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Die Leibniz-Gemeinschaft wird 30 Jahre alt, doch zum Jubiläum blicken wir nicht zurück, sondern befragen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die ganz am Anfang ihrer Karriere stehen. Was für ein Lebensgefühl haben sie, welche Erfahrungen machen sie als junge Forschende – und wie könnten ihre Erkenntnisse die Welt in 30 Jahren ein Stück verbessert haben? In Folge 27 antwortet Catrin Herpich, Postdoc und Studienleiterin am Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke.

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LEIBNIZ Frau Herpich, wie würden Sie Ihr Forschungsthema jemandem auf einer Party erklären?

CATRIN HERPICH Ich führe gesundheitliche Studien mit älteren Menschen durch. Aktuell untersuchen wir, wie und ob die Muskelregeneration durch Omega-3-Supplementation beeinflusst werden kann.

Und was würden Sie zu einem Kollegen oder einer Kollegin sagen?  

Unsere aktuelle Studie zielt darauf ab, eine mögliche protektive Wirkung einer achtwöchigen Omega-3-Supplementation auf die Muskelregeneration nach einer anspruchsvollen Trainingseinheit bei gesunden älteren Erwachsenen zu untersuchen. Dabei wird der Prozess der Muskelregeneration sowohl auf funktioneller Ebene (Veränderung in der Muskelkraft) wie auch auf molekularer Ebene (Entzündungsmarker und Lipidmediatoren im Blut) beobachtet.

Was war bisher der schönste Moment in Ihrem Leben als Forscherin?

Als ich bei einem Vortrag gemerkt habe: Hoppla, ich weiß ja wirklich was – Fragen werfen mich nicht aus der Bahn. Ich habe so viele Kenntnisse und Erfahrungen, die ich anwenden kann.

Wie könnte Ihre Forschung die Welt in 30 Jahren ein Stückchen verbessert haben? (Sie dürfen träumen.)

Da ich mich auf Frauengesundheit spezialisieren möchte, wäre es traumhaft, wenn meine Forschung dazu beitragen würde, dass Frauen beim Übergang in die Menopause besser vor dem Verlust der Muskelmasse und -funktion geschützt sind. Und idealerweise profitiere ich auch selbst davon :-D.

In welcher Epoche wären Sie gerne Wissenschaftlerin gewesen? Oder ist heute die beste Zeit?

Wenn die Umstände für Frauen zwischen 1900 und 1950 besser gewesen wären, dann wäre das eine sehr spannende Zeit gewesen. Vieles war noch unentdeckt, und der damalige Fortschritt bei den Messmethoden ermöglichte schnelle Entwicklungen. Heutzutage wird jede Neuigkeit mit dem etablierten Wissen verglichen und muss sich dann erst einmal dagegen durchsetzen. Da ich keine Grundlagenforschung mache, ist es zudem unwahrscheinlicher, dass ich etwas noch nie Dagewesenes beobachte. Es wäre aber schon cool, wenn zum Beispiel ein Stoffwechselweg oder ein physikalisches Gesetz nach mir benannt wäre. »Das Herpich'sche Prinzip« – hat was!

»Ein Leben für die Wissenschaft« – könnte dies einst der Untertitel für Ihre Biografie sein? Wenn nicht: Welchen Untertitel fänden Sie passend?

Hm, wohl eher etwas in der Richtung wie »Hindernisse sollten dich nicht aufhalten.« Das hat Michael Jordan mal gesagt. Das Zitat geht so weiter: »Wenn du gegen eine Wand läufst, dreh dich nicht um, gib nicht auf. Finde heraus, wie du darüber klettern, hindurchgehen oder außenrum gehen kannst.« Ich reiße mit meinem Dickkopf allerdings auch gerne mal Wände ein. 

Wenn Sie sich mit Menschen Ihres Alters treffen, die nicht in der Wissenschaft arbeiten: Was ist der größte Unterschied zwischen Ihnen?

Ich denke ja, dass man selbst in der Wissenschaft zwischen den Disziplinen und Instituten Unterschiede findet. Wahrscheinlich ist bei Nicht-Wissenschaftlern die Wahrscheinlichkeit geringer, dass sie eine befristete Stelle haben. Ansonsten empfinde ich mich nicht als anders, nur weil ich Wissenschaftlerin bin.

Wenn Sie sich mit älteren Forschenden Ihrer Disziplin treffen: Was ist der größte Unterschied zwischen Ihnen?

Dass sie Witze in ihren Vorträgen machen können. Ich habe das Gefühl, dass man sich erst beweisen, etablieren und über 50 Jahre alt sein muss, damit toleriert wird, dass man humorvolle Vorträge hält.

Welche Eigenschaft halten Sie für die wichtigste, um Karriere in der Wissenschaft zu machen?

Durchhaltevermögen und Kreativität. Wenn man beides noch nicht hat, aber dennoch am Ball bleibt, entwickelt man außerdem eine hohe Frustrationstoleranz.

Wie werden Sie als Wissenschaftlerin in der Gesellschaft wahrgenommen?

Als wäre ich super schlau.

Und wie würden Sie gerne wahrgenommen werden?

Wie jeder andere Mensch auch.

