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Die Leibniz-Gemeinschaft wird 30 Jahre alt, doch zum Jubiläum blicken wir nicht zurück, sondern befragen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die ganz am Anfang ihrer Karriere stehen. Was für ein Lebensgefühl haben sie, welche Erfahrungen machen sie als junge Forschende – und wie könnten ihre Erkenntnisse die Welt in 30 Jahren ein Stück verbessert haben? In Folge 19 antwortet Pia Heckl. Sie ist Postdoc am ifo Institut und an der Ludwig-Maximilians Universität in München und arbeitet im Bereich Gender und Familien Ökonomie.

Weitere Beiträge aus der Rubrik 30 um die 30 gibt es hier.

LEIBNIZ Frau Heckl, wie würden Sie Ihr Forschungsthema jemandem auf einer Party erklären?

PIA HECKL Ich bin Ökonomin und beschäftige mich mit der Situation von Individuen am Arbeitsmarkt – im Besonderen von Frauen und Familien. Momentan untersuche ich beispielsweise, ob eine Jobgarantie dazu beitragen kann, ältere Langzeitarbeitlose langfristig wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Und was würden Sie zu einem Kollegen oder einer Kollegin sagen?

Ich bin Arbeitsmarktökonomin und befasse mich hauptsächlich mit den Themen Gender und Family Economics. Derzeit beschäftige ich mich mit aktiver Arbeitsmarktpolitik.Ebenfalls interessiere ich mich dafür, wie sich Stillentscheidungen auf die Arbeitsmarktpartizipation von Frauen auswirken oder welche Rolle soziale Normen bei Arbeitsmarktentscheidungen spielen.

Was war bisher der schönste (oder wichtigste) Moment in Ihrem Leben als Forscherin?

Der Übergang vom PhD zu meiner jetzigen Postdoc-Stelle. Es war schön zu sehen, dass man in einem neuen Umfeld auch viele neue Ideen und Impulse bekommt. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass die Erfahrung andere Ressourcen und Möglichkeiten für Projekte eröffnet.

Wie könnte Ihre Forschung die Welt in 30 Jahren ein Stückchen verbessert haben? (Sie dürfen träumen.)

Ich hoffe, dass Familien dann aktiver über die Aufteilung ihrer bezahlten und unbezahlten Arbeit nachdenken können, freier von gesellschaftlichen Vorstellungen.

In welcher Epoche wären Sie gerne Wissenschaftlerin gewesen? Oder ist heute die beste Zeit?

Ich fühle mich in der heutigen Zeit sehr wohl und schätze die Möglichkeiten, die sich mir bieten. Einerseits, ist es selbstverständlich(er) geworden, dass Frauen in der Forschung tätig sind und andererseits ist es in meinem Forschungsfeld etabliert, zu Familienentscheidungen und Geschlechterungleichheiten zu forschen. Außerdem ist es bereichernd, international vernetzt zu sein und die Möglichkeit zu haben, viel zu reisen. Es wäre bestimmt auch super spannend und sehr herausfordernd gewesen, gemeinsam mit den ersten Vorreiter*innen das Feld der Gender Economics zu etablieren.

»Ein Leben für die Wissenschaft« – könnte dies einst der Untertitel für Ihre Biografie sein? Wenn nicht: Welchen Untertitel fänden Sie passend?

Vielleicht eher so etwas wie »Mit Forschung und Engagement gegen das Patriarchat«. Ich hoffe aber, dass es in meiner Biografie auch um andere Aspekte meines Lebens gehen würde, zum Beispiel um mein neu entdecktes Hobby Häkeln.

Ich habe das Gefühl, dass meine fachliche Expertise oft eher als persönliche Meinung wahrgenommen wird.

PIA HECKL

Wenn Sie sich mit Menschen Ihres Alters treffen, die nicht in der Wissenschaft arbeiten: Was ist der größte Unterschied zwischen Ihnen?

Die Flexibilität meiner Arbeit und dass meine Arbeit immer präsent ist, auch außerhalb der Arbeitszeit.

Wenn Sie sich mit älteren Forschenden Ihrer Disziplin treffen: Was ist der größte Unterschied zwischen Ihnen?

Die Erfahrung. Und meistens das Geschlecht.

Welche Eigenschaft halten Sie für die wichtigste, um Karriere in der Wissenschaft zu machen?

Eine Mischung aus intrinsischer Motivation, Durchhaltevermögen und Leidenschaft.

Wie werden Sie als Wissenschaftlerin in der Gesellschaft wahrgenommen?

