In der Sache hat sich seit damals vielleicht gar nicht so viel verändert. Er steht da, schaut aufs Wasser und wirft alle paar Minuten seine Angelrute neu aus. Auch die Begeisterung ist noch da, dieses freudige Kribbeln eines Abenteuers. Nur kälter ist es heute, auf den Büschen und Gräsern am Ufer klebt noch blass der Morgentau, der Nebel über dem Döllnsee ist dicht und glüht orange im ersten Tageslicht.
Damals, als er noch zehn war oder zwölf, vielleicht auch noch ein bisschen jünger, so genau weiß er das nicht mehr, jedenfalls damals im Sommerurlaub mit seinen Eltern in Spanien, etwa 100 Kilometer nördlich von Valencia an der Küste, da war er einfach fasziniert von diesen komischen Typen mit ihren von Sonne, Salz und Tabak gegerbten Gesichtern, die immer mit einer Zigarette im Mund am Meer standen oder saßen und angelten.
Also hat er sich neben sie gestellt und Fragen gestellt, so viele, dass er mehrere Stunden am Tag mit den Fischern verbrachte. Seine Eltern haben das bemerkt und ihm eine Rute geschenkt. Der erste Fang war klein, hässlich und schwarz; er angelte Barbossas – Schleimfische.

Viel Wasser ist seither die Lohne hinuntergeflossen, der Fluss seiner niedersächsischen Heimat mündet in die Hunte und findet über die Weser schließlich in die Nordsee. 50 Jahre zählt das Leben von Robert Arlinghaus jetzt, sein Geburtstag ist noch gar nicht so lange her. Und wenn man sich bewusst macht, wo er heute so steht, hat sich vielleicht doch einiges verändert. Arlinghaus hält eine Professur für Integratives Fischereimanagement an einem international führenden Forschungsinstitut, er hat für seine Arbeit mehrere Preise gewonnen und gilt als einer der führenden Wissenschaftler in Europa, wenn es ums Angeln geht.
Und auch als Angler hat er sich entwickelt. Er weiß, dass man bei Jerkbait-Ködern die Angelrute so bewegen muss, dass ein Hecht denkt, da flüchtet Beute. Er kennt die Spinner-Köder, die Vibration erzeugen und so von Forelle über Barsch und Zander alles locken, was Fischchen jagt. Und er weiß um den richtigen Einsatz der Wobbler, Köder fürs Angeln im Flachwasser.
Und trotzdem steht Arlinghaus jetzt mit einem Angelkameraden auf einem Floß, beide werfen seit fast einer Stunde immer wieder ihre Ruten aus, aber nichts passiert.
Banane an Bord?
, fragt Arlinghaus.
Könnte nur durch Äpfel ausgeglichen werden
, antwortet der andere Angler.
Apfel dabei?
Ne. Heute nicht.
Mist.
Es ist moderner Aberglaube: Eine Banane an Bord besitzt die Macht, einen Angeltag zu ruinieren, weil sie die Fische vom Beißen abhält. Jeder Angler kennt diese Regel. Keiner glaubt wirklich daran, heißt es. Trotzdem nimmt nie jemand eine Banane mit auf ein Boot oder Floß. Vorsicht kann nicht schaden.


Da zuckt und stößt doch etwas an der Rute. Robert Arlinghaus zieht den ersten Hecht des Tages aus dem See, brauner Oberkörper mit weißen Flecken, weiße Unterseite, knapp unter 50 Zentimeter lang – und schon besendert, zeigt das Auslesegerät. Arlinghaus notiert die Daten in einer Kladde, geht in die Knie und entlässt den Fisch zurück ins Wasser. Neben ihm auf dem Floß wirft der zweite Angler seine Rute neu aus.
Hier, auf dem Döllnsee in einem Biosphärenreservat nah an Berlin, ist Arlinghaus für eine aktuelle Studie zum vorerst letzten Mal. Unterstützt von einem wissenschaftlichen Mitarbeiter und mehreren Freizeitanglern will er herausfinden: Wie wirkt sich Vielbeanglung auf Fische aus, wenn man die Beute wieder freilässt? Und machen Naturköder oder Kunstköder einen Unterschied dabei, ob die Tiere lernen, vorsichtiger zu sein?
Dafür haben sie eine Seite des Sees schon einmal unter Hochdruck beangelt, mehrmals die Woche waren sie da. Dann haben sie das Gewässer über Monate ruhen lassen. Heute möchten sie prüfen, ob sich die Fangrate geändert hat.
