Die Leibniz-Gemeinschaft wird 30 Jahre alt, doch zum Jubiläum blicken wir nicht zurück, sondern befragen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die ganz am Anfang ihrer Karriere stehen. Was für ein Lebensgefühl haben sie, welche Erfahrungen machen sie als junge Forschende – und wie könnten ihre Erkenntnisse die Welt in 30 Jahren ein Stück verbessert haben? In Folge 16 antwortet Leonie Dziomba. Sie promoviert am Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung zum Thema Wissensvermittlung in den Meereswissenschaften.
LEIBNIZ Frau Dziomba, wie würden Sie Ihr Forschungsthema jemandem auf einer Party erklären?
LEONIE DZIOMBA
Ich bringe winzige Meereslebewesen und verschiedene Menschengruppen zusammen – mithilfe von einem Mikroskop, das in einen Rucksack passt. Damit wird sonst unsichtbares Plankton leicht zugänglich und auch für Nicht-Expert*innen einfach zu beobachten. Mich interessiert, wie sich dadurch das gemeinsame Verständnis und das Miteinander zwischen Gruppen aus Wissenschaft, Gesellschaft, Politik und Bildung verändert – und ob so Meeresschutz vielleicht besser klappt.
Und was würden Sie zu einem Kollegen oder einer Kollegin sagen?
Ich untersuche, wie sich Interaktionen zwischen Wissenschaft und anderen Akteursgruppen im marinen Biodiversitätsmonitoring durch niedrigschwellige Monitoring-Technologien und gemeinsame Referenzobjekte gestalten lassen – und welchen Einfluss das auf kollektive Lern- und Erkenntnisprozesse hat.
Was war bisher der schönste Moment in Ihrem Leben als Forscherin?
Es gibt nicht den einen großen Moment, sondern immer wieder viele kleine – vor allem Begegnungen mit Menschen, von denen ich lernen konnte und die ich als Vorbilder sehe. Dazu zählen nicht nur Forschende, sondern auch andere Personen: meine Chefin in meinem ersten HiWi-Job in der Kommunikationsabteilung einer Forschungseinrichtung, die meine Begeisterung für die Wissenschaftskommunikation geweckt hat, meine Mentorin im Master, die ihre Erfahrungen in beiden Berufsfeldern – Kommunikation und Forschung – mit mir geteilt hat, und auch meine aktuelle Chefin, deren Leidenschaft mich täglich inspiriert.
Wie könnte Ihre Forschung die Welt in 30 Jahren ein Stückchen verbessert haben? (Sie dürfen träumen.)
Ich würde mich freuen, wenn wir gesellschaftliche und ökologische Zusammenhänge weniger getrennt betrachten. Vielleicht gibt es dann eine Generation, die Naturbeobachtung nicht nur als Expert*innensache versteht – und entsprechend handelt.


In welcher Epoche wären Sie gerne Wissenschaftlerin gewesen? Oder ist heute die beste Zeit?
Heute. Zumindest für die Art von wissenschaftlicher Arbeit, die mich interessiert – an der Schnittstelle zwischen Forschung, Kommunikation und gesellschaftlicher Teilhabe.
Ein Leben für die Wissenschaft
– könnte dies einst der Untertitel für Ihre Biografie sein? Wenn nicht: Welchen Untertitel fänden Sie passend?
Nein. Vielleicht lieber: Always curious, sometimes scientific
.
Wenn Sie sich mit Menschen Ihres Alters treffen, die nicht in der Wissenschaft arbeiten: Was ist der größte Unterschied zwischen Ihnen?
Dass in der Wissenschaft vieles langfristiger und unsicherer ist. Ergebnisse brauchen oft länger und man arbeitet mit unbekannten Zeithorizonten. Das macht den Alltag schon sehr anders als in vielen anderen Jobs und das Leben weniger planbar.
Wenn Sie sich mit älteren Forschenden Ihrer Disziplin treffen: Was ist der größte Unterschied zwischen Ihnen?
Erfahrung, Souveränität und oft auch eine gewisse Gelassenheit.
Welche Eigenschaft halten Sie für die wichtigste, um Karriere in der Wissenschaft zu machen?
Neugier, Resilienz und ein starkes Netzwerk. Und: Konkurrenzfähigkeit – sich in einem hochkompetitiven Umfeld zu behaupten und Freude an diesem Wettkampf zu finden. Darüber wird selten offen gesprochen, aber das halte ich für einen wichtigen Erfolgsfaktor.
Wie werden Sie als Wissenschaftlerin in der Gesellschaft wahrgenommen?
