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Eines der ältesten bekannten psychologischen Phänomene ist die Assoziation, die Annahme, dass im Gehirn elementare Wahrnehmungen miteinander verknüpft werden können. Wenn ich das Wort »Museum« höre, sehe ich vor mir das Eingangsportal des Museums für Naturkunde in der Invalidenstraße. Es ist für mich gewissermaßen das Museum schlechthin. Seit über 40 Jahren bin ich immer wieder hier, von meiner frühen Kindheit an bis heute. Und ich habe nicht die Absicht, daran etwas zu ändern.

Zum Tierpark musste ich meine Eltern überreden, meine Mutter konnte ich manchmal beschwatzen, mit mir auf den Weihnachtsmarkt zu gehen, für den Rummel gaben sie mir höchstens Geld. Aber Museumsbesuche waren in meiner Familie Selbstverständlichkeiten, so wie Spaziergänge. Und wo sollte man schon hingehen, wenn das Kind noch zu klein für das viele Öl der alten Meister ist? Wir gingen ins Naturkundemuseum. Dramaturgisch eigentlich ungeschickt sieht man seine größte Attraktion schon beim Anstehen an der Kasse: Das große Brachiosaurus-Skelett zieht die faszinierten Blicke aller Besucher auf sich, auch wenn es durch neue Forschungsergebnisse seit 2009 als Skelett eines Giraffatitan zu bezeichnen ist. Doch eher werden die Berliner die neuerdings wieder in der Invalidenstraße fahrende Straßenbahn als »Tram« bezeichnen, als sich den neuen Namen für ihren Brachiosaurus zu merken.

Neue Museumskonzepte haben in den vergangenen 20 Jahren häufig zu nichts anderem geführt, als um jeden Preis Bildschirme in die Ausstellungshallen gestellt wurden. Vermutlich soll damit die Attraktivität für jüngere Besucher erhöht werden. Das gelingt auch insofern, als diese sich emsig um die Bildschirmangebote scharen und intensiv die daneben angebrachten Knöpfe bearbeiten, während die Eltern ihnen mühsam zu erklären versuchen, welchen Erkenntnisgewinn der Nachwuchs hier eigentlich gerade erzielen sollte. Den so angesprochenen Kindern sind diese Ziele völlig schnuppe, sie gehen einfach an allem vorbei zu den ihnen wohlvertrauten Bildschirmen und lassen sich dadurch weniger auf das Museum und seine Exponate ein. Als Vater weiß ich das nur zu gut.

Umso erstaunlicher war es darum für mich, ausgerechnet in meinem alten Naturkundemuseum zu sehen, wie der Einsatz moderner Medien tatsächlich zu einer verbesserten Würdigung eines Museums und seiner Exponate führen kann. Durch »Juraskope« genannte Geräte kann man die Saurierskelette gewissermaßen lebendig werden und durch ihre damalige Welt laufen sehen. Das ist ein besonderer Spaß, für den nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene gern anstehen, ich zum Beispiel. So bestaunt man im Sauriersaal, der irgendwie anders heißt (siehe »Tram«), ausgiebig die Skelette und wartet, bis man sich daran sattgesehen hat. Bei manchen Besuchern kommt dieser Moment nie, andere können ihre Beine auf dem wundervollen runden Liegesofa ausruhen, auf dem man so schön nach oben in die Weltrauminstallation blicken und sich gleichzeitig fragen kann, warum es denn nur in diesem Museum ein so schönes Sofa zum Nach-oben-Gucken gibt, während man sich in der Sixtinischen Kapelle die Halswirbelsäule verrenken muss. Und Halswirbelsäulen aller möglichen Arten kann man gleich anschließend in der großen Präparatesammlung »Evolution in Aktion« bestaunen (Säugetiere haben übrigens immer sieben Halswirbel).

Das Naturkundemuseum ist einfach ein Ort, an dem ich mich wohlfühle. Sehr viele Exponate haben ausführliche Betrachtungen verdient. Es mag schwer sein, von den Berlinern als waschechter Berliner akzeptiert zu sein, aber hier kann man gleich zwei Exemplare bewundern, die vermutlich sogar Ehrenbürger der Stadt geworden wären, wenn sie nicht das Pech gehabt hätten, ein Eisbär und ein Gorilla zu sein. Und es gibt wohl so wie mich auch kaum einen anderen kindlichen Besucher des Museums, dessen Vorstellung der Insektenwelt nicht für alle Zeiten von den Insektenmodellen Alfred Kellers geprägt bleiben.
 

Das Museum und ich sind gemeinsam groß geworden.

