Auf dem Telegrafenberg in Potsdam, zwischen alten Bäumen und denkmalgeschützten Gebäuden, liegt das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, kurz PIK. Doch wie nachhaltig kann das Forschungsinstitut selbst arbeiten? Das wollte das PIK in einem von zehn Pilotvorhaben zum klimaneutralen Forschungsbetrieb herausfinden. Von Frühjahr 2023 bis Sommer 2024 waren daran 14 Leibniz-Einrichtungen beteiligt. Die Ergebnisse flossen auch in das aktualisierte Leitbild Nachhaltigkeit der Leibniz-Gemeinschaft ein. Das große Ziel: bis 2035 klimaneutral arbeiten. Aber: Wie kann Nachhaltigkeit im Institutsalltag gelingen? Ein Gespräch mit Bettina Hörstrup, Administrativer Direktorin des PIK, und Barbara Sturm, Institutsleiterin des Leibniz-Instituts für Agrartechnik und Bioökonomie (ATB) sowie Präsidiumsbeauftragte für Nachhaltigkeit der Leibniz-Gemeinschaft.
LEIBNIZ Nachhaltigkeit ist ein großes Wort. Was bedeutet es für Sie beide?
BETTINA HÖRSTRUP Für mich bedeutet Nachhaltigkeit, mit Ressourcen welcher Art auch immer so umzugehen, dass eine Balance entsteht, und diese Balance dann zu wahren. Also: Nie mehr nehmen als geben. Das ist natürlich eine sehr einfache Formulierung, aber ich finde, sie fasst Nachhaltigkeit ganz gut zusammen. Es geht ja nicht nur um das Klima, sondern um sämtliche Dimensionen der Nachhaltigkeit. Also auch zum Beispiel im Personal- oder Managementbereich.
BARBARA STURM Ich kann dem nur zustimmen. Beruflich beschäftige ich mich vor allem mit ökologischer Nachhaltigkeit, also mit Energie- und Ressourceneffizienz. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist aber auch für mich als Direktorin eines Forschungsinstituts die nachhaltige Personalentwicklung, gerade mit Blick auf junge Kolleginnen und Kollegen, die am Anfang ihrer Karriere stehen und in unserem Wissenschaftssystem nicht die einfachsten Grundvoraussetzungen haben. Nachhaltigkeit heißt hier auch, dass sie sich weiterentwickeln können.


Viele Leibniz-Institute forschen zu Nachhaltigkeit und Klimaschutz. In den zehn Pilotvorhaben, die an 14 Einrichtungen liefen, ging es nun um den eigenen Forschungsalltag: Wie kam es dazu?
STURM Das Präsidium hatte im Jahr 2022 zwei Präsidiumsbeauftragte für Nachhaltigkeit benannt: Stephan Junker, er ist Geschäftsführer des Museums für Naturkunde in Berlin, und mich. Wir hatten uns beide schon vorher mit Nachhaltigkeit im Wissenschaftsbetrieb beschäftigt, auch mit Blick auf Forschungsinfrastrukturen und Forschungsmuseen. Dazu kam der politische Anstoß: Es gab ein Schreiben vom Bundesforschungsministerium, dass die Wissenschaftsorganisationen bis 2035 klimaneutral werden sollen, möglichst finanziert aus den Kernhaushalten. Die großen Wissenschaftsorganisationen hatten sich das dann auch gemeinsam vorgenommen. Da haben wir gesagt: Das ist so nicht möglich. Es kostet sehr viel Geld, uns energetisch zu ertüchtigen. Und aus der Politik kam immer wieder die Frage: Ja, aber habt ihr denn Zahlen, eine konkrete Kalkulation? Die hatten wir nicht wirklich. Bei den Pilotvorhaben ging es deshalb auch darum, eine belastbare Informationsbasis zu schaffen.
