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Die Leibniz-Gemeinschaft wird 30 Jahre alt, doch zum Jubiläum blicken wir nicht zurück, sondern befragen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die ganz am Anfang ihrer Karriere stehen. Was für ein Lebensgefühl haben sie, welche Erfahrungen machen sie als junge Forschende – und wie könnten ihre Erkenntnisse die Welt in 30 Jahren ein Stück verbessert haben? In Folge 15 antwortet Lisa Zehnter. Sie arbeitet am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung im »Manifesto-Projekt«.

Weitere Beiträge aus der Rubrik 30 um die 30 gibt es hier.

LEIBNIZ Frau Zehnter, wie würden Sie Ihr Forschungsthema jemandem auf einer Party erklären?

LISA ZEHNTER Eigentlich spreche ich auf Partys auch gerne mal über andere Dinge als meine Arbeit, aber wenn jemand fragt, dann sage ich: Ich untersuche, wie Parteien kommunizieren und welche Konsequenzen politische Sprache für die Gesellschaft hat – mit einem besonderen Fokus auf Populismus.  

Und was würden Sie zu einem Kollegen oder einer Kollegin sagen?

In meiner Forschung beschäftige ich mich mit Parteienwettbewerb, Populismus und politischer Kommunikation. Um die (positive wie negative) Repräsentation sozialer Gruppen im Diskurs politischer Parteien zu untersuchen, analysiere ich große Textmengen mit modernen Methoden der automatisierten Textanalyse wie Natural Language Processing.

Was war der wichtigste Moment in Ihrem bisherigen Leben als Forscherin?

Definitiv die Verteidigung meiner Doktorarbeit. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, nach so einer langen und anstrengenden Phase meine Arbeit zu präsentieren, mit meiner Kommission zu diskutieren und vor allem meine Familie und Freund:innen dabei zu haben.

Wie könnte Ihre Forschung die Welt in 30 Jahren ein Stückchen verbessert haben? (Sie dürfen träumen.)

Nichtpopulistische Parteien haben verstanden, dass sie nicht erfolgreich sind, wenn sie die Sprache und Programmatik populistischer Parteien nachahmen. Stattdessen machen sie den Wähler:innen Angebote, die ihren Alltag verbessern, ohne marginalisierte Gruppen zu diskriminieren.

In welcher Epoche wären Sie gerne Wissenschaftlerin gewesen? Oder ist heute die beste Zeit?

Dass ich als Tochter von Nichtakademiker:innen ein Studium und sogar eine Promotion abschließen konnte, ist statistisch gesehen immer noch die Ausnahme und wäre früher wohl noch unwahrscheinlicher gewesen. Ich empfinde es daher als großes Privileg, heute Wissenschaftlerin zu sein. Aber ich kann mir vorstellen, dass es auch interessant gewesen wäre, Anfang der 2000er Jahre zu Populismus zu forschen, als populistische Parteien in Westeuropa noch nicht so erfolgreich waren.

»Ein Leben für die Wissenschaft« – könnte dies einst der Untertitel für Ihre Biografie sein? Wenn nicht: Welchen Untertitel fänden Sie passend?

Entweder »Ein Leben für die Kommunikation und Vermittlung von Wissen(schaft)« oder »Ein Leben mit der Wissenschaft – und so viel mehr«.

Wenn Sie sich mit Menschen Ihres Alters treffen, die nicht in der Wissenschaft arbeiten: Was ist der größte Unterschied zwischen Ihnen?

Die meisten in meinem Alter haben unbefristete Arbeitsverträge. »Unterhalb« der Professur gibt es davon immer noch zu wenige in der Wissenschaft.

Wenn Sie sich mit älteren Forschenden Ihrer Disziplin treffen: Was ist der größte Unterschied zwischen Ihnen?

Das Geschlecht. Zwei Drittel der Professuren in der Politikwissenschaft sind von Männern besetzt.

Ich glaube, dass viele Menschen, denen die Demokratie am Herzen liegt, meine Arbeit wichtig finden.

Welche Eigenschaft halten Sie für die wichtigste, um Karriere in der Wissenschaft zu machen?

Mein erster Gedanke war: Durchhaltevermögen. Aber ehrlich gesagt gehört zu einer erfolgreichen und langfristigen Karriere auch immer Glück und gutes Timing.

Wie werden Sie als Wissenschaftlerin in der Gesellschaft wahrgenommen?

Kommt darauf an, wen man fragt. Bei meinem Thema gibt es viel Gegenwind und zum Teil auch sehr negative Reaktionen. Ich habe schon Hasskommentare im Netz erhalten, wenn ich zum Beispiel in Interviews über Parteien wie die AfD gesprochen oder Blogposts zu ihrer Programmatik geschrieben habe. Aber ich glaube, dass viele Menschen, denen die Demokratie am Herzen liegt, meine Arbeit wichtig finden.

