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Im wahrscheinlich bekanntesten Vampir-Roman der Welt sagt der Held Abraham van Helsing auf seiner wilden Jagd nach Graf Dracula zu seiner Freundin Mina: »Es gibt einen Grund, warum alles so ist, wie es ist, und wenn du mit meinen Augen sehen und mit meinem Wissen erkennen könntest, würdest du vielleicht besser verstehen.«

Besser verstehen — das will auch Peter Mario Kreuter das Phänomen der nächtlichen Wiedergänger — ein Forschungsbereich, bei dem der moderne Mensch entweder die Stirn runzelt oder in Lachen ausbricht. Vampirismus? Darüber kann man heute noch forschen? Ja, kann man. Kreuter ist Historiker und forscht am Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg unter anderem zur Geschichte des Vampirismus. Wie ist er entstanden und was sagt das aus über die politisch-gesellschaftlichen Zustände dieser Zeit?

In diesem Jahr kann sich Kreuter über das Interesse an seinen Forschungen nicht beklagen. Der Grund: Vor genau 300 Jahren, am 21. Juli 1725, veröffentlichte die Wiener Zeitung »Wienerisches Diarium« den Bericht eines Habsburger Beamten, der in einem Dorf im habsburgischen Königreich Serbien die ausgegrabene Leiche eines angeblichen Vampirs untersucht hatte, nachdem dieser auf seinen nächtlichen Streifzügen mehrere Dorfbewohner getötet haben soll. Ausgerechnet zu Beginn der Aufklärung, also zu jener Epoche, als Vernunft und wissenschaftliche Erkenntnis alle irrationalen Schranken überwinden wollten, taucht der Begriff »Vampir« zum ersten Mal in einem offiziellen Dokument auf.

Genau aus diesem Grund hat Kreuter für ein Treffen das »Haus-, Hof- und Staatsarchiv« in Wien vorgeschlagen. Es ist nicht nur das bedeutendste Archiv der Habsburger, es ist mit den Jahren auch zu Kreuters eigenem »Hausarchiv« geworden, in dem er Stunden, Tage, ganze Wochen verbringt und wo er in den 18 Kilometer langen Regalen noch immer fündig wird. Kreuter hat für das Treffen von seinem Freund, Archivdirektor und Hofrat Thomas Just, den Karton mit der Signatur »191/1724-1725« aus »Staatenabteilung Türkei I« bereitstellen lassen.

Kreuter und ein zweiter Mann stehen in einem Archivgang zwischen hohen Regalen mit beschrifteten Archivboxen. Einer hält eine Archivkassette in den Händen, während beide den Inhalt gemeinsam betrachten.
Kreuter arbeitet an einem Tisch in einem Archiv- oder Lesesaal. Vor ihm liegt eine geöffnete Archivbox mit historischen Dokumenten, daneben ein weiterer Archivkarton.

Der stabile Pappkarton enthält genau jenes Dokument, das den Vampir-Hype im 18. Jahrhundert auslöste: den amtlichen Bericht von Kameralprovisor Frombald, einem kaiserlichen Beamten. Eigentlich war Frombald mit dem Auftrag ins Dorf Kisolova im Königreich Serbien gereist, dem abergläubischen Unfug ein Ende zu bereiten. Stattdessen listet der Inspektor jedoch haargenau auf, in welch erstaunlich gutem Zustand der vor wenigen Monaten verstorbene und als Vampir verdächtige Leichnam des Bauern Peter Plogojoviz (so die Schreibung im Bericht; wohl serbisch Petar Blagojević) sich befand:

»… der Cörper ausser der Nasen, welche etwas abgefallen, gantz frisch; Haar und Bart, ja auch die Nägel, wovon die alte hinweg gefallen, an ihme gewachsen; die alte Haut, welche etwas weißlicht ware, hat sich hinweg geschellet, und eine frische neue darunter hervor gethan; das Gesicht, Hände und s.v. Füsse, und der gantze Leib waren beschaffen, daß sie in seinen Lebzeiten nicht hätten vollkommener seyn können … in seinem Mund hab nicht ohne Erstaunung einiges frisches Blut erblicket.«

Nach dieser amtlichen Begutachtung wurde der Leichnam des Bauern Plogojoviz unter Beisein der kaiserlichen Amtsperson mit einem spitzen Pflock durchs Herz gepfählt und anschließend verbrannt.

Detailaufnahme eines steinernen Totenkopfes mit gekreuzten Knochen
Hand hält eine Brille über einem alten Schriftstück
Historische handschriftliche Dokumente auf Papier, ausgebreitet auf einem Tisch
Mit seiner Dissertation blieb Kreuter dem Vampirismus verhaftet, wie Graf Dracula dem Blut seiner Opfer.

