LEIBNIZ Frau Ortmann, die Tage sind kurz, draußen ist es kalt. Viele Tiere sind jetzt im Winterschlaf oder in der Winterruhe. Wie zum Beispiel das Murmeltier, das jetzt schon fast ein halbes Jahr schläft, oder?
SYLVIA ORTMANN Ja, das schläft bereits seit dem Herbst. Das Murmeltier lebt in den Alpen, oberhalb der Baumgrenze. Das Tier weiß, dass dort Ende September oder Anfang Oktober Schnee fallen wird, und dass dann alles von Schnee bedeckt ist. Dann findet das Murmeltier keine Nahrung mehr. Deshalb verschwindet es stattdessen im Bau und beginnt mit dem Winterschlaf.
Hat es das Murmeltier gemütlich im Winterschlaf?
Murmeltiere gehen gemeinsam mit der ganzen Familie schlafen. Vorher statten sie ihren Winterschlafbau mit Pflanzen und mit Heu aus. Und dann kuscheln sie sich alle zusammen und verbringen dort die Zeit. Die Temperatur in so einem Winterschlafbau, der ziemlich tief in der Erde liegt, bleibt meistens so bei einem bis null Grad. Und wenn man eh nichts anderes zu tun hat, ist das sicher nett, dort gemeinsam zu winterschlafen.
Wer darf mitkuscheln?
In einem Familienverband alle. Murmeltiere nehmen meist die Jungtiere in die Mitte, weil die noch am kleinsten sind und die wenigsten Fettreserven haben. Die älteren Tiere sind dicker und manchmal auch ein bisschen wärmer. Dadurch kommt die Wärme von den erwachsenen Tieren zu den Jungtieren. Die sparen dann Energie.
Wie sieht ein Murmeltier aus, wenn es sich zur Ruhe begibt?
Murmeltiere legen sich einen Fettvorrat an. Alles, was sie im Winter brauchen, müssen sie im Sommer schon fressen. Die Tiere sind vor dem Winterschlaf total moppelig. Sie füllen quasi ihren ganzen Bauchraum mit Fett. Anders als wir Menschen, die dann Krankheiten bekommen, werden die Murmeltiere dadurch nicht krank.

Murmeltiere gehen so mit 5 bis 6 Kilogramm in den Winterschlaf und sie kommen im Frühling mit ungefähr 4,5 Kilogramm wieder raus.
SYLVIA ORTMANN
Wie dick ist denn so ein Murmeltier Ende September, Anfang Oktober? Und wie dünn ist es im Frühjahr?
Die meisten Murmeltiere gehen so mit fünf bis sechs Kilogramm in den Winterschlaf und sie kommen im Frühling mit ungefähr 4,5 Kilogramm wieder raus. Ein Viertel bis zu ein Drittel der Körpermasse wird tatsächlich verbraucht.
Wie sieht die Höhle aus?
Das ist unterschiedlich. Der Bau hat meistens mehrere Kammern, in denen man sich auch im Sommer aufhalten kann. Vor allem aber hat er mehrere Zugänge. Wenn ein Feind wie ein Fuchs in die Höhle eindringt, können Murmeltiere auf verschiedenen Wegen aus dem Bau fliehen. Die Nestkammer, in der die Jungen geboren werden, wird meistens auch zum Winterschlafen benutzt. Die Murmeltiere verschließen dann die Eingänge, die in den Bau hineinführen, mit einem Zapfen aus Erde, Haaren und Heu, die zusammenfrieren, wenn es kalt wird und ist ein super guter Schutz vor Raubfeinden.
Wie kommen sie im Frühjahr wieder raus?
Ganz einfach: Der Boden taut wieder auf. Dann buddeln sich die Tiere von der anderen Seite wieder heraus.
Was ist, wenn so ein Murmeltier zwischendurch mal aufwacht?
Die Murmeltiere wachen regelmäßig auf. Wir denken ja oft, dass die Tiere im September unter die Erde verschwinden, die Zeit verschlafen und im März wieder rauskommen. Tatsächlich ist es aber so, dass fast alle Winterschläfer regelmäßig aufwachen, auch im tiefen Winterschlaf. Das Murmeltier wacht ungefähr alle zwei Wochen auf und fährt seinen Körper auf die normale Winterkörpertemperatur von etwa 35 Grad hoch.
Wie kalt ist es denn, wenn es schläft?
Im tiefen Winterschlaf reduzieren Murmeltiere ihre Stoffwechselrate, sie stellen die Körperheizung quasi ab. Deshalb fällt die Körpertemperatur auf ein bis zwei Grad über die Umgebungstemperatur ab. Wenn also die Temperatur in der Höhle am Anfang des Winters zehn Grad ist, dann werden sie zwölf Grad kalt. Wenn der Winter voranschreitet, haben die Murmeltiere beispielsweise eine Körpertemperatur von etwa fünf Grad, wenn es im Bau drei Grad ist.
Und, wenn sie aufwachen, heizen sie auf 35 Grad hoch?
Genau, und zwar meistens für einen Tag etwa. Nach dem Aufwachen sind sie ein paar Stunden wach und schlafen dann wieder ein.
Wachen alle gleichzeitig auf?
