Forschung findet selten zu den üblichen Arbeitszeiten statt. Lange Tage im Büro, durchzogen von Meetings und E-Mails, verschieben die Arbeit gerne mal in die Nacht. Manchmal ist es jedoch unverzichtbar, sich zu mitternächtlichen Zeiten an die Geräte zu machen. Fünf Forschende berichten von ihrer Nachtarbeit.

»Oft schlafe ich nur wenige Stunden – auf einer Isomatte direkt auf dem Boot«
Ich zähle nachts Fische. Auf dem Boot, mit dem ich quer über den See fahre, ist ein wissenschaftliches Echolot montiert, das ist ein elektroakustisches Messgerät, das Wassertiefen ermitteln, aber auch Fische lokalisieren kann. Damit verschaffe ich mir einen Überblick über die Anzahl und die Verteilung der Tiere. Alleine bin ich dabei nie: Aus Sicherheitsgründen sind wir zu zweit, denn nachts auf einem See zu arbeiten, sich bei nahezu kompletter Dunkelheit und starkem Wind zuverlässig zu orientieren, ist eine Herausforderung und braucht Jahre an Erfahrung. Am Tag hätte unser Echolot Schwierigkeiten, einzelne Fische zu erkennen. Sie konzentrieren sich dann in Schwärmen, um sich vor Räubern zu schützen. Nachts ist das anders. In der Dunkelheit lösen sich die Gruppen auf, die Fische verteilen sich gleichmäßiger und bewegen sich näher an der Wasseroberfläche. So können wir sie deutlich verlässlicher zählen. Ich mache die nächtlichen Ausfahrten auf Seen jetzt seit mehr als 30 Jahren, mehrmals im Jahr. Noch immer freue ich mich jedes Mal darauf und möchte sie ungern gegen eine Nacht im Labor oder vor dem Notebook tauschen. Zwar sind das lange, körperlich herausfordernde Tage, und am Ende schlafe ich oft nur drei oder vier Stunden – manchmal auf einer Isomatte direkt auf dem Boot. Aber es ist auch nur eine kurze Anstrengung, am zweiten Tag bin ich abends ja wieder zu Hause bei meiner Familie. Aus dieser Herausforderung entsteht auch ein Gefühl der Erhabenheit – allein und wie verloren auf einer großen Wasserfläche, Dunkelheit, manchmal Sterne oder Mond, man hört nur die Wellen und die Vogelrufe. Wer einmal einen Sonnenaufgang auf einem See erlebt hat, versteht, warum ein solcher Moment alle Sinne anspricht, trotz der Müdigkeit. Ich kann Forschung in der Natur und während der Nacht nur empfehlen. Man sollte es wenigstens einmal ausprobieren.
THOMAS MEHNER leitet die Forschungsgruppe »Nahrungsnetze und Fischgemeinschaften« am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin.

»Meine Partnerin pflegt zu sagen: ›Wenn der Abend besonders schön ist, muss er los‹«
Wenn ich nachts Messungen durchführe, schalte ich zuallererst unseren Laser an. Der muss eine halbe Stunde »warmlaufen«, um sich thermisch zu stabilisieren. Außerdem säubere ich Linsen und Spiegel mit Druckluft und starte unser Flugzeugradar, der den Laser ausschaltet, wenn Flugzeuge oder Helikopter zu nah vorbeifliegen. Der grüne Strahl, der sich vom Dach des Institutsgebäudes in den klaren Sternenhimmel bahnt, ist ein wunderschöner Anblick. Ich führe Lidarmessungen durch, um Aerosolpartikel zu erforschen, kleine Schwebeteilchen in der Luft. Wir senden den Laserstrahl bei verschiedenen Wellenlängen aus und empfangen mit Teleskopen die Strahlung, die von den Partikeln und Molekülen zurückgestreut wird. So können wir Informationen über das Verhalten von Aerosolen und ihre Interaktion mit Wolken ableiten. Tagsüber werden die schwachen Rückstreusignale von der Sonnenstrahlung überdeckt, deshalb müssen wir regelmäßig nachts Messungen durchführen. Das ist immer wieder eine besondere Erfahrung. Im Sommer kann man leuchtende Nachtwolken beobachten. Dieses Phänomen entsteht, wenn die Sonne unter dem Horizont steht und Wolken in der oberen Atmosphäre beleuchtet, während der restliche Himmel noch dunkel ist. Manchmal wird mir etwas mulmig zumute, wenn ich zu diesen Uhrzeiten allein am Institut bin. Wenn es so ungewohnt still ist, wird man empfindlicher für Geräusche. Einmal hörte ich fremde Schritte im Gebäude. Ich hatte nicht damit gerechnet, mitten in der Nacht noch einen anderen Menschen im Institut zu treffen. Der Reinigungskraft ging es wohl ähnlich: Obwohl ich versuchte, mich möglichst ruhig bemerkbar zu machen, habe ich ihr einen großen Schrecken eingejagt. So schön die Forschung in sternenklaren Nächten sein kann, so einschränkend ist die Arbeit für meine Freizeit. Oft müssen wir spontan auf aktuelle Wettersituationen reagieren. Meine Partnerin pflegt zu ihren Freund*innen zu sagen: »Immer, wenn der Abend besonders schön ist, muss er los.« Wenn es nicht nötig wäre, würde ich nachts nicht forschen wollen.
BENEDIKT GAST ist Atmosphärenphysiker. Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung untersucht er die Interaktion von Aerosolpartikeln mit Wolken.

