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Rauschend schiebt sich der weiße Dampfer durchs Wasser, eine Linienfähre auf dem Rhein, unterwegs zwischen dem Weindorf Eltville und Mainz. Für heute ist es die letzte Fahrt, und während am Ufer Weinhänge, bewaldete Hügel und Fachwerkhäuser vorbeiziehen, rennen die Kinder der Ausflügler übers Deck. Ein paar Wanderer strecken die Beine von sich und nippen am Getränk von der Bordbar.

Klement Tockner sitzt noch in Bürokleidung an einem runden Tisch nahe der verglasten Reling. Im hellblauen Hemd und dem melierten Sakko fällt er sofort auf zwischen all den Radlerhosen, Käppies und Funktionsjacken. Nachdenklich folgt sein Blick dem schnurgeraden Verlauf des breiten Wasserstreifens, der sich in der Abendsonne schillernd bis zum Horizont zieht. Für Tockner ist die Fahrt nicht nur die »entspannte Schiffstour«, die das Fährunternehmen verspricht. Er sieht weniger die »Schönheiten des Rheins«. Er sieht »multiple Stressoren«. Denn worauf die Passagiere da ihre schwelgenden Blicke legen, ist kein Naturidyll. Es ist das Werk des Menschen: An den Ufern. Über Wasser. Unter Wasser. Der Rhein – eine über 1.200 Kilometer lange »Hochleistungsstraße«.

Das hübsche Dorf Eltville ist kaum am Horizont verschwunden, da sagt Tockner: Wir haben diesen Fluss gezähmt. Wir haben ihn domestiziert.

Vielfältige Ufer haben immensen Wert – für die Natur, aber auch für unser Wohlergehen.

KLEMENT TOCKNER

Wenn Klement Tockner über den Rhein spricht, klingt es, als handle es sich um ein gequältes Lebewesen. Eine gebändigte Zirkusattraktion, die ächzt, während das Publikum applaudiert. Tockner ist Gewässerökologe und seit vergangenem Jahr Generaldirektor der altehrwürdigen Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, einem Leibniz-Forschungsmuseum mit Hauptsitz in Frankfurt am Main. Wenn er auf den Rhein blickt, sieht er nicht nur den Fluss, sondern einen Teil einer »Herkulesaufgabe«: Nur rund acht Prozent der Gewässer in Deutschland befinden sich in einem guten ökologischen Zustand, sagt er – und das müsse sich dringend ändern. Naturnahe Gewässer und vielfältige Ufer haben einen immensen Wert. Für die Natur, aber auch für unser eigenes Wohlergehen.

Klement Tockner wuchs nicht am Wasser auf, sondern in den Bergen. Auf dem Bauernhof in der Steiermark ist es nachts so dunkel, dass er als Junge am Himmel die Milchstraße leuchten sieht. Es gibt damals keinen Fernseher, kein Auto, keinen Traktor. Ins Dorf fährt er mit dem Schlitten. Die freie Natur, von der er heute spricht, kennt Klement Tockner also. Und trotzdem wehrt er sich gegen die biografische Konsequenz, die sich beim Zuhören aufdrängt: Klar interessiert sich so einer für Renaturierungen und unterstützt sie mit seiner Forschung!

Doch was Klement Tockner wirklich prägt, passiert später, als er längst nach Wien gezogen ist: In der Hainburger Au, einer naturbelassenen Flusslandschaft in Niederösterreich, soll 1984 ein neues Wasserkraftwerk entstehen. Zusammen mit 8.000 anderen Demonstranten zeltet der Zoologiestudent tagelang bei Minusgraden an der Donau. Die Besetzung ist nicht nur für Österreichs Umweltpolitik ein bedeutendes Ereignis, sondern auch für das Demokratieverständnis im Land. Von nun an begleiten immer öfter Bürgerinitiativen größere Bauprojekte. Und die umkämpfte Au, die man damals noch »Gestrüpp« nennt, wird Nationalpark. Ein Erfolg, der Klement Tockners Glauben darin bestärkt, etwas verändern zu können. Bis heute.

