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DANIEL LIBESKIND
gehört zu den bekanntesten Architekten und Stadtplanern der Welt. Das Jüdische Museum in Berlin und das One World Trade Center in New York gehen auf Entwürfe von Libeskind zurück.

 

NOAM LIBESKIND
forscht seit 2008 in der Arbeitsgruppe Kosmologie und Großstruktur des Potsdamer Leibniz-Instituts für Astrophysik. Promoviert wurde er an der Universität von Durham. Sein Thema: die Entstehung von Satellitengalaxien und Schwarzen Löchern.

Eine Altbauwohnung im Berliner Stadtteil Charlottenburg. Im Wohnzimmer läuft Musik, Cembalo-Sonaten von Johann Sebastian Bach. Der Astrophysiker Noam Libeskind lebt hier mit seiner Familie. Gerade ist sein Vater zu Besuch, der Architekt Daniel Libeskind — ein Stopp zwischen einem Termin in Kenia und Eröffnungsfeiern in Lüneburg, Warschau und Durham. Zwischendurch kommt einer der Enkel herein. Und Nina Libeskind, die Managerin von Studio Libeskind: Noams Mutter, Daniels Frau. Bescheiden bleibt sie im Türrahmen stehen. »Du musst dich nicht verstecken, Mrs. Libeskind«, ruft der Gatte ihr zu. Doch da ist sie schon wieder weg.

LEIBNIZ Herr Libeskind, was sagen Sie, wenn Sie auf einer Dinner-Party gefragt werden, was Ihr Sohn beruflich macht?

DANIEL LIBESKIND Ich sage, er macht etwas, das Sie nicht verstehen werden. Aber ich kann erklären, worum es grob geht: um das Universum, den Kosmos.

Verstehen Sie es denn selbst?

DANIEL Machen Sie Witze? Ich verstehe, was ein siebenjähriges Kind verstehen würde.

NOAM LIBESKIND Ach, komm. Das hieße ja, dass wir Wissenschaftler einen schlechten Job machen und es nicht richtig erklären. Man kann Menschen aber sehr viel erklären, in Geschichten verpackt: Galaxien, Sterne, Umlaufbahnen.

DANIEL Als ich deine Doktorarbeit gelesen habe, dachte ich ja auch, dass ich ganz viel verstehe. Das war in den ersten drei Absätzen. Danach tauchten Formeln auf. Dann war es vorbei.

Auf den ersten Blick scheint es sehr unterschiedlich, was Sie machen: Noam, Sie arbeiten wissenschaftlich und erforschen etwas sehr Altes. Daniel, Sie arbeiten künstlerisch und schaffen etwas Neues.

NOAM Klar, Astrophysik und Architektur sind zwei völlig verschiedene Felder. Aber sie erfüllen vielleicht eine ähnliche Funktion für die Gesellschaft. Die Leute fragen uns Astrophysiker immer nach unserer Sicht auf die Welt, sie wollen etwas über die Menschheit erfahren. Mein Vater hat gerade ein Buch von mir gelesen und meinte, dass wir Astronomen mehr mit Theologie spielen als irgendwer sonst. Ähnliches gilt für die Architektur. Architekten haben Kathedralen gebaut. Dort suchen Menschen Antworten auf Fragen nach Transzendenz.

DANIEL Es geht in beiden Berufen um unseren Platz in der Welt. Noam hat in einem wissenschaftlichen Aufsatz eine Zeichnung gemacht, die unseren Standort im Kosmos zeigt: einen winzigen Punkt inmitten komplexer Linien. Das gleicht in gewisser Weise dem, was ich mache, wenn ich ein Gebäude in einer Stadt platziere. Wir arbeiten beide mit Raum und Zeit.

NOAM Und mit Licht! Wir Astronomen sind besessen vom Licht. Alles, was wir vom Universum mit seinen Milliarden Sternen und Galaxien wahrnehmen können, sind winzige Teile von Photonen. Von diesen Krümeln ausgehend müssen wir versuchen, alles zu verstehen. Und Licht ist ja auch eines der wichtigsten Elemente in einem Gebäude.

DANIEL Es ist das Schlüsselelement meiner Entwürfe.

Meine Kinder sollten ihre eigenen Träume haben.

DANIEL LIBESKIND

Mit Noam haben Sie sogar eine Leuchte entworfen. Ihre Frau Nina leitet Ihr Architekturstudio, Ihr Sohn Lev war Chef Ihres Büros in Mailand, mit Ihrer Tochter und Noam planen Sie eine Ausstellung in Schottland. Sie arbeiten gerne mit Familienmitgliedern zusammen?

