Die Leibniz-Gemeinschaft wird 30 Jahre alt, doch zum Jubiläum blicken wir nicht zurück, sondern befragen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die ganz am Anfang ihrer Karriere stehen. Was für ein Lebensgefühl haben sie, welche Erfahrungen machen sie als junge Forschende – und wie könnten ihre Erkenntnisse die Welt in 30 Jahren ein Stück verbessert haben? In Folge 25 antwortet Marie-Luise Enghardt. Sie promoviert am Leibniz-Institut für Photonische Technologien in Jena.
LEIBNIZ Frau Enghardt, wie würden Sie Ihr Forschungsthema jemandem auf einer Party erklären?
MARIE-LUISE ENGHARDT Ich schieße mit Lasern auf Bakterien, um schnell zu erkennen, was einen Menschen krank macht – und wie man ihn bestmöglich behandelt.
Und was würden Sie zu einem Kollegen oder einer Kollegin sagen?
Ich nutze die Raman-Spektroskopie, um den molekularen Fingerabdruck eines Bakteriums zu erstellen. Diesen behandele ich dann mit Antiinfektiva, etwa mit Antibiotika. Anhand der spektralen Veränderungen kann ich Rückschlüsse darauf ziehen, welche Erfolgsaussicht die Behandlung hat – und das in einem Bruchteil der Zeit, die herkömmliche Goldstandard-Verfahren benötigen.
Was war bisher der schönste Moment in Ihrem Leben als Forscherin?
Am schönsten ist es, wenn sich die lange Vorbereitung, Planung und manchmal auch Verzweiflung endlich auszahlen: man das Experiment durchführt, auswertet – und es auf Anhieb funktioniert! Aber auch die Tage, an denen etwas nicht klappt, haben ihren Wert, da jeder Fehler einen Erkenntnisgewinn bringt.
Wie könnte Ihre Forschung die Welt in 30 Jahren ein Stückchen verbessert haben? (Sie dürfen träumen.)
Das große Problem ist derzeit, dass wir Antibiotika – überspitzt gesagt – wie Bonbons verteilen. Durch unnötige oder falsche Behandlung geraten Mikroorganismen unter Druck und entwickeln Abwehrmechanismen, sogenannte Resistenzen. Prognosen zufolge könnten in etwa 25 Jahren mehr Menschen an antimikrobiellen Resistenzen sterben als an Krebs. Ich wäre stolz, wenn eine diagnostische Methode wie die, an der ich arbeite, dazu beitragen könnte, Ärzten schneller und präziser Behandlungsempfehlungen zu geben – und so dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Im besten Fall könnte meine Forschung eines Tages tatsächlich Menschenleben retten.


In welcher Epoche wären Sie gerne Wissenschaftlerin gewesen? Oder ist heute die beste Zeit?
Ich bin als Frau glücklich, in der heutigen Zeit zu leben.
»Ein Leben für die Wissenschaft« – könnte dies einst der Untertitel für Ihre Biografie sein? Wenn nicht: Welchen Untertitel fänden Sie passend?
Zu Beginn meines Studiums war ich felsenfest überzeugt, ein paar Jahre später Braumeisterin zu werden. Noch während meines Masters habe ich dementiert, zu promovieren. Und heute stehe ich hier und denke, die wissenschaftliche Laufbahn hat auch ihren Reiz. Ein passender Untertitel wäre daher: »Ich folge dem, was mich begeistert.« Oder vielleicht auch: »Ich wusste selbst nicht, wohin mein Weg mich führt.«
Wenn Sie sich mit Menschen Ihres Alters treffen, die nicht in der Wissenschaft arbeiten: Was ist der größte Unterschied zwischen Ihnen?
Langfristige Planung – beruflich wie privat – ist in der Wissenschaft deutlich schwieriger. Während andere unbefristete Arbeitsverträge haben, weiß ich oft nicht einmal, welches Projekt als nächstes bearbeitet werden soll. Dazu kommen unregelmäßige Arbeitszeiten. Experimente, Konferenzen oder Deadlines im Nacken machen einen geregelten Alltag nahezu unmöglich.
Wenn Sie sich mit älteren Forschenden Ihrer Disziplin treffen: Was ist der größte Unterschied zwischen Ihnen?
Resilienz.
Welche Eigenschaft halten Sie für die wichtigste, um Karriere in der Wissenschaft zu machen?
Begeisterungsfähigkeit, Durchhaltevermögen und ein gutes Netzwerk.
Wie werden Sie als Wissenschaftlerin in der Gesellschaft wahrgenommen?
Die meisten reagieren mit echtem Interesse. Sobald ich Antibiotikaresistenzen erwähne, wird es plötzlich sehr persönlich – weil jede*r schon mal Antibiotika genommen hat. Viele erkennen sofort die Motivation hinter meiner Forschung, finden sie hochrelevant und möchten mehr dazu wissen. Einer Bitte, der ich natürlich immer sehr gerne nachkomme.
Und wie würden Sie gerne wahrgenommen werden?
In meinem Umfeld hier in Jena bin ich sehr zufrieden damit, wie ich wahrgenommen werde – es ist ein großartiger Ort zum Forschen. Außerhalb davon wird man jedoch noch oft auf das Geschlecht oder Alter reduziert. Vielleicht kommen wir irgendwann gesellschaftlich dahin, dass die reine Leistung zählt.
Eines Tages könnte meine Forschung Menschenleben retten.
MARIE-LUISE ENGHARDT
Bitte ergänzen Sie die folgenden Sätze. Sie können realistische Wünsche äußern oder Ihre Fantasie spielen lassen. Satz Nummer 1: Meine Arbeit wäre so viel einfacher, wenn …
… Technik einfach immer funktionieren würde. (Ja, ich meine euch, Laser und Drucker dieser Welt!)
Davon hätte ich gern mehr:
Platz für Zimmerpflanzen.
Wenn ich etwas sofort abstellen könnte, wären das …
… Diskussionen ohne Faktenbasis.
Jede/r sollte wissen, dass …
… wir mit antimikrobiellen Resistenzen auf eine echte Krise zulaufen.
Um das ein für allemal richtig zu stellen:
Raman ist keine asiatische Suppe.
Was ist Ihre größte Unsicherheit, bezogen auf Ihre Karriere?
Wovor ich am meisten Respekt habe, ist die Frage, wie sich Beruf und Familie später wirklich gut vereinbaren lassen, ohne dass man sich selbst dabei verliert. Es ist statistisch nachgewiesen, dass Mutterschaft die größte Hürde für Karrieren der Frauen in der Wissenschaft darstellt.
Wie schaffen Sie es, trotzdem gelassen zu bleiben?
Ich konzentriere mich auf das, was ich wirklich beeinflussen kann und versuche, den Rest mit Humor zu nehmen.
Träumen Sie manchmal von der Arbeit? Wenn ja: Sind es angenehme Träume?
Ja, natürlich. Wir verbringen einen großen Teil des Tages mit unserer Arbeit, wäre ja verrückt, nicht ab und zu von ihr zu träumen.
Ihr liebster Arbeitsplatz?
Das mikrobiologische Labor. Hier sehe ich in kürzester Zeit die Mikroorganismen wachsen und habe am Ende des Tages etwas in der Hand – oder besser im Kolben. Dieses unmittelbare Ergebnis fehlt mir manchmal bei der Arbeit vor dem Computer.
Ein Stillleben auf Ihrem Schreibtisch?

