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Gemeinschaft ist wie alles im Leben eine Frage der Balance.

Das Dilemma der Gemeinschaft hat Arthur Schopenhauer schon 1851 in der Parabel »Die Stachelschweine« mit deutlichen Worten entworfen: Die Lage ist misslich an jenem »kalte[n] Wintertag« — einer Gruppe Stachelschweine droht der Tod durch Kälte. Schutz vor dem Erfrieren entsteht mühsam durch ein bisschen körperliche Nähe — und scheitert sogleich an den Stacheln der Wärmebedürftigen. So wird ein wenig hin und her geruckelt, um genau jene Entfernung zu justieren, die bei lebenserhaltender Temperatur zugleich körperliche Unversehrtheit garantiert. Die Anpassung gelingt im nötigen Abstand, der zugleich Wärme spendet.

Die anschließende Übertragung auf die Menschen ist etwas drastischer — traut der Autor den Menschen weniger Einsicht zu? Die Stacheln sind »viele widerwärtige Eigenschaften und unerträgliche Fehler«, die abstoßend wirken, Abhilfe schaffen nur »Höflichkeit und die feine Sitte« — notfalls auch eingefordert. Doch bleibt der Abstand größer, als die Temperatur es nahelegt?

Es ist wie immer im Leben eine Frage der Balance — hier der gemeinsamen Anliegen und individuellen Bedürfnisse. Sie ist Gegenstand eines prinzipiell endlosen und ständigen Prozesses der Aushandlung zwischen den Mitgliedern einer Gemeinschaft. Und schon der Wetterbericht lehrt uns ja, dass sich reale und gefühlte Temperaturen bisweilen erheblich unterscheiden können. So wie das unterschiedliche Empfinden der richtigen Distanz zu den Mitmenschen schon in der Warteschlange an der Kasse zutage tritt, ohne dass es eine verbindliche Maßeinheit dafür gäbe.

Vor subjektiven Empfindungen muss einerseits auch die Wissenschaft respektvoll zurücktreten. Andererseits kann gerade ihr sachlicher und faktengetragener Modus dazu beitragen, individuelle oder kulturelle Bedingungen zu verstehen und einzuschätzen, um ganz neue Umgangsformen im Miteinander zu entwickeln. Wider die Erregung und Skandalisierung helfen dann Erkenntnisse, räsonable Gelassenheit, Achtsamkeit im Umfeld. Und wer weiß? Vielleicht sogar neue Techniken, mit denen auch zunächst sperrig erscheinende Eigenschaften von Menschen oder Materialien dann doch zum Wohle vieler, etwa wohlig wärmend, eingesetzt werden können. Nur so ein Vorschlag: Lernen wir von der Vernunft der Stachelschweine …

MATTHIAS KLEINER

ist seit 2014 Präsident der Leibniz-Gemeinschaft. Zuvor war er von 2007 bis 2012 Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Von 1976 bis 1982 studierte Matthias Kleiner Maschinenbau an der Universität Dortmund, wo er 1987 promoviert wurde und 1991 auch die Habilitation im Fach Umformtechnik erlangte.

Weitere Folgen seiner Kolumne Nur so ein Vorschlag ... finden Sie hier.

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