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LEIBNIZ-WETTBEWERB
Der Text stammt aus der Broschüre zum Leibniz-Wettbewerb. »facetten« gibt es hier zum Download. Weitere Informationen zum Leibniz-Wettbewerb finden Sie auf der Website. 

10.000 Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung: Die Erde erwärmt sich langsam nach der letzten Eiszeit, der gewaltige Eisschild, der das europäische Festland etwa bis zum heutigen Berlin bedeckt, zieht sich zurück. Auf dem von sanften Hügeln durchzogenen Gebiet, das er freigibt, breitet sich Tundra aus, jene baumlose Weite, die in ähnlicher Form noch heute das skandinavische Hochland prägt. Tiere erobern den neuen Lebensraum, darunter Rentierherden. Ihnen folgen bald Menschen, versierte Jäger und Sammler, die über die Jahrtausende gelernt haben, sich aus der kargen, kalten Steppe zu ernähren.

Etwa auf Höhe des heutigen Küstenorts Rerik fällt das Land nach Nordwesten hin ab. Doch die weite Senke, die hier beginnt und in der heute die Ostsee liegt, ist noch kein Meer. Auf Kilometer ist das Land übersät mit Zwergsträuchern und Felsbrocken – bis zum Ufer eines gewaltigen Sees. Und eben dieses Ufer machen sich die Menschen möglicherweise zunutze: Sie tragen einen Wall aus Steinen zusammen, der sich der Wasserkante annähert. Geraten Rentierherden in diesen Bereich, werden sie immer näher ans Ufer oder sogar in den See gelenkt. Dort springen die Jäger aus der Deckung, schleudern ihre Speere und schießen Pfeile auf die zusammengedrängten Tiere.

Abbildung MICHAŁ GRABOWSKI

Mehrere hundert Jahre lang nutzen Menschen diesen Wall. Als sich zum Ende der Altsteinzeit hin Wälder immer weiter nordwärts ausbreiten, müssen sie ihre Jagdtechnik ändern; der Wall verliert seinen Nutzen. Vor etwa 8.000 Jahren dann ereignet sich etwas, das die Landschaft Nordeuropas bis heute verändern wird: Weil der Meeresspiegel stark ansteigt, verbindet sich die Nordsee mit dem See in der Senke und der Jagdwall versinkt in der heutigen Ostsee.

Ohne dieses Ereignis hätte Jacob Geersen, Meeresgeologe am Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW), die steinzeitliche Jagdmauer wohl nicht entdecken können. Falls es ähnliche Bauwerke in Nordeuropa gab, dürften sie in späteren Zeiten abgeräumt worden sein, weil sie den Ackerbau störten und ihre Steine als Baumaterial verwendet wurden. Aber die Ostsee konservierte den Wallüber die Jahrtausende – bis 2021, als Geersen mit dem Forschungsschiff Alkor vor Rerik in der Mecklenburger Bucht unterwegs war. Eine Routinefahrt, auf der Studierende lernen sollten, mit marinen Messgeräten wie dem Echolot umzugehen.

Zufällig entdeckten wir dabei die ungewöhnliche Struktur am Meeresboden, sagt Geersen, der damals noch an der Universität Kiel forschte. Sie nannten sie Blinkerwall, nach einem Unterwasserhügel in der Nähe. Zwei Jahre lang untersuchte Geersen gemeinsam mit weiteren Forschenden, was es mit dem Wall auf sich haben könnte. Sie vermaßen den Meeresboden, entnahmen Sedimentproben, schickten Unterwasserdrohnen los, baten Fachleute aus Archäologie und Denkmalpflege um Rat.

Der Fund ging als Sensation durch die Presse, sämtliche größeren Medien berichteten.

Weder Gletscher noch moderne Menschen hätten diese Struktur erschaffen, schrieb das interdisziplinäre Team schließlich 2024 in der Fachzeitschrift PNAS. Vielmehr sei der Blinkerwall vermutlich eines der ältesten Jagdbauwerke der Welt, eine der größten von Menschen der Steinzeit geschaffenen Strukturen Europas. Der Fund ging als Sensation durch die Presse, sämtliche größeren Medien berichteten.

Für Geersen und seine Kolleginnen und Kollegen am IOW begann mit der Publikation aber erst die eigentliche Forschungsarbeit. Wir vermuten, dasses in der westlichen Ostsee und in der Nordsee noch mehr solcher Megastrukturen gibt, sagt Geersen. Schon in den 1990er Jahren hätten Forschungstaucher etwa von Steinkreisen oder -wällen am Meeresboden berichtet, die auf ähnliche Weise errichtet worden sein könnten. Als aussichtsreiche Gebiete für die Suche in den nächsten Jahren gelten der Fehmarnsund und die Flensburger Förde.

Für die weitere Erkundung des Ostseegrunds tut sich das IOW-Team im Projekt »Post-Glacial Human Seascape with submerged Stone Age Megastructures hidden in the Western Baltic Sea« mit dem Schleswiger Standort des Leibniz-Zentrums für Archäologie (LEIZA) sowie den Universitäten Kiel und Rostock zusammen. Gefördert wird die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Programm Leibniz-Kooperative Exzellenz. Um etwaige Strukturen am Meeresboden einzuordnen, brauchen die marinen Geologinnen und Geologen um Geersen Unterstützung: Wir kartieren große Gebiete am Meeresboden und schauen nach interessanten Spuren oder Bauwerken. So produzieren wir eine große Menge an Daten und Karten, sagt er. In der Archäologie konzentriert man sich viel mehr auf kleinste Details einer einzelnen Fundstelle, etwa nach welcher Himmelsrichtung ein bestimmter Stein ausgerichtet ist.

Im Idealfall führt das Zusammenspiel aus großflächiger Suche und detaillierter Analyse zu weiteren Entdeckungen. Man geht davon aus, dass die Menschen der späten Altsteinzeit sehr mobil waren, sagt Geersen, und zwar vor allem, weil – anders als aus der Mittelsteinzeit – keine Überreste von Siedlungen erhalten sind. Wenn wir in der Ostsee viele große Strukturen aus der späten Altsteinzeit finden, die vielleicht sogar nicht nur der Jagd dienten, müssten wir darüber nachdenken, ob die Menschen damals zumindest saisonal sesshaft lebten. Der aufwändige interdisziplinäre Ansatz hätte sich dann allemal gelohnt. Denn das würde bedeuten, dass eine der größten Fragen der Menschheitsgeschichte neu beantwortet werden müsste – nämlich die nach dem Zeitpunkt, als unsere Vorfahren zumindest zeitweise sesshaft wurden.

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