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Kontakte reduzieren – und dennoch den Betrieb aufrechterhalten: Als im Frühjahr 2020 die Pandemie ausbrach, musste an Bildungseinrichtungen weltweit alles sehr schnell gehen. Wie Universitäten, Fachhochschulen und andere Bildungsinstitutionen mit der Ausnahmesituation umgegangen sind und welche Lösungen sie gefunden haben, haben Leibniz-Forschende kürzlich im Rahmen des Global Learning Council (GLC) untersucht. Mit dem Co-Vorsitzenden des GLC, Friedrich W. Hesse, und der wissenschaftlichen Referentin Anne Leiser, die die Studie koordiniert hat, sprach leibniz über die pandemiebedingte Digitalisierung von Lehrveranstaltungen ebenso wie über Chancen und Grenzen langfristiger digitaler Transformation.

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LEIBNIZ Frau Leiser, Herr Hesse, im Zentrum Ihrer beider Arbeit beim Global Learning Council steht die digitale Bildungswende. Warum verdient sie Ihre volle Aufmerksamkeit? 

FRIEDRICH W. HESSE Durch die neuen Medien hat das Lernen ein ungeheures Potenzial bekommen, denn darüber kann man viel mehr Leute erreichen als je zuvor. Und wenn man noch einen Schritt weiter geht, dann werden sogar Formen personalisierten Lernens umsetzbar, weil wir mit Learning Analytics und adaptiven Systemen heute Möglichkeiten haben, die wir vorher noch nie gehabt haben. Wir kommen da gerade in ein neues Zeitalter. 

ANNE LEISER Für mich persönlich legt Bildung den Grundstein für soziale Teilhabe, und unsere Arbeit bietet die Möglichkeit, gesellschaftlich einzugreifen, das Leben von Menschen zu verändern, indem wir mit Hilfe digitaler Methoden einen gemeinsamen Wissensstand und ein gemeinsames Weltbild schaffen, auf dem wir dann gesellschaftlich weiter aufbauen können. Digitale Bildung hat insofern immer auch den Anspruch, den Raum zu erweitern und noch mehr Menschen Teilhabe zu ermöglichen. 

Warum braucht es eine Institution wie den GLC und warum ist es entscheidend, dass dessen Ziele erreicht werden?

HESSE Das Besondere beim GLC ist, dass es sich nicht um eine internationale Konferenz von Wissenschaftlern handelt. Hier kommen Personen in Leitungspositionen zusammen – Personen, die Verantwortung tragen für größere Bildungseinrichtungen. Auf dieser Ebene wird ein Austausch möglich, wie er sonst in der Regel nicht vorkommt. Das Problem ist ja, dass wir in der Wissenschaft eine Reihe von verlässlichen Erkenntnissen haben, die gut und brauchbar sind, und trotzdem werden sie auf Leitungsebene nicht aufgegriffen. Mittlerweile glaube ich, man muss das anders herum aufziehen, und das ist eben auch der Ansatz beim GLC: Hier kommen Personen zusammen, die Einfluss nehmen können – und das über Ländergrenzen hinweg.

Virtuelle Möglichkeiten werden soziale Interaktion nicht ersetzen können

FRIEDRICH W. HESSE

Porträt von Friedrich W. Hesse. Er sitzt an einem Schreibtisch, hinter ihm ein Bücherregal und ein Globus.

FRIEDRICH W. HESSE
ist Kognitionspsychologe, strategischer Berater für digitale Transformation und Co-Vorsitzender des Global Learning Council.Bis 2018 stand er der Leibniz-Gemeinschaft als Wissenschaftlicher Vizepräsident vor. Er ist Gründungsdirektor des Leibniz-IWM und Leiter des Forschungsclusters „Digitalisierung, Diversität und Lebenslanges Lernen - Konsequenzen für die Hochschulbildung" (D²L²) an der FernUniversität Hagen.

Lassen Sie uns über die Studie sprechen, die Sie kürzlich zu den weltweiten Akutmaßnahmen von Bildungseinrichtungen in der Pandemie durchgeführt haben. Wie kam es dazu und was wollten Sie herausfinden?

HESSE Der Global Learning Council lebt vom persönlichen Austausch, und eigentlich hätten wir schon längst ein Treffen in Nairobi gehabt. In der Pandemie war das nicht möglich, und da haben wir überlegt, wie wir uns anderweitig vernetzen und die digitale Expertise nutzen können, die innerhalb dieser Gruppe vorhanden ist. So entstand die Idee, eine weltweite Studie zu machen. Mit einer solchen Befragung, so unsere Überlegung, treffen wir auf sehr unterschiedliche ökonomische Systeme – in den USA zum Beispiel muss Bildung bezahlt werden, in Deutschland nicht –, auf unterschiedliche kulturelle Bildungsumwelten und auf Ebene der Länder auch auf unterschiedliche Entwicklungszustände. Das fanden wir spannend, weil wir glauben, dass Bildungseinrichtungen aus unterschiedlichen Ländern sehr viel voneinander lernen können – Deutschland von Kenia etwa, das einkommensschwächer ist, in dem aber tolle Ideen umgesetzt werden. 

