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LEA WERNER-JONES
ist Schülerin und besucht in München die 11. Klasse des Adolf-Weber-Gymnasiums.

KEVIN MILLER
ist Schüler der 12. Klasse des Clara-Schumann-Gymnasiums Lahr und Mitglied im Landesschülerbeirat Baden-Württemberg.

LEIBNIZ Man weiß erst, was man hatte, wenn es verloren ist, sagt man so schön. Das Klassenzimmer war für die Schülerinnen und Schüler in Deutschland zumindest an Schultagen der Ort, an dem sie die meiste Zeit verbrachten. Dann kamen die Lockdowns und es war nicht mehr zugänglich. Lea und Kevin, was am Klassenraum hat Euch gefehlt, was ist für Euch unersetzbar?

LEA WERNER-JONES Ganz am Anfang war da dieses bedrückende Gefühl, auf mich allein gestellt zu sein. Als ich das erste Mal vor dem Laptop saß, war zumindest ich ganz schön überfordert. So viele Internetseiten, so viele Portale. Gefühlt für jedes Fach ein anderes. Aber anders als in der Klasse saß niemand neben mir, den ich kurz fragen konnte: Hey, ich bin rausgeflogen wegen des Internets, wie komme ich wieder rein? Welchen Benutzernamen muss ich hier nochmal zur Anmeldung eingeben? War man einmal kurz unaufmerksam, konnte man leichter den Anschluss verlieren.

KEVIN MILLER Den Anschluss verlieren – das konnte man auch an den schulischen Leistungen beobachten, so mein Eindruck. Viele Schülerinnen und Schüler, die auch sonst nur Einsen und Zweien haben, festigten oder verbesserten ihre Noten während des Lockdowns zwar noch. Wer aber ohnehin schon viele Vieren und Fünfen hatte, geriet oft noch mehr ins Abseits. Das hat sicher auch mit der Situation zu Hause zu tun: Wenn man in seinem Zimmer sitzt und von Büchern, PC, Smartphone oder Sammelalben umgeben ist, ist eine Ablenkung wahrscheinlicher. Die guten Schülerinnen und Schüler haben da eher eine gewisse Selbstdisziplin. Ich denke, das hängt auch mit dem sozialen Hintergrund und dem Bildungshintergrund der Eltern zusammen.

Ein Mädchen liegt auf dem Fußboden, vor ihr liegen Ordner.
Foto ANNETTE HAUSCHILD

Herr Köller, Sie sind Direktor des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik. Was sagt die Forschung zu Leas und Kevins Eindrücken?

OLAF KÖLLER Es gibt bislang vor allem Daten zu Mathematik und Deutsch. In Deutsch, insbesondere beim Lesen, sind die Schülerinnen und Schüler durch die Pandemie demnach etwas ins Hintertreffen geraten. Leider hat sich tatsächlich gezeigt, dass diejenigen, die schon vor der Pandemie schwach waren, durchschnittlich auch mehr Probleme im Lockdown hatten, da hast du also vollkommen Recht, Kevin. Die soziale Herkunft hat nach bisherigen Erkenntnissen vor allem bei jüngeren Schülerinnen und Schülern eine Rolle gespielt: Kinder in Grundschulen und aus den frühen Jahrgängen der weiterführenden Schulen, die aus bildungsfernen Familien stammen, haben sich im Durchschnitt eher verschlechtert als Kinder aus bildungsnahen Familien. Die Unterschiede sind nicht riesig, aber sie sind existent. Bei älteren Kindern spielt die soziale Herkunft hingegen nur eine geringe Rolle.

Was traten noch für Schwierigkeiten auf? In welchen Bereichen ergaben sich weitere Unterschiede?

KÖLLER Bei der technischen Infrastruktur, hier sind manche ländlichen Regionen im Nachteil: Es ist leider ein beträchtlicher Unterschied, ob man in Stuttgart, München oder Berlin sitzt – oder in einem kleinen Ort auf dem Land, zum Beispiel in Brandenburg. Dort ist die Internetverbindung so instabil, dass Unterricht über eine Videoplattform kaum flüssig möglich ist. In Bezug auf die Technik gab es auch eine Kluft zwischen Grundschulen und weiterführenden Schulen: Die Grundschulen waren deutlich schlechter aufgestellt. Das liegt natürlich auch an der Art des Unterrichts, an den didaktischen Konzepten: Im Grundschulalter lebt der Unterricht mehr von der Interaktion zwischen Lehrkraft und Lernenden, man macht im Klassenzimmer Stations- und Gruppenarbeit.

OLAF KÖLLER
ist Wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik an der Universität Kiel.

