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Die Leibniz-Gemeinschaft wird 30 Jahre alt, doch zum Jubiläum blicken wir nicht zurück, sondern befragen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die ganz am Anfang ihrer Karriere stehen. Was für ein Lebensgefühl haben sie, welche Erfahrungen machen sie als junge Forschende – und wie könnten ihre Erkenntnisse die Welt in 30 Jahren ein Stück verbessert haben? In Folge 30 antwortet Fabio Lesjak, Postdoktorand am Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam.

Weitere Beiträge aus der Rubrik »30 um die 30« gibt es hier.

LEIBNIZ Herr Lesjak, wie würden Sie Ihr Forschungsthema jemandem auf einer Party erklären?

FABIO LESJAK Die meisten Planeten in unserem Sonnensystem besitzen eine Atmosphäre, und das Gleiche gilt für Planeten, die um andere Sterne als unsere Sonne kreisen. Ich schaue mir die Eigenschaften dieser weit entfernten Atmosphären an und versuche, möglichst viel darüber herauszufinden.

Und was würden Sie zu einem Kollegen oder einer Kollegin sagen?  

Ich beobachte Atmosphären von Exoplaneten, insbesondere von Heißen Jupitern, mit hochaufgelöster Spektrographie und vergleiche die beobachteten Spektren mit Modellen, um die chemischen Häufigkeiten, Windgeschwindigkeiten, Wolkendecken und den Atmosphärenverlust zu analysieren.

Was war bisher der schönste Moment in Ihrem Leben als Forscher?

Als ich nach Chile reisen und in der Atacama-Wüste einige Nächte lang die 8-Meter-Teleskope der Europäischen Südsternwarte nutzen durfte. Den Nachthimmel an einem so dunklen Ort zu sehen, ist eine unglaubliche Erfahrung.

Wie könnte Ihre Forschung die Welt in 30 Jahren ein Stückchen verbessert haben? (Sie dürfen träumen.)

Ganz optimistisch gedacht, könnten wir in 30 Jahren vielleicht Hinweise auf Leben außerhalb des Sonnensystems entdeckt haben. Eventuell hilft uns diese Erkenntnis ja dabei, über die im Vergleich zu außerirdischem Leben trivialen Unterschiede zwischen uns Menschen hier auf der Erde hinwegzusehen und ein bisschen zusammenzuwachsen.

In welcher Epoche wären Sie gerne Wissenschaftler gewesen? Oder ist heute die beste Zeit?

Das Feld der Exoplanetenforschung ist noch sehr jung, und insbesondere in den letzten Jahren gab es viele Fortschritte. Weil ich sehr gerne an diesem Thema forsche, möchte ich ungerne in eine vergangene Zeit zurückgehen. Wenn überhaupt, würde ich lieber ein paar Jahre in die Zukunft springen, zum Beispiel zu dem Tag, an dem das »Extremely Large Telescope« in Betrieb geht. Dieses größte optische Teleskop der Welt wird im Moment in Chile gebaut und wird uns voraussichtlich ab 2029 ganz neue Möglichkeiten eröffnen.

Den Nachthimmel an einem so dunklen Ort wie der Atacama-Wüste zu sehen, ist eine unglaubliche Erfahrung.

FABIO LESJAK

»Ein Leben für die Wissenschaft« – könnte dies einst der Untertitel für Ihre Biografie sein? Wenn nicht: Welchen Untertitel fänden Sie passend?

Ich wusste schon in der Grundschule, dass ich gerne Naturforscher oder Tierfotograf werden möchte. Mit der Fotografie ist es nichts geworden, aber der Naturwissenschaft bin ich bis jetzt treu geblieben. Von daher passt der Untertitel vielleicht ganz gut.

Wenn Sie sich mit Menschen Ihres Alters treffen, die nicht in der Wissenschaft arbeiten: Was ist der größte Unterschied zwischen Ihnen?

Im Gegensatz zu anderen in meinem Alter, die eine Festanstellung mit vorgegebenen Arbeitszeiten haben, bin ich sehr flexibel in der Gestaltung meines Arbeitsalltags, aber durch die befristeten Positionen ist es schwierig, langfristige Pläne zu machen.

Wenn Sie sich mit älteren Forschenden Ihrer Disziplin treffen: Was ist der größte Unterschied zwischen Ihnen?

Ältere Forschende mit mehr Erfahrung sind meistens sehr gut darin, eine neue Idee oder Theorie in den breiteren Kontext zu setzen und zu bewerten, ob die Idee etwas taugt oder nicht. Und sie wissen, wie sie ihre Ideen verkaufen müssen, um zum Beispiel Geld oder Beobachtungszeit an Teleskopen für ein neues Projekt zu bekommen.