»Gäbe es keine Abgabetermine, würde ich nicht die Nacht zum Arbeiten wählen«
Ich war noch nie gerne eine Nachtarbeiterin, aber oft ist es notwendig, weil es am Tag viel zu viele Sitzungen, Kolloquien, Lehrveranstaltungen und Mails gibt. Viel Zeit geht für die Recherche der Quellen und Literatur drauf, zudem stehen die Zimmertüren am Institut immer offen (das heißt: jede Menge Besuch von lieben Kolleg*innen – und jede Menge Ablenkung). Nachts ist das anders. Für das meiste ist es zu spät, nur nicht für die Arbeit am Text, um die es bei uns Historiker*innen ja vor allem geht. Von außen betrachtet, sieht sie nicht anders aus als bei Tag: ein Tisch, ein Stuhl (nachts vielleicht das Sofa) und der Laptop. Doch die Welt ist, finde ich, in der Nacht eine ganz und gar andere. Es ist als hätten alle die Pausentaste gedrückt. Diese Stille kann sich einsam anfühlen, im besten Fall aber ist Raum und Zeit dafür da, Gedanken fließen zu lassen: dumme Gedanken, sachlich richtige Gedanken, viel langweiliges, schon längst von anderen gedachtes Zeugs – und, ganz selten, glitzert etwas. Meist ist es ein Gedanke aus Katzengold, aber manchmal ist es ein guter Gedanke, und wenn er sofort festgehalten wird, kann das der Anfang eines Fadens sein, der durch den noch ungeschriebenen Text führt. Ich fühle mich in diesen Nächten unbeobachtet, das, was ich schreibe, darf zunächst miserabel sein. Es kann aber großartig werden, denn ich darf immer und immer wieder »radieren«. Wie beschrieben mag ich es nicht besonders, in der Nacht arbeiten zu müssen. Es hat etwas Irreales und meine nachtproduzierten Texte haben, am Tage betrachtet, nicht selten etwas pathetisches. Schlimmer ist, dass Freundschaften und Partner unter dem ständigen »Ich muss noch arbeiten!« leiden. Gäbe es keine Abgabetermine, würde ich nicht die Nacht zum Arbeiten wählen. Ich wünsche mir ohnehin mehr arbeitsfreie Zeit für uns alle. Zeit, in der neue Gedanken, Ideen und Projekte entstehen, die oft erst in der Diskussion mit anderen Gestalt annehmen. Vor allem aber bin ich müde und für den neuen Tag nicht bereit, sodass sich wieder vieles in die nächste Nacht verschiebt.
ANNETTE SCHUHMANN ist Historikerin. Am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung leitet sie die Redaktion des Magazins zeitgeschichte | online.

