leibniz

Dieser Artikel ist Teil unseres neuen Schwerpunkts »Medizin«!

LEIBNIZ Frau Luhmann, wann haben Sie sich eigentlich das letzte Mal einsam gefühlt?

MAIKE LUHMANN Das ist zum Glück schon eine Weile her, und im Moment habe ich wegen der vielen Anfragen zum Buch mehr das Bedürfnis, einmal für mich zu sein (lacht). Eine Phase, in der ich länger mit Einsamkeit zu tun hatte, war aber, als ich mit meinem Mann für einige Zeit in die USA gezogen bin. Bis dahin hatte ich studiert, promoviert, und es war immer leicht, andere Leute kennenzulernen, neue Freunde zu finden. In Chicago war das anders. Zum ersten Mal musste ich mich bewusst um Anschluss bemühen. Das kannte ich nicht.

Was ist Einsamkeit genau und wie fühlt sie sich an?

Einsamkeit ist ein negatives, geradezu schmerzhaftes Gefühl, wenn wir weniger soziale Kontakte oder Beziehungen haben, als wir brauchen oder uns wünschen. Wie viele Kontakte ein Mensch braucht, ist dabei ganz unterschiedlich. Das macht Einsamkeit zu etwas sehr Subjektivem, das man Menschen nicht ansehen kann. Es reicht nicht zu zählen, wie viele Freunde jemand hat.

Sie differenzieren emotionale, soziale und kollektive Einsamkeit. Worin unterscheiden die sich?

Die emotionale Einsamkeit bezieht sich auf das Fehlen einer konkreten Person, der man sehr nahesteht, mit der man wirklich intime Gedanken austauschen kann. So etwas finden wir zum Beispiel in einer romantischen Partnerschaft, in einer sehr engen Freundschaft, auch in der Familie. Die soziale Einsamkeit bezieht sich darauf, ob man Teil eines Freundeskreises, Vereins oder eines vergleichbaren Konstrukts ist. Das ist, was mir in der Zeit in Chicago gefehlt hat. Ich war nicht emotional, sondern sozial einsam, weil ich das Gefühl hatte, eigentlich mehr Menschen um mich herum zu benötigen. Die kollektive Einsamkeit schließlich wird ein bisschen seltener wissenschaftlich untersucht. Da geht es nicht mehr darum, dass man Menschen mit dem Namen kennt, sondern um ein Gefühl der Zugehörigkeit, etwa zu dem Ort, an dem man lebt oder zu einer Gruppe. Ein Beispiel: Vor ein paar Tagen ist der Fußballklub Schalke 04 aufgestiegen. In unserem Nachbarort, in Gelsenkirchen, war die Hölle los, und ich glaube, die Menschen haben eine wahnsinnige Verbundenheit miteinander gefühlt.

Es reicht nicht zu zählen, wie viele Freunde jemand hat.

MAIKE LUHMANN

Sie schreiben in Ihrem Buch, welche Faktoren Einsamkeit bedingen. Fangen wir mit dem Alter an. Bei Einsamkeit denkt man ja schnell an arme Senioren.

Das Klischee ist nicht komplett falsch, weil hohes Alter stark mit Einsamkeit verbunden ist. Ich meine damit das Alter ab 80, 85 Jahren, also die Phase, in der sich gesundheitliche Probleme statistisch gesehen wirklich stark bemerkbar machen und die Mobilität sowie die Teilhabe am Leben einschränken. Das soziale Umfeld schrumpft, weil Gleichaltrige sterben, vielleicht auch der Partner oder die Partnerin. Trotzdem ist das Klischee auch nicht komplett richtig. Denn Einsamkeit kann Menschen jeden Alters treffen und aktuell, so legen es eine Reihe von Studien nahe, sind die jungen Menschen besonders betroffen. Sogar mehr als die Hochaltrigen.

Ein anderer Faktor, den Sie benennen, ist Armut.