DANIELA KURZ
ist didaktische Leiterin der Stadtteilschule Blankenese in Hamburg.

Die Beziehung muss aufrechterhalten bleiben. In manchen Fällen ging das nur vor Ort.

DANIELA KURZ

Frau Kurz, als didaktische Leiterin der Stadtteilschule Blankenese in Hamburg standen Sie hinsichtlich der Umstellung des Unterrichts in engem Kontakt mit Ihrem Kollegium, außerdem unterrichten Sie selbst eine Klasse. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

DANIELA KURZ Um noch einmal auf den sozialen Hintergrund zurückzukommen, der angesprochen wurde. Gerade bei ihm ist es schwierig, allgemeine Aussagen zu treffen. Wie Herr Köller sagte, die Umfragen liefern eben Durchschnittswerte. Wir haben aber eine sehr gemischte Schülerschaft, und das bezieht sich nicht nur auf den sozialen Hintergrund. 

Dazu muss man wissen: In Hamburg gibt es keine Haupt- und Realschulen mehr, sondern sogenannte Stadtteilschulen, an denen man auch Abitur machen kann. Daher kommen hier Schülerinnen und Schüler zusammen, die alle möglichen Arten von Abschlüssen anstreben.

KURZ Genau. Und in manchen Fällen sehen wir natürlich auch, dass das Elternhaus eine Rolle spielt. Wir Lehrkräfte haben uns deshalb kurz nach Beginn des zweiten Lockdowns mit unseren Sonderschullehrkräften und dem Beratungsdienst zusammengesetzt und einige Schülerinnen und Schüler ausgemacht, bei denen wir glaubten, dass sie eine Präsenzbetreuung brauchen. Manche kamen auch selbst auf uns zu und sagten: Mein Rhythmus ist komplett durcheinander: Ich schlafe spätabends ein, morgens sind meine Eltern schon auf der Arbeit. Sie alle wurden während des Lockdowns in kleinen Gruppen in der Schule unterrichtet. Das war aufwändig, aber es hat sich gelohnt. Wir haben schon früh gemerkt: Die Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern muss aufrechterhalten bleiben. Und in manchen Fällen ging das nur mit einer Präsenzbetreuung vor Ort.

Handy mit laufender Video-Konferenz auf einem Schreibtisch.
Fotos ANJA LEHMANN/OSTKREUZ
Ein Mädchen macht Gymnastik, sie ist halb durch eine Tür zu sehen.

Wer sowieso schon wenig motiviert ist, konnte im Lockdown leichter abtauchen.

LEA WERNER-JONES

Die Pandemie scheint noch einmal deutlich gemacht zu haben, wie wichtig der Kontakt im Klassenzimmer für die Beziehung von Lehrenden und Lernenden und für das Lernen insgesamt ist. Im Lockdown hat er gefehlt.

LEA Ich glaube, das »Irgendwie-Unauffällig-Durchkommen« wurde viel leichter. Denn im Lockdown fehlte genau dieser direkte Kontakt, dem man sonst ja nicht ausweichen kann. Dass ein Lehrer vor einem steht und fragt: Was sagst Du zu dem Thema? Oder sagt: Bitte zeig mir Deine Aufgabe. Wer sowieso schon wenig motiviert ist, der konnte im Lockdown leichter abtauchen. Das lag auch daran, dass von Seiten vieler Lehrerinnen und Lehrer nur wenig korrigiert und zurückgemeldet wurde. Ich verstehe das, es war einfach viel zu viel, um alles zu bearbeiten und zurückzuspielen. Aber das war der Grund, warum manche durchs Netz gefallen sind.

KÖLLER Der direkte Kontakt hat aber nicht nur in Bezug auf das Lernen des Stoffes gefehlt. Auch die sozialen Interaktionen der Schülerinnen und Schüler untereinander kann man nicht einfach durch Social Media ersetzen. Das hatte Folgen: Die Häufigkeit psychosomatischer und psychischer Auffälligkeiten wie Konzentrationsschwierigkeiten, Angststörungen und Hyperaktivität ist deutlich gestiegen, wie wir und auch andere Forschungsgruppen beobachten konnten.

KEVIN Tatsächlich hat die Klassengemeinschaft während des Lockdowns gefehlt. Wer schon vorher sozial aktiv war und große Cliquen um sich hatte, hat auch während des Lockdowns Möglichkeiten gefunden, sich zu treffen. Ob das immer so konform mit den Coronaregeln war, wage ich mal zu bezweifeln. Andere jedoch, die ein eher kleines soziales Netzwerk haben und nur durch den Alltag im Klassenzimmer von Partys und anderen Treffen hörten – das waren nun die ersten, die rausfielen.

