LEIBNIZ Für Ihre Forschung zur Antibiotikakrise schauen Sie ins südliche Afrika, Frau Hartwig. Warum ist diese Blickrichtung wichtig?
RENATE HARTWIG Die Antwort ergibt sich aus der Zahl der Menschen, die in Folge von Antibiotikaresistenzen sterben. In meinem Untersuchungsgebiet ist sie um das Drei- bis Vierfache höher als in Europa, allein im vergangenen Jahr waren das konservativ geschätzt mehr als eine Viertelmillion Menschenleben. Und das sind nur die Todesfälle, die unmittelbar mit resistenten Keimen assoziiert sind. Hinzu kommen die Menschen, die aufgrund fehlender Versorgung und Diagnostik, falschem Einsatz von Antibiotika oder gefälschten Präparaten sterben. Wir können überhaupt nicht beziffern, wie viele es sind. Die Daten fehlen.
Werden sie nicht erfasst?
In Deutschland haben wir wahnsinnig gute Berichtssysteme. Wir haben den Überblick, welche Präparate in welchem Ausmaß genutzt werden, wie weit welche Resistenzen verbreitet sind. In Subsahara-Afrika bewegen wir uns in einem Datenvakuum. Aus der empirischen Wirtschaftsforschung kommend will ich helfen, die Datenlücke zu schließen, damit die Lage besser eingeschätzt und effektiver geholfen werden kann.
Eine behandelbare Durchfallerkrankung führt im schlimmsten Fall zum Tod.
RENATE HARTWIG
Für Ihre Forschung sind Sie nach Burkina Faso, Ghana und Kongo gereist. Was wollten Sie herausfinden?
Ich bin mit sehr grundlegenden Forschungsfragen dorthin gereist. In Burkina Faso wollte ich herausfinden, wie Menschen Antibiotika kaufen und nutzen. In Deutschland läuft das ja so ab, dass man zum Arzt geht, ein Rezept erhält, mit dem man in der Apotheke dann sein Antibiotikum ausgehändigt bekommt. In Burkina Faso und den anderen Ländern, in denen ich forsche, braucht es kein Rezept. Man geht zu den fliegenden Händlern auf der Straße, die von Süßigkeiten, über Taschentücher bis hin zu Malariamedikamenten oder Antibiotika alles im Angebot haben. Weil der Zugang nicht so stark reglementiert ist, ist auch der Einsatz ein anderer.
Wie unterscheidet er sich?
Die Menschen verabreichen sich Antibiotika selber. Gerade interessiert mich besonders, wie sie dabei vorgehen. Wissen sie, wann Antibiotika das Mittel der Wahl sind und wie viel sie nehmen müssen? Können sie die Qualität der Medikamente einschätzen, die sie da am Straßenrand kaufen? Im Kongo habe ich mir angeschaut, wie ein starker Gebrauch sich auf die Resistenzbildung auswirkt. Nicht in der Human-, sondern in der Tiermedizin.
Warum war diese Perspektive für Ihre Forschung interessant?
Wir waren im Ostkongo, wo ihr Vieh für die Menschen das größte Gut ist. Stirbt ein Rind, ist das ein existenzieller Verlust. Weil es in diesem Gebiet, das so groß wie Belgien ist, aber nur drei ausgebildete Tierärzte gibt, versorgen die Bauern die Tiere meist selbst medizinisch. Antibiotika kommen in großen Mengen zum Einsatz, prophylaktisch, zur Behandlung von Wunden, auch um das Wachstum zu steigern. Oft bleibt wegen fehlender Expertise und Diagnostik unklar: Ist eine Infektion bakteriell – oder steckt ein Virus dahinter, gegen das Antibiotika gar nicht helfen? Ein Problem dieser Art der Nutzung ist, dass sie die Resistenzbildung treibt.
War es auch im Fall Ihrer Untersuchung so?
Wir haben Bodenproben und Proben von den Tieren und Bauern genommen. Bei der Analyse haben wir uns auf das gut erforschte E. Coli-Bakterium konzentriert. Die Ergebnisse waren erschreckend: Bei rund 80 Prozent der Tiere fanden sich resistente E. Coli-Varianten, bei fast 40 Prozent der Bauern ebenfalls. Gängige Antibiotika wie Amoxicillin bleiben bei diesen Keimen wirkungslos. Für die Betroffenen bedeutet das, dass eine behandelbare Durchfallerkrankung im schlimmsten Fall zum Tod führen kann – auch weil rettende Reserveantibiotika in der Regel nicht verfügbar sind.