DANIEL Ja, das ist im Grunde ein mittelalterliches Prinzip. Ich versuche immer, Noam davon zu überzeugen, dass er für mich arbeitet. Meine Frau habe ich mir geschnappt und ihr gesagt, dass ich ohne sie nichts hinbekomme. Sie hat ihre Karriere für unsere Sache geopfert. Zuvor hatte sie unter anderem für eine sozialdemokratische Partei in Kanada und als Gewerkschafterin gearbeitet.

NOAM Meine Eltern führen eine einzigartige Beziehung. Als wir 1989 nach Berlin zogen, weil mein Vater das Jüdische Museum bauen sollte, hatte er keine Ahnung, wie man so ein großes Projekt umsetzt. Da haben sich meine Eltern zusammengetan.

Ist die Arbeit an gemeinsamen Projekten auch eine Möglichkeit, die Familie um sich zu versammeln?

DANIEL Ich plane das nicht, es passiert einfach. Wenn du Glück hast, bist du den Menschen in deiner Familie nahe. Dann trifft man sich nicht nur zum Abendessen, sondern auch, um gemeinsam kreative Dinge zu tun.

Das dürfte aber in den wenigsten Familien der Fall sein.

DANIEL Früher war es ganz normal. Auf einem Bauernhof arbeitete die ganze Familie zusammen. Heute ist es ein Glück, wenn man Arbeit und Familie verbinden kann.

Noam, haben Sie je daran gedacht, Architekt zu werden?

NOAM Nein, nicht wirklich. Auch wenn ich im Büro meines Vaters aufgewachsen bin. Und ich habe eine architektonische Erziehung genossen: Wir sind in erster Linie in den Urlaub gefahren, um Gebäude anzusehen. Als Kind habe ich das gehasst, aber im Nachhinein war es fantastisch. Wir haben tolle Bauten gesehen und gelernt, sie wertzuschätzen. Mich hat immer der mathematische Aspekt von Architektur interessiert. Mein Vater hat mit dem Ingenieur Cecil Balmond zusammengearbeitet. Er hat mich mit seinem Interesse für Mathematik angesteckt. Da war ich 14 Jahre alt.

Für mich ist er in erster Linie mein Vater.

NOAM LIBESKIND

Ist es eher Bürde oder Privileg, einen berühmten Vater zu haben?

NOAM Ich höre diese Frage oft. Ich bin sehr stolz auf meinen Vater und das, was er erreicht hat, als Bürde habe ich es nie empfunden. Für mich ist er in erster Linie mein Vater.

Haben Sie sich mit ihm gemessen, gab es Konkurrenz?

NOAM Nein. Ich habe inzwischen selbst zwei Söhne. Ich glaube, sie konkurrieren miteinander, aber nicht mit mir. Ich bin eher der Schiedsrichter.

DANIEL Es hilft natürlich, dass wir in unterschiedlichen Bereichen arbeiten. Ich kann nur davon träumen, Noams mathematische Fähigkeiten zu besitzen. Das ist ein Talent, mit dem man geboren sein muss.

Sie sind ganz anders aufgewachsen als Ihre Kinder, in großer Armut.

DANIEL Ich war der erste in meiner Familie, der eine akademische Bildung erhielt. Meine Eltern waren Arbeiter in einer Fabrik. Sie gehörten der Holocaust-Generation an.

NOAM Es ist Wahnsinn, was sich innerhalb einer Generation verändert hat. Meine Frau bekam, als unsere Kinder hier in Deutschland geboren wurden, Bluttests und Ultraschalluntersuchungen. Mein Vater wurde in einem Flüchtlingscamp geboren.

DANIEL Es war ein Asyl für Obdachlose. Meine Eltern waren gerade dort angekommen, nach ihrer Zeit im sibirischen Gulag. Sie haben neun Monate gebraucht, um nach Polen zurückzukehren. An dem Tag, an dem sie ankamen, wurde ich geboren. Meine Mutter besaß noch nicht mal Schuhe.

Als Jugendlicher kamen Sie nach Israel und lebten zwei Jahre in einem Kibbuz, wo Sie in einem Schlafsaal übernachteten, wie es damals in vielen Kibbuzim üblich war.

