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Die Leibniz-Gemeinschaft wird 30 Jahre alt, doch zum Jubiläum blicken wir nicht zurück, sondern befragen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die ganz am Anfang ihrer Karriere stehen. Was für ein Lebensgefühl haben sie, welche Erfahrungen machen sie als junge Forschende – und wie könnten ihre Erkenntnisse die Welt in 30 Jahren ein Stück verbessert haben? In Folge 13 antwortet Fabian Unruh. Er promoviert am PRIF - Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung zum Thema Rüstungskontrolle.

Weitere Beiträge aus der Rubrik »30 um die 30« gibt es hier.

LEIBNIZ Herr Unruh, wie würden Sie Ihr Forschungsthema jemandem auf einer Party erklären?

FABIAN UNRUH Bei mir geht‘s um Atombomben, genauer gesagt: um deren Abrüstung. Hier ist es wichtig sicherzustellen, dass das Gegenüber nicht heimlich Material oder Waffen versteckt hält. Ich entwickle Methoden, um genau das zu überprüfen. Dabei geht es vor allem um Plutonium, das in vielen Atombomben verwendet wird, um verheerende Detonationen zu erzeugen. Dieses Material muss in Kernreaktoren produziert werden. Die Idee ist nun: Wenn wir herausfinden, wie der Reaktor betrieben wurde, dann wissen wir, wieviel Plutonium ein Staat produziert hat. Konkret schaue ich mir radioaktive Abfälle des Reaktors an, die Aufschlüsse über seinen Betrieb geben.

Und was würden Sie zu einem Kollegen oder einer Kollegin sagen?

Das kommt darauf an, ob es Physiker*innen oder Politikwissenschaftler*innen sind. Für die naturwissenschaftlichen Kolleg*innen ist es interessanter, dass ich Parameter eines Kernreaktorbetriebs mithilfe von invertierbaren neuronalen Netzwerken rekonstruiere und dafür die Isotopenzusammensetzung von abgebrannten Brennstäben analysiere. Für meine Trainingsdaten führe ich Kernreaktorsimulationen auf Hochleistungsrechnern durch. Aus einer politikwissenschaftlichen Perspektive ist es wichtiger, dass ich mich mit nuklearer Verifikation für Rüstungskontrollverträge beschäftige und damit, zu verifizieren, dass Spaltmaterialdeklarationen vollständig sind. Oft ist aber auch eine gemischte Erklärung die beste – im interdisziplinären Kontext haben viele Kolleg*innen ein rudimentäres Verständnis von den anderen Disziplinen, sodass ich gerne auch ein bisschen die »fachfremde« Seite beleuchte.

Was war bisher der wichtigste Moment in Ihrem Leben als Forscher?

Am wichtigsten war vermutlich, dass ich dort gelandet bin, wo ich heute bin. Nach meinem Studium wollte ich gerne mit naturwissenschaftlicher Friedensforschung weiter machen, aber das Feld ist nicht grade groß, so dass es eine im Forschungsbetrieb übliche Phase der Unsicherheit bei mir gab. Am Ende hat sich aber die richtige Gelegenheit ergeben.

Wie könnte Ihre Forschung die Welt in 30 Jahren ein Stückchen verbessert haben? (Sie dürfen träumen.)

Ich fürchte, da muss man in der Tat ein bisschen träumen. Also: Alle Nuklearwaffenstaaten haben die zügige Abrüstung ihrer Kernwaffen beschlossen. In diesen Abrüstungsverträgen sind technische Methoden festgeschrieben, um zu überprüfen, welche Spaltmaterialbestände diese Staaten haben, also zum Beispiel Plutonium. Damit ist sichergestellt, dass kein Material heimlich der internationalen Kontrolle entzogen wird. Meine Forschung könnte dazu beitragen zu berechnen, wieviel Plutonium produziert worden ist.

In welcher Epoche wären Sie gerne Wissenschaftler gewesen? Oder ist heute die beste Zeit?

Ich mag meinen Computer und die technischen Analysemethoden schon sehr gerne, von daher bin ich in der heutigen Zeit vermutlich ganz gut aufgehoben.

»Ein Leben für die Wissenschaft« – könnte dies einst der Untertitel für Ihre Biografie sein? Wenn nicht: Welchen Untertitel fänden Sie passend?