Wenn ich über mein sehr interdisziplinäres Forschungsthema spreche, stoße ich oft zunächst auf verwirrte Gesichter. Viele können sich nur schwer vorstellen, wie geistes- und sozialwissenschaftliche Perspektiven für die Meeresforschung relevant sein können und wie so eine interdisziplinäre Zusammenarbeit konkret aussehen kann. Zum Beispiel, wenn es darum geht, menschliches Verhalten im Umgang mit Meeresressourcen zu verstehen und Schutzmaßnahmen mit diesem Wissen effektiver zu gestalten. Auch für Forschende selbst ist nicht immer trivial, wie wertvoll und gewinnbringend hier der Austausch zwischen den Disziplinen sein kann.
Kommunikation ist anspruchsvolle, ressourcenaufwändige und wichtige Arbeit.
Und wie würden Sie gerne wahrgenommen werden?
Als Wissenschaftlerin, die Brücken zwischen Disziplinen baut und komplexe Zusammenhänge verständlich macht.
Bitte ergänzen Sie die folgenden Sätze. Sie können realistische Wünsche äußern oder Ihre Fantasie spielen lassen. Satz Nummer 1: Meine Arbeit wäre so viel einfacher, wenn …
… zentrale Konzepte in den Disziplinen, zwischen denen ich mich bewege, einheitlich verwendet würden.
Davon hätte ich gern mehr:
Entschlossenheit, wenn es darum geht, zu entscheiden, wann die eigene Arbeit »gut genug« ist.
Wenn ich etwas sofort abstellen könnte, wären das …
… Selbstzweifel.
Jede/r sollte wissen, dass …
… Worte alles sind! Sprache hat die Macht, über Teilhabe und gesellschaftlichen Ausschluss, über unser Fühlen, Denken und unsere Wahrnehmung der Realität zu bestimmen. Durch das Nachdenken und den Austausch über Sprache ist viel zu gewinnen.
Um das ein für allemal richtig zu stellen:
Kommunikationsarbeit ist anspruchsvolle, ressourcenaufwändige und wichtige Arbeit.
Was ist Ihre größte Unsicherheit, bezogen auf Ihre Karriere?
Wie Karriere- und Familienplanung zusammen funktionieren können.
Wie schaffen Sie es, trotzdem gelassen zu bleiben?
Indem ich mich daran erinnere, dass es spannende, auch wissenschaftsnahe Berufsfelder außerhalb des Wissenschaftssystems gibt, die mich interessieren.
Träumen Sie manchmal von der Arbeit? Wenn ja: Sind es angenehme Träume?
Ja, ich träume öfter, dass ich schreibe und an Sätzen feile, an die ich mich beim Aufwachen aber leider nur noch bruchstückhaft erinnere.
Ihr liebster Arbeitsplatz?
Mal mein Büro auf der Arbeit, mal mein Büro im Homeoffice.
Ein Stillleben auf Ihrem Schreibtisch?

Nach dem Aufwachen: Wie fängt Ihr Tag gut an?
Mit einem Matcha-Tee.
Worauf freuen Sie sich an einem ganz normalen Arbeitstag?
Im Moment führe ich Interviews mit ganz unterschiedlichen Menschen. Das macht mir großen Spaß und ist sehr spannend, weil wirklich jedes Interview anders ist und ich in kurzer Zeit viel lerne.
Worauf freuen Sie sich, wenn Ihr Arbeitstag zu Ende geht?
Auf den Radweg nachhause durch den Bürgerpark und eine selbstgekochte warme Mahlzeit.
Ein hilfreicher Snack für zwischendurch?
Türkisch Pfeffer.
Eine kleine Flucht aus dem (Arbeits-)Alltag, die Ihnen hilft, schnell wieder aufzutanken?
Ein Spaziergang im nahegelegenen Wald.
Was hilft Ihnen, Ideen zu finden?
Austausch mit anderen, auch wenn sie nichts mit meinem Thema zu tun haben. Manchmal ist es auch gut, Themen eine Weile ruhen zu lassen, um ihnen wieder mit frischen Augen begegnen zu können.
Was hilft Ihnen, Ihren Fokus zu behalten?
Ablenkungen ausschalten: Das heißt Handy weg, unnötige Tabs zu, Noise-Cancelling-Kopfhörer auf.
In welchen Momenten vergessen Sie während der Arbeit alles andere um sich herum?
Wenn ich einem vielversprechenden neuen Blickwinkel auf eine Fragestellung nachgehe und sich plötzlich zuvor getrennte Teile wie ein Puzzle zusammenfügen.
LEONIE DZIOMBA, 27, ist Doktorandin an Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) in einer inter- und transdisziplinären Arbeitsgruppe zu Wissensvermittlung in den Meereswissenschaften. Sie promoviert im Projekt INDIFUN-AI zu Science-Stakeholder-Interaktionen im marinen Biodiversitätsmonitoring.



