Der helle Klang einer Flöte hallt von den feuchten Steinwänden bis tief ins Innere der Höhle. Eine Gruppe tanzt im Rhythmus. Perlen, getragen als Schmuck oder aufgenäht auf Kleidung, rasseln bei jeder Bewegung. Ist es eine Zeremonie? Ein Ritual? Oder einfach nur Teil des Alltags? Fest steht: 40.000 Jahre später wird diese Flöte, geschnitzt aus dem Knochen eines Gänsegeiers, neben Steinwerkzeugen, Tierknochen und Dutzenden von Perlen gefunden und als das älteste Musikinstrument der Menschheit gelten.
Die Höhle ist – aus heutiger Sicht zumindest – kein Ort, den man sich willkürlich als Unterschlupf aussucht. Finster, klamm, kalter Stein. Zwar ist die Luft frisch, dafür tropft es von der Decke. Hier, da, ständig. Verschlungene Gänge führen tiefer in den Fels. Und man weiß nie: Mit welchem Tier teile ich mir die Behausung?
Doch der Winter kommt. Auf der Schwäbischen Alb wird es Tag für Tag kälter. Der erste moderne Mensch braucht einen Platz, um zu überwintern. Eine kleine Gruppe zieht durchs Achtal. Mammutherden herrschen über das Land, Löwen und Hyänen streifen durch die Steppe. Die Höhle – für den Jäger und Sammler im Jungpaläolithikum also plötzlich die perfekte Immobilie. Jetzt muss er sich nur noch irgendwie die Zeit bis zum Frühling vertreiben.
Wir graben hier unter anderem nach der ersten figürlichen Kunst der Menschheit
, sagt Sibylle Wolf, während sie 40.000 Jahre später mit einem geübten Handgriff durch das Gittertor im Eingang der Höhle greift, um es zu öffnen. Mit »hier« meint die Archäologin den »Hohle Fels« – eine der vielen Höhlen der Schwäbischen Alb, rund 20 Kilometer südwestlich von Ulm im Achtal. Seit dem 19. Jahrhundert wird in der Höhle zum steinzeitlichen Leben geforscht. Der Ort zieht Forschende aus der ganzen Welt an, denn immer wieder wurden hier Kulturschätze ausgegraben, einige sind international bekannt. Unter ihnen die »Venus vom Hohle Fels«. Mit einem geschätzten Alter von mindestens 35.000 Jahren ist die etwa sechs Zentimeter hohe Figurine aus Mammutelfenbein eine der ältesten Darstellungen des Menschen. Wenn man hier gräbt, hat man das Eldorado
, sagt Wolf.
Sibylle Wolf, freundliche Augen hinter einer Brille, trägt um den Hals eine aus Mammutelfenbein geschnitzte Mammutfigur von der Größe eines Legomännchens. Die eiszeitliche Originalfigur aus Elfenbein wurde in der Höhle »Vogelherd«, nicht weit vom »Hohle Fels« gefunden. Wolf ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Koordinatorin des Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment in Tübingen. 2008 nahm sie an ihrer ersten Grabung im »Hohle Fels« teil. Seitdem erforscht sie, wie der moderne Mensch organisches Material wie Mammutelfenbein nutzte und verarbeitete. Das Leben unserer Vorfahren so genau wie möglich zu rekonstruieren – darin sieht Sibylle Wolf ihre Aufgabe.
Wenn man hier gräbt, hat man das Eldorado.
SIBYLLE WOLF
Im Eingang des »Hohle Fels« liegt im rund 20 Meter langen Tunnelbereich die Ausgrabungsstelle. Eine kleine Gruppe Forschender sitzt etwa fünf Meter tief in der Ausgrabung. Heute sitzt Wolf nicht dabei. Sie folgt stattdessen dem künstlich angelegten Gittersteg, der über die Fundstelle und der Köpfe der anderen hinweg führt, bis in die Höhle hinein. Vorne, wo der Tunnel endet, am Rand des steinigen Raums bleibt sie stehen und lässt die Höhle auf sich wirken.




