Marco Sproviero kann nicht sagen, wie oft er den Mond schon fotografiert hat, hundertmal mindestens, mit seinem Handy, mit seiner Spiegelreflexkamera, durch ein Teleskop hindurch. Ganz nah kommt er ihm dann, jedes Mal aufs Neue. Da sind die Krater, die die Namen berühmter Astronomen tragen, Copernicus zum Beispiel oder Tycho, da ist die Regenbogenbucht und das Mare Tranquillitatis, das Meer der Ruhe, in dem 1969 die ersten Menschen landeten. Der Mond, sagt Sproviero, habe es ihm einfach angetan. Wenn alles klappt, wird er ihn heute wiedersehen.
Sproviero ist ein großer Mann mit tiefer Stimme und einem Handyhintergrund, auf dem die Milchstraße über dem Sila-Gebirge funkelt, selbst aufgenommen, 2010, im italienischen Kalabrien, dem Geburtsort seines Vaters. Sproviero selbst ist in München und mit Star Trek aufgewachsen, das Universum, das ist sein Ding. An einem Abend Anfang Juni steht er im Innenhof des Deutschen Museums, neben ihm fünf weitere Menschen, die genau wissen, was er meint, wenn er sagt: »Ich kann mich einfach nicht sattsehen.«
Da ist seine Frau Barbara, die den 1.360 Lichtjahre entfernten Hantelnebel im Sternbild Fuchs liebevoll als »ApfelbutzenNebel« bezeichnet, oder Markus Dähne, der von seinem Unterhachinger Balkon aus die besten Planetenbilder schießen kann. Da sind die beiden Vorsitzenden Michael Bühling, promovierter Biologe im Ruhestand, und Klaus Rohe, der die Mondlandung damals live im Fernsehen gesehen hat. Und da ist Felix Köckert, der mit der Darstellung des Schwarzen Lochs im Sci-Fi-Film »Interstellar« nicht einverstanden war, trotz wissenschaftlicher Beratung und computergestützter Simulation. »Es ist eben ganz schwierig, das Nichts zu fotografieren«, sagt er und grinst. Sie alle sind Teil der Beobachtergruppe der Sternwarte des Deutschen Museums und auf dem Weg zur Weststernwarte. Das Ziel? Na klar, der Mond, ganz nah.
Die Gruppe gibt es seit Ende der 1990er Jahre, sie wurde damals von Weltraumfans gegründet, die die Astronomie-Abteilung des Deutschen Museums unterstützen wollten, ehrenamtlich, mit viel Leidenschaft, auch nach Feierabend. Ohne diese Gruppe stünden die beiden Sternwarten des Museums nachts still, bliebe die Tiefe des Weltraums dem größten Teil der Münchner und Münchnerinnen weiterhin verborgen. Die Gruppe könnte auch sagen: Gut, dann ist das halt so — Hauptsache wir können rauf. Macht sie aber nicht. Bis heute schenken die 27 aktiven Mitglieder ihre Zeit, teilweise trotz Vollzeitjobs. Sie betreiben eine eigene Webseite inklusive Newsletter, halten Vorträge zu Gasplaneten, Asteroiden und Kometen, organisieren Workshops, in denen blinde und sehbehinderte Menschen den Saturn erfühlen können, laden spätabends zu Teleskop-Beobachtungen und sitzen manchmal stundenlang in eiskalten Nächten an dunklen Orten, nur für das beste Foto. Warum?
