LEIBNIZ Frau Lemke, Sie sind freischaffende Autorin und Filmemacherin. Vermutlich arbeiten Sie sehr häufig nachts?
GRIT LEMKE Eigentlich immer. Wenn ich zu Hause arbeite, schalte ich meinen Laptop morgens um 9 Uhr ein und nie vor Mitternacht aus. Zwischendurch mache ich vielleicht mal die Wäsche oder lege mich kurz hin – aber dafür wird es dann auch abends später. Und wenn ich einen Drehtag habe, so wie vorgestern, dann sind Arbeitszeiten von 6.30 bis 23.30 Uhr völlig normal.
Sie machen also keine reinen Nachtschichten, aber Sie arbeiten, bis Ihr Tagwerk vollendet ist.
LEMKE Es gibt ja immer etwas zu tun, und die Arbeit geht ineinander über. In der DDR gab es dafür einen schönen Begriff: die Rollende Woche. Es wird immer produziert, die Maschinen gehen nie aus, die Förderbänder rollen ohne Unterbrechung. Zumindest in den großen Produktionsbetrieben war das so.
Das beschreiben Sie sehr eindrücklich in Ihrem Buch »Kinder von Hoy«: Die Kleinstadt Hoyerswerda lebt im Rhythmus von »Schwarze Pumpe«, dem damals größten Kohlekraftwerk der Welt. Sie selbst haben zuerst eine Ausbildung zur Baufacharbeiterin gemacht und später im Kulturhaus des Gaskombinats »Schwarze Pumpe« gearbeitet. Gehörten Nachtschichten auch zu Ihrem Alltag?
LEMKE Einrichtungen, die der Produktion nachgeordnet waren, haben nicht im Schichtbetrieb gearbeitet. Also auch nicht die »Arbeiterversorgung/Sozialökonomie«, zu der die Kultur gehörte. Deshalb habe ich in Pumpe keine Nachtschichten gemacht. Anders als zum Beispiel die Kolleginnen in der Kantine, die natürlich auch nachts geöffnet war. Die anderen fingen mit der Frühschicht an, die erste Welle um 4.50 Uhr. In der dritten Welle waren oft Frauen, die vor der Arbeit noch ihre Kinder irgendwo ablieferten.
Der Staat konnte Zeit kontrollieren, managen, mithilfe von Nachtschichten sogar zusätzliche Arbeitszeit ›herstellen‹.
LUCIE DUŠKOVÁ
Frau Dušková, Sie forschen zu Nachtschichten in der Tschechoslowakei. Gab es auch dort die Rollende Woche?
LUCIE DUŠKOVÁ Zumindest ging man mit der Zeit ebenfalls sehr spezifisch um. Schichtarbeit mit regulären Nachtschichten war vor allem in der Schwerindustrie weit verbreitet, da gibt es Ähnlichkeiten zur DDR. Die Sowjetunion hatte diese beiden Staaten als Schwerindustriemächte definiert: Sie sollten schwere Maschinen und andere Erzeugnisse der Schwerindustrie für den gesamten Ostblock bereitstellen. Aber die Volkswirtschaften waren zu klein, die Zielvorgaben unrealistisch. Die Verantwortlichen lösten das Problem dann so, dass sie kurz vor Ablauf der Planfrist die Zeit quasi verdichteten, indem sie zusätzliche Nachtarbeit anordneten. Für mich ist diese Verdichtung eine zentrale Besonderheit der Nachtarbeit im staatssozialistischen System. Manche Historiker nennen das »charismatische Zeit«: Der Staat konnte Zeit kontrollieren, managen, mithilfe von Nachtschichten sogar zusätzliche Arbeitszeit »herstellen«.
LEMKE Zusätzliche Nachtschichten kenne ich höchstens aus dem »Winterkampf«: Wenn die Braunkohle einfror, mussten alle in die Gruben, um Eis und Kohle von den Förderbändern, Waggons und Gleisen abzuhacken. Da haben dann alle praktisch rund um die Uhr gearbeitet. Aber das war normal, alle wussten es, und niemand hat sich beschwert. Das wurde auch gut bezahlt.
Sie beschreiben allerdings auch, dass im Winter als erstes in Hoyerswerda das Licht ausging, weil der Strom in Berlin »dringender gebraucht« wurde.
DUŠKOVÁ Der »Winterkampf« ist ein gutes Beispiel für »charismatische Zeit«: Die Regierung versuchte, Probleme in der Produktion zu lösen, indem man möglichst viel Arbeitskraft in die Zeit hineinpresste, sie quasi komprimierte. Das wirkte wie ein Sieg über die Zeit. Aber Strom blieb ein ständiges Problem. In der Tschechoslowakei wurden die Arbeiter in Branchen mit hohem Stromverbrauch aufgefordert, nachts zu arbeiten, um tagsüber Strom zu sparen. Stattdessen fiel dann nachts der Strom aus – was paradoxerweise dazu führte, dass die Menschen in den Städten sich mehr Freiheiten herausnehmen konnten: Kein Licht, keine Polizei.

