LEIBNIZ Frau Effertz, Sie verantworten in der Geschäftsstelle der Leibniz-Gemeinschaft den Leibniz-Wettbewerb und damit auch das Professorinnenprogramm, das gemeinsame Berufungen von Leibniz-Instituten mit Universitäten fördert. Warum ist das wichtig?
KARIN EFFERTZ Unser Ziel ist ja, die besten Köpfe für die Leibniz-Gemeinschaft zu gewinnen und auch dort zu halten. Weil wir, wie alle Forschungsorganisationen und auch die Universitäten, ein Defizit an Wissenschaftlerinnen in Führungspositionen haben, wollten wir eine Förderung schaffen, die dem entgegenwirkt.
MIRJAM KNÖRNSCHILD Mehr Diversität schlägt sich auch direkt in Forschungsergebnissen nieder. Ich beschäftige mich mit »Female Choice«, zum Beispiel mit der Frage, nach welchen Maßstäben Fledermausweibchen eigentlich ihre Paarungspartner bewerten. Vor über 100 Jahren haben sich Forscher nicht dafür interessiert, wie Weibchen unter verschiedenen Männchen wählen — auch bei uns Menschen wurde Frauen ja nicht einmal das Recht zugestanden, eine Partei zu wählen. Mit der Vielfalt unter den Forschenden wächst auch die Vielfalt der Fragestellungen.
Frau Effertz, woher wissen Sie, ob sich eine Forscherin für das Programm eignet?
EFFERTZ Es gibt zum einen formale Voraussetzungen: So müssen sich ein Leibniz-Institut und eine Universität oder Hochschule darüber einig sein, eine bestimmte Person langfristig zu fördern. Die Professur, in die das Programm direkt führt, ist ja unbefristet. Die Partner überlegen sich also sehr genau, wen sie vorschlagen, zumal jedes Institut pro Jahr nur zwei Vorschläge machen darf. Sowohl die Kandidatin als auch das vorgeschlagene Projekt müssen wissenschaftlich exzellent sein, das bewertet ein Gremium aus wissenschaftlichen Experten. Sechs von zehn Anträgen sind hervorragend und schaffen es dann auch erfolgreich durch den Auswahlprozess.
Ich konnte eine Professur bekommen an einem Ort, an dem ich unbedingt sein wollte
MIRJAM KNÖRNSCHILD
Frau Knörnschild, warum haben Sie sich beworben?
KNÖRNSCHILD Ich war vorher schon über ein Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft ans Naturkundemuseum gekommen. Weil ich Tierstimmen erforsche und das Museum diesen Schwerpunkt verstärken möchte, wollte man mich hier halten. Das Programm macht ein Leibniz-Institut, das ja auch mit Universitäten oder Max-Planck-Instituten in Konkurrenz steht, deutlich attraktiver. Und ich konnte eine Professur bekommen an einem Ort, an dem ich unbedingt sein wollte — an einem so dynamischen, diversen Institut wie dem Museum für Naturkunde. Und in Berlin, wo es so viele außeruniversitäre Institute gibt, mit denen man Forschungskooperationen eingehen kann. So war es für beide Seiten eine gute Möglichkeit.
Gab es andere Förderprogramme, für die Sie sich hätten bewerben können?
KNÖRNSCHILD Keine, die so spezifisch auf eine Professur hinführen. Wenn man eine Uni als Partner gefunden hat, die sagt, sie trägt die Bewerbung mit, dann hat man in gewisser Weise eine verbindliche Zusage, berufen zu werden — vorausgesetzt, das Professorinnenprogramm kommt zu dem Entschluss, dass man förderungswürdig ist. Es ist ja nicht ganz einfach, einen Ruf an eine Uni zu bekommen: Diese Prozesse dauern häufig sehr lange; währenddessen können sich die Bedürfnisse der Fakultät ändern. Wenn ich Pech habe, wird es nichts mit der Professur. In dem Moment, als die Zusage von Leibniz da war, stand auch die Anschubfinanzierung. Es war klar, dass auch die Uni mitziehen musste. Das ist eine hohe Planungssicherheit, die ich bei keiner anderen Förderung bekommen hätte.

Sind Sie zufrieden?