LEA Das habe ich auch so beobachtet. Der Klassenraum ist eine im positiven Sinne erzwungene Gemeinschaft. Selbst wenn man sich nicht gerne mit anderen trifft, tut man in der Schule genau das: Man sitzt morgens im Klassenraum, hat viele Leute um sich, versucht, in der Gruppe seine Stimme zu finden und sozial zu interagieren. Im Lockdown fiel das alles weg. Wenn du keine Kontakte haben wolltest, dann hattest du sie auch nicht. Aber nicht nur diese große Gemeinschaft, die alle irgendwie einschließt, hat gefehlt. Auch die kleinen Dinge, die in der Schule so viel Spaß machen, habe ich vermisst.

Zwei Jungen sitzen mit Schulheften auf dem Fußboden vor dem laufenden Fernseher, Angela Merkel zeigt.
Foto SYBILLE FENDT/OSTKREUZ

Was genau meinst Du?

LEA Zum Beispiel die kurzen, lustigen Kommentare der anderen während des Unterrichts, witzige Situationen in den Pausen oder einfach, dass man doch mal mit dem Sitznachbarn redet. All das ging im Digitalen verloren.

KURZ Man hat bei der Rückkehr der Schülerinnen und Schüler in die Schule gemerkt, wie sehr ihnen diese kleinen Dinge und Begegnungen gefehlt haben. Leider sind etwa Berührungen, Umarmungen und Händeschütteln weiterhin nur eingeschränkt möglich. Bei jedem Bundesliga-Fußballspiel fallen sich die Spieler in die Arme, aber ich ermahne auf dem Schulhof, dass man das nach Möglichkeit vermeiden soll. Das schmerzt mich.

Wie schwer ist Dir die Rückkehr ins Klassenzimmer gefallen, Lea?

LEA Bei uns war sie schon komisch. Am ersten Tag saßen wir alle seltsam eingeschüchtert da. In Physik wurde eine extrem einfache Aufgabe gestellt, jeder wusste die Antwort – aber keiner hat sich gemeldet. Ich glaube, die meisten von uns hat es regelrecht in Panik versetzt, plötzlich vor so vielen Menschen im gleichen Raum etwas sagen zu müssen. Aber das hat sich zum Glück sehr schnell gegeben, schon in der nächsten Unterrichtsstunde waren alle etwas lockerer.

KÖLLER Ein Stück weit ist das auch auf tiefer sitzende Probleme übertragbar, die sich während der Pandemie entwickelt haben. Ich denke da zum Beispiel an längere depressive Episoden oder Lernstörungen. Wir haben die Effekte von Schulschließungen schon vor Corona untersucht, in Erdbebengebieten. Die Schülerinnen und Schüler konnten dort monatelang nicht in die Schule gehen, oft hatten sie auch noch Angehörige verloren. Und selbst in solchen Fällen beobachten wir, dass drei, vier Jahre später vieles wieder weggeräumt ist – im wortwörtlichen Sinne, aber auch psychologisch. Menschen haben eine erstaunliche Widerstandskraft gegen Krisen, auch Resilienz genannt. Bei den allermeisten schleichen sich die psychosozialen Probleme wieder aus. Aber was wichtig ist: Da hilft kein Druck, und es dauert.

Die Offenheit für neue Ideen sollte unbedingt beibehalten werden!

KEVIN MILLER

Für die Lehrkräfte gab es einen Riesenschub durch die digitalen Medien!

OLAF KÖLLER

KURZ Das ist der entscheidende Punkt: Es braucht Zeit. Deshalb ärgert mich die aktuelle gesamtgesellschaftliche Diskussion auch in mancherlei Hinsicht: Einerseits stellen wir fest, dass wir uns um die Kinder und Jugendlichen kümmern müssen. Andererseits fällt uns dazu nur ein: Wir brauchen Lernferien und Lernprogramme, müssen schnell alles aufholen, die Defizite abbauen! Ich finde, die Schülerinnen und Schüler haben diese wahnsinnig schwierige Zeit zu großen Teilen gut gemeistert. Und sie dürfen nun, da sie zurück in die Schule kommen, nicht damit empfangen werden, als erstes ihre vermeintlichen oder tatsächlichen Defizite aufholen zu müssen. Ich glaube, aus dieser gefühlten Spirale des Hinten-Dran-Seins müssen wir raus – das belastet die Schülerinnen und Schüler enorm. Sie haben das Gefühl, gar nicht Luft holen zu können.