LEMKE Also, das war in der DDR schon anders. Ständige Stromausfälle habe ich nicht erlebt. Deshalb würde ich auch hinterfragen, ob die Situation in sozialistischen Staaten sich tatsächlich so ähnelte. Ostdeutschland war nach dem Krieg völlig zerstört und musste den Großteil der Reparationen an die Sowjetunion zahlen. Das Land war komplett deindustrialisiert und hatte keine andere Wahl, als den einzigen Bodenschatz, die Braunkohle, herauszuholen. Und das ging eben nur im Dreischichtsystem.
DUŠKOVÁ Es gab sicherlich Unterschiede. Als Sie gerade erzählt haben, dass Nachtschichten beliebt waren, weil sie gut bezahlt wurden, habe ich gedacht: Das war in der Tschechoslowakei anders. Hier gab es bis 1960 keine pauschalen Nachtzuschläge. Und als sie später eingeführt wurden, waren sie so niedrig, dass sie für die meisten Arbeiter keinen Anreiz darstellten. Stattdessen gab es einen Effekt, mit dem die Staatsführung nicht gerechnet hatte: Plötzlich meldeten sich immer mehr Frauen für die Nachtschichten. Für sie machte der Zuschlag nämlich einen echten Unterschied. Vor allem, wenn sie geschieden waren und alleinerziehend.
Wie ging die Staatsführung denn damit um? Die Arbeiterbewegung hatte ja lange gegen Nachtarbeit von Frauen gekämpft, in Westdeutschland war sie sogar bis 1992 verboten. Und jetzt war sie ausgerechnet in einem sozialistischen Staat so weit verbreitet?
DUŠKOVÁ In Regierungsdokumenten argumentierte man, dass Nachtschichten nur so lange nötig seien, bis der ideale sozialistische Staat aufgebaut wäre. Im Kommunismus müsse niemand mehr nachts arbeiten. Tatsächlich stellte die Nachtarbeit von Frauen die Regierung vor Probleme, denn die Tschechoslowakei hatte internationale Abkommen unterzeichnet, die diese »Ausbeutung« ächteten. Auf der anderen Seite wusste man: Diese Jobs würde niemand anders machen. Es herrschte Arbeitskräftemangel, gerade in Branchen, in denen Männer nicht arbeiten wollten. Also motivierte man parallel die Männer, indem man die Nachtarbeit symbolisch auflud: Sie stand für Modernität, für den Aufbau einer besseren Gesellschaft, war gleichzusetzen mit dem Kampf für das Vaterland. Direkt nach dem Krieg war das für die Propaganda ein besonders starkes Bild, denn das Münchner Abkommen, nach dem die Tschechoslowakei das Sudetenland an Nazi-Deutschland abtreten musste, war in der Nacht ausgehandelt worden. Diese seelische Wunde sollten die Arbeiter symbolisch heilen, indem sie nachts tschechoslowakische Wertarbeit produzierten, die in aller Welt gut angesehen war.
LEMKE Das gab es bei uns natürlich auch: Mein Arbeitsplatz, der Kampfplatz für den Frieden.
Aber als Ethnologin würde ich sagen: Das eine ist die Struktur, aber wie der Mensch sie ausfüllt, ist etwas völlig anderes. Zumindest in den 1970er und 1980er Jahren, die ich miterlebt habe, hat in Hoyerswerda niemand diesen Propagandaquatsch ernst genommen. Vielleicht gab es Menschen, die zur Nachtschicht gegangen sind, um für den Frieden oder das Vaterland zu kämpfen. Aber die meisten sind nachts zur Arbeit gegangen, weil man richtig viel Geld bekommen hat.
›Schicht‹ bezeichnet nicht nur einen zeitlichen Ablauf, sondern auch ein Kollektiv.
GRIT LEMKE
Ich kenne auch heute niemanden, der arbeitet, damit Deutschland wieder wettbewerbsfähig wird.
LEMKE Arbeit gibt Menschen auf andere Weise Sinn. »Schicht« bezeichnet ja nicht nur einen zeitlichen Ablauf, sondern auch ein Kollektiv. In Hoyerswerda war die »Schicht« für manche wie eine Familie: Sie haben 20 Jahre lang nicht nur zusammengearbeitet. Sie haben miteinander gefeiert, sind zusammen in den Urlaub gefahren.
DUŠKOVÁ Ich habe früher auch längere Zeit in Nachtschichten gearbeitet, in einem Logistikunternehmen. Von Solidarität habe ich da nichts gespürt. Da ging es nur darum, irgendwie über die Runden zu kommen.
Das war nach dem Fall des Eisernen Vorhangs?
DUŠKOVÁ Ja, natürlich war die Situation eine andere. Aber auch früher haben viele Menschen nicht gerne nachts gearbeitet. Die Produktionsbetriebe meldeten der Regierung immer wieder, dass Nachtschichten in den Arbeiterfamilien Probleme auslösten, etwa häusliche Gewalt und Scheidungen.
