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Räume der Erinnerung

Was war wann – und vor allem: Wo war es? Sich räumliche Informationen ins Gedächtnis rufen zu können, ist ein wichtiger Teil des Erinnerns. Lange Zeit hat man gedacht, dass Informationen zum Was, Wann und Wo im Gehirn dabei zwangsläufig zusammengeführt würden. Forschende vom Leibniz-Institut für Neurobiologie konnten jedoch zeigen: Wenn Wo-Erinnerungen als elektrische und chemische Signale durch unser Gehirn wandern, dann nehmen sie nicht nur einen anderen Weg als Was- und Wann-Erinnerungen. Die drei Erinnerungsbestandteile werden im Hippocampus scheinbar auch nur bei Bedarf verbunden. Es gibt Situationen, in denen ist erst mal nur der räumliche Teil der Erinnerung relevant und das bildet sich im Gehirn ab, erklärt Magdalena Sauvage. Wenn Sie beispielsweise auf dem Ätna sind und er bricht aus, brauchen Sie sich in diesem Moment nicht zu erinnern, wann Sie da sind oder mit wem. Wichtig sind dann nur räumliche Informationen dazu, auf welchem Weg Sie am schnellsten dort wegkommen – es sei denn vielleicht, Sie treffen auf dem ausbrechenden Vulkan auch noch auf einen Tiger. Die Vermutung der Forschenden: Dass die verschiedenen Erinnerungsbestandteile je nach Bedarf auch einzeln abgerufen werden können, erhöht die Reaktionsfähigkeit und hilft uns, Gefahrensituationen schneller zu entkommen. 

Illustration: Affenkopf in einem Quader.

Wie der Raum in den Kopf kommt

Wie verarbeitet das Gehirn räumliche Informationen? Solchen Fragen gehen Forschende des Deutschen Primatenzentrums – Leibniz-Institut für Primatenforschung in Göttingen nach, indem sie Rhesusaffen etwa bei der Nahrungssuche beobachten. Diese bewegen sich im »Erkundungsraum«, in dem digitale Kameras mithilfe künstlicher Intelligenz jede kleinste Bewegung registrieren. Unterdessen messen Mikroelektroden die elektrischen Impulse im Gehirn der Versuchstiere und übertragen diese per Funk an die Computer der Forschenden. Sichtbar werden die Aktivitätsmuster des Gehirns hier als Zackenkurven, die die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit den Kameraaufzeichnungen zusammenführen und auswerten. Wir trainieren künstliche neuronale Netze darauf, bestimmte Elemente im Bild zu erkennen – etwa den linken Ellenbogen des Versuchstiers, erklärt der Neurowissenschaftler Alexander Gail. Wir können dann die Armbewegungen aus dem Videobild rekonstruieren und mit der neuronalen Aktivität in Verbindung setzen. So ermitteln die Forschenden, wie der Raum und geplante Bewegungen in ihm im Kopf repräsentiert werden. Die im Erkundungsraum gewonnenen Erkenntnisse können später für die Diagnostik von Bewegungserkrankungen des Menschen genutzt werden.

Die Welt als Karte

Als Kinder lernen wir die Welt anhand von Karten und Atlanten kennen – und gewinnen so ganz bestimmte Vorstellungen von Räumen, die uns oft ein Leben lang begleiten. Doch Karten sind nicht einfach Abbilder der Realität, sondern enthalten immer auch politische Spuren. Die »Mercator-Projektion« der Welt vergrößert so zum Beispiel die mittleren Breiten und verkleinert Gebiete in Äquatornähe. Europa erscheint dadurch im Verhältnis größer, Teile des afrikanischen und des südamerikanischen Kontinents kleiner. Ein weiteres Beispiel ist die Einteilung des globalen Raumes in Staaten, die leicht die Vorstellung hervorrufen kann, eine Welt ohne nationale Grenzen sei nicht denkbar. Mit welchen gestalterischen Mitteln Schulatlanten Raumvorstellungen prägen, untersuchen Forschende des Leibniz-Instituts für Länderkunde (IfL). Sie analysieren grafische Elemente wie Linientypen oder die Farbgebung von Atlaskarten und übersetzen sie mittels einer neuartigen Kodiermethode in ein binäres Tabellenschema. Das Ergebnis: eine Datenbank, mit der sich Karten oder sogar ganze Atlanten international vergleichen lassen – ob aus Deutschland, Russland, China oder den USA. Dabei stellen wir auch fest: Angesichts einer sich zum Beispiel durch den Klimawandel oder die Entwicklung der internationalen Wirtschaftsbeziehungen rasch verändernden Welt sind manche Vorstellungen von Raum, wie sie Atlanten vermitteln, für den Unterricht nicht mehr aktuell genug, sagt IfL-Direktor Sebastian Lentz.

