LEIBNIZ Immer wieder tauchen in den Medien Meldungen über Infektionen mit dem Bornavirus auf. Unlängst haben sich in Bayern zwei Männer infiziert, einer ist gestorben. Was hat es damit auf sich?
DENNIS TAPPE Das Borna Disease Virus 1 – kurz BoDV-1 – ist schon länger als Erreger der Borna’schen Krankheit bekannt, einer Gehirnentzündung bei Pferden, Schafen und anderen Säugetieren in Mitteleuropa. Im Jahr 2018 wurde das Virus erstmalig als Ursache für schwere Gehirnentzündungen auch beim Menschen nachgewiesen. Seitdem ist es in ein paar Dutzend Fällen aufgetreten.
Wie läuft die Ansteckung?
Reservoir ist, soweit bekannt, die Feldspitzmaus Crocidura leucodon. Sie scheidet das Virus über Speichel, Urin und Kot aus. Wir vermuten, dass die Infektion über den Kontakt zu diesen Ausscheidungen von Spitzmäusen indirekt aus der Umwelt erfolgt; zum Beispiel, wenn Hautverletzungen oder die Schleimhäute in Nase und Mund mit kontaminiertem Erdreich oder Stäuben in Kontakt kommen. Auch Gartengemüse kann man nicht ausschließen, ebenso wenig den Kontakt zu Katzen, die vorher Spitzmäuse gefangen haben. Bei der langen Inkubationszeit und dem Umstand, dass man betroffene Patienten aufgrund der Schwere der Erkrankung nicht mehr befragen kann, wissen wir leider bisher nicht viel. Der einzige soweit zu eruierende Risikofaktor war der Aufenthalt im ländlichen Endemiegebiet, meist das Wohnen in kleinen Ortschaften, und zwar am Ortsrand oder unmittelbar von Feldern umgeben.
Welche Symptome zeigen sich bei einer Erkrankung?
Die Symptome sind initial leider eher unspezifisch und treten nach einer Inkubationszeit von vermuteten Wochen bis wenigen Monaten auf. Meist sind das Fieber, Kopfschmerzen und Krankheitsgefühl, es können aber Magen-Darm-Symptome im Vordergrund stehen. Dies mischt sich früher oder später mit rasch zunehmenden neurologischen Symptomen wie Verhaltensauffälligkeiten, Sprach- und Gangstörungen sowie Epilepsie. Retrospektive Untersuchungen haben gezeigt, dass die Patienten erst beim Auftreten anhaltender neurologischer Symptome überhaupt zum Arzt gehen. Im weiteren Verlauf verschlechtert sich der Zustand schnell innerhalb von Tagen bis hin zum Koma und der Verlegung auf die Intensivstation. Leider verlaufen die allermeisten Fälle tödlich.
Die Symptome sind eher unspezifisch und treten erst nach Wochen oder Monaten auf.
DENNIS TAPPE
Von wie vielen Fällen sprechen wir?
Es sind etwas mehr als 50 Fälle in Deutschland bekannt. Viele davon sind retrospektiv im Rahmen epidemiologischer Untersuchungen aus archivierten Materialien wie Serum, Liquor oder Hirngewebe diagnostiziert worden. Es gibt seit einigen Jahren eine Labor-Meldepflicht.

Wie hoch schätzen Sie die Dunkelziffer ein?
Wir sehen pro Jahr ein bis sieben akute Fälle, die Dunkelziffer dürfte in etwa doppelt so hoch sein. Es scheint jährliche Fluktuationen der neuauftretenden Fälle zu geben. Möglicherweise liegt das an noch unbekannten Umweltfaktoren oder dem nicht immer vorhandenen Bewusstsein, dass es eine solche Erkrankung gibt; vermutlich an beidem.
Wie lässt sich die Krankheit diagnostizieren und behandeln?