HÖRSTRUP Vom Präsidium wurde dann eine Steuerungsgruppe Nachhaltigkeit mit drei Unter-Arbeitsgruppen eingesetzt. Ich habe die Arbeitsgruppe »Betrieb« geleitet. Dort entstand die Idee, ein Programm für Pilotvorhaben aufzusetzen, das für die gesamte Gemeinschaft nutzbar ist. Wir entwickelten in meiner Arbeitsgruppe dann einen ganz klassischen Call, auf den sich alle Institute bewerben konnten. Wichtig war, dass die beteiligten Einrichtungen die Vielfalt der Leibniz-Gemeinschaft abbilden: große und kleine Institute in eigenen oder gemieteten Gebäuden, mit Laboren, Tierhäusern, aber auch reine Büro- oder Computerarbeitsplätze.
Wie wurde das Ganze finanziert?
STURM Ursprünglich hatten wir für die Pilotvorhaben eine Viertelmillion Euro beantragt. Weil viel mehr Bewerbungen kamen als erwartet, stellte die damalige Präsidentin Martina Brockmeier noch einmal dieselbe Summe zusätzlich bereit. Dadurch konnten deutlich mehr Vorhaben gefördert werden.
Wichtig ist, dass es keine Rolle spielt, wie weit ein Institut ist, was Nachhaltigkeit betrifft. Jeder fängt da an, wo er gerade steht.
BARBARA STURM
Was war für Sie die wichtigste Erkenntnis aus den Pilotvorhaben? Was sieht man heute klarer als vorher?
HÖRSTRUP Wir am PIK wissen nun genau, wo unsere Baustellen sind – und auch wo sie nicht sind. Das ist in dem Sinne nicht überraschend, aber in ihrer jeweiligen Größenordnung schon. Unser größtes Emissionsfeld ist unser Hochleistungsrechner, einer der 400 leistungsstärksten Computer weltweit. Das ist aber unsere wissenschaftliche Infrastruktur, auf sie können wir nicht verzichten. Da einen guten Weg zu finden, das Rechnen nicht zu lassen und trotzdem die Nachhaltigkeitsziele bestmöglich umzusetzen, darum geht es.
STURM Für mich war eine der wichtigsten Erkenntnisse, dass über die ganze Leibniz-Gemeinschaft hinweg der Wille da ist, etwas zu verändern. Es scheitert oft eher an den Kapazitäten. Wichtig war deshalb auch das Signal, dass es keine Rolle spielt, wie weit ein Institut schon ist, was Nachhaltigkeit betrifft. Jeder fängt da an, wo er gerade steht.
Frau Hörstrup, wenn Sie uns heute zeigen wollten, was das PIK ganz praktisch für mehr Nachhaltigkeit und Klimaschutz tut: Wohin würden Sie mich zuerst mitnehmen?
HÖRSTRUP Sichtbar wäre tatsächlich die Photovoltaikanlage auf unserem Dach. Vieles andere sieht man ja nicht, zum Beispiel unsere Reiserichtlinie oder die CO₂-Bilanzen, die wir seit 2019 fortschreiben. Und dann wäre da noch unser Neubau, in dessen Keller unser Hochleistungsrechner steht, der das Gebäude von jeher heizt, als alleinige Wärmequelle. Im Zuge des Resilienzprogramms des Landes Brandenburg haben wir jetzt außerdem ein Nahwärmenetz auf dem Gelände ausgebaut. Auch weitere Gebäude werden also künftig mit der Wärme des Rechners beheizt, ergänzt durch andere Quellen. Das Pilotvorhaben hat es geschafft, das letzte Steinchen ins Rollen zu bringen. Es hat aber auch gezeigt, dass jedes Institut seine ganz eigenen Herausforderungen hat.



Welche beispielsweise?
HÖRSTRUP Wir befinden uns hier zum Beispiel gerade in einem denkmalgeschützten Gebäude. Wir sind natürlich wahnsinnig gerne auf dem Telegrafenberg, diesem so tollen, geschichtsträchtigen Gelände, das sich zu allem gut eignet, nur eigentlich nicht als wirtschaftlicher Arbeitsplatz. Etwa wenn man ans Heizen denkt: Wir haben bis zu sechs Meter hohe Decken, wunderschöne Kuppeln und historische Dachflächen. Dass wir die Photovoltaikanlagen realisieren konnten, liegt vor allem an der sehr guten Abwägung zwischen Denkmal- und Umwelt- oder Klimaschutz des Landes Brandenburg.