Ja, Armut ist einer der stärksten Risikofaktoren für Einsamkeit. Zum einen ist es so, dass wir für viele soziale Aktivitäten einfach Geld brauchen. Wenn sich Menschen treffen, machen sie das oft bei einem Bier, einem Essen, vielleicht einer kulturellen Veranstaltung. All das kostet, und jemand, der sehr aufs Geld schauen muss, ist dann ausgeschlossen. Man merkt das vielleicht gar nicht, weil die Person andere Gründe vorschiebt. Mit Armut kann aber auch einhergehen, dass man sich nicht zugehörig fühlt, weil man merkt: Die Menschen um mich herum kennen meine Probleme nicht, und ich mag ja selbst nicht darüber sprechen. Schamgefühle machen es schwer, sich auf andere einzulassen. Ich schäme mich vielleicht dafür, dass ich nicht das gleiche Handy habe oder möchte nicht so gerne Menschen zu mir nach Hause einladen.

Ein weiterer Faktor, den Sie thematisieren, ist Männlichkeit. Sie sagen, dass die sogenannte Male Loneliness Epidemic — also eine Epidemie männlicher Einsamkeit — ein medial überbetontes Randphänomen sei.

Dass Männer besonders von Einsamkeit betroffen sind, lässt sich empirisch tatsächlich nicht halten. Zumindest in Deutschland und den meisten europäischen Ländern ist es umgekehrt: Frauen sind im Durchschnitt einsamer als Männer, auch wenn der Unterschied nicht wahnsinnig groß und die Genderfrage zu vernachlässigen ist, wenn man sie etwa mit den Effekten von Armut vergleicht. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch junge Männer gibt, für die Einsamkeit ein großes Problem ist und die froh sind, dass das in den Sozialen Medien thematisiert wird. Die Erzählung einer Male Loneliness Epidemic finde ich aber problematisch. Sie ist besonders in der sogenannten Manosphere beliebt, einer Art Unterabteilung der Sozialen Medien, in der extrem frauenfeindliche, oft auch antisemitische und rassistische Einstellungen vorherrschen. Das Thema Einsamkeit wird genutzt, um Männer in diese Unterabteilung reinzuziehen. Deswegen finde ich es wichtig, darüber aufzuklären, dass an der Behauptung nichts dran ist. Junge Menschen sind heute insgesamt stärker betroffen als früher, und ich finde es falsch, Frauen und Männer da gegeneinander auszuspielen.

Ein geöffnetes Fotoalbum auf einem Holztisch. Auf dem Foto ist eine Frau vor einem Auto zu sehen. Das Foto ist verschwommen.

MAIKE LUHMANN
ist Professorin für Psychologische Methodenlehre an der Ruhr-Universität Bochum und DIW Fellow beim Sozio-oekonomischen Panel des DIW Berlin — Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, einem Leibniz-Institut.

Ihre Antworten zeigen: Einsamkeit ist ein weites Feld. Wie kann man sie messen?

Einsamkeit ist ein sehr subjektives Gefühl, und deswegen muss man die Menschen selbst fragen, wie es ihnen geht. Das klassische Instrument dafür ist ein standardisierter Fragebogen. Man fragt zum Beispiel, wie oft sich Menschen in einer bestimmten Zeit einsam gefühlt haben, wie oft ihnen andere Menschen fehlen. Oder Dinge wie: Haben sie jemanden, dem sie sich anvertrauen können? Fühlen sie sich sozial isoliert? Aber es gibt nicht das eine standardisierte Instrument, auf das sich alle geeinigt haben, sondern verschiedene Fragebögen. Das erklärt auch, warum Studien zu unterschiedlichen Zahlen kommen.

Warum halten Sie Forschung zu Einsamkeit für wichtig?

Ich glaube, dass wir generell ein Interesse daran haben sollten, dass Menschen nicht leiden. Und Einsamkeit ist eine Art, wie Menschen leiden. Unsere Forschung kann hoffentlich zu einem besseren Verständnis beitragen, wie dieses Gefühl entsteht, aber vor allem natürlich, was man dagegen tun kann. Denn: Einsamkeit kann, wenn sie über längere Zeit auftritt, psychisch und körperlich krank machen. Sie kann das Leben verkürzen. Einsame Menschen sind weniger produktiv und kreativ im Job. Sie fehlen häufiger, was ökonomische Folgen hat. Es gibt auch Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und politischer Radikalisierung. Diese Forschung steht noch am Anfang, aber wenn sich das bestätigt, gibt es auch ein demokratisches Argument, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Mittlerweile ist Einsamkeit ja definitiv kein Nischenthema mehr. Wie erklären Sie sich die große Aufmerksamkeit?