Und ginge es nach ihm, müsste sich einiges ändern. Er sagt: Wir haben wenig Zeit, unser Fenster zum Handeln wird kleiner und kleiner. Tockner hat über 200 Texte und das Standardwerk »Rivers of Europe« veröffentlicht, seine Arbeit bewegt sich innerhalb der Ökologie, der Geomorphologie und der Hydrologie. Den Wissenschaftler beschäftigt die Funktionsweise natürlicher Flusssysteme und wo der Mensch ansetzen kann, um geschädigte Systeme wiederherzustellen und zu schützen. Dabei stößt er auch immer wieder auf die Auswirkungen des Klimawandels wie kürzlich in einer internationalen Studie, an der er beteiligt war: Mit weiteren Forschern wertete er hydrologische, klimatische, bodenkundliche und geologische Daten von 5.615 Messstationen weltweit aus. Das Team fand heraus, dass inzwischen weltweit mehr als die Hälfte aller Flüsse an einem oder mehreren Tagen im Jahr austrocknen.

Tockner weiß, welche Fische früher im Rhein schwammen, und welche noch heute hier schwimmen. Er weiß, dass der Fluss eigentlich eine ganz andere Form hätte. Und er weiß, wie das Rauschen eines wirklich freien Stroms klingt. Wasserkraftwerke, Angler, Promenaden. Seit Jahren untersucht Klement Tockner, was der Mensch mit dem Fluss macht. Und: Was der Fluss mit dem Menschen macht.

So harmonisch, wie es an diesem Abend im Juli auf der Fährfahrt durch die Burgenlandschaft scheinen mag, ist die Beziehung nicht. Eher kompliziert, man könnte sie auch toxisch nennen. Es ist eine Beziehung, in der die einen (wir Menschen) den Anderen (den Fluss, in diesem Fall: den Rhein) hemmungslos ausbeuten. Weil wir ihn uns so hinbiegen, wie es gerade passt, uns an ihm bedienen, uns an seinen Ufern erholen – und uns dabei einreden, dass er doch immer so war, der gute, alte Rhein. Oder?

Wir verhalten uns, als hätten wir hier eine gepflasterte Straße.

Der Rhein ist einer der bedeutendsten Ströme Europas, sagt Tockner, um zu erklären, warum er unsere Flussfahrt heute genau hier unternehmen wollte. 60 Millionen Menschen leben an den Ufern des Flusses, durch sechs Staaten fließt er auf dem Weg von den Alpen bis in die niederländische Nordsee. Und er ist einer der romantisiertesten Flüsse: Wagner, Goethe, Heine, Schlegel und Hölderlin dichteten Hymnen, Vergleiche und Metaphern, personifizierten ihn, vermenschlichten das wilde Wesen. Dabei war er schon zu ihren Zeiten nicht mehr so wild wie sie dachten.

Das Wort »Mäandern« stammt aus der Welt der Flüsse. Wie der Mensch im Denken gern mäandert, sich also treiben lässt, fließt auch ein Fluss unterschiedlich schnell, bildet Schlingen – eben den »Mäander« – und schlägt sich seinen eigenen, nicht vorhersehbaren Weg durch die Landschaft. Ein Fluss hat Energie, sagt Tockner. Er lächelt, als er über diese Eigenwilligkeit spricht. Er gräbt sich ein neues Bett, schüttet sein altes zu, der Sand und das Geröll darunter bewegen sich. Er schaut einem vorbeituckernden Dampfer nach: Und wir verhalten uns, als hätten wir hier eine gepflasterte Straße.

Links knebelt die Promenade den Fluss, rechts drängen sich die Glasfassaden der Designerwohnungen zwischen Wiesbaden und Mainz so dicht ans Wasser, als wollten sie ihre Zehen mal reinstecken. In der Mitte düsen kleine Motorboote und hinterlassen Wellen wie Kratzer auf einer verletzlichen Haut. Darüber biegen sich Brücken, auf denen sich der Feierabendverkehr staut. Nur unter dem Dampfer, unter der Wasseroberfläche, schwimmt kaum noch was.

Denn im 19. Jahrhundert begann ein Prozess, der das Leben im und ums Wasser, veränderte: die Rheinbegradigung. Nur auf alten Karten und Gemälden lässt sich heute erahnen, wie die Landschaft hier ausgesehen hat, bevor der Mensch vor 200 Jahren die Schaufeln in die Erde schob. Schmale, blaue Linien schlängeln sich da weit in die Weinhügel, zwischen ihnen Auen und Wiesen. Sie dienen damals noch als Wasserspeicher, als Schwemmflächen. Nicht als Grundstück für das Einfamilienhaus.