Jakob Hein

Als Kind habe ich die Exponate bestaunt, erst später habe ich die Architektur des Museums wahrgenommen. Immer wieder tauchen geheimnisvolle Türen auf, die in die inneren Räume der wissenschaftlichen Einrichtung führen, die dieses Museum ja auch ist. Diese Türen faszinieren mich und doch lege ich es nicht darauf an, sie zu durchschreiten. Als kleiner Junge stellte ich mir dahinter eine Art bunten Zoo vor, in dem Schmetterlinge zwischen Löwen und Fossilien umherfliegen, gejagt von Biologinnen im Tropenhelm, die dann ihre fangfrische Beute den talentierten Präparatoren auf den Tisch legen, damit bald wieder neue Ausstellungsstücke in die Vitrinen kommen, die mich naheliegend an solche in Fleischhandlungen erinnerten. Es ist mir schon klar, dass es nicht so sein wird, sondern viel staubtrockener und zahmer, gerade deshalb ist es in Ordnung, wenn die Türen das Geheimnis dieser Seite hinter sich bewahren.

Das Museum und ich sind gemeinsam groß geworden. So kann ich mich voll überschwänglichem Stolz darüber freuen, dass das Naturkundemuseum seine Türen auch für Kulturveranstaltungen öffnet. Denn so grummelig die Stadt oft tut, so sind doch die meisten offen und zugänglich für gute Ideen. Und es gibt nichts Schöneres, als Jonathan Franzen über seine große Liebe zu den Vögeln ausgerechnet im Naturkundemuseum sprechen zu hören. Und während ich früher die Dioramen einfach nur langweilig fand, liebe ich sie heute besonders, denke über die Freude des Menschen an der gezähmten Wildheit und über die Vermenschlichung von Tieren in unserer Wahrnehmung nach, während meine Kinder mich genervt dazu auffordern, doch endlich schneller durch diese Räume zu gehen. Und ich freue mich schon auf die Zeit, wenn sich mir die Schönheit der Mineralien erschließen wird. Man muss geduldig sein, auch mit sich selbst.

Das Museum für Naturkunde Berlin beherbergt die größte naturkundliche Sammlung Deutschlands – über 30 Mio. Objekte aus der Zeit des Ursprungs des Sonnensystems vor mehr als 4,5 Milliarden Jahren bis heute.

In meiner Jugend ging ich nur noch selten in Museen, zwischen all den Konzerten, Diskos und Partys war dafür einfach keine Zeit. Aber das Naturkundemuseum begegnete mir bald wieder, denn ich studierte Medizin in der Charité, gleich um die Ecke und so führte mich mein allmorgendlicher Weg daran vorbei. Wenn es ging, besuchten wir lieber die Mensa hinter dem Naturkundemuseum. Der von uns wegen der Nähe und Nutzung der landwirtschaftlichen Fakultät despektierlich »Bauernmensa« genannte Ort war gemütlicher als die riesige Mensa Nord, in der sich die Mediziner und Tiermediziner mit ekelhaften Geschichten zu übertreffen versuchten. Gern würde ich hier außerdem mitteilen, dass mir als großem Freund der Modelle und Präparate die Anatomie besonders leichtgefallen wäre. Aber das wäre leider eine Verzerrung der Fakten. Sagen wir es so: Ohne meine anatomische Grundbildung wäre ich ganz bestimmt durchgefallen.

Seit ich das Glück habe, Vater sein zu dürfen, gehen wir selbstverständlich wieder ins Naturkundemuseum. Die Kinder brauchen mich nicht dazu überreden, auch wenn ich den Museumsshop fürchte. So wie mir meine Eltern damals das Geschenk machten, Schönheit und Wert von Museumsbesuchen als Teils meines Lebens kennenlernen zu dürfen, möchte ich dieses Geschenk an meine Kinder weitergeben. Freunde fragen uns oft, was wir denn auf Städtereisen nach Paris, London, Wien oder Madrid machen würden, »mit Kindern«. Ich antworte dann, dass wir auch in die Schwimmhalle, den »Parc Asterix« oder den »Prater« gehen würden, aber selbstverständlich auch und ganz viel in Museen. »Mit den Kindern?«, fragen dann diese Freunde erstaunt. Aber natürlich mit den Kindern, denke ich dann. Mit wem denn sonst? Es gibt Museen, in die wir die Kinder nur mitschleppen, aber wenn es in das »Naturhistorische Museum« oder das »Muséum national d’histoire naturelle« geht, dann haben wir nie Probleme, sie für einen Besuch zu motivieren.

Einmal, als wir in unserem lauten Hotel in London alle schlecht geschlafen hatten, wollten wir Eltern das »Museum of Natural History« rasch verlassen. »Aber nein«, sagte unser Jüngster bestimmt, »wir müssen noch zu den Planeten.« Dann zwang er uns alle, noch die letzte Etage zu bestaunen und besonders meine Laune besserte sich aus Stolz über meinen jungen Museumsprofi. In dem Moment war ich bester Hoffnung, dass dieser gute Wunsch, den ich für ihn habe, in Erfüllung gegangen sein könnte. Und ich empfinde dafür Dankbarkeit gegenüber der Institution, deren Eingangsportal das unwillkürlich Erste ist, das ich beim Klang des Wortes »Museum« sehe.

JAKOB HEIN

ist Schriftsteller und arbeitet als Arzt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Mit einem Jahr kam er ins damalige Ost-Berlin — und seither immer wieder ins Naturkundemuseum, das Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung.

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