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Die Leibniz-Gemeinschaft wird 30 Jahre alt, doch zum Jubiläum blicken wir nicht zurück, sondern befragen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die ganz am Anfang ihrer Karriere stehen. Was für ein Lebensgefühl haben sie, welche Erfahrungen machen sie als junge Forschende – und wie könnten ihre Erkenntnisse die Welt in 30 Jahren ein Stück verbessert haben? In Folge 11 antwortet Alin Bernunzo. Sie promoviert am Leibniz-Institut für Bildungsmedien | Georg-Eckert-Institut im Bereich Mediale Transformationen.

Weitere Beiträge aus der Rubrik 30 um die 30 gibt es hier.

LEIBNIZ Frau Bernunzo, wie würden Sie Ihr Forschungsthema jemandem auf einer Party erklären?

ALIN BERNUNZO Stell dir vor, jemand setzt dein Gesicht digital auf einen fremden Körper und macht ein Video daraus. Und wenn du versuchst, das richtigzustellen, hört dir niemand zu oder glaubt dir nicht, dass du das gar nicht bist. Ich untersuche, wie sich das für Menschen anfühlt, welche Effekte das mit sich bringt und welche Machtstrukturen dabei wirken.

Und was würden Sie zu einem Kollegen oder einer Kollegin sagen?

Ich untersuche die Wirkungsweisen von Deepfakes im Kontext digitaler und epistemischer Gewalt. Dafür analysiere ich Bildungsmedien und spreche mit Betroffenen und Expert:innen.

Was war bisher der schönste Moment in Ihrem Leben als Forscherin?

Der kommt im Forschungsprozess eigentlich immer wieder: der Moment, in dem der Knoten nach einer Phase des Suchens, Zweifelns und Ausprobierens platzt und sich Idee, Argument, Theorie und Empirie verbinden und ineinander greifen.

Wie könnte Ihre Forschung die Welt in 30 Jahren ein Stückchen verbessert haben? (Sie dürfen träumen.)

Im Idealfall trägt sie zu einer inklusiveren und gerechteren Digitalgesellschaft bei. (Schau mer mal was wird… was wird).

In welcher Epoche wären Sie gerne Wissenschaftlerin gewesen? Oder ist heute die beste Zeit?

Heute ist die beste Zeit für mein Thema. Gerade jetzt, wo Rechtsruck, Backlashs, Gewalt gegen Frauen und Desinformation zunehmen und Deepfakes als Werkzeug dabei oftmals eine zentrale Rolle spielen, möchte ich etwas dagegensetzen.

Ein Leben für die Wissenschaft – könnte dies einst der Untertitel für Ihre Biografie sein? Wenn nicht: Welchen Untertitel fänden Sie passend?

Nein, ich lebe eher mit der Wissenschaft als für sie. Vielleicht so etwas wie Sowohl als auch: ein Plädoyer für Mehrdeutigkeit oder follow your excitement.

Wenn Sie sich mit Menschen Ihres Alters treffen, die nicht in der Wissenschaft arbeiten: Was ist der größte Unterschied zwischen Ihnen?

Sie haben unbefristete Arbeitsverträge und einen höheren Kontostand.

Wenn Sie sich mit älteren Forschenden Ihrer Disziplin treffen: Was ist der größte Unterschied zwischen Ihnen?

Das Erfahrungswissen und die Länge der Publikationsliste.

Welche Eigenschaft halten Sie für die wichtigste, um Karriere in der Wissenschaft zu machen?

Eine gute Mischung aus Ambiguitätstoleranz, Neugier, Humor und Durchhaltevermögen.

Wie werden Sie als Wissenschaftlerin in der Gesellschaft wahrgenommen?

Das ist in hohem Maße kontextabhänging. Aber neulich wurde mir beispielsweise gesagt, dass es schön zu sehen ist, wie sehr ich für mein Thema brenne und dass ich dadurch Menschen abholen kann.

Und wie würden Sie gerne wahrgenommen werden?