Illustration: Hände, die aus Ziegelsteinen bestehen und eine Mauer, sowie Pflastersteine bilden, aus denen Bäume und kleine Pflanzen wachsen.

Ziemlich verplant

Ein zunehmend heiß umkämpfter Raum in Deutschland? Bauland! Denn welche Flächen als solches ausgewiesen, welche geschont werden sollen und in welchen Regionen sich nachverdichten lässt, gibt Anlass zu hitzigen Diskussionen. Zumal in Zeiten des Klimawandels, in denen es zugleich an bezahlbarem Wohnraum mangelt. Lösungen mit Blick auf bodenpolitische Ziele, Instrumente und Akteure werden derzeit im Rahmen der ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft diskutiert. Hier tauschen sich Forschende aus zehn europäischen Ländern mit zentralen Akteuren der deutschen Bodenpolitik aus – etwa dem Deutschen Städtetag und der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. Ziel ist es, die Bodenpolitiken anderer europäischer Länder mit der deutschen zu vergleichen und mögliche Strategien für Deutschland abzuleiten. Die Reflexion ausländischer Perspektiven schärft den Blick für das eigene System, sagt Thomas Hartmann, der den Austausch gemeinsam mit Andreas Hengstermann organisiert. Mit den Ergebnissen der Diskussion wollen die Forschenden eine Grundlage für die bodenpolitischen Entscheidungen der näheren Zukunft liefern. Sicher ist schon jetzt: Dem deutschen Naturraum werden diese auf lange Sicht ihren Stempel aufprägen.

Illustration: eine Tasse, aus der Dampf in Form von Würfeln aufsteigt.

Von 3-D-Körpern und Punktwolken

Wie verteilen sich die Partikel eines Gases im Raum? Welche dreidimensionale Form wird ein Tropfen wahrscheinlich haben, der als Wasserdampf an einem Teeglas kondensiert? Und welche Gestalt kann entstehen, wenn Salze bei tiefen Temperaturen einen Kristall bilden? Antworten gibt die Stochastik – die Mathematik des Zufalls. Zusammen mit Mathematikerinnen und Mathematikern beschäftigen sich am Weierstraß-Institut für Angewandte Analysis und Stochastik aktuell auch Forschende aus der Physik und der Geometrie mit Fragen wie diesen. Im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms »Random Geometric Systems« wollen sie unter anderem herausfinden, wie es sich mathematisch beschreiben lässt, wenn – beeinflusst vom Zufall – komplexe dreidimensionale Strukturen entstehen. Wir analysieren zum Beispiel die statistischen Eigenschaften zufälliger Punktwolken, wie sie etwa bei der Verteilung von Gaspartikeln im Raum entstehen, sagt Wolfgang König von dem Berliner Leibniz-Institut. Solche zufälligen Punktwolken bilden übrigens auch Mobiltelefonbesitzerinnen und -besitzer, wenn sie sich im Stadtraum bewegen. Erkenntnisse dazu sind unter anderem für die Telekommunikation interessant.

Illustration: Personen mit Quaderförmigen Blöcken anstelle der Köpfe klettern in alle Richtungen auf einem Quader herum.