Ich hoffe nicht! Für mich gibt es auch ein Leben neben der Wissenschaft. Vielleicht besser: »Ein Leben voller spannender Wendungen«. Ich wünsche mir zumindest, dass das irgendwann mal ein passender Titel sein könnte.

Wenn Sie sich mit Menschen Ihres Alters treffen, die nicht in der Wissenschaft arbeiten: Was ist der größte Unterschied zwischen Ihnen?

Die Rolle, die Arbeit spielt, ist oft eine ganz andere. Als Wissenschaftler identifiziere ich mich recht stark mit meinem Thema, und es nimmt auch oft ungeplant jenseits der Arbeit Raum ein. Auch wenn ich keine endlosen Überstunden schiebe oder Paper in meiner Freizeit lese, denke ich trotzdem manchmal im Urlaub über eine Idee nach, überfliege einen Bluesky-Thread auf dem Sofa oder verwende einen Sonntag darauf, das dringende Konferenzpaper fertigzustellen. Ich habe den Eindruck, dass viele andere Jobs weniger mit dem Leben außerhalb der »Bürozeiten« verwoben sind. Wenn ich bei Freund*innen beobachte, wie sie ganz und gar von der Arbeit abschalten können, verlockt mich das manchmal schon.  Andererseits habe ich in vielerlei Hinsicht mehr Freiheiten in meiner Arbeit.

Wenn Sie sich mit älteren Forschenden Ihrer Disziplin treffen: Was ist der größte Unterschied zwischen Ihnen?

Oft haben die älteren Kolleg*innen ein sehr breites Fachwissen, dass sich über Jahrzehnte angesammelt hat. Dadurch können sie oft neue Perspektiven entwickeln oder eine neue Idee bewerten. Bei manchen aktuellen fachlichen Entwicklungen gibt es aber auch Grenzen. Zwar wissen die älteren Forschenden zum Beispiel, wofür KI-Modelle angewandt werden können und wie diese mathematisch aufgebaut sind. Da sie aber, im Gegensatz zu vielen jüngeren Forschenden, oft keine »Hands-on«-Erfahrung damit haben und nie selbst programmiert haben, haben wir dort manchmal die besseren Einblicke.

Fast alle nuklearen Friedensforscher*innen halten Atomwaffen für ungeeignet, um Frieden zu schaffen. Trotzdem vertreten sie zu Fragen von Kernkraft oder Rüstung sehr unterschiedliche Meinungen.

FABIAN UNRUH

Welche Eigenschaft halten Sie für die wichtigste, um Karriere in der Wissenschaft zu machen?

In meinem interdisziplinären Gebiet finde ich es extrem wichtig, den eigenen disziplinären Rahmen verlassen zu können. Damit meine ich die Fähigkeit, ein Problem nicht nur aus der eigenen fachlichen Linse zu betrachten, sondern auch drei Schritte zurücktreten zu können und zu erkennen, dass unterschiedliche Wissenschaften das gleiche Problem unterschiedlich angehen. Das ist oft nicht einfach, weil sich Fragestellungen, Methoden oder Fachsprachen unterscheiden, aber ohne diese Fähigkeit könnte ich meine Forschung Nicht-Physiker*innen nur schwer zugänglich machen. Andersherum ist es für mich hilfreich zu verstehen, wie Politikwissenschaftler*innen arbeiten.

Wie werden Sie als Wissenschaftler in der Gesellschaft wahrgenommen?

Sehr positiv! Die meisten schätzen es sehr, dass sich meine Forschung auf Abrüstung von Kernwaffen bezieht. Und man profitiert auch davon, dass Physiker*innen ein besonderes Maß an Rationalität zugeschrieben wird – wenngleich ich das manchmal unangenehm finde.

Und wie würden Sie gerne wahrgenommen werden?

Ich wünsche mir, dass wir Naturwissenschaftler*innen nicht nur als Nerds wahrgenommen werden, die den ganzen Tag Berechnungen durchführen, im Labor hocken oder Theorien aufstellen, sondern auch politische oder gesellschaftliche Debatten mit Einschätzungen versorgen können. Wir können nicht immer eine eindeutige Lösung für jedes politische Problem liefern, aber unsere technische Perspektive kann durchaus hilfreich sein. Zum Beispiel konnten wir die jüngsten israelischen und US-amerikanischen Angriffe auf die iranischen Nuklearanlagen einordnen.