Frau Sturm, das ATB war nicht Teil der Pilotvorhaben. Haben Sie trotzdem geschaut, wo bei Ihnen die größten Emissionen entstehen?
STURM Ja, wir haben das intern ausgewertet. Und es ist tatsächlich das Pendeln. Wir haben mehr wissenschaftsunterstützendes als wissenschaftliches Personal. Gleichzeitig ist Wohnraum im Berlin-Potsdamer Raum extrem teuer und knapp geworden. Viele Kolleginnen und Kollegen wohnen deshalb auf dem Land und legen sehr viele Kilometer mit dem Auto zurück. Wir haben aber entschieden, da im Institut kein Diskussionsfass aufzumachen. Denn das betrifft genau die Berufsgruppen, die kaum Möglichkeit haben, von zu Hause zu arbeiten: Technikerinnen, Laborantinnen und andere. Die anderen großen Felder haben wir dagegen schon weitgehend dekarbonisiert: Wir heizen überwiegend erneuerbar mit Holz aus unserer eigenen Forschungskurzumtriebsplantage, erzeugen einen großen Teil unseres Stroms über großflächige PV-Anlagen selbst und haben die Gebäude energetisch saniert.
Die Wissenschaft lebt auch vom Austausch. Wie verändert denn der Nachhaltigkeitsgedanke den Umgang mit Dienstreisen und Konferenzen?
HÖRSTRUP Die Langstreckenflüge sind bei uns der zweite große Emissionsfaktor. Das ist ein Thema, das ganz viele haben, egal, wo man die Diskussion in der Wissenschaft anstößt. Ob Geisteswissenschaften oder Naturwissenschaften: Dienst- und Forschungsreisen sind für alle elementar. Die können wir nicht einfach abschaffen, weil wir dann aufhören könnten zu arbeiten. Aber wir müssen einen guten Umgang damit finden.
Sollte man weniger reisen?
HÖRSTRUP Es wird schon weniger gereist. Heute würde niemand mehr für einen kürzeren, singulären Vortrag eine weite Reise antreten. Das wird gebündelt, oder man schaltet sich remote dazu, weil das inzwischen selbstverständlich geworden ist und die Technik es ermöglicht. Aber Reisen bedeutet ja auch, Menschen zu begegnen. Das wird sich nicht ändern.
STURM Und wir müssen vor allem darauf achten, dass auch junge Kolleginnen und Kollegen reisen dürfen. Wir haben unsere Netzwerke schon, aber die Jüngeren müssen sie erst noch aufbauen. Da darf Hybridteilnahme nicht dazu führen, dass ausgerechnet sie zu Hause bleiben.
Es ist nötig, Geld in die Hand zu nehmen, um das Thema Nachhaltigkeit voranzubringen.
BETTINA HÖRSTRUP
Was könnten andere Organisationen aus dem ganzen Prozess lernen: aus den Pilotvorhaben und aus der gemeinsamen Arbeit am Leitbild?
HÖRSTRUP Es ist nötig, Geld in die Hand zu nehmen, um das Thema voranzubringen, die Leute mitzunehmen und zugleich Sichtbarkeit zu schaffen. Es gab zum Beispiel einen Midterm-Workshop mit großer Beteiligung, eine der Leibniz-Jahrestagungen, bei der die Pilotprojekte vorgestellt wurden, und ein Abschlusssymposium. Die Ergebnisse der Pilotprojekte sind auch im Leibniz-Wiki festgehalten, einer virtuellen Anlaufstelle für die Mitarbeitenden der Leibniz-Gemeinschaft. Und schließlich ein neues Nachhaltigkeits-Leitbild. Bei der Arbeit am Leitbild war der Prozess selbst das Entscheidende. Am Ende hat man ein Stück Papier, aber die Arbeit daran ist das Eigentliche. Das war nicht einfach. Ich kann mich an Zeiten erinnern, da hatten wir jeden Freitagnachmittag Redaktionskonferenz und haben uns über einzelne Sätze oder Satzteile verständigt. Dann haben wir Feedback eingesammelt, wieder überarbeitet, wieder diskutiert. Man wird auch ein bisschen demütig gegenüber den Worten. Bei der Mitgliederversammlung mussten schließlich 96 Institute überzeugt werden, dem zuzustimmen.