Ich glaube für viele Personen ist der Beruf nicht wirklich greifbar oder man stellt sich vor, dass man einerseits den ganzen Tag im Kammerl sitzt und Bücher liest und andererseits ständig auf Reisen ist, was zum Teil auch so ist. Persönlich merke ich, dass es gar nicht so einfach ist, meine Forschung zu Gender Economics mit meiner Rolle als junge Frau in Einklang zu bringen. Ich habe das Gefühl, dass meine fachliche Expertise dadurch eher als persönliche Meinung wahrgenommen wird.

Und wie würden Sie gerne wahrgenommen werden?

Als kompetente Expertin auf meinem Gebiet. Wenn ich zum Beispiel etwas zu Arbeitsentscheidungen auf Familienebene erzähle, dann ist das nicht meine Meinung, sondern basiert auf Forschungsergebnissen meiner Kolleg*innen und mir.

Bitte ergänzen Sie die folgenden Sätze. Sie können realistische Wünsche äußern oder Ihre Fantasie spielen lassen. Meine Arbeit wäre so viel einfacher, wenn …

... ich immer und überall drei Bildschirme hätte.

Davon hätte ich gern mehr:

Arbeitszeit vor der Mittagspause, ohne früher aufstehen zu müssen ;)

Wenn ich etwas sofort abstellen könnte, wären das …

... Reisekostenabrechnungen.

Jede/r sollte wissen, dass …

... Geschlechterungleichheiten nicht biologisch determiniert sind, sondern zu einem Großteil von gesellschaftlichen Normen geprägt sind.

Um das ein für allemal richtig zu stellen:

Ich arbeite teilweise noch immer an denselben Projekten, wie in meinem PhD. Ein Projekt endet nicht, nur weil ich jetzt an einer anderen Forschungsstätte arbeite.

Ihr liebster Arbeitsplatz?

Mein Büro oder mein Schreibtisch zu Hause.

Was ist Ihre größte Unsicherheit, bezogen auf Ihre Karriere?

Wie lange es mir möglich sein wird, in diesem Beruf zu arbeiten und ob ich Professorin werden kann.

Wie schaffen Sie es, trotzdem gelassen zu bleiben?

Ich versuche, mich auf die Aspekte zu konzentrieren, die ich beeinflussen kann, wie meine Arbeit. Zufällige Komponenten, wie offene Stellen und Publikationsprozesse, versuche ich dagegen eher auszublenden. Regelmäßige Panik über die Zukunft gehört aber natürlich dazu.

Träumen Sie manchmal von der Arbeit? Wenn ja: Sind es angenehme Träume?

Eigentlich sehr selten. Manchmal träume ich, dass ich vergessen habe eine wichtige E-Mail abzuschicken.

Nach dem Aufwachen: Wie fängt Ihr Tag gut an?

Ein guter Kaffee und mit dem Fahrrad ins Büro radeln.

Worauf freuen Sie sich an einem ganz normalen Arbeitstag?

Darauf, To-Dos abzuhaken und auf den Austausch mit Kolleg*innen.

Eine Kritzelei während eines Meetings?

Was hilft Ihnen, Ihren Fokus zu behalten?

Detaillierte To-Do Listen und mein Kalender.

Was hilft Ihnen, Ideen zu finden?

Viele Forschungspapiere lesen und mit Kolleg*innen, aber auch mit Freund*innen und Bekannten zu reden. Weil ich ein eher visueller Typ bin, arbeite ich auch gerne mit Mindmaps und Notizen.

Worauf freuen Sie sich, wenn Ihr Arbeitstag zu Ende geht?

Mit meinem Partner gemütlich zu kochen und über den Tag zu tratschen.

Eine kleine Flucht aus dem (Arbeits)Alltag, die Ihnen hilft, schnell wieder aufzutanken?

Eine Runde laufen gehen oder zurücklehnen und richtig laut Musik hören.

In welchen Momenten vergessen Sie während der Arbeit alles andere um sich herum?

Wenn eine Berechnung nicht hinhaut und ich auf Fehlersuche im Code gehen muss.

Ein hilfreicher Snack für zwischendurch?

Eine Tasse Matcha Latte oder der klassische Müsliriegel.

PIA HECKL ist 28 Jahre alt und Postdoc am ifo Institut und an der Ludwig-Maximilians Universität in München. Zuvor promovierte sie an der Wirtschaftsuniversität Wien zu dem Thema »Gender in the Labor Market«. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit Arbeitsmarktpolitik und Frauen am Arbeitsmarkt.

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