Wie kann das sein?
Die Pharmafirmen stellen sie diesen Ländern nicht zur Verfügung. Es lohnt sich finanziell für sie nicht. Und das ist das grundsätzliche Problem: Antibiotika sind ein marktgesteuertes Produkt. Wir gehen damit um wie mit einem Konsumgut, und die Firmen, die sie produzieren und handeln, wollen entsprechend Profit machen. Man könnte es jedoch auch ganz anders sehen und das Argument anführen, dass Antibiotika und der Zugang zu ihnen ein Gemeingut sind, das allen zur Verfügung stehen sollte. Denn so, wie es aktuell läuft, wirken die Kräfte des Marktes einfach nicht mehr, die ja eigentlich die Versorgung sicherstellen sollten. Es ist ein klassisches Marktversagen mit fatalen Konsequenzen. Antibiotika kommen doch ständig zum Einsatz, nicht nur bei Infektionen, sondern auch begleitend bei chirurgischen Eingriffen oder Chemotherapien.
Wie kann sich das nicht lohnen?
Die Gewinnmargen sind relativ klein, gerade weil sie ja wenig und kurz eingesetzt werden sollen. Als Pharmafirma kann ich deshalb keine riesigen Volumina verkaufen. Weil es Generika gibt, günstige Nachahmerprodukte, kann ich auch keine hohen Preise aufrufen. Kommt dagegen ein neues Diabetesmedikament auf den Markt, das Menschen ein Leben lang tagtäglich einnehmen müssen, verdiene ich damit Unsummen. In solche Präparate investieren die Firmen dann auch, während von den 25 großen Pharmakonzernen nur noch vier in der Antibiotikaforschung tätig sind. Eine Folge, die mich wirklich sehr schockiert, ist, dass seit Anfang der 1990er Jahre keine einzige neue Antibiotikaklasse auf den Markt gekommen ist. Keine einzige.
Das ist ein zentraler Punkt in der Antibiotikakrise, oder? Die Zahl der Resistenzen nimmt zu, die der noch wirksamen Medikamente ab.
Alexander Fleming, der 1928 mit dem Antibiotikum Penicillin die Medizin revolutionierte, hat in seiner Nobelpreisrede vorausgesagt, dass wir diese Resistenzen sehen und uns in einem permanenten Wettlauf mit ihnen befinden werden. Jetzt scheinen wir diesen Wettlauf zu verlieren. Wir brauchen dringend mehr, brauchen dringend neue Antibiotika.
Mit der Antibiotikakrise ist es ähnlich wie mit der Klimakrise: Sie ist ein globales Problem, das global gedacht werden muss.
Wie soll das nach allem, was wir besprochen haben, gelingen?
Eigentlich ist es nicht so kompliziert: Verfügbarkeit und Profit müssten entkoppelt werden. Wir müssten sicherstellen, dass die Bereitstellung von Antibiotika unabhängig vom Verkauf geschieht. Eine denkbare Maßnahme wären Abonnentenmodelle, die zum Beispiel in Großbritannien zum Einsatz kommen. Man würde Boehringer Ingelheim, Pfizer, Sanofi und wie sie alle heißen dann nicht mehr für das einzelne verkaufte Produkt bezahlen, sondern ihnen eine Pauschale zahlen, damit sie die nötigen neuen Antibiotika entwickeln und dauerhaft entsprechende Kontingente bereitstellen. Damit die Großen der Branche bereits abgebaute Forschungsinfrastrukturen wieder aufbauen, müssten wir sie natürlich mit enorm viel Geld locken. Aus der COVID-Episode haben wir aber gelernt, dass so etwas möglich ist, wenn man die Ressourcen
bündelt, Patentrechte zur Verfügung stellt und die Abnahme zusichert. Von der Impfallianz Gavi wissen wir, dass eine global gerechte Verteilung möglich ist, in der ärmere Länder weniger zahlen und trotzdem die benötigten Kontingente erhalten. Um solche Ansätze umzusetzen, braucht es aber koordiniertes Handeln.
Wie könnte das aussehen?
