassen! Doch Charkiw ist Oksana Senatorovas Heimat. Das Haus, die Freunde, die Stadt — das ist ihr Leben. Also wartet sie ab. Jetzt, an diesem Morgen im Februar, weiß sie nicht, ob es nun schon zu spät ist. Sind sie bereits umzingelt? Haben sie noch eine Wahl? Mit ihren Eltern und ihrem Hund quetscht sie sich in ihr Auto und reiht sich ein in den Strom der Flüchtenden.

Dieser Krieg ist auch unser Kampf für die Freiheit, für unser Leben, für unser Sein.

OKSANA SENATOROVA
 

Seit Russland die Ukraine am 24. Februar 2022 überfallen hat, sind rund acht Millionen Menschen aus dem Land geflohen. Darunter viele Forschende. Ihre Universitäten liegen in Trümmern, viele Institute sind zerstört. Schnell greift die Sorge um sich, dass die Ukraine intellektuell ausbluten könnte. Doch das ist, mehr als ein Jahr nach der Invasion, nicht passiert. Stattdessen hat sich ein Netzwerk aus Intellektuellen gebildet, die für die Freiheit und die ukrainische Identität kämpfen, oft aus dem Ausland. Auch die Juristin Oksana Senatorova gehört dazu.

An einem Mittwoch Ende April öffnet Senatorova die Tür zu einer Zwei-Zimmer-Wohnung in Regensburg. Das Hemd steckt locker in der Jeans, ihr Haar wellt sich leicht. Die Wohnung, in die sie bittet, erinnert an ein Airbnb-Apartment: weiße Küchenfronten, kahle Wände, Flachbildfernseher. Kein Zuhause, eher eine vorübergehende Bleibe. Nur die kupferne Ibrik, mit der sie jetzt Kaffee brüht, passt nicht ganz in das Bild. Sie ist eines der wenigen Dinge, die sie aus ihrem Haus in Charkiw nach Deutschland mitgenommen hat. Eine Freundin hat sie ihr zum 56. Geburtstag geschenkt, den Senatorova knapp einen Monat vor der russischen Invasion feierte.

Die Russen sollten nicht alles haben, sagt sie und klingt dabei ein bisschen trotzig. Dann sagt sie: Ich bin der deutschen Regierung und der EU wirklich dankbar, dass sie beschlossen haben, uns nicht den Status von Flüchtlingen zu geben. So konnten wir unsere Arbeit sofort wieder aufnehmen. Von Deutschland aus will Senatorova etwas für ihre Heimat tun, für die Menschen dort. Sie will weiterarbeiten. Schon während der Flucht steht sie deshalb mit Cindy Wittke in Kontakt, einer langjährigen Kollegin, die am Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung, dem IOS, die politikwissenschaftliche Forschungsgruppe leitet. Seit die beiden sich 2015 auf einem Workshop zum Völkerrecht kennengelernt haben, stellt Senatorova für Wittke immer wieder Kontakte in die Ukraine her. Jetzt vermittelt Wittke ihr ein Forschungsstipendium, mit dem die Volkswagenstiftung insgesamt sieben geflüchtete ukrainische Wissenschaftlerinnen am IOS unterstützt. Im Juni 2022 zieht Senatorova nach Regensburg.

Oksana Senatorova auf einer Brücke. Leibniz Magazin

Was ihr bleibt? Ihr Engagement für Gerechtigkeit.

Unscheinbar reiht sich das Leibniz-Institut zwischen Altbauten ein. Nur ein Schild an der beigen Fassade deutet darauf hin, dass hinter der schweren Tür und den alten Mauern auch daran geforscht wird, wie Zukunft gestaltet werden kann. In Oksana Senatorovas Fall heißt das: Wie sollen Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht in der Ukraine in Zukunft verfolgt werden? Regelmäßig bespricht sie sich mit Wittke, die ihr auch hilft, sich am Institut und in der neuen Stadt zurechtzufinden. Eine wichtige Stütze in einer Situation, in der Senatorova mit der Angst um Freunde, Verwandte und ihre Studierenden in der Ukraine leben muss. Ihr Bruder etwa ist immer noch im Land, erwartet gerade ein Baby.

