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Martin Bauch ist ein Spezialist fürs Mittelalter, gelegentlich aber auch eine Art Detektiv, und selbst schwierigste Fälle schrecken ihn nicht ab. Zur Zeit untersucht der Klima- und Umwelthistoriker Aspekte einer der größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte – des Schwarzen Todes. Mitte des 14. Jahrhunderts starben in Europa bis zu 30 Millionen Männer, Frauen und Kinder an der Pest. In vielen Regionen löschte die Seuche bis zu 60 Prozent der Bevölkerung aus, und lange rätselten Fachleute: Wie konnte es dazu kommen?

Der Erreger ist bekannt. Im Juni 1894 entdeckte Alexandre Yersin, ein Mediziner aus Paris, das Pestbakterium, das später Yersinia pestis genannt wurde. Verbreitet wird es vor allem durch Insekten. Ursprünglich lebten mit Yersinia pestis infizierte Flöhe auf Murmeltieren und anderen wilden Nagern in den Gebirgen Zentralasiens. Um 1340 gelangten die Keime entlang von Handelsrouten innerhalb von fünf Jahren bis ans Schwarze Meer, ergaben genetische Untersuchungen an den Gebeinen Verstorbener. Die Ausbreitung erfolgte zu Beginn also sehr langsam, sagt Martin Bauch, der am Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europas (GWZO) in Leipzig forscht. Ab dem Jahr 1347 schossen die Infektionszahlen erst im Mittelmeerraum, später dann in ganz Europa plötzlich in die Höhe.

Ob auf der Krim 1346 Pestopfer über die Stadtmauern katapultiert wurden, ist völlig ungewiss.

MARTIN BAUCH

Als Auslöser für die gigantische Ansteckungswelle gilt vielen Historikern die Belagerung von Caffa: Die Hafenstadt auf der Krim, das heutige Feodossija, war im 14. Jahrhundert ein wichtiger Handelsstützpunkt. Kaufleute aus Genua hatten sich dort angesiedelt, im Einvernehmen mit dem Khan der Goldenen Horde – eines der vier großen Teilgebiete des Mongolischen Reichs –, der über die Küstenregionen des Schwarzen Meeres, Gebiete der heutigen Ukraine und Kasachstans sowie Teile Russlands herrschte. Als es 1343 im nahen Tana zu einer Schlägerei zwischen Italienern und einem mongolischen Beamten kam, war dies der Anlass  für den Khan, die fremden Händler wieder loszuwerden: Im darauf folgenden Krieg belagerten die auch als Tataren bezeichneten mongolischen Heere auch Caffa.

1346 brach unter den Mongolen eine Seuche aus – und sie griffen angeblich zu einem letzten Mittel. Die sterbenden Tataren (...) befahlen, Leichen in Katapulte zu legen und in die Stadt zu schleudern, in der Hoffnung, dass der unerträgliche Gestank alle im Inneren töten würde, schreibt der Chronist Gabriele de Mussis. Und bald verpesteten die verwesenden Leichen die Luft und vergifteten die Wasserversorgung. (...) So fiel fast jeder (…) dem plötzlichen Tod zum Opfer.« In der Folge trugen infizierte Seeleute die Pest weiter nach Genua, Venedig sowie »in andere christliche Gebiete«, so de Mussis. »Jede Stadt, jede Siedlung, jeder Ort wurde von der ansteckenden Pest verseucht.

Viele Fachleute betrachten Caffa denn auch als das »Tor nach Europa«, durch das die Seuche den Kontinent überrannt habe. Die US-amerikanische Historikerin Hannah Barker aber hat unlängst nachgewiesen, dass Gabriele de Mussis seine Heimatstadt Piacenza in Oberitalien – mehr als 1.800 Kilometer westlich von Caffa – zwischen 1344 und 1356 nie verlassen hat und kein glaubwürdiger Zeuge der Belagerung ist. Ob auf der Krim 1346 tatsächlich Pestopfer über die Stadtmauern katapultiert wurden, ist völlig ungewiss, sagt Martin Bauch. Gut möglich, dass de Mussis mit seiner Schilderung vor allem den Hass auf die Mongolen schüren wollte. Und sollte es in Caffa tatsächlich zu »biologischer Kriegsführung« gekommen sein, hätte das wahrscheinlich wenig bewirkt. Denn Pesttote sind gar nicht sonderlich ansteckend; man muss auf die Flöhe achten, die die Krankheit verbreiten.

Die Belagerung von Caffa war, das hat Hannah Barker gezeigt, mit Sicherheit nicht der Katalysator für die Ausbreitung des Schwarzen Todes, als der sie oft beschrieben wird, betont Bauch. Im Gegenteil: Kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den italienischen Stadtstaaten mit der Goldenen Horde und die sie begleitenden Handelsembargos wirkten einer schnellen Ausbreitung der Pest sogar entgegen. Erst als Genua und Venedig mit den Mongolen 1347 Frieden schlossen, nahm das Unheil seinen Lauf. Zur treibenden Kraft wurde der Fernhandel mit Getreide. Die rasante Ausbreitung des Schwarzen Todes ist ein frühes Beispiel für einen unerwarteten Nebeneffekt der Globalisierung, sagt der Historiker vom GWZO.