Als kompetente und vor allem nahbare Wissenschaftlerin, als jemand, mit dem man reden kann. Weil Wissenschaft immer noch viel zu elitär ist und sie aber eigentlich Menschen einladen sollte, Fragen zu stellen, mitzudenken und ihr Wissen einzubringen.

Bitte ergänzen Sie die folgenden Sätze. Sie können realistische Wünsche äußern oder Ihre Fantasie spielen lassen. Satz Nummer 1: Meine Arbeit wäre so viel einfacher, wenn …

... Arbeits- und Wohnort der gleiche wären und das Wissenschaftssystem anders funktionieren würde (siehe Themen wie Machtmissbrauch oder #IchBinHanna).

Davon hätte ich gern mehr:

Zeit und Geduld.

Wenn ich etwas sofort abbestellen könnte, dann wäre das ...

... meine Nervosität bei Vorträgen.

Jede/r sollte wissen, dass ...

... wir alle durch unsere gesellschaftliche Positionierung tote Winkel haben, und dass wir diese nur im gemeinsamen Austausch durch Perspektivenvielfalt und Offenheit überwinden können. Und: Mit jedem Wissen steigt auch das Unwissen.

Um das ein für allemal richtig zu stellen:

Geteilte Wege tragen weiter als spitze Ellenbogen.

Was ist Ihre größte Unsicherheit, bezogen auf Ihre Karriere?

Befristete Arbeitsverträge.

Wie schaffen Sie es, trotzdem gelassen zu bleiben?

Living in the Moment, I guess?

Träumen Sie manchmal von der Arbeit? Wenn ja: Sind es angenehme Träume?

Ab und an. Manchmal finde ich im Traum die perfekte Formulierung und wache ohne sie wieder auf.

Ihr liebster Arbeitsplatz?

Mein Schreibtisch im Atelier von Bekannten.

Ein Stillleben auf Ihrem Schreibtisch?

Wir alle haben durch unsere gesellschaftliche Positionierung tote Winkel.

ALIN BERNUNZO

»Ich saß grad am Schreibtisch und dachte mir, dieser Blumenstrauß aus dem Garten meiner Omi verdient die ganze Aufmerksamkeit, so schön ist er.«

Eine Kritzelei während eines Meetings?

Manchmal finde ich im Traum die perfekte Formulierung und wache ohne sie wieder auf.

Nach dem Aufwachen: Wie fängt Ihr Tag gut an?

Wenn die Sonne scheint und ich die ersten 60 Minuten des Tages für mich habe, ohne irgendwelchen Input von außen.

Worauf freuen Sie sich an einem ganz normalen Arbeitstag?

Auf die Gespräche mit meinen Kolleg:innen.

Worauf freuen Sie sich, wenn Ihr Arbeitstag zu Ende geht?

Auf frische Luft, Sonne, mein Sozialleben und gutes Essen (Käs’spätzle).

Ein hilfreicher Snack für zwischendurch?

Nüsse und ein 20-minütiger Powernap.

Eine kleine Flucht aus dem (Arbeits)Alltag, die Ihnen hilft, schnell wieder aufzutanken?

Ein Spaziergang im Grünen und Reden mit Freunden.

Was hilft Ihnen, Ideen zu finden?

Gespräche, Offenheit, Zufall, Neugier – und Donna Haraway folgend: Unruhig bleiben!

Was hilft Ihnen, Ihren Fokus zu behalten?

Die Flugmodusfunktion am Handy und Deadlines. Außerdem habe ich das Glück, wohlwollende und zuträgliche Mentor:innen, Kolleg:innen und Freunde zu haben, die mich darin unterstützen, den Wald wieder zu sehen, wenn ich zwischen den Bäumen stehe.

In welchen Momenten vergessen Sie während der Arbeit alles andere um sich herum?

Siehe Antwort auf Frage Nummer 3.

ALIN BERNUNZO ist 33 Jahre alt, hat Medienbildung, Intermedia und Medienkulturwissenschaft in Magdeburg und Köln studiert und arbeitet derzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin zur Promotion am Leibniz-Institut für Bildungsmedien | Georg-Eckert-Institut.

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