LEISER Die Studie war dann unser Versuch zu schauen, ob dieser disruptive Impuls, der durch die Pandemie forcierte Digitalisierungsschub, einen positiven Einfluss auf den größeren, langsamer voranschreitenden digitalen Wandel in der Hochschulbildung hatte. Schon sehr lange kursieren ja die Versprechen, dass die digitale Transformation die Lehre und das Lernen allgemein verbessere und mehr Zugang zu Bildung schaffe. Wir wollten überprüfen, ob sich solche Effekte in der Pandemie nachweisen lassen oder ob Probleme auftauchen.

Wie sind Sie vorgegangen? 

LEISER Angefangen haben wir mit einem Fragebogen, den wir im Sommer 2020 Hochschulleitungen in allen Weltregionen zugeschickt haben. Wir haben nach Ad-hoc-Maßnahmen, langfristigen Zielen und spannenden Innovationen gefragt, die sich an den Hochschulen abzeichnen. Angesichts der rund 80 Antworten von Hochschulpräsident:innen, Rektor:innen und anderen institutionellen Vertreter:innen haben wir dann gemerkt, dass es keine eindeutigen Antworten gibt, weil zu viele Faktoren hineinspielen. Daher haben wir vermehrt auf die Erkenntnisse der Tiefeninterviews aus der zweiten Erhebungsphase gesetzt und die Ergebnisse in einer weiteren Fragebogenrunde im Herbst 2020 validiert. Die Tiefeninterviews sind das Herzstück der Studie, nichtsdestotrotz haben wir auch von den zeitversetzt durchgeführten Fragerunden profitiert, denn durch die zeitliche Progression konnten wir viele Einblicke in die Entwicklung der digitalen Lehre weltweit gewinnen.

Digitale Kompetenz überall in der Bildungskette mitzudenken ist ganz zentral.

ANNE LEISER

Porträt von Anne Leiser

ANNE LEISER
ist Sozial- und Medienpsychologin und als wissenschaftliche Referentin in der Geschäftsstelle des Global Learning Council beschäftigt. Zuvor forschte sie zu digitaler Teilhabe, Radikalisierungsprozessen und sozialem Zusammenhalt. 2019 promovierte sie an der Jacobs University und der Universität Bremen zu politischen Internet-Memes und partizipativer Internetkultur.

Wie haben Bildungseinrichtungen in den verschiedenen Weltregionen auf die Pandemie reagiert? Welche Maßnahmen wurden ergriffen, um mit der veränderten Situation umzugehen?

LEISER Die Bildungseinrichtungen, die sich an unserer Studie beteiligt haben, haben alle quasi sofort auf Onlinelehre umgestellt, die meisten sogar auf fast hundertprozentige Onlinelehre. Ansonsten war der zentrale Befund der ersten Fragerunde, dass es nicht die eine Lösung für alle Einrichtungen gab. Es wurden sehr viele Ungleichheiten sichtbar – auch an Stellen, an denen man sie vielleicht nicht erwartet hätte. Ein Beispiel: An einer großen Universität in den USA gab ein Fünftel der Studierenden an, während der Pandemie von Ernährungsunsicherheit betroffen zu sein – in dem Land also, das sich selbst häufig als das am weitesten entwickelte Land der Welt versteht.

HESSE Interessant ist, dass solche Ungleichheiten auf ganz unterschiedlichen Ebenen auftauchten. Man denkt spontan vielleicht an Studierende, die keinen Laptop zu Hause haben oder keinen Internetanschluss, und die gibt es natürlich auch, aber – und das ist mindestens genauso wichtig – es gibt solche Ungleichheiten auch auf Seite der Lehrenden. Die wurden in sehr unterschiedlichem Maße geschult, verfügten über sehr unterschiedliche technische Möglichkeiten. Auch die Finanzierungsmöglichkeiten, die Infrastrukturen und das Angebot an Services zum Betrieb dieser Infrastrukturen unterschieden sich sehr stark. 

Welche Probleme sind im Rahmen der pandemiegetriebenen Blitzdigitalisierung an den Hochschulen aufgetreten? 

