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Wie hat die Corona-Pandemie weltweit das Lehren, Lernen und Leben an Universitäten verändert – und was davon bleibt? Wir haben an vier Universitäten nachgefragt. Dieses Mal antwortet Tan Eng Chye. Er ist Präsident der National University of Singapore und Mitglied des Global Learning Councils.

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LEIBNIZ Herr Tan Eng Chye, was hat sich für Ihre Hochschule als größte Herausforderung bei der Umstellung auf digitales Lehren und Lernen erwiesen?

TAN ENG CHYE Obwohl Covid-19 ein unglaublich zerstörerisches Phänomen ist und eine existentielle Bedrohung für viele Unternehmen und Hochschuleinrichtungen darstellt, hat es sich zugleich als Treiber für Veränderung erwiesen. Denn der Unterricht, die Beurteilung von Studienleistungen und sogar die Interaktion zwischen Lehrenden und Studierenden mussten ins Digitale verlegt werden! Seit Februar, März 2020 hat sich unsere Universität auf Onlineprüfungen vorbereitet, um sicherzustellen, dass die Studierenden authentische Prüfungen ablegen können, mit möglichst wenig Aufwand und so verlässlich wie möglich. Glücklicherweise haben wir das auch geschafft – bei nur wenigen Täuschungsversuchen und Schummeleien. Neben Prüfungen haben wir seitdem hybrides Lernen und Online-Lernformate erfolgreich praktiziert. Wenn Covid-19 sich zu einer Endemie entwickelt, wird die größte Herausforderung darin bestehen, ein nachhaltiges Modell für digitales Lehren und Lernen im richtigen Maßstab zu entwickeln. Für die erfolgreiche Digitalisierung von Bildung werden unsere Professor:innen innovative Lehrmethoden entwerfen müssen, die unsere Studierenden aktiver und in Teamarbeit miteinbeziehen. Sie müssen sich wesentliche Kompetenzen erarbeiten und Beurteilungsstrategien neu durchdenken – und unsere Studierenden müssen neue Fähigkeiten im Online-Lernen entwickeln.

Welche Unterstützung für digitales Lehren und Lernen wünschen Sie sich in Zukunft an Ihrer Institution?

Wir bekommen bereits viel Unterstützung für digitales Lehren und Lernen, aber wir werden uns weiterhin verbessern und innovativ sein: Wir wollen sicherstellen, dass es eine angemessene physische und digitale Infrastruktur an Plattformen und Tools gibt. Wir wollen unsere Professor:innen dabei unterstützen, sich an die digitale Lehre anzupassen und unseren Studierenden helfen, ohne Angst mit Online-Lernformaten umzugehen. Wichtig ist nicht nur die interne Zusammenarbeit von Lerndesign und Bildungstechnologie, sondern wir erhoffen uns auch externe Partnerschaften mit privatwirtschaftlichen Unternehmen, die uns in der Entwicklung von E-Learning unterstützen können. Außerdem wollen wir Forschung und die Evaluierung von Instrumenten zur Qualitätsverbesserung der Lehre und des Lernens durchführen. Professor:innen sollen so das Lernverhalten von Studierenden besser einschätzen und mögliche Probleme erkennen können. Für unsere Institution wird es damit leichter, die Leistungen und Ziele der Studierenden einzuschätzen. Den Studierenden selbst wollen wir damit die Möglichkeit geben, sich über ihr eigenes Lernverhalten bewusst zu werden.

Was können Sie anderen über digitales Lehren und Lernen vermitteln, welchen Rat möchten Sie geben?

Nutzen Sie diese Gelegenheit, um die Stabilität des Lehrens und Lernens in ihren Häusern auszubauen, sich auf Gesundheitsnotfälle, Pandemien und andere Ausnahmesituationen in der Zukunft vorzubereiten – und auf diese reagieren zu können. Das kann nur erreicht werden, indem man alle Hebel in Bewegung setzt, um Lehrenden mehr technische Unterstützung zu bieten. Nur so können Sie Lernumgebungen schaffen, die den unterschiedlichen Lernstilen der Studierenden gerecht werden und Lernaktivitäten ermöglichen, die die Selbstreflexion und Resilienz der Studierenden fördern. Vergessen Sie dabei aber auch nicht die menschliche Komponente! Natürlich schätzen die Studierenden und Lehrenden unsere Bemühungen, die Qualität in der Bildung in diesen herausfordernden Zeiten sicherzustellen. Mindestens genauso wichtig sind aber unsere Versuche, mit ihnen in Kontakt zu treten, emotionale Unterstützung zu bieten und die Universität zu einem Ort zu machen, an dem vielfältige und sinnvolle zwischenmenschliche Begegnung stattfinden kann.

Der Global Learning Council (GLC) ist eine virtuelle Organisation, die Vordenker für den effektiven Einsatz von Technologie zusammenbringt, um den Zugang zu Bildung zu ermöglichen und Lernergebnisse weltweit zu verbessern. Der GLC wurde 2013 gegründet und bietet eine Plattform, um Führungskräften, Organisator:innen und Innovator:innen aus der Wissenschaft, der Industrie und dem Non-Profit-Sektor zu verbinden, um kooperative Prozesse zu fördern und innovative Strategien für digitales Lernen voranzutreiben.

Leibniz-Präsident Matthias Kleiner ist Vorsitzender des GLC. Die GLC-Geschäftsstelle hat ihren Sitz im Haus der Leibniz-Gemeinschaft.

Wie haben Bildungseinrichtungen weltweit auf die Pandemie reagiert? – Ein Interview mit Friedrich W. Hesse, dem Co-Vorsitzenden des GLC und der Projektmanagerin Anne Leiser, die eine Studie zur pandemiebedingten Digitalisierung durchgeführt haben, finden Sie hier!

Bildung · Digitalisierung · Gesellschaft · Technologien · Coronavirus

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