leibniz

OLGA RAMICH
leitet die Abteilung »Molekularer Stoffwechsel und Präzisionsernährung« am Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke.

Wenn die Nacht endet und ein neuer Tag anbricht, synchronisiert sich im Inneren aller Menschen ein Takt, der alle Prozesse des Körpers antreibt: der zirkadiane Rhythmus, erzeugt von unserer inneren Uhr. Er bestimmt, ob wir wach oder müde sind, welche Hormone produziert werden, wie hoch der Blutdruck ist, wie unser Stoffwechsel und die Verdauung funktionieren. Jeden Morgen startet dieses 24-Stunden-Zeitsteuerungssystem mit den ersten Sonnenstrahlen von Neuem. Neben dem Licht gibt es weitere Zeitgeber, die unsere innere Uhr beeinflussen — unter anderem unsere Ernährung.

Wer gegen seinen inneren Rhythmus isst, riskiert Gewichtszunahme und eine Verschlechterung des Stoffwechsels.

OLGA RAMICH

Mein Team und ich untersuchen genau diesen Zusammenhang: Wie beeinflusst Nahrung unsere biologische Uhr? Und können gezielte Essensstrategien helfen, Krankheiten vorzubeugen oder sogar zu lindern? Unsere bisherigen Erkenntnisse zeigen: Für ein gesundes Leben kommt es nicht nur darauf an, was wir essen, sondern auch wann. Das Fachgebiet dahinter heißt Chrononutrition und wächst rasant. Seine Erkenntnisse können helfen, Präventionsund Behandlungsstrategien für die weltweit zunehmenden Erkrankungen Adipositas und Typ-2-Diabetes zu präzisieren. Unsere Forschung zeigt: Wer gegen seinen inneren Rhythmus isst, riskiert Gewichtszunahme und eine Verschlechterung des Stoffwechsels. Besonders sichtbar ist das bei Schichtarbeit oder nächtlicher Nahrungsaufnahme. Zwar gibt es unterschiedliche Chronotypen — doch die allermeisten Menschen können Energielieferanten wie einfache Zucker tagsüber besser verstoffwechseln als nachts.

Generalisierungen sind schwierig, aber dass das Frühstück wichtig ist, zeigen unsere Ergebnisse deutlich. Für den gesunden Stoffwechsel ist es förderlich, morgens ordentlich und abends spärlich zu essen und möglichst lange Pausen zwischen letzter Mahlzeit und Schlaf einzuhalten. Das liegt an der besseren Insulinsensitivität am Morgen. Und auch daran, dass das hedonistische Verlangen am Abend steigt und verhängnisvolle Snacks wie Chips und Schokolade uns dann noch mehr locken. Aber können wir immer völlig rational essen? Und sollten wir das überhaupt? Wahrscheinlich nicht. Denn Essen ist mehr als Biochemie, es ist sozialer und kultureller Ausdruck und schenkt uns Freude. Den täglichen Kompromiss zwischen Gesundheit und Genuss müssen wir deshalb jeden Tag neu finden — die Chrononutrition liefert dafür wichtige Anhaltspunkte.

Vielleicht auch interessant?