»Leidenschaft«, sagt Felix Köckert. Als Mitarbeiter des Deutschen Museums (er ist dort technischer Leiter der Astronomie-Abteilung) ist er das Bindeglied zwischen Gruppe und Institution. Köckert ist in einem kleinen Dorf groß geworden, ohne Lichtverschmutzung, die Sterne waren jede Nacht einfach da, wenn er mit dem Hund Gassi gegangen ist. In aller Pracht, am Funkeln. »Ich werde durch diesen Anblick bis heute tiefenentspannt«, sagt er. Die Menschheit, das wird ihm dann immer wieder klar, ist nur ein Wimpernschlag. Es gibt Größeres da draußen. Er führt die Gruppe jetzt in den Keller, an Technikräumen vorbei, in einen Aufzug hinein, nach ganz oben, Ebene 3, durch die Ausstellung »Landwirtschaft und Ernährung«. Es geht an geweißelten Wänden und unter Neonröhren entlang, eine Holztreppe hinauf, plötzlich prangen da die Worte: »Zeiss-Refraktor, 545,6 m Höhe über dem Meere« und man ahnt die Mächtigkeit, die sich gleich vor einem ausbreiten wird.


Da kann alles auf der Welt passieren, aber die Himmelsmechanik funktioniert immer weiter.
BARBARA SPROVIERO
Bevor Barbara Sproviero ihren Mann und damit auch die Sterne kennenlernte, lag sie abends manchmal im Bett und wunderte sich, wieso der Mond schon wieder woanders stand. Mittlerweile kann sie die verschiedenen Jahreszeiten am Himmel ablesen, weiß, dass das Sternbild Orion bereits im Spätsommer am frühen Morgenhimmel zu finden und im Winter am Abendhimmel zu sehen ist. »Da kann alles auf der Welt passieren, aber die Himmelsmechanik funktioniert immer weiter«, sagt sie. Und plötzlich sieht das Leben ganz anders aus, ruhig, geordnet, okay.
Zurück in der Weststernwarte. Hier steht, nein, thront der Zeiss-Refraktor auf einer höhenverstellbaren Holzbühne, das 8,5 Tonnen schwere Fernrohr gen Kuppel gerichtet. Vor 100 Jahren wurde dieses Linsenteleskop extra für das Deutsche Museum erbaut. Im Vergleich zum Goerz-Spiegelteleskop der Oststernwarte, ist es eher ein Obelix, denn ein Asterix: größer, schwerfälliger, komplizierter in der Bedienung. Der Refraktor ist für Besucher und Besucherinnen deshalb nur tagsüber geöffnet, meistens für die Beobachtung der Sonne. Aber eigentlich reicht der Blick viel tiefer in das Universum, bis zur nächsten Galaxie. Ingenieur Köckert geht jetzt erstmal zum Schreibtisch, schaltet die kleine Lampe ein und steckt den Schlüssel ins Schaltpult. Währenddessen ist sein Kollege Sproviero schon auf eine Leiter geklettert und dreht mit beiden Händen an einem Kurbelrad. Bei jeder Umdrehung öffnet sich der Kuppelschlitz der Sternwarte ein kleines Stück mehr, der blaue Nachthimmel kommt zum Vorschein, ein paar Pollen regnen im dämmrigen Licht zu Boden. Die Spannung steigt. Wird sich der Mond heute zeigen?




Auf dem Schreibtisch liegt ein Ordner, in dem man lesen kann, wie viel den Besuchern und Besucherinnen an den beiden Sternwarten liegt. Auf den Blättern wird seit Jahren fein säuberlich eingetragen, wann, wie viele Menschen an den Führungen teilgenommen haben. »Für die Statistik«, sagt Köckert. Man ahnt, dass es auch für das Herz sein könnte. Den Menschen das Universum, den Ursprung ihres Lebens, näherzubringen, das hat schon was.