Bisher basieren alle Diskussionen zu Verhaltensauswirkungen des Fischereidrucks nur auf Bauchgefühl
, sagt Arlinghaus. Belastbare experimentelle Daten sind da sehr selten.
Ähnlich wird er in den nächsten Stunden auf Fragen zum Angeln im deutschsprachigen Raum häufiger antworten und auch in der Nachbesprechung über Videocall zwei Wochen später wiederholen: Wenige, manchmal zu wenige Daten für seriöse Aussagen.
Die meisten Daten, die es dann doch gibt, zu Anglern und Angeln im deutschsprachigen Raum, stammen von ihm. Der Bericht zur deutschen Binnenfischerei 2023 zitiert eine Umfrage von Arlinghaus aus dem Jahr 2002: 3,3 Millionen regelmäßige Angler gebe es im Land; das sind fast doppelt so viele wie ausgestellte Fischereischeine. In Ostdeutschland gehen mehr Menschen fischen – auch das hat Arlinghaus herausgefunden –, im Westen werden es seit der Corona- Pandemie aber immer mehr. Zählt man die Gelegenheitsangler mit, gehen aktuelle Umfragen von mehr als sechs Millionen Anglern aus. Von Ausrüstung bis Tourismus sind in Deutschland etwa 50.000 Arbeitsplätze vom Angeln abhängig – so steht es in der Doktorarbeit von Arlinghaus.
Während Arlinghaus und der zweite Angler auf dem Floß stehen und die Haken wieder und wieder in den See auswerfen, einholen, erneut auswerfen, unterhalten sie sich über die besten Fänge, bevorzugte Köder, anekdotische Erfahrungen. Oft ist es der Freizeitangler, der Fragen stellt und dann zuhört, während Arlinghaus redet. Das ist krass, wie viel ich dabei gelernt habe
, wird er später am Tag, zurück an Land, sagen. Bei Wissenschaftlern, da denkt man ja leicht mal, die sind abgehoben. Aber der Robert, der ist voll auf dem Boden geblieben. Und er hat Ahnung.
Robert. Egal, ob im Alltag der eine Handwerker ist und der andere Professor, beim Angeln sind alle gleichermaßen angewiesen auf das »Petri Heil« und damit per Du.
Robert Arlinghaus bezieht Angler bei vielen seiner Forschungen ein. Die Leute, sagt er, wissen, was sie tun und lernen dann gleich etwas dazu. Seine Arbeit soll ohnehin bei den Praktikern ankommen, warum sie dann nicht von Anfang an miteinbeziehen?


Auch deshalb nennen Kritiker ihn Trickser
, etwa Aktivisten der Tierrechtsorganisation Peta. Der Arlinghaus sei ein unbelehrbarer Angler
, dem es vor allem darauf ankomme, sein eigenes Hobby zu verteidigen. Ein Angel-Lobbyist, getarnt als seriöser Professor.
Während aber Arlinghaus sich auf seinem Floß mit dem anderen Angler unterhält und auch später, bei der Nachbesprechung des Forschungseinsatzes über Videocall, entsteht ein anderer Eindruck. Es gibt Professoren, die setzen sich in jede Talkshow und haben zu jedem Thema etwas beizutragen; bei diesen Leuten verschwimmt die Grenze, wann sie in ihrer Rolle als Experten auf Fakten verweisen und wann sie eine Meinung äußern. Arlinghaus ist anders. Er antwortet oft das weiß ich nicht
und fügt danach nur selten doch noch eine Einschätzung an.
Für eine Aussage braucht es belastbare Daten, das ist ihm so wichtig, dass er sogar dann, wenn er etwas weiß, auf Unschärfen verweist, mögliche Verzerrungen, Nebeneffekte, Unklarheiten. Zuweilen wird er dabei so ausführlich, dass er über die Grauzonen, Zweifel und offenen Fragen mehr Worte verliert als über das, was er und seine Forschungsgruppe herausgefunden haben.
Ich sage nur etwas, wenn ich eine Studie dazu gemacht habe.
ROBERT ARLINGHAUS
Dabei hätte er jeden Grund, stolz zu sein: Die Onlineplattform ResearchGate rechnet ihm 760 Publikationen zu, aus seiner Forschung wurde fast 30.000 Mal zitiert, veröffentlicht wird die Arbeit in den höchsten Rängen wissenschaftlicher Publikationen – etwa in den Zeitschriften nature, Science oder PNAS.