KÖLLER Leider zeigen neue Daten, die wir aus gezielten, repräsentativen Befragungen von Lehrenden gewonnen haben, dass man sich die notwendige Zeit meist nicht nimmt: Die Lehrerinnen und Lehrer gehen offenbar gar nicht davon aus, dass ihre Schülerinnen und Schüler Defizite haben. Sie machen einfach weiter mit dem Stoff des neuen Schuljahrs, als wäre alles wie immer. Die Schülerinnen und Schüler finden aber oft nicht den Anschluss. Natürlich sollte man sich auch darauf konzentrieren, die Rückstände aufzuholen, die ja oft zu bereits bestehenden Rückständen hinzugekommen sind. Allein wenn wir uns viele Kinder mit Migrationshintergrund anschauen, da war der Stand schon vor der Pandemie alarmierend und hat sich jetzt noch verschärft: Zurzeit kommt jeder zweite Jugendliche mit Migrationshintergrund nicht in eine Ausbildung, weil sie oder er nicht vernünftig lesen, schreiben und rechnen kann. Jeder zweite!

KURZ Ja, es ist entscheidend, dass die Jugendlichen auf ihr späteres Leben vorbereitet werden, etwa auf eine Ausbildung. Aber mit welchen Mitteln erreichen wir das? Mit additiven Angeboten wie zusätzlichen Nachmittagsstunden oder Lernferien? Aus der Praxis weiß ich: Von einer zusätzlichen Lehrkraft profitieren die Schülerinnen und Schüler nur bedingt. Wäre es nicht sinnvoller, Schlüsselkompetenzen wie Lesen, Schreiben und Rechnen in alle Fächer zu übertragen? Kurz: integratives statt additives Lernen? Hier braucht es neue Ideen.

Mädchen sitzt mit Laptop und Kopfhörern auf einem begrünten Stadtbalkon.
Foto ANJA LEHMANN

In unserer Gesellschaft wird endlich wieder mehr über die Schulen gesprochen.

DANIELA KURZ

 

Das ist ein gutes Stichwort, denn einige neue Ideen gab es ja auch in den zurückliegenden Coronajahren. Was nehmen wir davon mit in die Normalität?

KEVIN Ich glaube, die Offenheit für neue Ideen war und ist noch recht groß. Sie sollte unbedingt beibehalten werden! Frau Kurz, Sie haben integrativen Unterricht angesprochen. Wie wäre es, etwa eine Rakete vom Schulhof aus zu starten? Dabei könnte man viele Fächer integrieren: Physik, Mathematik, Werken, Kunst, Englisch. Über solche Ideen sollte man zumindest reden.

KÖLLER Die Pandemie hat auch für die Lehrerfortbildung eine Menge gebracht! Diese elendige Fahrerei, wenn man für einen Unterrichtsbesuch oder einen Workshop drei, vier Stunden im Auto sitzt – sie entfällt jetzt oft, weil vieles online stattfindet. Bei Fortbildungen und in der Zusammenarbeit von Lehrkräften gab es einen Riesenschub durch die digitalen Medien!

KURZ In Sachen Digitalisierung sind die Schulen extrem vorangekommen – ganz einfach, weil sie es binnen kürzester Zeit mussten. Wenn ich mir vorstelle, wir hätten diesen Prozess der Digitalisierung Schritt für Schritt angehen müssen. Wir hätten uns in endlosen Sitzungen und Diskussionen überlegt: Welche Lernplattformen wollen wir nutzen, was ist gut und praktikabel und was verzichtbar? Das wäre deutlich schleppender verlaufen. Und dann hat die Pandemie noch etwas anderes hervorgebracht, Kevin hat es angedeutet: In unserer Gesellschaft wird – endlich, endlich! – wieder mehr über die Schulen und insbesondere den Unterricht gesprochen. Und zwar auch mit den Schülerinnen und Schülern! Auch unser Gespräch hier – mit Schülerin, Schüler, Lehrerin und Forscher – wäre ohne Pandemie wohl nicht zustande gekommen.

LEA Ich glaube, bei vielen hat sich durch die Pandemie eine viel größere Wertschätzung für die Schule entwickelt. Ich mochte Schule eigentlich, aber häufig hatte auch ich null Lust darauf. Gerade wenn ich frühmorgens aufstehen musste, habe ich mich im Bett umgedreht und innerlich geflucht: Schule nervt! Im Laufe des Lockdowns fühlte es sich dann wirklich so an, wie es die anfangs erwähnte Redensart beschreibt: Erst als ich nicht mehr in die Schule gehen konnte, wurde mir klar, wie sehr sie mir fehlt. Wenn heute der Wecker klingelt, denke ich auch Monate nach dem letzten Lockdown immer noch manchmal: Wie schön – nicht vor dem Computer sitzen, sondern ab in die Schule, ins Klassenzimmer!

Digitalisierung · Bildung · Zukunft · Gesellschaft · Räume · IPN

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