Beim Studium spätmittelalterlicher Quellen war Bauch zunächst aufgefallen, dass im südlichen Europa vor dem Ausbruch der Pest Hunger grassierte. Im Jahr 1347 traf eine schwere Getreideknappheit Pisa und betraf die gesamte Toskana, heißt es in einer Chronik. Das gesamte Gras war verschwunden, sogar die Brennnesseln, und keine Pflanze blieb auf dem Boden zurück, die nicht verzehrt worden wäre. In Aufzeichnungen aus anderen Regionen Italiens, aus Spanien und Südfrankreich stieß er auf ähnliche Beschreibungen; bis nach Syrien und Ägypten wurde Getreide knapp und teuer. Sein Fazit: Eine so breite Krise der Landwirtschaft lässt sich nur durch Klimaveränderung erklären.

Ulf Büntgen von der Universität Cambridge, mit dem Bauch bei seinen Recherchen zusammengearbeitet hat, bestätigt das. Als Dendroklimatologe ist er Experte für die Deutung von Baumringwachstum als Indikator für klimatische Bedingungen. Er konnte zeigen, dass Bäume in vielen Gebieten Europas ab 1345 mehrere Jahre lang sogenannte blaue Ringe ausprägten. Diese Jahresringe mit kaum verholzten Zellen gelten als Indiz für außergewöhnlich kalte und nasse Sommer. Und zu einer Häufung von Blauringen kommt es fast nie, weiß Bauch.

Auffallend sind auch die ungewöhnlichen Naturerscheinungen, die Chronisten in den 1340er Jahren dokumentierten. Das medizinische Kollegium der Universität von Paris etwa berichtete von einem geheimnisvollen Nebel über der Erde: Dieser durch die Luft ziehende Dunst verdunkelte weite Teile der Welt und gab ihnen die Farbe von Glas.

Martin Bauch und Ulf Büntgen kam ein Verdacht: Wir vermuteten, dass um das Jahr 1345 ein Vulkanausbruch einen Kälteeinbruch ausgelöst hat, sagt der Klimahistoriker.

Für diese Theorie spricht, dass sich in der Neuzeit Effekte solcher Eruptionen auf das Klima nachweisen lassen: Als 1815 der Tambora auf der Insel Sumbawa östlich von Java ausbrach, kamen nicht nur in direkter Folge etwa 10.000 Menschen ums Leben. Aschewolken und Aerosole – vor allem Schwefel – führten dazu, dass sich der Himmel weltweit verdunkelte und weniger Sonnenstrahlen die Erde erreichten, sagt Bauch. In Europa und Nordamerika kam es zu Hungersnöten. Das Jahr 1816 nannte man im Volksmund das »Jahr ohne Sommer«.

Die Seuche brachte das Glaubenssystem vieler Menschen ins Wanken und untergrub die Autorität der Geistlichkeit.

Um 1345 scheinen die Effekte ähnlich gewesen zu sein, auch wenn der Vulkanausbruch kleiner war. Vor allem im Mittelmeerraum kam es zu schweren Ernteausfällen. Wo die Eruption stattfand, ist noch unklar. Eisbohrkernanalysen verweisen auf die Äquatorregion. Denn sowohl im polaren Eis der Arktis als auch der Antarktis ließen sich für Vulkanausbrüche typische Sulfatablagerungen feststellen, und nur bei einer Eruption in den Tropen verteilen sich solche Ablagerungen gleichmäßig über die nördliche und südliche Hemisphäre.

Die Folgen der Klimakrise waren beträchtlich: Weil sie kein Getreide mehr aus den Gebieten des Mittelmeerraums importieren konnten, arrangierten sich die Genueser 1347 mit dem Khan der Goldenen Horde. Die Kämpfe wurden eingestellt, das Handelsembargo fiel – und auch die Mächtigen aus Venedig kauften gewaltige Mengen von Weizen aus der fruchtbaren Gegend um das Schwarze Meer an. Mit Sicherheit konnten die italienischen Seerepubliken auf diese Weise viele Bürger vor dem Hungertod bewahren. Aber es kam zu einer fatalen Begleiterscheinung, sagt Bauch. Denn in den prall gefüllten Getreidesäcken an Bord der Handelsschiffe saßen blinde Passagiere: mit dem Pesterreger infizierte Flöhe.

Wer sich im Spätmittelalter mit dieser Krankheit ansteckte, starb in der Regel bereits nach wenigen Tagen. Und vom Schwarzen Meer bis zu Mittelmeerhäfen wie Venedig oder Genua dauert die Schiffsreise bis zu acht Wochen. Hätten sich die Seeleute an Bord infiziert, wäre keiner lebend auch nur am Bosporus, geschweige denn in Venedig oder Genua angekommen, sagt Bauch. Historische Beobachtungen im 20. Jahrhundert haben jedoch gezeigt, dass Flöhe wochenlang von Getreidestaub leben können. Es ist also gut möglich, dass sie auf der Überfahrt keine Menschen stachen – und sich bis zur Ankunft in Italien niemand mit der Pest ansteckte.

