Die Leibniz-Gemeinschaft wird 30 Jahre alt, doch zum Jubiläum blicken wir nicht zurück, sondern befragen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die ganz am Anfang ihrer Karriere stehen. Was für ein Lebensgefühl haben sie, welche Erfahrungen machen sie als junge Forschende – und wie könnten ihre Erkenntnisse die Welt in 30 Jahren ein Stück verbessert haben? In Folge 28 antwortet Sinah Drenkse, Doktorandin am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin.
LEIBNIZ Frau Drenske, wie würden Sie Ihr Forschungsthema jemandem auf einer Party erklären?
SINAH DRENSKE Ich erforsche, wie Eichhörnchen in der Stadt klarkommen. Dafür fange ich sie, schaue mir an, wie es ihnen geht – und dann dürfen sie direkt wieder gehen.
Und was würden Sie zu einem Kollegen oder einer Kollegin sagen?
Ich untersuche, wie sich Eichhörnchen an das Leben in urbanen Räumen anpassen. Dafür fange ich die Tiere in einem Park oder einem Wald am Stadtrand, nehme Proben, erhebe Daten zu ihrer Körpergröße und zum Gewicht und lasse sie nach dem Handling wieder frei. Ich betrachte dabei Aspekte wie Aktivität, Genetik und Ernährung und vergleiche Tiere aus der Stadt mit denen an der Stadtgrenze.
Was war bisher der schönste Moment in Ihrem Leben als Forscherin?
Zum einen, als ich das Stipendium für meine Doktorarbeit bekommen habe und wirklich loslegen konnte. Zum anderen in diesem Herbst, als ich gemeinsam mit meinen Supervisorinnen und Studentinnen auf der Jahrestagung der Deutschen Zoologischen Gesellschaft war. Wir konnten zeigen, was wir bisher über Genetik, Überleben, Problemlösungsverhalten und Aktivität der Eichhörnchen herausgefunden haben, und ich fand es sehr bestärkend zu sehen, wie viel Mut und Energie wir uns gegenseitig geben.
Wie könnte Ihre Forschung die Welt in 30 Jahren ein Stückchen verbessert haben? (Sie dürfen träumen.)
Ich hoffe, dass wir besser verstehen werden, wie Tiere sich an neue Lebensräume anpassen und wie das Zusammenleben zwischen Mensch und Tier besser funktionieren kann. Städte lassen sich tierfreundlicher gestalten, indem Wildtiere bei der Planung mitgedacht werden – dazu möchte ich einen Beitrag leisten. Außerdem wünsche ich mir, dass ich Menschen Forschung an sich näherbringen konnte: Eichhörnchen eignen sich wunderbar, um Wissenschaft zu erklären und ins Gespräch zu kommen.
In welcher Epoche wären Sie gerne Wissenschaftlerin gewesen? Oder ist heute die beste Zeit?
Vielleicht in der Zukunft – ich würde wirklich gern sehen, wie Forschung in 100 Jahren aussieht. Aber eigentlich passt auch die Gegenwart sehr gut. Wir wissen heute schon unglaublich viel, aber gleichzeitig gibt es noch unzählige offene Fragen. Und im Vergleich zu früher haben wir inzwischen Methoden, mit denen wir viel präziser und feiner arbeiten können.
»Ein Leben für die Wissenschaft« – könnte dies einst der Untertitel für Ihre Biografie sein? Wenn nicht: Welchen Untertitel fänden Sie passend?
Ich finde nicht, dass jeder unbedingt eine Biografie schreiben muss. Aber wenn, dann könnte der Untertitel vielleicht lauten: »Neugierig genug, um weiterzumachen«.
Eichhörnchen eignen sich wunderbar, um Wissenschaft zu erklären und ins Gespräch zu kommen.
SINAH DRENSKE
Wenn Sie sich mit Menschen Ihres Alters treffen, die nicht in der Wissenschaft arbeiten: Was ist der größte Unterschied zwischen Ihnen?
Unsere Lebensrealitäten unterscheiden sich oft. Viele in meinem Alter haben feste Jobs und denken über Häuser, Hochzeiten oder Familienplanung nach. Ich dagegen frage mich eher, ob ich nächstes Jahr noch einen Vertrag habe oder wo ich langfristig arbeiten werde. Unsicherheit gehört in der Wissenschaft einfach ständig dazu, und selbst mit einem laufenden Vertrag denkt man schon wieder an den nächsten. Eine Festanstellung fühlt sich eher an wie ein Lottogewinn. Und ein wirklich »normaler« Alltag existiert bei mir kaum, irgendwo ist immer eine Deadline.
Wenn Sie sich mit älteren Forschenden Ihrer Disziplin treffen: Was ist der größte Unterschied zwischen Ihnen?
Resilienz und der Überblick. Ältere Forschende haben mehr Erfahrung und einen besseren Überblick über das große Ganze. Als Doktorandin fokussiert man sich oft stärker auf eine kleine Nische.
Welche Eigenschaft halten Sie für die wichtigste, um Karriere in der Wissenschaft zu machen?
Leidenschaft für das Forschungsthema. Ohne sie übersteht man den Leistungsdruck und die Unsicherheiten nicht.
Wie werden Sie als Wissenschaftlerin in der Gesellschaft wahrgenommen?
Zweigeteilt: Manche staunen, dass man für Wildtierforschung bezahlt wird und seinen Lebensunterhalt damit verdient. Andere finden es toll, dass sich jemand darum kümmert, wie Tiere in der Stadt leben und wie man ihr Leben verbessern kann.
Und wie würden Sie gerne wahrgenommen werden?
Als jemand, der versucht, das Zusammenleben von Menschen und Tieren ein kleines bisschen besser zu machen. Und als jemand, der nicht alles weiß – mit Träumen, Unsicherheiten, wie jede andere Person auch.
Bitte ergänzen Sie die folgenden Sätze. Sie können realistische Wünsche äußern oder Ihre Fantasie spielen lassen. Satz Nummer 1: Meine Arbeit wäre so viel einfacher, wenn …
… langfristige Finanzierungen gesichert wären. Wir brauchen Langzeitprojekte für verlässliche Daten und auch für Forschende, damit man sich nicht ständig um den nächsten Vertrag kümmern muss.
Davon hätte ich gern mehr:
Zeit. Wenn ein Tag 48 Stunden hätte, wäre vieles leichter :D
Wenn ich etwas sofort abstellen könnte, wäre das …
… die zunehmende Wissenschaftsskepsis. Und die fehlenden Finanzierungen für Praktikant:innen und Abschlussarbeiten. Ohne Studierende wäre meine Feldarbeit kaum möglich, aber es gibt selten Mittel dafür.
Jede/r sollte wissen, dass …
… Forschung unglaublich vielfältig ist – selbst innerhalb eines kleinen Bereichs. Ich nehme Daten auf, analysiere sie, visualisiere Ergebnisse, schreibe Veröffentlichungen, betreue Studierende und mache Öffentlichkeitsarbeit. Ich kann mich mit vielen Fragestellungen und Methoden befassen und ständig Neues lernen. Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen macht das unglaublich viel Spaß.
Um das ein für allemal richtig zu stellen:
Forschung ist viel Arbeit. Wir denken uns Ergebnisse nicht aus, sondern analysieren Daten sorgfältig aus verschiedenen Blickwinkeln. Unser Ziel ist es, Wissen zu schaffen, welches dann angewandt werden kann.