Sie versuchen, gemeinsam aufzuwachen, weil sie dadurch Energie sparen, aber das passiert nicht immer. Das Aufwachen braucht unglaublich viel Energie. Ich habe das in meiner Doktorarbeit untersucht. Die Tiere schlafen etwa 80 Prozent der Zeit im tiefen Winterschlaf, in den verbleibenden 20 Prozent wachen sie auf. Wenn ich mir die Energiebilanz anschaue, dann brauchen die Tiere für den langen Winterschlaf nur ganz wenig Energie, etwa 20 Prozent. Das heißt, 80 Prozent, also die meiste Energie brauchen die Murmeltiere für das Aufwachen und das Wachsein.
Wäre es nicht schlauer, die Energie zu sparen und einfach durchzuschlafen?
Ganz genau. Wir wissen nicht genau, warum die Tiere aufwachen. Aber es gibt verschiedene Vermutungen. Was wir sagen können, ist, dass es offensichtlich ein evolutionär ganz wichtiger Vorgang ist. Vielleicht wird durch das Aufwachen das Immunsystem trainiert. Es gibt auch die Vorstellung, dass es ja im tiefen Winterschlaf einen Reststoffwechsel gibt und die Tiere deshalb auf die Toilette gehen müssen, um Produkte wie Kot und Urin zu entsorgen. Das Mikrobiom könnte auch ein Grund dafür sein, gelegentlich aufzuwachen. Das Mikorbiom bezeichnet die verschiedenen klitzekleinen Organismen, wie Bakterien und Viren, die wichtig für den Körper und die Gesundheit der Tiere sind. Wie sich im Winterschlaf die Zusammensetzung der Bakterien im Darm verändert, untersuchen wir gerade. Als reine Pflanzenfresser sind Murmeltiere auf Bakterien zur Verdauung von ihrer Nahrung angewiesen. Man kann sich vorstellen, dass die bei Körpertemperaturen von fünf Grad nicht mehr so gut funktionieren. Und dann gibt es noch die Idee, dass Tiere im Winterschlaf aufwachen müssen, um ihren Erholungsschlaf zu machen.
Das verstehe ich nicht. Sie schlafen doch schon.
Ja, das hört sich seltsam an. Aber es gibt ja unterschiedliche Schlafphasen. Der sogenannte Erholungsschlaf ist bei Körpertemperaturen unterhalb von 25 oder 20 Grad nicht möglich. Aber offensichtlich gibt es trotzdem ein Schlafbedürfnis. Um dieses zu befriedigen, wachen die Tiere erst einmal auf.
Was machen Murmeltiere, wenn sie im Winter zur Toilette müssen?
Während des Winterschlafs müssen sie nur ganz selten. Sie leben da ja im Prinzip nur von Ihren Fettreserven und produzieren so gut wie gar keinen Kot. Aber wenn sie doch mal aufwachen und auf die Toilette müssen, gehen sie dafür in einen anderen Teil der Höhle, wo sie nicht schlafen.
Kann man sie wecken?
Wenn sie gerade in einer Aufwachphase sind, sind die Tiere sensibler, als wenn sie tief schlafen. Dann kann man sie wecken. Wenn Sie allerdings so gerade erst wieder in den Winterschlaf eingetreten sind, und tief und fest schlafen, wird man kaum Erfolg haben.
Sind die Tiere dann wehrlos?
Wenn es einem Fuchs oder einem Marder im Winter wirklich gelingen sollte, in die gut geschützte Höhle einzudringen, ist es im Prinzip vorbei. Auch ein Alarm-Aufwachen, wenn Murmeltiere versuchen, sehr schnell warm zu werden, dauert ungefähr drei Stunden. Da hat sich so ein Fuchs schon bedient.
Weil die Tiere so tief unter der Erde in völliger Dunkelheit schlafen, bekommen sie die Änderung der Umgebungstemperatur gar nicht mit.
Woher wissen Murmeltiere im Frühjahr, dass sie aufwachen müssen?
Die Tiere haben einen inneren Rhythmus. Weil die Tiere so tief unter der Erde in völliger Dunkelheit schlafen, bekommen sie die Änderung der Umgebungstemperatur gar nicht mit. Wenn also im März die ersten warmen Tage kommen, und die Leute draußen schon auf der Hütte sitzen, merkt man das unter der Erde gar nicht. Die Murmeltiere verlassen sich auf ihre innere Uhr. Im Prinzip ist es dasselbe wie unser Tag-Nacht-Rhythmus, nur in lang.
Wenn das Murmeltier im Frühjahr rauskommt, weil ihm seine innere Uhr sagt: Es ist Zeit zum Aufwachen, und da ist noch nichts, was es fressen kann: Was passiert dann?
Dann beginnt für Murmeltiere ein schlechtes Jahr. Sie müssen weiterhin von dem leben, was sie sich im Jahr zuvor angefressen haben. Wenn die Pflanzen erst spät wachsen, dann wird es auch für den Nachwuchs schwierig. Murmeltiere beginnen direkt nach dem Winterschlaf mit der Fortpflanzung, manche noch im Winterschlafbau. Dafür brauchen sie ganz viel Energie. Schon im Mai kommen die Jungen zur Welt. Die müssen ernährt werden. In schlechten Jahren ist das viel schwieriger, und die Jungen haben dann auch schlechtere Überlebenschancen.
Nicht nur Murmeltiere schlafen im Winter, sondern auch Igel zum Beispiel, Fledermäuse oder Siebenschläfer. Was sollen Menschen machen, die ein Tier im Winterschlaf finden?
Ganz einfach: unbedingt schlafen lassen.