Die Idee, die Natur zu verbiegen und zu begradigen, hatte katastrophale Konsequenzen für die Artenvielfalt: Wo jetzt der Schiffsmotor röhrt, schwamm damals der Stör. Die Menschen lebten vom Fischfang. Vögel sangen, die heute verstummt sind, zum Beispiel der Flussregenpfeifer. Wenn Sie hier unterwegs waren, hörten Sie Geräusche und Klänge wie im tropischen Regenwald, sagt Klement Tockner, während hinter ihm das Barradio läuft und die Eistruhe brummt.

Natürliche Flusssysteme zählen zu den artenreichsten Ökosystemen. Mit weiteren Forscherteams verglich Tockner an verschiedenen Flüssen das Vorkommen von Tieren und Pflanzen in besonders stark vom Menschen geprägten Abschnitten mit naturnahen Gewässern. Was die Vielfalt betrifft, sind Flusssysteme ohne Weiteres vergleichbar mit tropischen Regenwäldern und Korallenriffen, sagt Tockner. Aber einmal verschwunden ist für immer verschwunden. In diesen Arten stecken die Informationen und das Wissen von mehreren Milliarden Jahren natürlicher Evolution und wir vernichten das einfach.

1817 kappte man die Mäander, kanalisierte das Wasser und zwang den für den Menschen so irrational und ineffektiv fließenden Rhein in ein gerades Bett von maximal 250 Metern Breite. Trotz seines weichen Österreichisch, klingt es brutal, wenn Tockner darüber spricht: Man hat sogenannte Durchstiche gemacht und die Altarme abgetrennt. Der Strom wurde kürzer, schneller, gerader. Um das Wassernetz auszubauen, hat man den Rhein mit der Donau verbunden. Inzwischen kann man vom Schwarzen Meer über den Rhein zur Elbe oder an die Rhone fahren, sagt Tockner. Eine technische Meisterleistung. Die für die Lebewesen unter Wasser eine Katastrophe einleitete.

Denn mit den gesparten Kilometern blieben Fische wie der Stör auf der Strecke. Ein Tier, das hunderte Millionen Jahre auf der Erde existiert und Heiß- und Kaltzeiten überlebt hat, verschwand binnen weniger Jahrzehnte aus fast ganz Europa. Früher, sagt Tockner, habe jeder Fluss seine eigene Identität gehabt und seine eigenen Arten. Inzwischen schwämmen fast überall die gleichen Tiere. Der Stör etwa findet im Rhein keinen Platz mehr zum Laichen, denn als Wanderfisch kommt er nicht über die hunderten Stufen und Wehre – außerdem ist das Wasser schlicht zu verdreckt und überfischt.

Zehn Prozent mehr Vogelarten haben den gleichen Effekt wie zehn Prozent mehr Gehalt.

Aber ist der Stör vielleicht ein legitimes Opfer für schnellen Schiffshandel und Fortschritt? Das ernste Gesicht des Wissenschaftlers lockert sich zum Erstaunen: Haben Sie schon mal einen gesehen? Der Stör ist ein faszinierender, ja, ein charismatischer Fisch!

Vielleicht liegt hier das Problem: Wir kennen ihn nicht, denn man sieht keinen Stör mehr. Wir kennen auch keine natürlichen Flüsse. Wir wissen nicht, wie das Rauschen eines freien Nebenarms klingt, wie eine Auenlandschaft aussieht, wie Totholz mit abertausenden Bakterien und Tieren darauf durch die ruhigeren Gewässer treibt. Wie sollte sich der Mensch also danach sehnen? Wir denken, das sei sie eben: die Natur.

Da, wo das Wissen fehlt, projizieren wir seit Jahrhunderten Fantasien in den Fluss. Der Rhein als Schatztruhe, in dem die Rheintöchter Floßhilde, Wellgunde und Woglinde in Wagners »Ring« das Rheingold hüten. Der Rhein als Grenzfluss, dem Frankreich, Preußen und später Deutschland immer wieder eine Nationalität verpassten, ihn glorifizierten und zum Hüter des eigenen Landes ernannten. Der Rhein als Quell der Erholung. Der Rhein, um ein kleines Schloss als Liebesbeweis darüber zu ketten. »Der alte Vater Rhein«, den Peter Alexander in seinem Bett sieht und beneidet, der könne ja nicht aufstehen. Wenn der Schlagersänger wüsste, was im Wasser des Flusses vorgeht, würde er sich den Tausch vielleicht nochmal überlegen.