Im Institut hängt Oksana Senatorova jetzt ihren Mantel an einen Garderobenständer. Ihre Schritte hallen durch den Raum, bevor sie sich an ihren Schreibtisch setzt. Darauf steht ein gerahmtes Foto, das sie mit ihrer Tochter am Tag der Unabhängigkeit der Ukraine zeigt. Die Frauen tragen gelbe Hosen und blaue Blusen. Heute ist Senatorova stolz darauf, Ukrainerin zu sein. Das war nicht immer so. Als Kind schämt sie sich, wenn ihre Mutter in der Öffentlichkeit ukrainisch statt russisch spricht. Ukrainisch gilt damals als Sprache des »Pöbels«. Erst nach der Orangen Revolution von 2004 fühlt Senatorova sich als freie Ukrainerin. Damals geht sie mit Tausenden Menschen auf die Straße, protestiert gegen die Wahl des von Russland unterstützten Kandidaten Wiktor Janukowytsch. Sie hat Angst, ihren Job zu verlieren. Sie hat Angst vor der Polizei. Aber sie will nicht mehr in der eigenen Wohnung flüstern, wenn sie Kritik am Regime äußert. Auch deshalb, sagt sie heute mit Nachdruck in der Stimme, ist dieser Krieg auch unser Kampf für die Freiheit, für unser Leben, für unser Sein.

Für dieses »Sein« gibt Senatorova alles. Sie hält Vorlesungen für die Universität in Charkiw, jetzt via Zoom. Sie in Deutschland, ihre Studierenden zum Teil in Kellern und Bunkern. Ich fühle mich schuldig, sagt sie. Ich lebe hier in einer sicheren Umgebung, während die Menschen vor Ort bombardiert werden. Fast täglich schellt ihr Handy: eine Warnapp, die den nächsten russischen Bombenangriff ankündigt. Doch zwischen den Vorlesungen, Vorträgen und Diskussionen bleibt wenig Zeit zum Nachdenken. Nur einmal bricht Senatorova in Tränen aus. Sie ist noch nicht lange am Institut, als sie in den Nachrichten die Schule ihrer Kindheit in Trümmern sieht. Plötzlich ist ganz greifbar, wie der Krieg ihr altes Leben zerstört. Was ihr bleibt? Ihr Engagement für Gerechtigkeit. Sie forscht weiter zu russischen Kriegsverbrechen.

kleiner Teller mit aufgemalter Sonnenblume auf einem Tisch mit Tischdecke

Jeden Tag werden in der Ukraine Zivilsten gequält, gefoltert und getötet. Kinder werden verschleppt und missbraucht. Über 71.000 russische Kriegsverbrechen haben ukrainische Staatsanwältinnen und Staatsanwälte laut der Regierung in Kiew bisher registriert. Deshalb forscht Senatorova zum Konzept der Übergangsjustiz, das auf vier Säulen beruht: Wahrheit, Strafgerichtsbarkeit, Wiedergutmachung und Garantie der Nichtwiederholung. Das Ziel: Mit Hilfe juristischer und nicht-juristischer Instrumente soll begangenes Unrecht nach dem Ende gewaltsamer Konflikte aufgearbeitet, anerkannt und geahndet werden. So soll auch das Vertrauen der Menschen in Schutz- und Ordnungsfunktion des Staates wiederhergestellt, Misstrauen zwischen gesellschaftlichen Gruppen überwunden und der Übergang zu einer friedlichen Gesellschaftsordnung ermöglicht werden.

Für eine gelungene Übergangsjustiz bedarf es in einem ersten Schritt Fakten: Verbrechen müssen dokumentiert und archiviert werden. Auf ihrem Laptop ruft Oksana Senatorova eine Webseite auf: »Project Sunflowers«, heißt sie. Ein Meer aus Sonnenblumen erstrahlt auf dem Bildschirm, darüber in weißen Buchstaben der Schriftzug: »Enabling Information, enabling Justice«. Im März 2022 hat Senatorova die Plattform mit polnischen und ukrainischen Juristen und Juristinnen initiiert. Ziel ist es, Daten zu sammeln, die später in Strafverfahren herangezogen werden können. So können sich beispielsweise Zeugen und Zeuginnen über die Webseite melden, deren Geschichten archiviert und bewahrt werden. Es ist ein erster Schritt.

Ein zweiter Schritt ist das Durchwühlen der Dokumente ukrainischer Behörden und Nichtregierungsorganisationen, in die sich Senatorova vertieft. In einem Sonderbericht für den Menschenrechtsbeauftragten der Ukraine trug sie so Informationen über Kriegsverbrechen zusammen. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. In Russland gibt es nämlich zunehmend die Tendenz, solche Informationen verschwinden zu lassen. Die Namen verschleppter Kinder etwa werden geändert, um so ihre Herkunft zu verschleiern.

Du kannst dir eins aussuchen. Einfach kommen und ein Kind mitnehmen.