Etwa 500 Quadratmeter misst sie, grob so viel wie ein herkömmliches Kirchenschiff. Aber der Hall klingt wie in einer Kathedrale. Die Decke wölbt sich teilweise bis zu 30 Meter hoch. Unterschiedlich hohe Sedimentschichten und Steintribünen bilden die felsige Umgebung. Angelegte Trampelpfade schlängeln sich hindurch, Holzplanken definieren Stufen. Der Boden ist rutschig. Künstliches Licht setzt die Höhle in Szene. Es herrschen das ganze Jahr über zehn Grad. Die Höhle ist ein Besuchermagnet in der Region. Heute haben Sibylle Wolf und das Ausgrabungsteam sie für sich allein.
Ich habe etwas mitgebracht
, sagt Wolf, noch ehe sie mit dem Rundgang startet. Sie zieht aus ihrem Rucksack einen schmalen, weißen Stab. Die Flöte wurde in der Schicht vor etwa 40.000 Jahren gefunden.
Die Archäologin hält in ihren Händen einen Nachbau des bislang ältesten Musikinstruments der Menschheit. 2008 gruben die Forschenden unter der Leitung von Nicholas J. Conard, Professor für Urgeschichte am Tübinger Senckenberg-Institut, zwölf Fragmente aus. Etwa 22 Zentimeter misst die rekonstruierte Flöte. Sie hat vier Fingerlöcher. Ab einer Bruchstelle am fünften Loch ist sie unvollständig. Die Fragmente lagen in einer Fläche von der Größe einer Postkarte und weniger als einen Meter vom Fundort der Venusfigur entfernt. In dieser Schicht des sogenannten Aurignaciens, vor etwa 42.000 bis 35.000 Jahren, wurden die ältesten archäologischen Artefakte des modernen Menschen gefunden. Im Hohle Fels fand man nicht nur Flöte und Venusfigur, sondern auch einen Löwenmenschen und weitere Tierfiguren, etwa einen Wasservogel und einen Otter. Letzteren allerdings ohne Kopf. Man hofft, das fehlende Stück noch zu finden.

Sibylle Wolf und ihre Kolleginnen und Kollegen wollen herausfinden, wie der moderne Mensch lebte, als er vor rund 43.000 Jahren die Schwäbische Alb besiedelte und all diese Dinge anfertigte. Viele Anhaltspunkte haben sie dafür nicht. Zahlreiche Spuren sind über die Jahrtausende verwischt und schriftliche Überlieferungen gab es damals noch lange nicht. Stattdessen hat die Natur für die ideale Konservendose gesorgt: Der Jurakalkstein, vormals Grund des riesigen Meeres, das einst Europa bedeckte (er besteht aus Mollusken und Korallen, die sich unten ablagerten und versteinerten), wurde über Jahrtausende von Regen und Flüssen ausgewaschen. Dabei entstanden die vielen Höhlen der Alb. Im Winter suchte der Mensch sie über Jahrtausende immer wieder als Schutzraum auf. Was er darin hinterließ, blieb durch die konstante Temperatur und Dunkelheit im Ökosystem gut erhalten: Tierknochen, Steinartefakte, Asche, Steinsplitter, Tierkot und sogar DNA. Kurz gesagt: Der Müll unserer Vorfahren.
Die Jäger und Sammler*innen ließen nichts absichtlich zurück. War ein Werkzeug nicht mehr zu gebrauchen, wurde es umfunktioniert oder repariert. Zumindest geht die Wissenschaft heute davon aus. In der Archäologie unterscheiden wir zwischen intentionaler Deponierung und dem tatsächlichen Alltagsmüll.
Der Mensch kann sich bewusst dazu entscheiden, ein Objekt zu platzieren, als symbolische Geste zum Beispiel. Genauso kann er nach der Saison woanders hingezogen sein und schwere Dinge in seinem Winterquartier zurückgelassen haben, erklärt Wolf. Vermutlich in der Hoffnung, wiederzukommen.
Aber das meiste, das die Archäologinnen und Archäologen hier finden, ist Alltagsmüll. Knochenreste vergangener Mahlzeiten oder Splitter aus der Werkzeugherstellung zum Beispiel.
Damals war der Eingang eine gigantische Einladung, eine riesige Öffnung, schon aus weiter Ferne sichtbar.
Heute ist er viel kleiner. Es würde gerade mal ein kompakter Kleinwagen hindurchpassen, wenn das Gittertor nicht wäre, das außerhalb der Besuchszeiten die Höhle versperrt. Die Höhle war immer zugänglich
, sagt Wolf. Über die Jahrtausende hat das seine Spuren hinterlassen.