Ein wichtiger Moment war, als im Jahr 2018 in Großbritannien eine Einsamkeitsministerin berufen wurde. Das war natürlich keine Ministerin mit Hunderten von Referenten, eher eine Art Beauftragte. Trotzdem hat es für Aufmerksamkeit gesorgt, auch bei uns. Und dann kam die Corona-Pandemie wie ein Brandbeschleuniger. Sehr, sehr viele Menschen waren plötzlich alleine, isoliert und fühlten sich einsam. Man schätzt, dass sich ihre Zahl damals verdrei- bis vervierfacht hat, besonders im ersten Jahr. Seitdem findet man das Thema sowohl in den Medien als auch in der Politik. Auch die Forschung hat deutlich zugenommen.

Das führt zur Frage aller Fragen: Sind wir einsamer als früher?

Das ist sehr, sehr schwierig zu beantworten. Man liest viele hingeworfene Feststellungen: Heute seien alle einsamer als früher, es gebe eine Einsamkeitsepidemie, eine einsame Generation. Aber tatsächlich lässt sich das gar nicht seriös unterfüttern.

Warum?

Es gibt zu wenig Daten von früher, was auch immer früher meint. Einsamkeit wird erst in diesem Jahrtausend in großen Studien erhoben. Eine ganz solide Quelle ist das deutsche Einsamkeitsbarometer, das vom Familienministerium, also der Bundesregierung, herausgegeben wird. Es basiert auf Daten des Sozio-oekonomischen Panels. Man hat sich in der am DIW Berlin angesiedelten Langzeitstudie auch die langfristige Entwicklung von Einsamkeit angeschaut und festgestellt, dass diese bis zu Corona recht stabil verlief. Nach dem Ende der Pandemie gingen die Werte in fast allen Altersgruppen zwar wieder ungefähr aufs vorige Niveau zurück — bei den jungen Menschen sehen wir jedoch bis heute, dass sie belasteter sind als andere.

Ein dunkles Bild. Man erkennt schemenhaft eine Person hinter einem Vorhang.

Einsamkeit kann, wenn sie über längere Zeit auftritt, psychisch und körperlich krank machen.

Gerade im Zusammenhang mit jungen Menschen werden die digitalen Medien schnell zur Hauptursache für Einsamkeit erklärt. Aber zum Teil haben sie in der Pandemie doch überhaupt erst Kontakte ermöglicht.

Natürlich sind unsere Smartphones Kommunikationsmittel. Aber sie sind auch Suchtmittel, das muss man klar benennen. Es gibt Apps, die erwiesenermaßen Suchtpotenzial haben, weil ihre Algorithmen so programmiert sind, dass sie einen nicht rauslassen. Das kann dazu führen, dass man seine sozialen Kontakte vernachlässigt und sich weniger mit anderen Menschen trifft. Dabei denkt man vielleicht sogar, man sei doch in Kontakt mit anderen, aber Begegnungen haben nicht dieselbe Qualität, wenn man sich nicht im selben Raum aufhält. Wenn wir jetzt aber mal von den Extremfällen weggehen, stellen wir fest, dass der Zusammenhang zwischen der Nutzung Sozialer Medien und Einsamkeit doch ziemlich gering ist. Zudem ist nicht klar, was zuerst kommt: Machen die Sozialen Medien einsam? Oder greifen einsame Menschen eher zum Handy, weil sie keine andere Beschäftigung haben? Es gibt tatsächlich Hinweise, dass Letzteres der stärkere Effekt ist.

In diesem Fall wären Soziale Medien eine Bereicherung?

Sie können es sein, denn sie können unsere Beziehungen erweitern. Sie ermöglichen es, den Kontakt zu Menschen zuhalten oder aufzunehmen, auch wenn sie weit weg sind. Ich muss bei der aktuellen Diskussion um ein Social Media-Verbot immer an einen prototypischen Fall denken: Ein 14-jähriger Junge auf dem Land stellt fest, dass er schwul ist und weiß nicht, wo er Unterstützung bekommen kann. Die Sozialen Medien sind dann ein Fenster in die Welt, das sich mit einem Verbot schließen würde.

Ist das Problem der Sozialen Medien nicht auch, dass dort so viele Menschen ihre Geselligkeit zeigen und andere sich beim Betrachten einsamer fühlen?