STURM Ja, man darf nicht vergessen: Bei Max Planck und Fraunhofer kann es aufgrund der Verfasstheit auch einmal eine Anweisung von der Zentrale geben, und dann werden Dinge getan. Wir sind aber 96 rechtlich unabhängige, eigenständige Institutionen. Bei uns geht das nur mit Überzeugen. Gleichzeitig hat sich in den Gesprächen mit anderen Organisationen aber auch gezeigt: Wir sind hier zum Vorreiter geworden. Vielleicht liegt das auch gerade an dieser Freiwilligkeit unserer Institute.

Was sind für die Leibniz-Gemeinschaft die nächsten Schritte in Sachen Nachhaltigkeit?
STURM Es gibt weiterhin die Präsidiumsbeauftragten für Nachhaltigkeit, ein Leibniz-Lab zu systemischer Nachhaltigkeit und andere Aktivitäten, bei denen Nachhaltigkeit entweder schon im Titel steht oder explizit mitgedacht wird. Wichtig ist auch, dass es inzwischen Beratungsangebote für die Institute gibt. Die Institute sollen wissen, an wen sie sich wenden können, wenn sie konkrete Probleme haben, etwa bei der CO₂-Bilanzierung oder wenn sich bei der Beschaffung von Geräten Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit schwer vereinbaren lassen. Durch die Pilotvorhaben hat sich auch eine Community gebildet, die sich gegenseitig unterstützt.
Springen wir doch einmal in die Zukunft. Wenn Sie im Jahr 2035 durch ein Leibniz-Institut Ihrer Wahl gehen, das klimaneutral arbeitet: Was wäre dort anders als heute?
HÖRSTRUP Ich glaube, man sieht es an den Räumlichkeiten. Sie sind nach anderen Grundsätzen ausgestattet, flexibler nutzbar und optimal ausgelastet. Man trifft dort weiter viele Menschen an, die zugleich jedoch mit vielen Menschen arbeiten, die nicht vor Ort sind. Die hybride Arbeitsweise wird sich weiter verstärken. Ich glaube nicht an 100 Prozent Homeoffice, und ich glaube auch nicht, dass das gut wäre – weder für die Menschen noch für die Inhalte. Aber diese Flexibilität wird sich noch besser etablieren und organisieren lassen.
STURM Ich würde noch einen anderen Punkt aufbringen: Ich glaube nicht, dass ein Institut wie das ATB 2035 in seiner Forschung klimaneutral sein wird. Wir forschen für Klimaneutralität und Nachhaltigkeit, aber unsere Infrastruktur wird leider auch mittelfristig große Mengen Energie und weitere Ressourcen benötigen. Was man sehen wird, sind anfassbare Beispiele aus unserer Forschung, an denen sich zeigt, wie man die Produktion nachhaltiger aufziehen oder problematische Produkte ersetzen kann.
Was wäre so ein anfassbares
Beispiel?
Wir haben zum Beispiel ein technisches Verfahren entwickelt, mit dem wir torfähnliche Produkte herstellen können, komplett biobasiert und sehr einfach. Diese Produkte können echten Torf ersetzen, dessen Abbau Moore zerstört und viel CO₂ freisetzt. Solche Lösungen wollen wir Landwirten und kleinen Verarbeitern direkt bei uns am Institut vorführen und ihnen zeigen, dass sich Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit gerade auf kleineren Höfen vereinbaren lassen. Solche Dinge zu demonstrieren und zu zeigen, wie man es besser machen kann, das wird man viel mehr sehen als heute.