Eine Kritzelei während eines Meetings?

Nach dem Aufwachen: Wie fängt Ihr Tag gut an?
Sobald mein alter Kater merkt, dass ich wach bin, macht er sich sehr laut bemerkbar. Nachdem ich ihn mit seinen Blutdrucktabletten und Frühstück versorgt habe, kann ich mich fertig machen, Ordnung schaffen und mich aufs Rad zur Arbeit schwingen.
Worauf freuen Sie sich an einem ganz normalen Arbeitstag?
Auf meine Kollegen im Büro, die neuesten Schnapsideen in unserer Gruppe und die Mate in der Mensa!
Worauf freuen Sie sich, wenn Ihr Arbeitstag zu Ende geht?
Kommt ganz auf die Jahreszeit und den Tag an. Häufig ist es der Sport, ein hervorragendes Essen oder ein kaltes Bier. Am liebsten habe ich dabei die Donnerstage. Da spiele ich mich Freunden Squash, danach gehen wir in die Sauna, und wie es sich für einen Donnerstag gehört, gibt es danach noch einen guten Döner.
Ein hilfreicher Snack für zwischendurch?
Kuchen oder Baklava.
Eine kleine Flucht aus dem (Arbeits)Alltag, die Ihnen hilft, schnell wieder aufzutanken?
Sport ist mein Reset-Knopf. Im Sommer eine Radtour zum Runterkommen, im Winter lieber Krafttraining zum Auspowern. Und manchmal tut auch einfach ein Abend ohne Pläne, mit einer guten Serie und einer Portion Ruhe.


Was hilft Ihnen, Ideen zu finden?
Oft entstehen die besten Ideen, wenn ich gerade nicht darüber nachdenke. Manchmal hilft es auch, mit Menschen zu sprechen, die mit meinem Thema nichts zu tun haben – andere Perspektiven bringen frischen Wind.
Was hilft Ihnen, Ihren Fokus zu behalten?
Kopfhörer mit Noise-Canceling und eiserne Disziplin.
In welchen Momenten vergessen Sie während der Arbeit alles andere um sich herum?
Wenn ich vor dem Messgerät sitze. Dann kann es passieren, dass ich so vertieft bin, dass ich Gespräche im Raum gar nicht höre. Zu meiner Verteidigung: Bei spektroskopischen Messungen ist das Licht ausgeschaltet. Wie Patrick Star von »Spongebob« sagen würde: »Ich kann dich nicht hören, es ist zu dunkel hier drin.«
MARIE-LUISE ENGHARDT, 27, hat einen Bachelor in Brauerei- und Getränketechnologie und ein anschließendes Masterstudium der Mikrobiologie abgeschlossen. Seit Oktober 2023 ist sie Doktorandin am Leibniz-Institut für Photonische Technologien in Jena. Ihr Forschungsschwerpunkt: die Raman-Spektroskopie zur Identifizierung und Resistenztestung von bakteriellen Krankheitserregern gegenüber Antibiotika.