Der eigentliche Arbeitsort der Gruppe ist die Oststernwarte, doch die ist wegen der Sanierung des Museums erstmal geschlossen. Vorher fanden dort ein- bis zweimal die Woche Nachtbeobachtungen statt. Den meisten Besuchern und Besucherinnen, erzählt Biologe Bühling, stünden erstmal Augen und Münder offen, weil sie zuvor noch nie durch ein Teleskop geschaut hätten. Klar ginge es dann auch immer viel um Wissensvermittlung, aber auch um eine gewisse Einstellung zum Leben, die automatisch mitverhandelt wird. Um Ehrfurcht, ein bisschen auch um Demut vor der schützenswerten Schönheit des Planeten Erde. »Wir sind im Augenblick, und solange wir nicht anderes finden, ziemlich einmalig«, sagt Bühling. »Das begreift man nur, wenn man eine ungefähre Vorstellung von der wahnsinnigen Größe des Universums hat.«
Ideal ist das Wetter für die heutige Beobachtung nicht, windig, bewölkt, warm. Die tollsten Sternennächte sind wolkenlos und kalt, »am besten, wenn alle frieren«, sagt Bühling. Im Sommer heizt die Sonne den Boden zu sehr auf, der gibt die Wärme abends wieder ab und bringt die Luft zum wabern, eine Unruhe, die der Sternenbeobachtung im Wege steht, hier zählt jedes Detail. Der Zeiss-Refraktor hat eine Brennweite von 4.960 Millimetern. Es ist nicht die einzige Größe, auf die es bei der Sternenbeobachtung ankommt, aber sie zeigt gut, was für Entfernungen überwunden werden können. Zum Vergleich: Möchten Fotografen eine Standardperspektive hinbekommen, die der Sichtweise des menschlichen Auges so nahe wie möglich kommt, verwenden sie meist eine Normalbrennweite von 50 Millimetern.


Der Himmel ist inzwischen immer dunkler geworden. Die astronomische Uhr im Innenhof schlägt 22 Uhr, es klingt etwas verknarzt, wie eine alte Spieluhr. »Der Mond dürfte jetzt direkt hinter dem Planetarium stehen«, sagt Köckert, drückt auf eine der Pfeiltasten mit der Überschrift »Kuppel Links/Rechts« und schlagartig rollt das Leben ein: Es quietscht und kracht und ruckelt, die Kuppel bewegt sich langsam nach rechts, Wolken ziehen vorbei und auf einmal kommt der Mond zum Vorschein, direkt über dem Kran am Planetarium. Sproviero holt sofort sein Handy raus, macht Fotos, sie werden später als »Gruß aus der Weststernwarte« in der gemeinsamen Signalgruppe der Hobby-Astronomen landen. Es muss jetzt schnell gehen, die Wolken erlauben in dieser Nacht keinen Müßiggang, sie können jederzeit wiederkommen, dann war es das mit der Teleskop-Sicht auf den Mond. Köckert läuft die Treppe hoch, stellt den Refraktor ein, richtet ihn gen Mond aus, erst das Zielfernrohr, dann den Sucher, zum Schluss das Hauptrohr, von grob zu fein. »Er kommt«, ruft Bühling jetzt ganz aufgeregt. »Mehr nach links!« Köckert bleibt cool. »Ja, ja«, murmelt er, über das Okular gebeugt, »in der Ruhe liegt die Kraft.« Und dann ist er da, der Mond, eingefangen vom Teleskop: ganz nah, fast voll, milchig, ausgefranst, kraterig, wow.
Manchmal, sagt Sproviero, seien die Leute auch enttäuscht, wenn sie einen Blick durch das Okular werfen und die Andromedagalaxie nur als milchigen Fleck zu Gesicht bekommen. Sie würden eine Art Apple-Hintergrund erwarten, sagt er, aufgenommen mit einem Weltraumteleskop, satte Farben, gestochen scharfe Staubhüllen. Aber dann, sagt Sproviero, würde er einfach erklären, was bei den Leuten gerade auf der Netzhaut ankommt: Licht, das 2,5 Millionen Lichtjahre lang im Raum unterwegs war, sich durch nichts hat aufhalten lassen, abgesendet zu einem Zeitpunkt, an dem es die Menschheit noch gar nicht gab. »Plötzlich«, sagt Sproviero, »hat dieser milchige Fleck eine ganz andere Bedeutung.« Und dann ist sie wieder da: die Kunst, die Welt neu zu betrachten.