LEMKE Dass Nachtschichten Probleme auslösen, war auch in der DDR kein Geheimnis. Ich weiß noch, dass ich in der zehnten Klasse ein Referat über die gesundheitlichen Folgen von Schichtarbeit gehalten habe. Schichtarbeiter bekamen zum Beispiel häufiger Magenkrankheiten, weil sie unregelmäßig aßen. Solche Probleme wurden immer wieder thematisiert, aber man konnte sie nicht lösen. Das lag nicht am »Regime«, sondern an den technischen Abläufen: Ein Stromversorger kann eben nicht um 18 Uhr die Arbeit anhalten.

Eine Sphäre, die für Ihre Arbeit jeweils auf eigene Art wichtig ist, haben wir bisher nur gestreift: die Kunst. Welche Rolle spielte nächtliche Arbeit hier?
DUŠKOVÁ In der Tschechoslowakei wurden zwischen 1948 und 1955 sehr viele Filme gedreht, die sich um Nachtschichten drehten. Das waren zwar sogenannte Agitprop-Filme, also politische Werbefilme, aber beim Publikum waren sie sehr beliebt, weil sie mit guten Schauspielern und von Regisseuren gedreht wurden, die schon in der Zwischenkriegszeit sehr erfolgreich waren.
Frau Lemke, wie war das bei der DEFA, dem volkseigenen Filmunternehmen der DDR?
LEMKE Gerade die Dokumentarfilmer sind zum Drehen oft extra in die Nachtschicht gegangen. Zum einen, weil es da ruhiger war und man leichter drehen konnte. Zum anderen aber auch, weil es in Nachtschichten kaum ideologische Kontrolle gab. Kein hauptamtlicher Funktionär war im Betrieb, die arbeiteten alle tagsüber. Die Werkhalle war dann ein Ort der Freiheit. Diese DEFA-Filme, zum Beispiel der Wittstock-Zyklus von Volker Koepp, sind in die internationale Filmgeschichte eingegangen, allerdings ohne die Nachtarbeit explizit zum Thema zu machen.
DUŠKOVÁ Ich kenne mindestens einen tschechoslowakischen Künstler, der freiwillig Nachtschichten in Stahlwerken übernommen hat. Vladimír Boudník nutzte die künstlerische Freiheit in der Nacht, um vor den Arbeitern Aufführungen zu geben. Für seine Kunst verwendete er sogar Metallreste, die bei der Stahlproduktion abfielen und im Werk herumlagen.
Die Werkhalle war nachts ein Ort der Freiheit.
GRIT LEMKE
Frau Lemke, Sie haben einen Dokumentarfilm über den Liedermacher und Sänger Gerhard Gundermann gedreht, der im Tagebau gearbeitet hat. Waren die Nächte auf dem Bagger auch für seine Kunst eine Inspiration?
LEMKE Gundermann war in einem Schichtkollektiv. Er konnte sich also nicht aussuchen, Nachtschichten zu machen. Aber klar: Nachts ist es ruhiger, man steht weniger unter Beobachtung. Gundermann hatte überall ein kleines Aufnahmegerät dabei, in das er seine Ideen gesprochen hat, und auf dem Bagger wird er schon eher nachts geschrieben haben. In meinem Film erzählt er zum Beispiel, wie es war, den Sonnenaufgang auf dem Bagger zu erleben, wie die Sonne über den rostroten Maschinen auftaucht. Und als er seine Arbeit dann verlor, konnte er den Sonnenaufgang nur noch zu Hause auf der Terrasse erleben. Das war schlimm für ihn.
DUŠKOVÁ Es ist wirklich interessant, dass Nachtarbeit eine so starke Wirkung auf Menschen hat. Als ich vor zehn Jahren mit der Recherche für meine Dissertation anfing, gab es kaum Literatur dazu. Nachtarbeit ist auch nur ein Aspekt, denn mich fasziniert die Nacht als Phänomen, auf praktischer und symbolischer Ebene. Es ist extrem bereichernd, sie zu erforschen. Ich empfinde die Nacht als Zeit der Freiheit und der Magie – insbesondere abseits der Städte. Leider drängen wir sie mit all unserem künstlichen Licht immer weiter zurück.
LEMKE Als Künstlerin habe ich einen anderen Zugang, aber ich schaue auch mit einem ethnologischen Blick auf das Thema. Zeitregime sind immer interessant: In einer normalen Kleinstadt legt man sich abends schlafen. Die Lichter werden ausgemacht und am nächsten Morgen gehen sie wieder an. Aber in Hoyerswerda, einer Stadt mit Rollender Woche, gab es keine richtige Nacht. Es gab immer jemanden, der gerade arbeitete, der von der Schicht kam, der sich auf die Schicht vorbereitete. Das beschreibe ich und schaue, wie sich dieses Zeitregime eingeschrieben hat, in den kollektiven Körper und den individuellen. Von meinen Freunden und Nachbarn in Hoyerswerda hat keiner Verständnis dafür, dass ich meinen Computer morgens erst um neun Uhr einschalte. Das macht mich quasi zu einer faulen Sau. Aber wenn ich sage: Ich fange später an, denn ich hatte gestern Nachtschicht.
Das verstehen alle.