In Venedig wurde das Korn zunächst in einen zentralen Speicher beim Markusplatz verfrachtet. Von dort aus verteilten es Arbeiter später auf kleinere Lagerhäuser. Die Ernährung durch Getreidestaub ist für Flöhe nur eine Notlösung, sagt Bauch. Sie müssen stark ausgehungert in Venedig angekommen sein. Ziemlich sicher sprangen sie daher rasch auf Ratten über, die damals in Hafenstädten weit verbreitet waren. Und bald darauf auch auf Menschen.

Für Dezember 1347 ist die Ankunft zahlreicher Handelsschiffe mit Getreide in Venedig dokumentiert – für Ende Januar 1348 dann ein erster Ausbruch der Pest. Und aus den Mittelmeerhäfen verbreitete sich die Seuche rasch weiter, da die italienischen Seerepubliken Korn aus Anbaugebieten am Schwarzen Meer auch weiterverkauften. In Padua beispielsweise brach die Seuche 1348 wenige Wochen nach einer großen venezianischen Getreidelieferung aus.

Auffällig ist, dass große Städte wie Mailand und Rom vom Schwarzen Tod verschont blieben. Martin Bauch hält es für sehr wahrscheinlich, dass diese urbanen Zentren aufgrund riesiger eigener Anbauflächen sogar während der Klimakrise der 1340er Jahre kein Korn aus der Schwarzmeerregion importieren mussten.

Über den Hafen von Marseille eroberte die Seuche dagegen Südfrankreich, noch im Frühling 1348 erreichte sie auch Valencia und Barcelona. Ab Mai wütete die Pest in Paris, vier Wochen darauf auch auf den britischen Inseln, im Sommer in Bayern, bald darauf in Köln. Die Rolle des Getreides ist für diese Weiterverbreitung über den Kontinent noch unklar. Für den Mittelmeerraum gilt jedoch: Der entscheidende Faktor war die gewaltige Menge von verseuchtem Getreide, die innerhalb von wenigen Wochen nach Europa gelangte, sagt Bauch.

Und noch etwas scheint es begünstigt zu haben, dass die Pest so viele Kinder, Frauen und Männer dahinraffen konnte: Die Menschen waren durch wiederholte Hungersnöte im Laufe des 14. Jahrhunderts ausgelaugt und hatten reduzierte Abwehrkräfte. In heutigen Entwicklungsländern wurde in jüngerer Zeit mehrfach deutlich, dass Menschen, die in den Jahren zuvor Hunger litten, sehr viel anfälliger für Infektionskrankheiten sind als andere.

Weiter und weiter drang die Pest im Spätmittelalter nach Norden vor. Wahrscheinlich auf dem Seeweg erreicht sie ab 1349 auch Skandinavien, Preußen und die Ostseehäfen. In Lübeck, damals die wichtigste Handelsmetropole Nordeuropas, wütete die Seuche besonders stark. Monatelang durften Bauern und Handwerker ihre Waren nicht mehr öffentlich zum Kauf anbieten.

Heutige Risikoabschätzungen sollten auch historische Erfahrungen stärker mitberücksichtigen.

Die Seuche brachte das Glaubenssystem vieler Menschen ins Wanken und untergrub die Autorität der Geistlichkeit. War der Tod in der Bildwelt des Hochmittelalters noch ein Bote Gottes, der die Menschen aus dem irdischen Jammertal in ein besseres Leben führte, so wurde er nach der großen Pestepidemie meist als furchterregendes Gerippe dargestellt. Den Erreger der Pest und seine Übertragungsmechanismen entdeckte die Menschheit erst über ein halbes Jahrtausend nach dem Ausbruch des Schwarzen Todes in Europa. Und heute?

In einigen Regionen von Afrika, Asien sowie Nord- und Südamerika tritt die Pest noch immer gelegentlich auf. Mit Antibiotika aber lässt sie sich bei rechtzeitiger Diagnose gut behandeln. Martin Bauch ist dennoch überzeugt, dass seine Detektivarbeit zum Schwarzen Tod auch für die Gegenwart wichtig werden könnte. Jede Ausgangssituation ist anders, räumt der Klima- und Umwelthistoriker ein: Trug ab 1345 ein starker, sehr kurzfristiger Rückgang der Durchschnittstemperatur zu Missernten und der Verbreitung der Erreger bei, so haben wir es heute mit Gefahren durch eine langfristige Klimaerwärmung zu tun.

Eines aber werde Epidemiologen immer klarer: In einer globalisierten Welt steigt die Wahrscheinlichkeit ständig an, dass zoonotische Krankheiten auf den Menschen überspringen und Pandemiepotenzial entwickeln. Damit wir uns gegen künftige Seuchen besser wappnen können, ist interdisziplinäre Zusammenarbeit gefordert, sagt Martin Bauch. Und Risikoabschätzungen sollten auch historische Erfahrungen stärker mitberücksichtigen.

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