Mit der Antibiotikakrise ist es ähnlich wie mit der Klimakrise. Sie ist ein globales Problem, das global gedacht werden muss und nicht allein national bearbeitet werden kann. Internationale Organisationen wie die WHO haben Maßnahmen wie Abomodelle auch schon vielfach diskutiert. Aber es ist nie gelungen, die nötigen finanziellen Ressourcen zu mobilisieren. Dabei wären die wirtschaftlichen Auswirkungen ungleich höher. Schätzungen zufolge bewegen sie sich mit um die 100 Billionen US-Dollar in einem Rahmen, der äquivalent zu den Kosten der Klimakrise ist. Wir müssen uns fragen: Warum fehlen Initiativen, wie es Fridays for Future für die Klimakrise ist? Warum gibt es keine breite öffentliche Debatte? Wir laufen sehenden Auges in eine Katastrophe. Statt das Problem anzugehen, wird es negiert.
Was steckt hinter dieser Kopf-in-den-Sand-Strategie?
Die Lobbystrukturen der Pharmaunternehmen spielen eine Rolle. Es bräuchte auch mehr Bewusstsein in der Politik, aber aufgrund der geopolitischen Lage haben andere Themen Vorrang. Auch aufseiten der Wissenschaft muss man sich an die eigene Nase fassen. Vielleicht waren wir nicht forsch genug, um das Thema in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu rücken. Nach der Pandemie wollte man halt nicht gleich das nächste Katastrophenszenario aufreißen. Aber eigentlich hätten wir auf dieser Welle schwimmen können. Auch die geopolitische Lage war nicht so verhärtet, wie sie es aktuell ist.

Was sind die Folgen, wenn geeignete Maßnahmen ausbleiben?
Die Zahl der Resistenzen ist allein zwischen 2018 und 2023 um fast die Hälfte angestiegen. Wenn man weiß, dass diese Zahl exponentiell weiterwächst, kann man sich ausmalen, in welche Richtung es geht. Wir werden weltweit einen sehr starken Anstieg der Todesfälle sehen. Schätzungen gehen für 2050 von zehn Millionen Todesfällen im Jahr aus. Diese Zahlen wurden um 2019 erhoben, und inzwischen hat die Krise noch einmal mehr Momentum bekommen. Ich gehe davon aus, dass die Konsequenzen noch massiver sein werden.
Gibt es keine niedrigschwelligeren Gegenmaßnahmen als milliardenschwere Medikamentenforschung, die Jahrzehnte benötigt?
Die fundamentalste Maßnahme wäre es, die Hygienesituation zu verbessern. Wenn die Menschen etwa Zugang zu sauberem Wasser haben, erkranken sie seltener an Durchfällen und brauchen weniger Antibiotika. Damit wäre ein sehr, sehr großer Schritt getan. Die nötigen Infrastrukturmaßnahmen sind aber wieder eine Geldfrage. Ich sehe in der aktuellen Weltlage nicht, wie sich unmittelbar etwas ändern könnte.
Gibt es Entwicklungen, die Ihnen Hoffnung machen?
Ich muss tatsächlich sagen, dass ich gerade pessimistisch bin. Leider. Aber ich hoffe natürlich, dass die internationale Politik irgendwann doch noch empfänglich dafür sein wird, sich des Themas anzunehmen. Auf einer persönlichen Ebene ist meine Motivation, dass ich mit vielen Menschen in den stark betroffenen Regionen im südlichen Afrika im Austausch stehe. Daraus sind langfristige Kollaborationen entstanden, auf die es viele positive Rückmeldungen gibt. Und es gibt kleinere Highlights: In Burkina Faso etwa hat die Regierung unsere Forschungsergebnisse aufgegriffen.
Wie genau?
Wir kommen da wieder zu den Straßenhändlern, über die wir eingangs gesprochen haben. Eine Möglichkeit wäre es ja, diesen informellen Markt zu eliminieren, um die Verbreitung minderwertiger Antibiotika zu unterbinden. In einem Pilotprojekt versuchen wir genau das Gegenteil: Wir versuchen, die Händler in ein formaleres System einzubinden, sie gezielt zu schulen und dafür zu gewinnen, qualitätsgesicherte Produkte zu verkaufen. Solange global nichts passiert, könnten solche Projekte ein Weg sein, sich selber zu helfen.