Am Ufer gegenüber stapeln sich Container wie bunte Legosteine. Kleidung, Autoteile, Elektronik, Güter, die in die Welt verschifft werden wollen. Schauen Sie, was wir alles transportieren auf dem Rhein, sagt Klement Tockner. Wie abhängig der Mensch von seinen Wasserstraßen ist, hat sich vergangenes Jahr gezeigt, als ein Containerschiff namens »Ever given« den Suezkanal blockierte: Mehrere Milliarden Dollar gingen verloren, der Erdölpreis schwankte, Autowerken fehlten wichtige Teile für die Produktion. Angesichts dieser Vernetzung, angesichts der Industrie, die sich auch auf der Flussfahrt mit Tockner an den Ufern zeigt – gibt es überhaupt Hoffnung für den Fluss?

Für Tockner ist eine Lösung der teilweise Rückbau: Ufer, die heute durch den Menschen genutzt werden, sollen wieder natürliche Überflutungsflächen, Wiesen, Auen, der Fluss an manchen Stellen aus seinem Beton-Korsett gelöst werden. Tockner fordert, im Rahmen von Renaturierungsmaßnahmen die Durchgängigkeit durch das Entfernen von Schwellen und Wehren zu erhöhen, eine natürliche Ufervegetation zu fördern und begleitende Dämme zurückzuversetzen. Deutschland subventioniert mit 57 Milliarden Euro pro Jahr natur- und umweltschädigende Maßnahmen. Da kann man ansetzen: Öffentliche Mittel müssen stattdessen für das langfristige Wohlergehen der Menschen – und somit auch für eine intakte Natur – eingesetzt werden.

Oberste Priorität habe dabei der Erhalt der letzten frei fließenden Bäche und Flüsse. Schifffahrt und Handel müssen dazu nicht zwangsweise im Widerspruch stehen, sagt Tockner. Und der Rückbau und der Schutz natürlicher Flussabschnitte hätte auch Vorteile für die Wirtschaft, sagt er: Bäche und Flüsse benötigen mehr Raum. Das dient nicht nur der Natur, sondern schützt zugleich den Menschen, Siedlungen und Industrieanlagen – etwa gegen Hochwasser.

Denn klar, der Mensch hat der Natur geschadet. Aber er schadet sich damit auch selbst. Da, wo Poeten und Philosophen fantasieren, setzt Klement Tockner Messinstrumente an. Seine Forschung dreht sich nicht nur um Dürre, Hochwasser und die Folgen des menschlichen Eingriffs für die Flora und Fauna, sondern auch darum, was die Veränderung im Ökosystem seelisch und psychisch für den Menschen bedeutet. Tockner reiste zu den wenigen natürlichen Flussabschnitten in Mitteleuropa, um ihr Rauschen aufzunehmen, zum Beispiel an den Tagliamento in Italien. Dann spielten er und sein Team über 1.000 Probanden das Plätschern, Tröpfeln und Glucksen von natürlichen und von begradigten Flüssen vor. Denn Wasser ist nicht gleich Wasser. Die Rauheit, welches Geröll am Grund liegt und wie schnell der Strom fließt, bestimmen den Sound.

Das Ergebnis der Studie zeigte: Menschen bewerteten den natürlichen Klang als attraktiver. Erst kürzlich machten Wissenschaftler von Senckenberg eine ähnliche Erfahrung mit Vögeln: Je artenreicher und damit je diverser das Zwitschern, desto glücklicher die Menschen. Zehn Prozent mehr Vogelarten hat den gleichen Effekt wie eine zehn prozentige Zunahme Ihres Gehalts.

Sehr geehrte Fahrgäste in wenigen Minuten erreichen wir unsere Endstation: Mainz. Ladies and Gentlemen..., schallt es blechern aus den Lautsprechern. Kurz bevor wir den Dampfer verlassen, fragt Klement Tockner: Was fehlt uns, wenn die Kinder nicht mehr einen naturnahen Wald erleben können? Wenn man nicht mehr die Milchstraße sehen kann? Wenn wir nicht mehr im Fluss baden und sein Plätschern hören können?

An der Anlegestelle zieren Liegestühle, Sand und künstliche Palmen das Ufer. Klement Tockner geht von Bord und läuft zum Bahnhof. Nicht entlang von Auen, sondern vorbei am Stadtstrand von Mainz.

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