»Was kriecht denn da über meine Schuhe? Schlangen!«
Wenn es auf Madagaskar Nacht wird, begebe ich mich mit meinem roten Stirnlicht in den dichten Wald. Langsam, ganz vorsichtig, gehe ich durch die Dunkelheit, um in den Bäumen eine gerade einmal 60 Gramm schwere Primatenart aus der Gruppe der Lemuren ausfindig zu machen: Microcebus murinus – so die wissenschaftliche Bezeichnung für den Grauen Mausmaki. Er ist nachtaktiv, seine Tage verbringt er schlafend im Nest. Ich muss also nachts arbeiten, um sein soziales Verhalten zu verstehen. Sechs bis sieben Wochen bin ich im Feld unterwegs. Ganz konkret interessiere ich mich für die Mütter und ihre Jungen. Ich schaue ihnen beim Nestbau zu, beobachte, wie sie die Jungen im Baum absetzen – und auch dabei, wie Mütter zusammen Raubtiere vertreiben. Meine übergeordnete Frage: Wie wirken sich Veränderungen in der vielfach bedrohten Umwelt Madagaskars auf die elterliche Fürsorge aus? Die Arbeit bei Nacht ist eigentlich ganz friedlich. Doch wenn das Licht meiner Stirnlampe sich endlich in den Augen von Jungtieren spiegelt, wird es aufregend: Jetzt darf ich mich nur noch behutsam bewegen, damit ich sie nicht erschrecke. Aber was ist das? Während ich den Blick nach oben richte, bewegt sich unten etwas über meine Stiefel. Schlangen! Ich beobachte, wie sie nach den jungen Mausmakis jagen – und wie die Mütter zum Gegenangriff übergehen. Ihre Jungtiere ziehen sie häufig gemeinsam auf, und wenn sie Schlangen in die Flucht schlagen, übernimmt jede ihre Aufgabe: Die eine attackiert, die andere bringt die Kleinen in Sicherheit, die nächste bewacht sie, bis wieder Ruhe herrscht. Ich bin regelrecht fasziniert von dem, was ich beobachte, dabei bin ich von Natur aus eigentlich kein »Nachtschwärmer«. Kaffee kann helfen, wach zu bleiben. Oder die Schlangen zu meinen Füßen, die – abseits des kalten Schauers – zum Glück völlig ungefährlich für den Menschen sind.
SACHA ENGELHARDT ist Biologe und Gastwissenschaftler im Bereich »Verhaltensökologie & Soziobiologie« des Leibniz-Instituts für Primatenforschung in Göttingen.

»Meine Nachtforschung hat mir die Augen geöffnet«
Einen magischen Moment erlebte ich im Regenwald Ecuadors, als wir eine fischfressende Fledermaus am Tiputini-Fluss fangen wollten. Auf einem hölzernen Boot drifteten wir durchs Dunkle den Fluss hinunter, während aus dem Wald der wehmütige Ruf einer Nachtschwalbe klang. Madre de Luna heißt sie bei den Indigenen: Mutter des Mondes. Solche Momente entschädigen für die schweißtreibende Arbeit im mückenverseuchten Sumpf und die vorausgegangenen Monate im Büro. Wie man erahnen kann, ist es bei meinem Forschungsobjekt nur logisch, dass ich mich beruflich nachts draußen aufhalte. Ich arbeite mit Fledermäusen, die sich frühestens in der Dämmerung blicken lassen. Konkret untersuche ich, wie die Tiere auf künstliches Licht reagieren und bin deshalb meist nicht in Regenwäldern, sondern in der Stadt unterwegs. Dort ist die Lichtverschmutzung am gravierendsten. Mit Ultraschalldetektoren, Peilsendern und GPS-Einheiten erfassen wir die Aktivität der Tiere und verfolgen ihre Bewegungen. Wir gehen davon aus, dass Fledermäuse nachtaktiv sind, um sich vor Feinden zu schützen. Licht nehmen sie als bedrohlich wahr, das gilt für Tageslicht, aber eben auch für das Licht einer Straßenlaterne. Mit unserem Wissen entwickeln wir geeignete Schutzstrategien für die Tiere in Stadträumen, wozu zählt, die Lichtverschmutzung zu reduzieren. Das ist auch für uns Menschen gesund: Auch wir brauchen Dunkelheit für einen erholsamen Schlaf. Nachtarbeit und -forschung sind aus genau diesem Grund auf Dauer ungesund. Sie sind schwer mit dem Familienleben zu vereinbaren, außerdem ist es anstrengend, den Schlafrhythmus umzustellen. Andererseits sensibilisiert die nächtliche Forschung für ganz andere Dinge. Man erlebt Überraschungen, unbekannte Geräusche und neue Begegnungen. Und: Wir brauchen diese Forschung. Dank ihr können wir verstehen, dass Biodiversität sich nicht nur aus den augenfälligen Tieren des Tages zusammensetzt. Meine Nachtforschung hat mir die Augen geöffnet: für die Fledermaus, aber auch für all die Falter, Käfer und Spinnen der Nacht.
CHRISTIAN VOIGT ist Evolutionsökologe. Am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung leitet er die Abteilung »Evolutionäre Ökologie«.