Insgesamt ist das Ganze eine Herausforderung. Einen Labortest zur Früherkennung im Verdachtsfall bei unspezifischen Beschwerden gibt es leider nicht. Die vorhandenen Labortestmöglichkeiten – also die Serologie und die PCR – zeigen bislang erst beim Vorliegen neurologischer Symptome, die rasch zunehmen, entsprechend positive Ergebnisse. MRT-Untersuchungen des Gehirns zeigen typische Muster, jedoch meist sehr spät – da sind die Pateinten oft bereits in intensivmedizinsicher Behandlung. Ebenso wenig gibt es bislang eine etablierte Therapie gegen Bornavirus-Infektionen. Die Behandlung besteht, wie bei vielen Viruserkrankungen, aus unterstützenden Maßnahmen mit intensivmedizinischer Betreuung und dem Versuch, mit Virostatika die Virusvermehrung zu hemmen. Meist kommen die Behandlungsversuche allerdings auch viel zu spät.
Welche Vorsichtsmaßnahmen gibt es?
Grundsätzlich ist die Wahrscheinlichkeit, sich zu infizieren, sehr gering. Der Kontakt zu Spitzmäusen und deren Ausscheidungen sollte in den bekannten Bornavirus-Verbreitungsgebieten aber unbedingt vermieden werden. Da die Ansteckungswege nicht geklärt sind, können leider keine sonderlich spezifischen Maßnahmen empfohlen werden; Spitzmaus-Entsorgungen nur mit Handschuhen, Schuppenausfegen nur mit zusätzlicher FFP2- oder FFP3-Maske beispielsweise. Spitzmäusen sollten in Haus und Hof deren Nahrungsquellen entzogen werden, beispielsweise der Zugang zu Heu und Stroh, und den darin enthaltenen Insekten. Spitzmäuse sind primär Insektivoren.

Weil Sie die Verbreitungsgebiete ansprachen: In welchen Regionen tritt das Virus auf?
Die Virusverbreitung erstreckt sich über Teile Brandenburgs, Thüringens, Sachsen-Anhalts, Sachsens, Baden-Württembergs und vor allem Bayerns.
Sie arbeiten am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin am Bornavirus. Was genau machen Sie dabei?
Das Virus ist ja nicht tropischen Ursprungs, wohl aber vermutlich das nah verwandte Bunthörnchen-Bornavirus, an dem wir auch forschen, und mit dem 2015 die Bornavirusforschung für mich begann. Erst 2018 kam dann BoDV-1 hinzu. Das Bunthörnchen-Bornavirus verursacht dasselbe schwere Krankheitsbild beim Menschen und ist bei Tierzüchtern im Norden und Osten Deutschlands nach Kontakt zu exotischen Baumhörnchen aufgetreten. Wir kümmern uns hier am Bernhard-Nocht-Institut allgemein um neuartige Krankheitserreger. Ich selber leite die Diagnostik, bin aber auch in der Labortestentwicklung tätig, ein Steckenpferd, das auch die weiteren Analysen neuer Krankheiten überhaupt erst möglich macht. Untersuchungen zur Krankheitsentwicklung und Immunologie und insbesondere epidemiologische Untersuchungen – oft wie hier bei Bornaviren gemeinsam mit dem Robert Koch-Institut – sind mein Schwerpunkt.
In Sachen zoonotischer Viruserkrankungen sind wir seit Corona gebrannte Kinder. Hat das Bornavirus Epidemie- oder Pandemie-Potenzial?
Nein, das ist sehr unwahrscheinlich. Mensch-zu-Mensch-Übertragungen wären dafür unter natürlichen Bedingungen notwendig, die gibt es glücklicherweise nicht. Bisher gibt es beispielsweise auch keine Fälle im selben Haushalt, wohl aber im selben Ort, meist mit einigen Jahren Abstand. Wir sehen also geografische Cluster, aber keine Ausbrüche mit unzähligen Betroffenen.