Gemeint sind die Ablagerungen, die heute für die unebenmäßige Umgebung im Höhlenraum sorgen. Sedimente, wie Erde, Staub, Asche, Pflanzenreste oder Knochen- und Steinsplitter wurden über Jahrtausende von Wind, Tier oder Mensch in die Höhle getragen. Sie setzen sich am Boden ab. Abhängig davon, wie intensiv die Höhle über die Jahre genutzt wurde, sind die Schichten dicker oder dünner. Mit der Radiokarbondatierung können Forschende sie zeitlich zuordnen.
Archäologin Sibylle Wolf hat auf ihrem Gebiet ein Alleinstellungsmerkmal. Sie entdeckte mit der doppelt durchlochten Perle aus Mammutelfenbein, die sie hier dutzendfach im Alltagsmüll ausgegraben haben, eine regionale Schmucktradition, die der moderne Mensch über 5.000 Jahre lang nur auf der Schwäbischen Alb fortführte. Sie haben Musik gespielt, sicherlich getanzt und geliebt, einen Alltag gehabt, wie wir heute auch
, sagt Wolf.




Sie fanden die Perle in jedem erdenklichen Stadium: vom in Perlenform gebrachtem Elfenbein bis hin zur Öse, die herausgebrochen war und verworfen wurde. An den Funden sehen wir, wie kreativ diese Leute waren.
Aber der Archäologin erzählt die Perle in den unterschiedlich datierten Schichten noch mehr: Sie hat sich durchgesetzt und war wichtig
, sagt Wolf. Sie muss eine Funktion gehabt haben, die es wert war, über Jahrtausende weitergegeben zu werden.
Denkbar wäre etwa, dass die Perlen Ausdruck einer Gruppenidentität waren. Sibylle Wolf ist bei solchen Annahmen aber vorsichtig. Wir können uns nicht mal ansatzweise in das Leben dieser Menschen hineinversetzen.
Im »Hohle Fels« versucht man es trotzdem. Hinter Wolf liegt im Tunnelbereich die Ausgrabungsstelle. Warum die Archäologinnen und Archäologen hier und nicht weiter drinnen, im Höhlenraum, graben, hat mehrere Gründe. In der Höhle herrscht eine Neigung: Die Sedimente fließen hier entlang über die Jahrtausende langsam in Richtung Ausgang und schwemmen den Müll mit. Der sammelt sich auf dem Weg auch im Tunnelbereich. Aber es gibt noch einen viel naheliegenderen Grund: Weil es dort Tageslicht gab
, sagt Wolf, war es wahrscheinlich schlicht angenehmer, nahe des Eingangs zu sitzen und zu arbeiten.
Die Forschenden vermuten im Tunnelbereich deshalb die Müllgrube, in der potenzielle Schätze schlummern. Sollen wir mal runtergehen?
Wolf schwingt sich durch das Gittergerüst auf die Metallleiter und steigt die Sprossen herab in die Ausgrabungsstelle. In ihrer Größe ähnelt die Ausgrabungsfläche einer geräumigeren Garage. Das grelle Laborlicht, das die Scheinwerfer verbreiten, passt dazu. Metallbalken vom Gittergerüst und grüne Netze schützen über den Köpfen vor herabstürzendem Fels. An der Seite stehen verschlossene Metallboxen, Löffel und Kellen liegen auf dem feuchten Lehmboden, schwarze und blaue Plastikeimer stehen am Rand der Fundstelle. Aufeinandergestapelte Sandsäcke von der Größe eines DIN A4-Blattes sichern die freigelegten Böden. Moderne Messgeräte machen deutlich: Hier ist eine Wissenschaft am Werk!




Sibylle Wolf bewegt sich gekonnt über die Sandsäcke. Sie begrüßt den Ausgrabungstechniker mit einer Umarmung. Sie kennen sich seit Studienzeiten. Alexander Janas, langer Vollbart und wie alle in Funktionskleidung und mit Helm ausgestattet, leitet heute mit einer kleinen Gruppe Studierender und Kollegen die Ausgrabung. Hier unten nennen ihn alle nur »AJ«.
In einem trichterförmigen Raster aus quadratmetergroßen Stufen wird derzeit bis zu fünf Meter unter dem Höhlenboden gegraben. Aber eigentlich ist »graben« das falsche Wort, vielmehr wird geschabt und geklopft. Die guten Fundstücke kommen ins Tütchen, das Sediment ins Töpfchen. Zentimeter für Zentimeter tasten sich die vier in den Ausgrabungsbereichen sitzenden Forschenden mit Löffeln, Kellen und Stuckateurspachteln voran.