Peter Mario Kreuter liest das handgeschriebene und für Laien kaum entzifferbare Dokument so flüssig vor, als sei es auf einer Schreibmaschine erstellt. Kreuter kann nicht nur viele altdeutsche Schriften lesen, er spricht sechs Sprachen, unter anderem Rumänisch, Albanisch, Dänisch, Russisch. Zu seinem heutigen Forschungsgegenstand kam Kreuter durch eine — zunächst — herbe Enttäuschung.

»Eigentlich wollte ich über die Rezeption der französischen Aufklärung in Siebenbürgen schreiben und hatte das Thema meinem Professor Bernd Roeck an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn vorgeschlagen.« Doch der habe ihm geantwortet: »Warum schreiben Sie nicht etwas über Vampire?« Die Frage habe ihn erst geschockt, erzählt Kreuter, »aber dann habe ich die Chance gesehen, ein populäres Thema an der Wurzel zu packen.«

2001 war die Arbeit über den Vampirglauben in Südosteuropa fertig, nun fehlte Kreuter nur noch das Geld, die Dissertation in einem wissenschaftlichen Verlag drucken zu lassen. Da kam eine Einladung zu Günther Jauchs Fernsehshow »Wer wird Millionär« gerade recht. Jauch hatte sich auf seinen Gast gut vorbereitet, seine Sprachkenntnisse hatten ihn offenbar beeindruckt. »Können Sie unseren Zuschauern bitte die albanische Nationalhymne vorsingen«, bat er Kreuter und der legte los. Immerhin: Bis zur 64.000-D-Mark-Frage hat Kreuter es damals geschafft, und damit waren die Druckkosten bezahlt. Was Kreuter nicht ahnte: Mit seiner Dissertation blieb er dem Vampirismus verhaftet, wie Graf Dracula dem Blut seiner Opfer. Die passende Forschungsstelle dafür fand sich dann ab 2008 zunächst am Südost-Institut in Regensburg, das vier Jahre später im neu geschaffenen Institut für Ost- und Südosteuropaforschung aufging.

Kreuters Forschungsgebiet ist interdisziplinär und verbindet Geschichte und Ethnologie mit Religionswissenschaft, Anthropologie, Mythologie und Psychologie. Typisch Leibniz eben. In seinen zahlreichen Arbeiten und Publikationen verbindet er dabei wissenschaftliche Analyse mit einem breiten kulturhistorischen Verständnis. Weil Kreuter es schafft, seine Forschungsergebnisse dazu noch in eine verständliche Sprachform zu gießen, ist er inzwischen zum deutschen Medienliebling avanciert, wann immer es um Vampire geht. Kaum ein Beitrag in Arte, ARD, ZDF oder Zeitungen zu diesem Thema, in denen er nicht um eine Stellungnahme angefragt wird.

Kreuter klappt die Kladde zu, stellt den Karton mit der Vampir-Akte wieder an die Rückgabe im Lesesaal des Archivs und sagt: »Lassen Sie uns ein paar Schritte gehen.« Vom Haus-, Hof- und Staatsarchiv am Wiener Minoritenplatz sind es nur zehn Minuten zu Fuß bis zur Kapuzinergruft, der Grabstätte vieler Habsburger, darunter auch derjenigen von Maria Theresia, einer entschiedenen Kämpferin gegen den weit verbreiteten »Aberglauben« ihrer Zeit. Am 1. März 1755, knapp 30 Jahre nach dem ersten Vampir-Bericht aus Kisolova im Königreich Serbien, unterzeichnete sie einen Erlass, nachdem Grabschändung und Vampirexekution polizeilich zu untersuchen und streng zu bestrafen seien.

Zwei Personen von hinten, Blick auf ein monumentales Reiterdenkmal. Dahinter ist der blaue Himmel zu sehen.

Auf dem Weg zur Kapuzinergruft macht Kreuter noch einen kleinen Umweg zum Denkmal zu Ehren Maria Theresias. Vor einer Bronzefigur, männlich, opulent, mit einem dicken Buch unter dem Arm, bleibt er stehen. »Der da«, sagt Kreuter und meint den Leibarzt Maria Theresias, den Holländer Gerard van Swieten, »hat viel getan, um den sogenannten Aberglauben im gesamten Habsburgerreich durch seine medizinischen Erklärungen zu minimieren. Ganz gelungen ist es ihm nicht.«

Sogenannte »Wiedergänger« oder »Untote« kenne man allerdings in fast allen Kulturen mit Erdbestattung, weiß Kreuter. Dass sich der Glaube daran aber ausgerechnet in Südosteuropa, dem heutigen Bulgarien, Serbien, Rumänien und Albanien so lange und zum Teil bis heute gehalten habe, läge auch an der geopolitischen Situation des 17. und 18. Jahrhunderts.