Ich sage nur etwas, wenn ich eine Studie dazu gemacht habe oder zumindest den Literaturstand sehr gut kenne
, sagt Arlinghaus. Aber dann gehört alles dazu: Podcast, Youtube, Social Media, die ganze Palette der Kommunikation. Es geht dabei nicht um mich. Aber mir ist wichtig, dass die Ergebnisse bei den Leuten ankommen.
Ihm scheint das zu gelingen. 2020 gewann Arlinghaus den Communicator-Preis, die höchste deutschsprachige Auszeichnung für Wissenschaftskommunikation – mit einem Sonderpreis geehrt wurde der Virologe Christian Drosten.
Wenn du als Wissenschaftler dein Köpfchen in die Öffentlichkeit reckst und dann auch noch einen Nerv triffst, wirst du zur Zielscheibe
, sagt Arlinghaus. Vor wenigen Jahren haben er und ein interdisziplinäres Team aus Biologen, Philosophen und weiteren Wissenschaftlern eine Studie zur Frage durchgeführt: Können Fische Schmerz empfinden? Ganz sicher beantworten ließ sich die Frage nicht. Fische besitzen zwar die Fähigkeit zur Nozizeption, reagieren also auf Schadreize wie Verletzungen oder Umweltgifte, aber Nozizeption ist noch kein Schmerz. Möglicherweise konstruiert das Hirn daraufhin subjektives Leid. Möglicherweise aber auch nicht.
Von Leuten, die solche Uneindeutigkeiten nicht aushalten, wurde ich dann in eine Ecke mit Klimaleugnern gestellt. Ich sei ein Schmerzleugner
, sagt Arlinghaus. Ich habe mittlerweile ein relativ dickes Fell. Solange ich weiß, dass ich sauber kommuniziere, macht mir solche Kritik nur noch selten etwas aus. Aber das hat damals schon wehgetan.


Die Sonne ist mittlerweile etwas höher gestiegen, es ist später Morgen über Brandenburg. Die Seite des Sees, auf der Arlinghaus und sein Angler-Kamerad fischen, liegt trotzdem noch im Schatten. Ein Hecht bisher, nach mehreren Stunden. Enttäuschend für den Angler, gut für die These des Forschers. Arlinghaus glaubt: Die Fische lernen dazu. Beim ersten Mal auf dem See hat teils mehrmals pro Stunde ein Hecht gebissen, heute nach mehreren Stunden erst einer.
Da hält der Angler neben Arlinghaus seine Rute plötzlich etwas fester, kurbelt.
Hast du was
, fragt Arlinghaus?
Ja, da hat was gebissen
, sagt der Angler.
Verdammt, heute darfst du doch nichts fangen!
Was? Wirklich?
Ne, Quatsch. Jedes Resultat ist gut für die Forschung.
Den genauen Bestand von Wildtieren in einem Gebiet zu bestimmen, ist schwer. In Wäldern werden meist die Jäger befragt: Wie viele Rehe konntet ihr erlegen – und wie lange hat es gedauert, diese Quote zu erreichen? Bei Flüssen oder Teichen werden die Angler ähnliches gefragt: Wie viele Fische gingen euch in welcher Zeit an den Haken?
Aus der Angler-und-Fisch-Interaktion lassen sich Indizien für die Wechselwirkung zwischen Mensch und Umwelt ableiten. Das heißt, Arlinghaus und sein Team erforschen ein scheinbar kleines, sehr konkretes Gebiet, die Ergebnisse aber lassen sich auch auf andere Gebiete anwenden. Eine Schlussfolgerung könnte lauten: Hat der Mensch ein falsches Bild von Umweltmanagement, wenn er vor allem an Entnahme und Hinzugabe von Tieren denkt? Und wäre es nicht viel besser, sich stattdessen auf die Gestaltung der Bedingungen zu konzentrieren und die Natur sonst machen zu lassen?
Studien aus dem Glacier National Park, dem Yellowstone National Park oder auch aus den Great Plains im Nordwesten der USA würden diese These stützen. Es wäre nicht das erste Mal, dass experimentelle Forschung von dort Wechselwirkungen von Mensch und Säugetieren erkennt, die Arlinghaus dann auch für Fische nachweist; Umweltmanagement etwa beeinflusst die Evolution von Tieren.
