
DER SCHLÜSSEL WÜRDE NOCH PASSEN: MOSKAUER ERINNERUNGEN
Von IRINA SCHERBAKOWA
Irina Scherbakowa ist eine Hüterin von Geschichten. Die Mitbegründerin der Menschenrechtsorganisation »Memorial«, seit 2010 Ehrenmitglied des Leibniz-Zentrums für Literatur und Kulturforschung, sammelte ihr Leben lang Erinnerungen an die Verbrechen des Stalinismus in der Sowjetunion – und füllte damit ihre eigene Wohnung und das Archiv von Memorial. Als die Organisation 2021 von den russischen Behörden aufgelöst wurde, verließ sie das Land und ließ mit ihrem Zuhause den Großteil dieser Sammlung zurück. Im Berliner Exil fragt sie sich: Was soll ich mit all diesen Erinnerungsfetzen heute, in der Emigration, anfangen?
Dieses Buch ist ihre Antwort. Es handelt vom Nachfragen, vom Erzählen und vom Erinnern an den Gulag und verschafft einen kleinen Einblick in die Abertausenden von Biografien, denen Scherbakowa in den vergangenen Jahrzehnten begegnete. Sie verwebt einschneidende Ereignisse wie die Entmachtung Chruschtschows mit persönlichen Anekdoten. Ein besonderer Fokus liegt auf jungen Menschen, denn ihre Neugier kann ein Schlüssel zum kulturellen Gedächtnis einer Gesellschaft werden, der das Nachfragen verboten wurde.
MIRA SCHWEDES
Erschienen bei Droemer Knaur Verlag

DAS PARLAMENT DER NATUR. WAS UNS FARNE, FINKEN UND IHRE VERWANDTEN ZU SAGEN HABEN
Von SARAH DARWIN, JOHANNES VOGEL, BORIS HERRMANN
Ins Gespräch kommen die Naturforschenden und der Journalist zwischen Blaufußtölpeln. Es ist 2019, und im Gefolge des damaligen Bundespräsidenten sind Botanikerin Sarah Darwin, ihr Mann Johannes Vogel (auch er: Botaniker) und der Reporter Boris Herrmann auf die Galapagosinseln gereist. Zwischen Presseterminen und Politikerreden merken sie schnell: Sie haben sich viel zu sagen. Neben dem imposanten Schnauzer des Generaldirektors des Berliner Museums für Naturkunde macht vor allem ein Satz von Vogel Eindruck auf Herrmann: »Nichts ist so politisch wie die Natur.« In den Jahren darauf treffen sie sich immer wieder, mal in Vogels Leibniz-Forschungsmuseum, mal auf dem südenglischen Landsitz der prominenten Forscherfamilie seiner Frau. Sie sprechen über die Vielfalt der Arten, diskutieren, warum Mensch sich nicht als Teil dieser betrachten mag — und fragen sich, warum wir mit der Natur unsere Lebensgrundlage zerstören. Für Darwin und Vogel ist klar: Man muss jetzt eintreten für die Natur! Und Forschungsmuseen wie das Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung seien genau die richtigen Orte, um als Gesellschaft eine nachhaltige Zukunft zu erdenken.
DAVID SCHELP
Erschienen bei Propyläen Verlag

DAS VERSCHWINDEN DES HOLOCAUST: ZUM WANDEL DER ERINNERUNG
Von JAN GERBER
Wieso dauerte es bis in die späten 1970er Jahre, ehe die Vernichtung europäischer Jüdinnen und Juden als das zentrale Verbrechen des Nationalsozialismus erinnert wurde? Und wie kommt es, dass das Bewusstsein für die Präzedenzlosigkeit heute erneut in Vergessenheit zu geraten droht? Auf der Suche nach Antworten begibt sich Jan Gerber, Leiter des Forschungsressorts »Politik« am Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur — Simon Dubnow, auf eine umfangreiche historische Ursachenforschung. Der Kalte Krieg
, schreibt er, legte sich wie ein Schleier über die Vergangenheit.
Erst im Zusammenspiel verschiedener Faktoren, etwa als sich der Ost-West-Konflikt entschärfte und der »Dualismus von Geschichtsoptimismus und Katastrophenbewusstsein« ins Wanken geriet, rückte die Shoah in ihrer Besonderheit allmählich ins Zentrum des kollektiven Gedächtnisses. Doch die Anfänge eines zweiten Vergessens haben längst eingesetzt, wie Gerber unter anderem mit Verweis auf eine Studie deutlich macht: Ganze zwölf Prozent der 18- bis 29-Jährigen in Deutschland kennen den Holocaust nicht einmal dem Namen nach.
MARIE-LOUISE DEWITZ
Erschienen bei Edition Tiamat

WAS LESEN SIE, FRAU HEINEMANN? »MAN KANN AUCH IN DIE HÖHE FALLEN von Joachim Meyerhoff!«
Meyerhoffs Texte sind besonders. Voller Empathie und Selbstironie schildert er Alltägliches, humorvoll und todtraurig zugleich. Es gelingt ihm dabei, das Alter und alternde Menschen würdevoll und berührend zu beschreiben — in diesem Buch seine Mutter. Die rüstige 86-Jährige, die an der Ostsee auf dem Land lebt, ist die eigentliche Heldin des Buches, unangepasst, wagemutig, anarchisch. Sie hilft dem Schriftsteller und Schauspieler aus seiner Schaffens- und Lebenskrise, die ihn nach einem Schlaganfall und einigen strapaziösen Jahren in Berlin ereilt hat. Während eines Aufenthalts bei seiner Mutter findet Meyerhoff durch die geteilten Tagesroutinen (Gartenarbeit, Schwimmen und abends um sechs einen Whisky) wieder zu sich und zu neuen Geschichten. Das beginnt mit einem auf einer wilden Autofahrt entgleisten Döner, steigert sich über eine mütterliche Fußreflexzonenmassage (»Dein Herz!«) und einen orangen Schrankkoffer voller Erinnerungen zu einer waghalsigen Sternenbeobachtung um Mitternacht auf dem Scheunendach — während Mutter im Nachthemd noch schnell die Regenrinne vom Laub befreit. Warum all das wundervoll, berührend und bisweilen brüllend komisch ist? Da hilft nur: Meyerhoff lesen!
ISABEL HEINEMANN ist Direktorin des Instituts für Zeitgeschichte München−Berlin.
Erschienen als KiWi-Taschenbuch