Ich habe das Gefühl, dass man sich erst beweisen, etablieren und über 50 Jahre alt sein muss, damit toleriert wird, dass man humorvolle Vorträge hält.

CATRIN HERPICH

Bitte ergänzen Sie die folgenden Sätze. Sie können realistische Wünsche äußern oder Ihre Fantasie spielen lassen. Satz Nummer 1: Meine Arbeit wäre so viel einfacher, wenn …

… ich nicht so viel Administratives erledigen müsste.

Davon hätte ich gern mehr:

Pünktliche Züge.

Wenn ich etwas sofort abstellen könnte, wären das …

… Rassismus und Frauenfeindlichkeit.

Jede/r sollte wissen, dass …

… es ungemein wichtig – das Wichtigste! – ist, Muskelkraft und Muskelmasse aufzubauen und zu behalten.

Um das ein für allemal richtig zu stellen:

Nur weil man älter ist, ist man noch lange nicht zu alt, um zum Chor zu gehen oder Sport zu treiben. Vielleicht wird das Tempo langsamer, oder man braucht mehr Pausen. Aber wenn man nicht am Ball bleibt, schwinden die körperlichen Fähigkeiten – und kommen auch nicht wieder.

Was ist Ihre größte Unsicherheit, bezogen auf Ihre Karriere?

Befristete Stellen und wachsende Wissenschaftsskepsis.

Wie schaffen Sie es, trotzdem gelassen zu bleiben?

Irgendwas hat sich bisher immer wieder aufgetan. Plötzlich gibt es einen Call für Fördergelder. Oder jemand spricht einen an und schlägt eine Zusammenarbeit vor. Ich wäre aber auch bereit, etwas komplett anderes zu arbeiten, sollte es irgendwann keine Stelle mehr für mich geben.

Träumen Sie manchmal von der Arbeit? Wenn ja: Sind es angenehme Träume?

Hm, da fällt mir jetzt tatsächlich nichts ein.

Ihr liebster Arbeitsplatz?

Ich kann überall arbeiten, wenn ich Kopfhörer dabeihabe.

Ein Stillleben auf Ihrem Schreibtisch?

Eine Kritzelei während eines Meetings?

Nach dem Aufwachen: Wie fängt Ihr Tag gut an?

Indem ich nicht dem Doomscrolling verfalle. Aufstehen, fertig machen, Abfahrt. Kaffee, Lesen und/oder Meditieren im Zug.

Worauf freuen Sie sich an einem ganz normalen Arbeitstag?

Wenn ich am Tag zuvor eine Eingebung hatte, etwa unter der Dusche vor dem Schlafengehen – dann dieser Idee nachzugehen. Zum Beispiel bei den Blutentnahmen auch die Jahreszeit mit einzuberechnen, da manche Mikronährstoffe saisonal schwanken können.

Worauf freuen Sie sich, wenn Ihr Arbeitstag zu Ende geht?

Darauf, das Hirn auszuschalten; den Hobbies nachzugehen; einen Spaziergang zu machen, Freunde zu treffen …

Ein hilfreicher Snack für zwischendurch?

Nuss-Mix, Kuchen, Schokolade.

Eine kleine Flucht aus dem (Arbeits)Alltag, die Ihnen hilft, schnell wieder aufzutanken?

Meine Zoo- und Tierpark-Jahreskarte nutzen! Da gehe ich dann ganz gezielt zu den Pinguinen. Könnte stundenlang zuschauen, wie sie rumstehen, schwimmen oder versuchen, Felsen hochzuhopsen. Außerdem gehe ich einmal in der Woche zum Chor, ich singe wirklich gerne.

Was hilft Ihnen, Ideen zu finden?

Wenn ich bei irgendetwas nicht weiterkomme und mein Hirn sich verhakt anfühlt, hilft es mir, etwas komplett anderes zu machen. Auf dem Weg in die Teeküche oder beim Hören eines Podcasts kam mir schon die eine oder andere Erleuchtung.

Was hilft Ihnen, Ihren Fokus zu behalten?

Kopfhörer und Lofi-Musik hören.

In welchen Momenten vergessen Sie während der Arbeit alles andere um sich herum?

Wenn mich niemand stört, schaffe ich es in den sogenannten Flow-Zustand. Das passiert immer mal beim Verfassen eines neuen Manuskripts, wenn ich tief in die Literatur eintauchen, viel lesen und verknüpfen muss, an Argumenten feile oder nach ihnen suche. Oder auch bei »Fleißarbeiten« wie während der letzten Klinikstudie, als alle Erkrankungen und Medikamente der PatientInnen in eine Datenbank eingetippt werden mussten. Ich sehe den Papierstapel schwinden und kann nicht aufhören, weil ich es fertig haben will. Zu so einer Tätigkeit höre ich dann aber fetzigere Musik :-).

Ich kann überall arbeiten, wenn ich Kopfhörer dabeihabe.

CATRIN HERPICH, 32, hat Biochemie im Bachelor und Lebensmittel- und Gesundheitswissenschaften im Master an der Universität Bayreuth studiert. An der Universität Potsdam promovierte sie in experimenteller Ernährungsmedizin. Derzeit arbeitet Catrin Herpich als Postdoc und Studienleiterin am Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke.

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