Im Gewässermanagement gilt es als unethisch, ausgewachsene, große Fische in einen Teich oder Fluss hineinzugeben. Stattdessen werden sie als Fischchen ausgesetzt und sollen sich anpassen. Das Problem dabei: Der Großteil der Anpassung findet weit vorher statt – durch genetische und epigenetische Vererbung der Elternfische. Falls diese sich seit Generationen auf ein anderes Gebiet spezialisiert haben, setzt sich ein großer Teil der ausgesetzten Tiere am neuen Ort nicht durch. Und diejenigen, die sich durchsetzen, streiten mit lokal etablierten Fischen um Lebensraum.
Die Fische werden immer schüchterner.
Und auch diesen Streit kann der Mensch unbewusst beeinflussen: Fischt man jahrelang zu intensiv, verschwinden langfristig vor allem die aggressiven und aktiven Fische. Wenn es sich um nestbewachende Arten wie Forellenbarsche handelt, also solche Tiere, die ihren Nachwuchs besser verteidigen.
Die Fische werden immer schüchterner
, sagt Arlinghaus. Das klingt jetzt vielleicht lustig, aber in der Natur ist alles mit allem irgendwie verbunden. Möglicherweise ändern sich Räuber-Beute-Beziehungen. Wir wissen aktuell nicht, was die langfristigen ökologischen Folgen sind.
Eine bessere Lösung wäre es, bessere Bedingungen für die Fische und deren Vermehrung zu schaffen, etwa durch Totholz im Wasser oder Flachwasserzonen in Seen. Wir wissen, dass so etwas mehr als nur den Fischen hilft
, sagt Arlinghaus. Insbesondere Flachwasserzonen steigern die gesamte Biodiversität eines Sees.

Wasser ist die Grundlage allen Lebens; Bäche, Flüsse, Seen und Feuchtgebiete sind Habitate der Biodiversität. Und doch: Um von einer intakten Umwelt zu sprechen, fehlen alleine in Deutschland 7.000 Quadratkilometer Gewässer, heißt es vom Umweltbundesamt. Fließgewässer machen weniger als ein Prozent der Landesfläche aus. Solche Gebiete werden hierzulande immer kleiner, langfristig drohen viele zu verschwinden. Auch, weil kleine Gebiete anfälliger sind als groß – für Folgen des Klimawandels, Überdüngung, Überbewirtschaftung oder Tourismus.
In den höheren akademischen Weihen wird das, was ich mache, eher belächelt.
Wer über den Zustand von Gewässern spricht, der muss die Fische als Netzwerk des Lebens mitdenken. Und doch: Die Leitung eines Lehrstuhls an einer Universität mit vernünftiger Ausstattung werde ich voraussichtlich niemals bekommen
, sagt Arlinghaus. In den höheren akademischen Weihen wird das, was ich mache, eher belächelt. Da heißt es dann, ›das ist doch nur Angler-Forschung‹.
Arlinghaus sagt zwar, ihm sei das völlig Wurscht
, er sei froh über seine Professur am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in gemeinsamer Berufung mit der Humboldt-Universität und dankbar, dass sein Orchideenfach ein liebevolles Zuhause gefunden habe, aber es gibt Hinweise darauf, dass ihm der Stand der Dinge nicht ganz egal ist: Am Tag auf dem Döllnsee reißt er ein-, zweimal selbstironische Scherze über abgehobene Wissenschaftler – bei den Anglern kommt das an.
Und auch bei der Nachbesprechung im Video-Call drängt sich eine Tonart in sein Erzählen, die abweicht von seiner sonst so ruhigen Sachlichkeit. Wenn er über Hochschulpolitik und die Zuteilung von Fächern spricht, beispielsweise in den Umweltwissenschaften, wird er zwar nicht laut, aber da ist ein anderer Klang in seinen Worten, ein leises Poltern.
Am Ende des Tages auf dem Döllnsee sind die Indizien klar: Die Fische lernen durch Angeldruck dazu und die Erfahrung reduziert auch nach Monaten Pause ihr Jagdverhalten.
Zum Abschluss gibt es ein Selfie mit allen Anglern des Tages, auch denen, die getrennt von Arlinghaus am gegenüberliegenden Seeufer geangelt haben. Die Männer stehen eng zusammen und grinsen in die Kamera, stolz wie Jungen über einen ersten Fang.
Eine Professur, fast 800 Publikationen, mehrere Forschungspreise – seit damals hat sich vieles, eine Sache aber ganz sicher nicht geändert: die kindliche Neugier auf Natur und Tier.