Das Gefühl, alle haben immer Spaß und sind miteinander unterwegs, nur man selber sitzt zu Hause, wird gerade durch Plattformen wie Instagram unrealistisch verstärkt. Das kann zu Einsamkeitsgefühlen beitragen, ja.

Wir verlosen drei Exemplare von Maike Luhmanns Buch »Einsamkeit. Warum sie uns alle betrifft«. Senden Sie uns eine Mail mit dem Betreff »Einsamkeit« an verlosung(at)leibniz-gemeinschaft.de. Einsendeschluss ist der 1. Oktober 2026.

Ein Stillleben, auf dem links unten zwei Bücher gestapelt liegen. Rechts im Bild sieht man eine Lampe mit Lampenschirm.
Links im Bild ist eine offene Glastür zu sehen. Durch sie blickt man in ein Zimmer, in dem ein Bett steht.

Der Zusammenhang zwischen der Nutzung Sozialer Medien und Einsamkeit ist ziemlich gering.

Es gibt durchaus Ansätze, als Gesellschaft etwas gegen Einsamkeit zu tun. Welche bewerten Sie besonders positiv?

Ein gutes Beispiel sind sogenannte Kletskassa in den Niederlanden. An diesen Supermarktkassen darf man sich Zeit lassen, darf mit den anderen Kunden, mit den Kassierern quatschen. Es ist dort ausdrücklich nicht verpönt. Die Idee dahinter ist, dass man im Alltag Orte schafft, an denen sich Menschen begegnen können. Es geht nicht darum, Freundschaften zu schließen, sondern um kleine, oberflächliche Gespräche. Das Angebot kommt sehr gut an, weil es für manche vielleicht die einzige Möglichkeit am Tag ist, überhaupt mal mit jemandem zu reden. Das Schaffen solcher Begegnungsorte, wie sie auch aussehen mögen, ist eins von vielen Puzzlestücken, die wir brauchen, um Einsamkeit vorzubeugen in unserer Gesellschaft.

Orte wie die Kletskassa ermöglichen etwas, das im Fachjargon »weak ties« genannt wird. Das findet bisher wenig Beachtung, ist aber wichtig, oder?

Es scheint, dass wir — in der Forschung, aber auch im Alltag— unterschätzen, wie gut diese oberflächlichen Begegnungen tun können. Der Begriff der weak ties meint eben genau die Treffen an der Supermarktkasse oder das kurze Hallo mit dem Nachbarn, den man immer beim Gassigehen trifft. Vielleicht weiß man nicht mal, wie er heißt, aber diese gewisse Vertrautheit ist da. Genau sie ist wichtig, damit man sich zugehörig und gesehen fühlt, als Teil der Gemeinschaft.

Sie schreiben in Ihrem Buch auch, was man individuell gegen Einsamkeit tun kann und führen das Konzept einer Reisegruppe fürs Leben ein.

Die Idee ist, dass uns andere Menschen durchs Leben begleiten. Ein Kreis von Menschen, denen wir vertrauen und die auch eine Zeitlang bei uns sind. Wie in einer Reisegruppe kommen natürlich immer mal neue Mitglieder dazu, andere brechen raus, doch je größer diese Gruppe ist, desto geringer ist das Einsamkeitsrisiko, weil wir einzelne Verluste besser auffangen können. Diese Reisegruppe aufzubauen und zu pflegen, ist nicht immer einfach. Ich kenne das aus eigener Erfahrung: Wenn Beruf und Familie einen einnehmen, fehlen oft Zeit und Energie, um sich um Freundschaften zu kümmern, ob es alte oder neue sind. Ich hoffe, dass viele Menschen es trotzdem schaffen, in ihre sozialen Beziehungen zu investieren. So wie viele sich Zeit nehmen für Sport, auch wenn es stressig ist.

Haben Sie — die Sie nach langen Jahren der Forschung ein Buch zu dem Thema geschrieben haben — Ihr Verhalten diesbezüglich noch einmal verändert?

Zumindest habe ich beim Schreiben sehr oft an meine alten Freundinnen gedacht und daran, dass ich mich dringend mal wieder bei ihnen melden muss. Aber ich habe natürlich einen sehr intensiven Beruf. Es ist eben nicht immer leicht, das umzusetzen, was man selber predigt.

Vielleicht auch interessant?