DANIEL Das war meine einzige Erfahrung mit dem Kommunismus und sie war furchtbar. Ich wurde von meinen Eltern getrennt und mit anderen Kindern meines Alters zusammengesteckt. Was für eine verrückte Idee! Seitdem habe ich eine Allergie gegen Ideologien und »-ismen« jeder Art.

Hat das die Erziehung Ihrer Kinder beeinflusst?

DANIEL Ich wollte nie, dass sie Teil eines Kollektivs sind. Sie sollten Individuen sein, mit ihren eigenen Träumen. Und sie sollten unabhängig werden; vielleicht auch durch liebevolle Vernachlässigung. Meine Eltern waren auch etwas nachlässig mit mir. Im Nachhinein hat mir das nicht geschadet.

NOAM Als Elternteil sucht man ja immer nach dem richtigen Maß. Man will nicht zu viel Druck erzeugen, aber auch nicht zu wenig. Will sich nicht zu viel einmischen, aber auch nicht zu wenig.

DANIEL Mit anderen Worten: Die Welt geht an zwei Dingen zugrunde — Ordnung und Unordnung.

Der Einsteinturm in Potsdam.
Das Jüdische Museum in Berlin.

Sie haben das Nomadentum als Erwachsener fortgeführt und an Ihre Kinder weitergegeben. Noam, Sie sind unter anderem in Detroit, Toronto, Helsinki, Mailand und Berlin aufgewachsen. Wie hat Sie das geprägt?

NOAM Als Kind war das für mich ganz normal. Es war keine große Sache: Okay, wir ziehen um. Gerade als ich älter wurde, fand ich es sogar ziemlich cool. Niemand weiß etwas über dich und du kannst dich neu erfinden. Als ich kleiner war, acht oder neun Jahre alt, fand ich es aber schwierig. Du musst neue Freunde finden, eine neue Sprache lernen.

DANIEL Wir sind 18-mal mit den Kindern umgezogen, manchmal über den Atlantik. Das ist schon verrückt. Wenn meine Kinder das mit meinen Enkeln machen würden, würde ich ihnen vorwerfen, sie seien verantwortungslos.

Sehen Sie sich als dauerhafte Immigranten oder eher als Weltbürger?

NOAM Ich fühle mich an vielen Orten auf der Welt wohl und an anderen weniger.

DANIEL Ich denke, die Vorstellung von einem Boden, zu dem man gehört, ist trügerisch. Wir sind alle Gäste in einem gigantischen Hotel. Ich arbeite überall auf der Welt. Und überall haben die Menschen dieselben Wünsche: Sie wollen ein Zuhause, Ruhe, Blumen, gute Luft. Und sie wollen, dass ihre Kinder in einer egalitären Gesellschaft aufwachsen. All die Diskussionen darüber, wer Immigrant ist oder wer Flüchtling, sind doch eigentlich Nonsens.

Sie haben sich beide gegen das Einreiseverbot des US-Präsidenten Donald Trump für Menschen aus muslimisch geprägten Ländern ausgesprochen.

DANIEL Natürlich! In meinem Büro arbeiten Menschen aus Saudi-Arabien, aus der Türkei, aus Jordanien und den palästinensischen Gebieten. Kreativität braucht keine Visa. Dieses Gesetz ist unumwundene Diskriminierung.

NOAM Die Politik dieser Regierung bekämpft alles, wofür Wissenschaft steht. Wissenschaft schreitet nur voran, wenn man zusammenarbeitet. Die Regierung versucht die Brücken, die die Wissenschaft geschlagen hat, einzureißen.

Reden Sie zuhause viel über Politik?

DANIEL Natürlich. Meiner Frau fließt Politik in den Adern, sie kommt aus einer politischen Familie.

NOAM Und meine Frau arbeitet in der Politik, als Referentin.

Ist Familie in diesen politisch turbulenten Zeiten eine Zuflucht?

DANIEL Auf jeden Fall. Es ist ein Glück, eine Familie zu haben, in der man sich nah ist. Obwohl Familien natürlich nie perfekt sind.

NOAM Wenn man in politischer Hinsicht völlig deprimiert ist, ist es schön, sein Kind in den Arm zu nehmen. Aber es ist auch erschreckend, wenn ich darüber nachdenke, welche Welt die Kinder von uns erben könnten. Mein Vater ist da optimistischer als ich.

DANIEL Du bist eben ein Wissenschaftler und musst der Logik folgen.

Noam Libeskinds Wohnung in Charlottenburg.
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