In diesen entlegenen Grenzregionen zum Osmanischen Reich herrschte oft große materielle Not, viele der Dörfer litten unter Abwanderung und Isolation. Ein guter Nährboden für Geister- und Vampirgeschichten.

Der Vampir ist mehr als ein blutsaugendes Monster — er ist ein Spiegel unserer tiefsten Ängste und Sehnsüchte

PETER MARIO KREUTER

Kreuter zeigt einer anderen Person ein großes historisches Grabmal in einem Museumsraum. Die beiden sind von hinten zu sehen, wie sie das Grab betrachten.
Kreuter in warmem Licht vor verschiedenen historischen Skulpturen. Kreuter trägt ein leuchtend orangenes Hemd mit kurzen Ärmeln. Und schaut zur Decke auf.

So unterschiedlich auch die Bezeichnungen für die wiederkehrenden Toten auf der gesamten Balkanhalbinsel waren, so hat Kreuter aus Überlieferungen und Archivmaterialien einige Gemeinsamkeiten festgestellt: Der Vampir war kein fremder Blutsauger, sondern immer ein verstorbenes Mitglied der eigenen Familie oder zumindest des Dorfes. Er plagte die Menschen, indem er das Vieh verenden oder die Ernte verderben ließ. Wenn Dorfbewohner starben, dann nicht durch einen Biss in den Hals, sondern durch Erwürgen oder Erdrücken.

»Der Vampir ist mehr als ein blutsaugendes Monster — er ist ein Spiegel unserer tiefsten Ängste und Sehnsüchte, ein Symbol für den Kampf zwischen Leben und Tod, das Unbekannte und das Verdrängte in uns selbst«, schreibt Kreuter in einer seiner zahlreichen Vampir-Veröffentlichungen.

Das Verdikt der Habsburger Monarchin zeigte zwar zunächst Wirkung, jedenfalls nahmen Berichte über angebliche Vampirvorfälle nach 1755 ab. Doch spätestens mit dem Erscheinen des bis heute bekanntesten Vampir-Romans »Dracula« von Bram Stoker im Jahr 1897 und des Filmklassikers »Nosferatu« im Jahr 1922 waren die nächtlichen Wiedergänger zurück im Bewusstsein, füllten Bücherregale und Kinosäle und wurden zu Klassikern der Populärkultur. Wie viele Filme und Romane es zu diesem Thema gibt? Peter Mario Kreuter zuckt mit den Schultern. »Ein paar tausend mit Sicherheit«, doch hätte diese mediale Vampirdarstellung leider völlig den Blick verstellt auf die im Volksglauben tief verankerte Vorstellung vom Tod als Transformation.

Kreuter lehnt an einer Absperrung und betrachtet ein kunsthistorisches Objekt. Daran befindet sich eine Totenkopf-Skulptur. Kreuter und der Totenkopf scheinen sich direkt anzusehen.

Nur einen Steinwurf vom Archiv am Minoritenplatz herrscht Halligalli auf dem Wiener Filmfest. Drinnen im Lesesaal ist es mucksmäuschenstill. Nur das Umblättern einer Akte lässt die wenigen Besucher kurz aufhorchen. Peter Mario Kreuter hat in den Tiefen des Archivs neue Erkenntnisse gewonnen: Vampire waren nicht zwingend männliche Wesen, in etlichen Berichten sind Frauennamen als Untote genannt, die des Nachts ihr Unwesen trieben. Zum multidisziplinären Forschungsgegenstand gesellt sich nun auch noch die Sexualwissenschaft, »denn was wohl steckt dahinter«, fragt Kreuter mit einem ironischen Lächeln, »wenn in einem Vampirbericht des 18. Jahrhunderts eine Zeugin aussagt, der in der Nacht heimgekehrte tote Ehemann hätte nach seinen Schuhen verlangt?« Und gibt nach ein paar Sekunden Schweigen dann selbst die Antwort: »Er wollte Sex.« Bis heute sei ›nach seinen Schuhen verlangen‹ in einigen Regionen Südosteuropas eine Metapher für Beischlaf.

Zum Abschied vor der Kapuzinergruft noch eine kurze Frage an Herrn Kreuter: »Glauben Sie selbst an Vampire?« »Ja«, antwortet Kreuter ohne zu zögern, »jedes Jahr, wenn ich meine Steuererklärung ausfülle.«

Glaubt Kreuter selbst an Vampire? »Jedes Jahr, wenn ich meine Steuererklärung ausfülle.«

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