Welche Eigenschaft halten Sie für die wichtigste, um Karriere in der Wissenschaft zu machen?

Ein Gespür für interessante Projekte und ein gutes Händchen für den Aufbau von Kooperationen mit anderen Wissenschaftlern.

Wie werden Sie als Wissenschaftler in der Gesellschaft wahrgenommen?

Die meisten Leute finden es cool, wenn ich erzähle, dass ich in der Astrophysik arbeite. Auch wenn sie sich nicht so gut vorstellen können, wie die Arbeit tatsächlich aussieht. Die meiste Zeit schaue ich leider nicht in die Sterne, sondern sitze in meinem Büro und programmiere oder schreibe an einer Publikation. 

Und wie würden Sie gerne wahrgenommen werden?

Ich bin eigentlich ganz zufrieden damit, wie ich und mein Beruf wahrgenommen werden.

Bitte ergänzen Sie die folgenden Sätze. Sie können realistische Wünsche äußern oder Ihre Fantasie spielen lassen. Satz Nummer 1: Meine Arbeit wäre so viel einfacher, wenn …

… ich beliebig viel Beobachtungszeit an Teleskopen bekommen könnte.

Davon hätte ich gern mehr:

Lego-Sets mit Weltraumthematik.

Wenn ich etwas sofort abstellen könnte, wäre das …

… der Glaube an Pseudowissenschaften.

Jede/r sollte wissen, dass …

… es wahnsinnig viele Exoplaneten gibt und viele davon ganz anders sind, als wir es aus unserem Sonnensystem kennen.

Um das ein für allemal richtig zu stellen:

Die Lebkuchensaison fängt schon im August an, und das ist gut so!

Was ist Ihre größte Unsicherheit, bezogen auf Ihre Karriere?

Die Zukunftsperspektiven in der Wissenschaft, mit befristeten Stellen und der Erwartung, alle paar Jahre den Standort zu wechseln.

Wie schaffen Sie es, trotzdem gelassen zu bleiben?

Falls ich in der Zukunft keine Stelle in der Wissenschaft finden kann, bleibt immer noch die Option, in die private Wirtschaft zu wechseln. Auch wenn ich das sehr schade finden würde …

Träumen Sie manchmal von der Arbeit? Wenn ja: Sind es angenehme Träume?

Ich kann mich leider selten an meine Träume erinnern.

Ihr liebster Arbeitsplatz?

In meinem Büro mit großen Fenstern und Blick ins Grüne.

Ein Stillleben auf Ihrem Schreibtisch?

Eine Kritzelei während eines Meetings?

Die Lebkuchensaison fängt schon im August an, und das ist gut so!

Nach dem Aufwachen: Wie fängt Ihr Tag gut an?

Morgens mache ich gerne Kreuzworträtsel, und dann frühstücke ich mit Brötchen und Tee und lese dabei die Zeitung.

Worauf freuen Sie sich an einem ganz normalen Arbeitstag?

Meine Freunde und Kollegen im Büro zu sehen und Probleme bei meinen Projekten zu lösen.

Worauf freuen Sie sich, wenn Ihr Arbeitstag zu Ende geht?

Den Abend mit meiner Freundin zu verbringen.

Ein hilfreicher Snack für zwischendurch?

Studentenfutter oder Lebkuchen.

Eine kleine Flucht aus dem (Arbeits)Alltag, die Ihnen hilft, schnell wieder aufzutanken?

Ein Spaziergang durch den Wald im Park nebenan.

Was hilft Ihnen, Ideen zu finden?

Publikationen zu lesen und auf Konferenzen zu sehen, woran andere Leute so arbeiten.

Was hilft Ihnen, Ihren Fokus zu behalten?

Ich mache mir morgens einen Zeitblockplan, in dem ich grob aufschreibe, zu welcher Zeit ich an welchen Aufgaben arbeiten will. Das hilft mir dabei, weniger zu prokrastinieren oder von einer Aufgabe zur nächsten zu springen.

In welchen Momenten vergessen Sie während der Arbeit alles andere um sich herum?

Wenn ich etwas Unerwartetes in meinen Daten finde und dann versuche herauszufinden, ob es ein echtes Signal von einem Exoplaneten sein könnte.

FABIO LESJAK ist 28, hat in Göttingen Physik studiert und sich während des Masters auf Astrophysik spezialisiert. Anfang dieses Jahres hat er seinen Doktor abgeschlossen und arbeitet seit Sommer als Postdoktorand am Leibniz-Institut für Astrophysik in Potsdam.

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