LEISER Insgesamt haben sich Universitätsleitungen und Lehrende sehr bemüht, gute Lösungen für Studierende anzubieten. Das wurde mit viel Motivation und Energie betrieben und es gab viel Lob dafür. Dennoch sind einige der entwickelten Lösungen auf längere Sicht vielleicht nicht so geeignet – auch, weil sie die persönlichen Ressourcen, insbesondere der Lehrenden, ausreizen. Problematisch war etwa teilweise der Zugang, denn weder alle Studierenden noch alle Lehrenden verfügen über Laptops oder andere mobile Endgeräte, haben einen Internetanschluss, Breitband oder die Möglichkeit, mobile Daten zu nutzen. Zum anderen fehlte es vielerorts an digitaler Kompetenz – also der Fähigkeit, mit den eingesetzten Technologien und mit der Software richtig und gut umzugehen. Teilweise stand auch keine adäquate Lernumgebung zur Verfügung, Personen teilten dann zum Beispiel die Wohnung mit anderen Personen, zogen sich für die Vorlesung ins Bad zurück. Diejenigen, die zuhause kein Internet hatten, sind mit dem Auto zu Hotspots auf dem Universitätsparkplatz gefahren oder haben das Wifi in Kirchen genutzt. Zusammenfassend gab es sehr viele Lösungen, die langfristig betrachtet nicht unbedingt die besten Lösungen sind. 

Wir haben innerhalb des GLC-Netzwerkes an vier Universitäten nachgefragt, vor welche Herausforderungen die Corona-Pandemie sie gestellt hat und welche Chancen sich daraus für das Lehren und Lernen ergeben. Hier geht es zu den Interviews – mit Bitange Ndemo von der University of Nairobi, mit Denise Pires de Carvalho von der Federal University in Rio de Janeiro, mit Suzanne Walsh vom Bennett College in Greensboro/North Carolina und Tan Eng Chye von der National University of Singapore.

Mit Blick auf die konkreten Digitalisierungsmaßnahmen der Universitäten und die Qualität der Lehre – zeigte sich in Ihrer Untersuchung denn auch, dass digitale Lehrformate im Zuge der Pandemie in wünschenswerter Weise professionalisiert worden sind?

LEISER In unserer Erhebung von 2020 zeigten sich noch keine solchen Verbesserungen. Wir führen aber gerade eine Folgestudie durch und da sehen wir bereits jetzt, dass viel von dem, was über die vergangenen anderthalb Jahre an Erfahrung gesammelt wurde, aktuell in neue Strategien und eine Professionalisierung mündet. Mit Blick auf 2020 kann man nicht sagen, es sei alles schlecht gewesen, denn es gab viele positive Impulse. Alles in allem hat die Qualität der Lehre aber nicht ganz dem entsprochen, was Unterricht von Angesicht zu Angesicht leistet oder was eine gut vorbereitete und wohlüberlegte digitale Lehre leisten könnte. 

Über die Maßnahmen in der Pandemie hinaus gefragt, welche Auswirkungen hat es Ihrer Ansicht nach, wenn sich Lernprozesse an Hochschulen zunehmend ins Digitale verlagern? Eröffnen sich dadurch auch neue Chancen? Und wo liegen die Grenzen dieser Entwicklung?

HESSE Zu den Grenzen lässt sich sagen, dass es bei persönlichen Treffen viele Möglichkeiten gibt, auch Informelles auszutauschen. Was diesen informellen Teil anbelangt, habe ich persönlich in den letzten anderthalb Jahren das Gefühl, überhaupt nicht mehr gut informiert zu sein. In diesem Sinne schränkt die digitale Form den Umfang des Austausches ein. Zudem kommt es öfter vor, dass die Bandbreite zum Videotelefonieren nicht ausreicht oder der Ton nicht sauber herüberkommt. Das sind so typische Nebenwirkungen. Gleichzeitig findet aber auch in deutlich erhöhtem Umfang ein durchaus effektiver nationaler und internationaler Austausch in der Wissenschaft statt, der sehr finanz- und zeitökonomisch ist.

LEISER Digital muss Kommunikation zielgerichteter sein – wenn man informelle Gespräche möchte, dann muss man die planen, sie entstehen nicht spontan. Es gibt auch spannende Forschung zur sogenannte Zoom-Fatigue, die viele von uns im vergangenen Jahr kennengelernt haben: Offenbar kommen weniger Informationen bei uns an, wenn wir auf Bildschirme starren und der Ton durch ein Mikrofon geleitet wird, als wenn wir Personen live und in Farbe vor uns haben. Dadurch müssen unsere Gehirne zusätzlichen kognitiven Aufwand betreiben, es wird sozusagen zusätzliche Rechenleistung benötigt. Wenn man an einer virtuellen Veranstaltung teilnimmt, lässt die Konzentrationsfähigkeit dann spätestens nach zwei Stunden massiv nach. Andererseits ermöglicht die digitale Lehre Zugang zu Bildung für Menschen, die sonst vielleicht durch ihre Lebensumstände nicht in traditioneller Form studieren könnten, weil sie orts- und zeitgebunden sind. Durch eine gute Mischung und viel Flexibilität ließe sich im Optimalfall das Beste aus beiden Welten zusammenbringen.