Bitte ergänzen Sie die folgenden Sätze. Sie können realistische Wünsche äußern oder Ihre Fantasie spielen lassen. Satz Nummer 1: Meine Arbeit wäre so viel einfacher, wenn …

… ich meinem Vergangenheits-Ich ab und zu kleine Hinweise schicken könnte.

Davon hätte ich gern mehr:

Möglichkeiten, unsere Methoden in der Praxis zu testen. Kernwaffenstaaten sind, freundlich ausgedrückt, recht zurückhaltend, wenn es um den Zugang zum Nuklearwaffenkomplex geht.

Wenn ich etwas sofort abstellen könnte, wäre das …

… die Frage, ob ich eine Atombombe bauen könnte.

Jede/r sollte wissen, dass…

… wir als Wissenschaftler*innen nicht unfehlbar sind. Auch wir wissen manche Dinge nicht, treffen falsche Entscheidungen oder brauchen Hilfe.

Um das ein für allemal richtig zu stellen:

Fast alle nuklearen Friedensforscher*innen finden zwar, dass Atomwaffen nicht geeignet sind, um international Sicherheit und Frieden zu schaffen. Trotzdem gibt es zu Fragen von Kernkraft oder Rüstung sehr unterschiedliche Meinungen bei uns.

Was ist Ihre größte Unsicherheit, bezogen auf Ihre Karriere?

Die Beschäftigungssituation. Die Karriere kann schnell vorbei sein, weil man sich eine Auszeit nehmen will, Familienplanung mit dem Wissenschaftsbetrieb kollidiert oder schlicht keine Stellen und Gelder zur Verfügung stehen.

Wie schaffen Sie es, trotzdem gelassen zu bleiben?

Der rege Austausch von Memes mit den Kollegen trägt dazu bei. Und bei alltäglichen Problemen hilft die Devise »One crisis at a time«.

Träumen Sie manchmal von der Arbeit? Wenn ja: Sind es angenehme Träume?

Ich kann mich kaum an Träume erinnern. Aber da ich ganz gut schlafe, drehen sie sich wahrscheinlich nicht um Arbeit.

Ihr liebster Arbeitsplatz?

Entweder mein ruhiger, grüner Balkon oder das belebte Büro, wo man immer wieder ins Gespräch kommt. Mal so, mal so.

Ein Stillleben auf Ihrem Schreibtisch?

Im Alltag hilft die Devise: >One crisis at a time<.

Nach dem Aufwachen: Wie fängt Ihr Tag gut an?

Draußen mit Frühstück: Kaffee und Zeitung lesen und dann mit dem Rad ins Büro.

Worauf freuen Sie sich an einem ganz normalen Arbeitstag?

Darauf, meine To-Do-Liste etwas zu verkürzen und vielleicht eine interessante Nachricht im Mailfach zu finden.

Worauf freuen Sie sich, wenn Ihr Arbeitstag zu Ende geht?

Auf Badminton, Radfahren oder den Fitnesskurs danach. Und manchmal auf das Sofa.

Ein hilfreicher Snack für zwischendurch?

Ein Eis aus dem Gruppengefrierfach.

Eine kleine Flucht aus dem (Arbeits)Alltag, die Ihnen hilft, schnell wieder aufzutanken?

Immer wieder andere Musik auf die Kopfhörer.

Eine Kritzelei während eines Meetings?

Was hilft Ihnen, Ideen zu finden?

Mir hilft es, einfach mal auf dem Papier ein Konzept aufzuschreiben. Und wenn etwas nicht werden will, es auch mal für ein paar Wochen ruhen zu lassen.

Was hilft Ihnen, Ihren Fokus zu behalten?

Das Handy außer Griff- und Blickweite platzieren, Kopfhörer mit Noise-Cancelling und Musik aufsetzen. Auch eine nahende Deadline tut das ihrige.

In welchen Momenten vergessen Sie während der Arbeit alles andere um sich herum?

Meistens beim Schreiben eines Codes. Wenn ich einen Lauf habe und genau weiß, wie ich eine Idee umsetzen will, braucht es mehr als ein lautes Klopfen am Türrahmen, um meine Aufmerksamkeit zu bekommen.

FABIAN UNRUH, 25 und Physiker, arbeitet als Doktorand am PRIF - Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung im interdisziplinären Cluster Natur- und Technikwissenschaftliche Rüstungskontrollforschung (CNTR). Dort erforscht er die Anwendung von neuronalen Netzen für die Verifikation nuklearer Rüstungskontrollabkommen.

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