Und wie würden Sie gerne wahrgenommen werden?

Als eine Person, die sich für die Demokratie einsetzt und dafür einen wichtigen Beitrag leistet. Und ich würde mir wünschen, dass verstanden wird, dass das, was ich als Wissenschaftlerin kommuniziere, nicht meine persönliche Meinung ist, sondern auf empirischen Erkenntnissen basiert.

Ihr liebster Arbeitsplatz?

Mein Büro. Ich brauche zwei Monitore, um produktiv zu arbeiten.

Ein Stillleben auf Ihrem Schreibtisch?

Bitte ergänzen Sie die folgenden Sätze. Sie können realistische Wünsche äußern oder Ihre Fantasie spielen lassen. Satz Nummer 1: Meine Arbeit wäre so viel einfacher, wenn …

… die Benutzeroberflächen zur Einreichung von Artikeln in Fachzeitschriften besser wären.

Davon hätte ich gern mehr:

Zeit für die Kommunikation von Wissenschaft. Sowohl, was die Ergebnisse und den Forschungsprozess angeht als auch für den Austausch mit Bürger:innen.

Wenn ich etwas sofort abstellen könnte, wäre das …

… E-Mails von Fachzeitschriften an Freitagen mit der Nachricht, dass mein Artikel abgelehnt wurde. So was macht mir definitiv das Wochenende kaputt.

Jede/r sollte wissen, dass…

… Wissenschaft ein Prozess ist, und es ganz normal und toll ist, dass sich Erkenntnisse weiterentwickeln.

Um das ein für allemal richtig zu stellen:

Wissenschaft ist nicht einfach nur »eine andere Meinung«.

Was ist Ihre größte Unsicherheit, bezogen auf Ihre Karriere?

Der Mangel an unbefristeten Stellen in der Wissenschaft. Rein statistisch ist es sehr unwahrscheinlich, dass ich eine solche Stelle bekomme.

Wie schaffen Sie es, trotzdem gelassen zu bleiben?

Wissenschaft ist nicht alles. Ich bin mir sicher, dass Wissenschaft immer ein Teil meines Lebens sein wird, aber ich kann mir auch sehr gut eine berufliche Zukunft außerhalb von Academia vorstellen.

Träumen Sie manchmal von der Arbeit? Wenn ja: Sind es angenehme Träume?

Ja, vor allem in der Endphase meiner Promotion habe ich viel von der Arbeit geträumt. Meist waren das eher weniger angenehme Träume von verpassten Deadlines und abgelehnten Papern. Seit dem Abschluss der Doktorarbeit hat das zum Glück aufgehört.

Nach dem Aufwachen: Wie fängt Ihr Tag gut an?

Ich starte am liebsten mit einer Laufrunde am Wasser oder durch den Park, gefolgt von Kaffee und Zeitungslektüre.

Wissenschaft ist nicht einfach nur ›eine andere Meinung‹.

Worauf freuen Sie sich an einem ganz normalen Arbeitstag?

Auf die Mittagspause mit meinen Kolleg:innen.

Worauf freuen Sie sich, wenn Ihr Arbeitstag zu Ende geht?

Zeit für mich, mit meinen Freund:innen und meinem Partner.

Ein hilfreicher Snack für zwischendurch?

Streusel- oder Zimtschnecken.

Eine kleine Flucht aus dem (Arbeits)Alltag, die Ihnen hilft, schnell wieder aufzutanken?

Da gibt es mehrere. Ein langer Lauf mit einer guten Playlist, ein Abendessen mit Freund:innen oder ein Besuch im Fußballstadion.

Was hilft Ihnen, Ideen zu finden?

Ich würde sagen, die Ideen finden eher mich. Als Politikwissenschaftlerin in Zeiten multipler globaler Herausforderungen mangelt es mir derzeit nicht an Themen, mit denen ich mich wissenschaftlich auseinandersetzen will.

Was hilft Ihnen, Ihren Fokus zu behalten?

Handy auf lautlos, E-Mail-Programm zu, Noise-Cancelling-Kopfhörer auf.

In welchen Momenten vergessen Sie während der Arbeit alles andere um sich herum?

Wenn ich ein spannendes Paper lese oder mein Code endlich durchläuft. Manchmal sitze ich ewig an der Programmiersprache R und merke dann, dass es nur ein falsch gesetztes Komma war. Ist das dann korrigiert und der Code läuft endlich durch, ist das ein super Gefühl!

LISA ZEHNTER, 31, ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Dort arbeitet sie im Zentrum für Zivilgesellschaftsforschung im Manifesto-Projekt, einem Forschungsprojekt, das anhand von Wahlprogrammen Parteipositionen ermittelt. Sie hat zu populistischer politischer Kommunikation an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert und brennt für die Wissenschaftskommunikation.

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