LEIBNIZ Herr Kriwoluzky, haben Kritiker recht, dass Deutschland weniger vom Euro profitiert als etwa Frankreich oder Griechenland?
ALEXANDER KRIWOLUZKY Solche Vergleiche hört man immer wieder vom Rand des politischen Parteienspektrums und das war tatsächlich auch ein Ausgangspunkt für unser Projekt: Wir sind davon ausgegangen, dass der Ländervergleich keine relevante Perspektive ist. Sie vernachlässigt, dass Haushalte mit unterschiedlich hohem Einkommen und Vermögen unterschiedlich von makroökonomischen Veränderungen wie Inflation oder Wirtschaftswachstum betroffen sind und deswegen anders reagieren. Der Blick auf die Ungleichheiten ist deshalb entscheidend. Mit unserem Modell können wir jetzt zeigen, wie fehlgeleitet Ländervergleiche sind, die davon ausgehen, dass Haushalte überall gleich sind.
Was brauchten Sie für diesen Perspektivwechsel?
Unser Team am DIW Berlin hat bereits viele fiskalpolitische Entscheidungen in der Europäischen Union empirisch analysiert. Diese Daten wollten wir in ein Modell für verschiedene Szenarien überführen. Dank der Förderung im Leibniz-Wettbewerb konnten wir, also mein Team am DIW Berlin und das Team von Lena Tonzer am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), uns mit Christian Bayer von der Universität Bonn und Gernot Müller von der Universität Tübingen zusammentun. Das IWH hat hervorragende Expertise zu Finanzmärkten, Bayer ist Experte für heterogene Haushalte und Müller für offene Volkswirtschaften. Gemeinsam haben wir ein Modell entwickelt, mit dem wir simulieren und untersuchen können, wie sich fiskalpolitische Maßnahmen auf private Haushalte in verschiedenen Staaten auswirken.
Also doch ein Ländervergleich?
Nur in dem Sinne, dass wir jeweils Haushaltsklassen in zwei Ländern miteinander vergleichen. Dafür orientieren wir uns an zwei Ländern, deren Sozialsysteme, fiskalische Politiken und Staatsschulden sich unterscheiden, zum Beispiel Deutschland und Italien. Dann legen wir in den Modellen die Parameter fest, die wichtige makroökonomische Variablen wie Einkommen, Vermögen und das Spar- und Konsumverhalten abbilden. Das erlaubt uns, Vermögensungleichheiten und die Auswirkung der Mitgliedschaft in der Eurozone auf die Ungleichheit in beiden Ländern zu analysieren.
Welche Unterschiede haben Sie gefunden?
Zum Beispiel sind italienische Verbraucherinnen und Verbraucher sogar noch größere Sparer als deutsche. In Italien muss man mehr privat vorsorgen als in Deutschland, wofür die Haushalte dort Geld zurücklegen oder in eigene Immobilien investieren. Die Vermögensungleichheit in den südeuropäischen Ländern ist deswegen geringer als in Deutschland. Dadurch wirken makroökonomische Schocks für die Haushalte in den Ländern anders. Und hier wird es spannend, wenn man etwa einen Angebotsschock simuliert. Im Modell können wir beobachten, was zum Beispiel höhere Gaspreise für private Haushalte bedeuten.
Haben Sie diesen konkreten Fall untersucht?
Wir haben die Auswirkungen des Energiepreisschocks seit Herbst 2022 untersucht. Das Bundesfinanzministerium hatte uns beauftragt, das Maßnahmenpaket der Bundesregierung zu evaluieren. Von der Übernahme der Gasanbieter über die Wohngeldreform bis zum 9-Euro-Ticket summierte es sich auf etwa 500 Milliarden Euro. Unser Modell ist weltweit das einzige, mit dem man die Auswirkung des Schocks auf Haushalte in einer Währungsunion untersuchen kann. Wir konnten zum Beispiel konkret sagen, inwiefern die Maßnahmen den ärmeren Haushalten in Deutschland geholfen haben – darauf sollte ja das Hauptaugenmerk einer Bundesregierung liegen. Zum anderen konnten wir untersuchen, welche Auswirkungen die deutschen Maßnahmen auf andere Länder der Eurozone hatten. Das war wichtig für die politische Diskussion in Berlin und Brüssel.
Die deutschen Maßnahmen waren auch für unsere europäischen Nachbarn die beste Lösung.
ALEXANDER KRIWOLUZKY
Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?
Indem die Maßnahmen die Krise in Deutschland abfederten, nützten sie dem gesamten Euroraum. Denn je länger Deutschland in einer Rezession verharrt, desto stärker wirkt sich dies auch auf die Wirtschaft der Nachbarländer aus. Tatsächlich waren Transferzahlungen für die deutschen Energieverbrauchenden auch für unsere europäischen Nachbarn die beste Lösung: Sie federten die hohen Kosten auf der einen Seite ab, setzten aber auch Anreize zum Sparen von Energie. Das hat geholfen, die Energienachfrage zu senken und die Energiepreise in ganz Europa nicht zu stark steigen zu lassen.
Führt soziale Gerechtigkeit zu mehr Wählerzufriedenheit und Stabilität in Europa?
Natürlich spielen nicht nur ökonomische Aspekte in eine Wahlentscheidung hinein. Aber wenn Menschen merken, dass sie von unserem demokratischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem profitieren, sind sie weniger gewillt, für Parteien zu stimmen, die dieses System abschaffen wollen. Die Leibniz-Gemeinschaft hat auch den Auftrag, soziale Gerechtigkeit und die Stabilität der Demokratie im Auge zu haben. Ich halte verteilungspolitische Aspekte heute für wichtiger denn je, um Wählerinnen und Wähler von den Vorteilen unserer Demokratie zu überzeugen. Die Politik sollte die Auswirkungen auf verschiedene Haushalte also immer mitdenken, wenn es um fiskalpolitische Entscheidungen geht. Dabei kann unsere Forschung helfen.