Mit ruhiger Stimme erklärt Janas den Ausgrabungsbereich. Er zeigt auf die Fläche, die mit den Sandsäcken ausgelegt ist: Das ist unser Hauptgrabungsareal, in dem es uns überhaupt erlaubt ist, zu graben.
Seit 2017 gehören neben der »Hohle Fels« noch fünf weitere Höhlen im Ach- und Lonetal unter der Bezeichnung »Höhlen und Eiszeitkunst der Schwäbischen Alb« zum UNESCO-Weltkulturerbe. Dieses Jahr dürfen sie noch zwei Quadrate mit aurignacienzeitlichen Funden im Hohle Fels aufmachen.
In der Praxis ist das Freilegen der Schichten vergleichbar mit einer Zeitreise: Wenn wir eine Schicht freilegen, betreten wir den Boden, den zum Beispiel vor 40.000 Jahren ein Mensch als Oberfläche nutzte
, sagt Janas. Man spricht hier auch von Zeithorizonten. Fünf Meter unter dem Höhlenboden unseres 21. Jahrhunderts haben vor 40.000 Jahren Menschen gesessen und gearbeitet. Heute bemühen sich Forschende wie Wolf und Janas, die begrabenen Spuren, die sie damals hinterließen, in Millimeterarbeit wieder ans Licht zu holen.



In den Quadraten haben die Forschenden für einen Moment die Kelle aus der Hand gelegt und durch einen Kugelschreiber ausgetauscht. Auf Klemmbrettern machen sie Notizen. Das Wichtigste, was wir hier herausholen, sind neben den Funden eigentlich die Daten
, sagt Janas. Hat man in einem Quadrat einen Bereich von zwei bis drei Zentimetern freigelegt, werden neben dem Zeithorizont unter anderem Datum, Beschaffenheit und Funde notiert. Auch Zeichnungen werden angefertigt, in denen sie Form und Größe der Fundstücke vermerken, erklärt Janas. Er holt aus einer der verschlossenen Metallkisten ein altes Grabungstagebuch hervor. Mit unterschiedlichen Buntstiftfarben gezeichnet, erkennt man gut den Querschnitt der Schichten.
Das Bild, das sich hier langsam von der Ausgrabung zeichnet, ähnelt immer mehr der Spurensuche in einem Kriminalfall, und tatsächlich: Die Kolleginnen und Kollegen werden teilweise in die Kriminologie berufen
. Immer wieder habe es in der Vergangenheit Anfragen aus der Forensik gegeben, weil die Arbeit sehr ähnlich ist: Auch in der Archäologie lerne man, kompliziert zu denken, sagt Janas. Dann greift er nach seiner Kamera und macht ein Foto von der Grabungsfläche, auf der er Fundstellen mit kleinen Täfelchen mit Buchstaben markiert hat. Der archäologische Tatort ist komplett.
Fast schon beiläufig erwähnt Sibylle Wolf gegen Ende der Führung, dass der Grabungstechniker jetzt genau da stehen würde, wo 2008 die »Venus vom Hohle Fels«gefunden wurde. Inmitten vom Alltagsdreck.
Wer wisse schon, was sie noch finden werden, sagt Sibylle Wolf. Immerhin hätten sie ja gerade einmal die Spitze der Spitze des Eisbergs gefunden. Über die Bedeutung der Frauenfiguren, die immer wieder in Europa während des Jungpaläolithikums geschaffen wurden, ist sich die Wissenschaft noch uneins. Genauso, wie über die Frage, warum mit dem Aurignacien abrupt figürliche Kunst entstand. Ganz klären wird man es wohl nie.
Aber was Sibylle Wolf und ihre Kolleginnen und Kollegen im »Hohle Fels« freilegen, rückt die Anfänge unserer Kultur in ein neues Licht. Vor den Funden hatte man unseren Vorfahren solche kunsthandwerklichen Fähigkeiten schlicht nicht zugetraut. Im grellen Licht der Ausgrabungsfläche im »Hohle Fels« steht also erstmal fest: Was auch immer der moderne Mensch mit seiner figürlichen Kunst beabsichtigte, hier hat sie zumindest ihren Anfang gefunden.