Eine Frage der Perspektive

Auch Schriftstellerinnen und Schriftsteller erschaffen Räume. Literarische Texte sind dabei jedoch häufig keine Blaupause der Realität – sie werden selbst zu Medien der Raumaneignung. Wie der deutsche Sprachraum von afroamerikanischen Autoren literarisch entworfen wird, untersucht die Literaturwissenschaftlerin Gianna Zocco vom Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung. Ihr Ausgangspunkt: die Romane »Black Deutschland« von Darryl Pinckney, »Slumberland« von Paul Beatty und »Clifford’s Blues« von John A. Williams. An ihrem Beispiel werde deutlich, dass sich Texte nicht darauf reduzieren lassen, Raum realistisch darzustellen. Vielmehr zeige sich, dass seine literarische Darstellung stets in Zusammenhang mit anderen Aspekten des Textes betrachtet werden muss – etwa der subjektiven Perspektive der literarischen Figuren sowie ästhetischen oder politischen Intentionen des Autors. So träumt etwa der Protagonist in »Black Deutschland« vom West-Berlin der 1980er Jahre als homoerotischer Spielwiese im Stil der Goldenen Zwanziger. Und in »Slumberland« wird ein Bezug zwischen deutscher Teilung und der Apartheid in der amerikanischen Gesellschaft hergestellt, der sogenannten color line. Gianna Zocco sagt: Die Reflexion darüber, wie man von anderen gesehen wird, ermöglicht, das eigene Land aus einer lehrreichen Distanz und aus ganz neuen Blickwinkeln zu betrachten.

Illustration: ein Smartphone wird zum Laufsteg, über den Personen ohne Köpfe gehen.

Zwischen den Welten

Wo allerorten gezoomt, gelikt, gechattet und gemailt wird, sind analoge und virtuelle Welten oft kaum mehr auseinanderzuklamüsern – nicht nur privat, sondern auch in der Arbeitswelt. Dass derart hybride Räume zunehmend auch die Kreativszene prägen, wissen Forschende des Leibniz-Instituts für Raumbezogene Sozialforschung. Ihr Untersuchungsobjekt: die Modebranche, die bislang als besonders analog galt, etwa, weil Modeschaffende Stoffe meist persönlich in Augenschein nehmen. Jetzt gewönnen jedoch zunehmend Plattformen wie Pinterest und Instagram an Bedeutung, erklärt der Wirtschaftsgeograf Oliver Ibert. Genutzt würden sie, um Inspiration zu gewinnen, eigene Arbeiten zu zeigen und Kontakt zu potenziellen Kundinnen und Kunden aufzunehmen. Um heraus zufinden, wie genau sich hier analoge und virtuelle Räume verbinden, analysieren der Forscher und sein Team derzeit virtuelle Profile und Interaktionen, interviewen Designerinnen und Designer. Ziel ist es, den Kreativprozess in einer Online-Offline-Gesamtschau abzubilden. Die Sphären zu trennen, beispielsweise eine Modenschau nur als Offlineveranstaltung zu verstehen, würde der Sache nicht gerecht: Vieles passiert dort heute nur noch, um es online zu teilen und zu präsentieren.

Illustration: Ein Wegweiser zeigt in zwei Richtungen, auf ihm ist eine Landschaft gezeichnet.

Worte schaffen Orte

Ortsnamen definieren Räume, markieren Territorien, produzieren Ein- und Ausschlüsse: Es ist etwas ganz anderes, von »Ostpreußen« zu sprechen als von »Regionen in Polen und Oblast Kaliningrad«. So bleiben Grund und Boden als Naturraum zwar häufig gleich, aber jeder Ortsname verbindet das Land im Lauf der Geschichte mit bestimmten, sich wandelnden Vorstellungen und Raumkonzepten. Oftmals sind diese gleichbedeutend mit Machtansprüchen, sagt Grigori Chlesberg vom Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung. Der Ortsname »Podgradowice« etwa sei in der Schreibweise zunächst verdeutscht worden zu »Pogradowitz«, in der Kaiserzeit wurde daraus »Kaisertreu« und in der NS-Zeit »Volkstreu«. Heute heißt der Ort Drzymałowo – ein Name, der auf den Kampf Polens gegen die Politik Preußens anspielt. Hier sieht man ganz deutlich, wie der Ortsname an die jeweilig herrschende Schicht angepasst wird. Grigori Chlesberg recherchiert an dem Marburger Leibniz-Institut nicht nur, welche Ortsnamen sich im heutigen Polen über einen Zeitraum von 300 Jahren mit welchem Stückchen Land verbanden, sondern auch, aus welchen Gründen sie ausgewählt oder verändert wurden. Mindestens einige von ihnen seien aufgrund der Konnotationen, die mit ihnen verbunden sind, heute mit Vorsicht zu genießen: Nicht wenige Ortsnamen, die sich auf diese Region beziehen, stammen aus der NS-Zeit – etwa »Gotenhafen« für Gdynia oder »Litzmannstadt« für Łódź. Für die Geschichtswissenschaft müssten sie erhalten bleiben. Im Alltag aber wäre es falsch, sie zu verwenden.

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