Ein Lehrer gibt Online-Unterricht. Vor ihm ein Laptop und eine Kamera, die ihn filmt. Zu sehen ist seine Hand und auf dem kleinen Display sein Gesicht.

 

Was sind aus Ihrer Sicht die häufigsten Irrtümer mit Blick auf die digitale Transformation? Zeigen sich diese auch angesichts der Studie, die Sie durchgeführt haben? 

LEISER Ein häufiger Irrtum ist es, zu denken, es gäbe die eine Lösung, oder dass alle Inhalte sich gleichermaßen gut digitalisieren ließen. Wenn etwa Kunsthochschulen ihre Lehrinhalte digital umsetzen wollen, dann ist das eine große Herausforderung. Bei bestimmten Dingen gibt es Bemühungen, sie mit Hilfe von Virtual Reality abzubilden – chemische oder medizinische Laborexperimente etwa. Aber um so etwas umzusetzen, bedarf es großer Investitionen.

HESSE Mit virtuellen Möglichkeiten allein werden wir soziale Interaktion nicht ersetzen können und auch Isoliertheitsgefühle, wie sie in der Pandemie aufgetreten sind, nicht in den Griff kriegen. Zudem kann man von einer digitalen Schere sprechen, die sich zwischen ökonomisch unterschiedlichen Schichten auftut: Kinder, deren Eltern nur über ein gewisses Budget verfügen, haben bestimmte Geräte nicht, zum Teil auch keine Netzverbindung und keinen Raum. Die haben einfach nicht dieselben Rahmenbedingungen wie Kinder, die unter günstigeren ökonomischen Verhältnissen aufwachsen. Die Grenzen einer fairen Bildungssituation – auch auf Deutschland bezogen – sind also schon auch sehr eng und das muss man bedenken. Den Stein der Weisen hat für mich da noch niemand gefunden. 

Wie sollte die Lehre in Bildungseinrichtungen weltweit zukünftig optimalerweise aussehen? Welche Chancen bietet die digitale Transformation? 

HESSE Im Mittelalter hatten die Kinder sehr reicher Eltern Privatlehrer, die herausfanden, wie jedes einzelne Kind dachte, wie es lernte, ob es einen guten oder einen schlechten Tag hatte und wie man es am besten unterstützen konnte. Ich würde mir wünschen, dass wir ein bisschen davon über personalisierte Lernumgebungen reinholen – analog zu dem, was aktuell in der Medizin geschieht. Eine auf das Individuum abgestimmte Medizin folgt derselben Idee, denn ein konkretes Medikament ist nur im Durchschnitt gut für mich, vielleicht muss ich als Individuum es in etwas höherer oder niedrigerer Dosierung bekommen. Diese Art von Abstimmung in der Lehre besser hinzukriegen – das wäre eine Vision, die ich toll fände. 

LEISER Ich fände schön, wenn die Fähigkeit, mit digitalen Werkzeugen richtig, effektiv und gut umzugehen schon in der Schule vermittelt würde. Wer diese Fähigkeit nicht hat und später eine Universität besucht, hat dort sonst mit erheblichen Defiziten zu kämpfen oder fängt gar nicht erst an zu studieren. Digitale Kompetenz überall in der Bildungskette mitzudenken ist ganz zentral. Es besteht da auch ein Zusammenhang mit Medienkompetenz und der Fähigkeit, souverän mit wissenschaftlichen Inhalten umzugehen: Um in einer digitalen Welt teilnehmen zu können – ob jetzt politisch, gesellschaftlich, sozial oder in Hinblick auf Bildung – müssen bestimmte Kenntnisse und Fähigkeiten geschult werden. Und je besser wir das machen, desto eher können wir vermeiden, dass sich Gräben zwischen den Menschen auftun.

Der Global Learning Council (GLC) ist eine virtuelle Organisation, die Vordenker für den effektiven Einsatz von Technologie zusammenbringt, um den Zugang zu Bildung zu ermöglichen und Lernergebnisse weltweit zu verbessern. Der GLC wurde 2013 gegründet und bietet eine Plattform, um Führungskräften, Organisator:innen und Innovator:innen aus der Wissenschaft, der Industrie und dem Non-Profit-Sektor zu verbinden, um kooperative Prozesse zu fördern und innovative Strategien für digitales Lernen voranzutreiben.

Leibniz-Präsident Matthias Kleiner ist Vorsitzender des GLC. Die GLC-Geschäftsstelle hat ihren Sitz im Haus der Leibniz-Gemeinschaft.

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