Was ist Ihre größte Unsicherheit, bezogen auf Ihre Karriere?
Die Langfristigkeit: Kann ich dort bleiben, wo es mir gefällt? Oder muss ich irgendwann an ein anderes Institut wechseln und umziehen? Auch die Projektfinanzierung an sich ist eine große Unsicherheit. Und natürlich die Frage: Bin ich als Wissenschaftlerin gut genug?
Wie schaffen Sie es, trotzdem gelassen zu bleiben?
Durch meinen Hund, meine Freunde und meine Familie. Und weil mir mein Job wirklich Spaß macht – ich fühle mich an meinem Institut und besonders in meiner Arbeitsgruppe sehr gut aufgehoben.
Träumen Sie manchmal von der Arbeit? Wenn ja: Sind es angenehme Träume?
Ich träume selten von der Arbeit – und wenn, dann sind es eher Gedankenfetzen zu Problemen oder offenen Fragen.
Ihr liebster Arbeitsplatz?
Im Frühjahr und Herbst draußen im Feld beim Fangen. Ansonsten mag ich die Mischung aus sozialem Austausch im Büro und ruhigem Homeoffice.
Ein Stillleben auf Ihrem Schreibtisch?

Eine Kritzelei während eines Meetings?

Nach dem Aufwachen: Wie fängt Ihr Tag gut an?
Mit einem Spaziergang mit meinem Hund.
Worauf freuen Sie sich an einem ganz normalen Arbeitstag?
Auf den Alltag im Büro und das Vorankommen in meinem Projekt.
Worauf freuen Sie sich, wenn Ihr Arbeitstag zu Ende geht?
Auf meinen Hund, der zu Hause auf mich wartet.
Ein hilfreicher Snack für zwischendurch?
Kinderschokolade und Kaugummis.


Eine kleine Flucht aus dem (Arbeits)Alltag, die Ihnen hilft, schnell wieder aufzutanken?
Lange Spaziergänge mit meinem Hund und Zeit mit meinen Cousins.
Was hilft Ihnen, Ideen zu finden?
Der Austausch auf Konferenzen oder in Meetings, inspirierende Vorträge und Paper. Aber auch mal ein wenig Abstand, damit der Kopf wieder frei werden kann.
Was hilft Ihnen, Ihren Fokus zu behalten?
Ziele, zum Beispiel ein Paper oder die Promotion insgesamt. Im Alltag helfen Musik oder Deadlines, die sich nicht verschieben lassen. Außerdem Routinen wie »30 Minuten schreiben«, auch wenn ich mich leider nicht so oft daran halte, wie ich es gerne hätte.
In welchen Momenten vergessen Sie während der Arbeit alles andere um sich herum?
Während der Feldarbeit – beim Handling von Eichhörnchen denke ich an nichts anderes. Und beim tiefen Eintauchen in Analysen, wenn man in einen Konzentrationsmodus kommt.
SINAH DRENSKE, 33, hat Ökologie und Umweltplanung an der Technischen Universität Berlin studiert. Derzeit ist sie Doktorandin am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in der Abteilung für Ökologische Dynamik und an der TU Berlin.