Am Tag vor dem Treffen am IOS hält Oksana Senatorova einen Onlinevortrag über die Plattform. In ihrer Bildschirmkachel leuchtet ihre Bluse so gelb wie die Sonnenblumen auf der Webseite, während Senatorova über die Deportation von Ukrainern und Ukrainerinnen spricht. Sie zeigt den Zuschauenden ein Bild, das an ein Klassenfoto erinnert. 38 Kinder im Alter von acht bis 17 Jahren posieren vor einem Bus, auf dessen Fenster ein russisches Wort prangt, das soviel wie »Auftragsbus« bedeutet. Die Kinder wurden verschleppt, jetzt haben russische Familien die Möglichkeit, sie zu adoptieren. Das Prinzip ist einfach, erklärt Senatorova und ringt einen Augenblick mit der Fassung. Du kannst dir eins aussuchen. Einfach kommen und ein Kind mitnehmen. Am 30. Mai 2022 unterzeichnet Putin einen Beschluss, der es erleichtert, die russische Staatsbürgerschaft für ukrainische Kinder zu beantragen. Maria Lwowa-Belowa, die russische Beauftragte für Kinderrechte, dankt dem russischen Präsidenten daraufhin öffentlich: Er habe ihr die Adoption eines Kindes aus Mariupol ermöglicht.

»Gehirnwäsche« nennt Senatorova das. Im Institut in Regensburg ergänzt sie: Es kann auch als Völkermord eingestuft werden. Sie transformieren die Identität der Kinder — von Ukrainern hin zu Russen. Der Internationale Strafgerichtshof hat aufgrund der Deportationen mittlerweile einen Haftbefehl gegen Putin und Lwowa-Belowa erlassen. Der Vorwurf: »Kriegsverbrechen«. Bei einer Festnahme müssten die beiden sich vor dem Gericht in Den Haag verantworten — ihre Ergreifung oder Auslieferung ist allerdings in weiter Ferne.

Oksana Senatorova geht durch eine Tür.

Trotzdem glaubt Senatorova, dass es eines Tages Gerechtigkeit geben wird. Dafür kämpft sie. Dafür beteiligt sie sich neben ihrer Forschung auch an den Diskussionen über ein Sondertribunal. Dafür schult sie in der Ukraine diejenigen, die ermitteln. Dafür arbeitet sie auch nach Feierabend weiter, gibt in ihrem Beruf 200 Prozent. Im Sommer geht Senatorova zurück in die Ukraine, nach Kiew. Sie werde fehlen, sagt Wittke. Ihre Präsenz, aber auch die Expertise und die Themen, die sie mitgebracht hätte.

In der Ukraine will Senatorova mit Eltern und Angehörigen deportierter Kinder sprechen, aber auch mit Waisenhäusern. Zudem wird sie als Rechts- und Politikberaterin für »Geneva Call« tätig sein. Die internationale Nichtregierungsorganisation geht mit bewaffneten Gruppen ins Gespräch und erklärt ihnen, wie sie humanitäre Grundsätze einhalten können – auch in Zeiten des Kriegs. Doch allem voran, sagt Senatorova, sei sie einfach glücklich, wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können. Sie wird ihr Haus in Charkiw besuchen. Anders als viele andere Familien hatte sie Glück: Von einem Freund weiß sie, dass nur die Fenster zersplittert sind und Teile des Gartens verwüstet wurden. Einziehen will sie noch nicht. In Regensburg mischt sich Traurigkeit in ihre Stimme, als sie sagt: Niemand weiß, was die nächsten Monate bringen werden.

Sie ist einfach glücklich, wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können.

UKRAINE-WISSEN

Sie ist das zweitgrößte Land Europas und Zuhause von mehr als 36 Millionen Menschen. Seit Jahrhunderten liegt die Ukraine im Spannungsfeld zwischen Ost und West und war immer wieder Kriegsschauplatz – auch weil das Land über weite Strecken keine naturräumlichen Grenzen aufweist. Jetzt herrscht wieder Krieg, und den meisten ist die Ukraine vor allem als Ziel des russischen Angriffs ein Begriff. Über die letzten echten Urwälder Europas, die das Land beherbergt, seine Nationalpflanze, die Sonnenblume, und die Sprach- und Religionsvielfalt ist hingegen wenig bekannt. Wissenslücken füllen zwei E-Learning-Kurse, die das Leibniz-Forschungsnetzwerk »Östliches Europa« unter Mitwirkung bildungswissenschaftlicher Leibniz-Institute entwickelt hat. Sie sind kostenlos zugänglich unter: www.copernico.eu

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