KNÖRNSCHILD Ich empfinde mich als unheimlich privilegiert. Als reguläre Professorin an der Humboldt-Universität habe ich alle Rechte, dazu kommt der freie Beamtenstatus, der mir die hohe Planungssicherheit verschafft — auch was Fördermittelprogramme betrifft, für die ich mich teils ohne dauerhafte Stelle nicht einmal bewerben könnte. Dadurch stehen mir ganz andere Türen offen als vorher. Ich habe eine reduzierte Anzahl an Semesterwochenstunden, meine Lehrverpflichtung ist also geringer, weil erwartet wird, dass ich auch Aufgaben für Leibniz übernehme, also am Naturkundemuseum. Das ist für mich das Beste aus beiden Welten.
Muss man schon an einem Leibniz-Institut sein, um im Professorinnenprogramm gefördert zu werden?
EFFERTZ Nein, Institute können auch eine exzellente Forscherin neu für sich gewinnen. Dann tun sie sich in der Regel mit einer neuen Universität zusammen, an die die Wissenschaftlerin dann berufen wird.
Woran forschen die Frauen, die Sie fördern?
EFFERTZ Das lässt sich nicht verallgemeinern, das Programm ist themenoffen. Unter den aktuell 40 Forscherinnen im Programm beschäftigen sich manche mit nachhaltigen KI-unterstützten Fertigungstechniken oder der Prävention in der Medizin, andere erforschen die Artenvielfalt der Meere. Am Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung SAFE in Frankfurt am Main zum Beispiel unterstützen wir Christine Laudenbach, die untersucht, warum Frauen so wenig an den Kapitalmärkten investieren.
Woher kommen die geförderten Forscherinnen?
EFFERTZ Der Anteil der im Programm geförderten Professorinnen mit einem internationalen Pass liegt bei etwa 45 Prozent, das ist ungewöhnlich hoch. Unter den Post-Docs in der Leibniz-Gemeinschaft ist der Anteil zwar noch ähnlich hoch, aber gerade bei gemeinsamen Berufungen von Forschungsinstituten und Universitäten wird es dann oft wieder sehr deutsch. Das Professorinnenprogramm setzt hier offenbar Anreize zur Internationalisierung. Im Moment fördern wir zum Beispiel Janelle Pakan, sie ist Kanadierin und erforscht neuronale Schaltkreise am Leibniz-Institut für Neurobiologie in Magdeburg. Oder Eszter Baráth, sie kommt aus Ungarn und widmet sich am Leibniz-Institut für Katalyse in Rostock selektiven Wasserstoff-Transferreaktionen.
KNÖRNSCHILD Dass an deutschen Unis so wenig Professuren mit nichtdeutschen Forschenden besetzt werden, liegt sicher auch daran, dass das System so absurd kompliziert ist. Ich wüsste wirklich nicht, wie man als ausländischer Wissenschaftler durch dieses Berufungssystem durchsteigen soll. Auch deswegen ist so etwas wie das Professorinnenprogramm fantastisch: Wenn sich alle Beteiligten einmal festgelegt haben, findet die Berufung auch wirklich statt.

Frau Knörnschild, welche Erkenntnisse haben Sie im Rahmen ihrer Förderung über Fledermäuse gewonnen?
KNÖRNSCHILD Ich erforsche unterschiedliche Dialekte, zum Beispiel bei Saccopteryx bilineata, der Großen Sackflügelfledermaus. Die Weibchen wählen die Männchen, mit denen sie sich paaren, unter anderem danach aus, wie vertraut ihnen der Gesang des potenziellen Partners ist. Je weiter zwei Populationen voneinander entfernt leben und je weniger eng sie miteinander verwandt sind, desto unwahrscheinlicher wird die Paarung. Wir untersuchen zum Beispiel eine sogenannte Ringart in Costa Rica: Die Fledermäuse haben sich auf beiden Seiten einer Bergkette ausgebreitet. Als sie am Ende des Gebirges wieder aufeinandertrafen, hatten sie sich beinahe zu zwei verschiedenen Arten entwickelt. Wir vermuten, dass die Dialekte dabei eine Rolle gespielt haben.
Wie können Sie die verschiedenen Dialekte auseinanderhalten?
KNÖRNSCHILD Wir nehmen die Lautäußerungen auf und vermessen sie mit verschiedenen Methoden. So bekommen wir eine Idee, worin sie sich unterscheiden. Dann fragen wir die Tiere zurück: Macht das einen Unterschied für dich?
Wie stellt man einer Fledermaus so eine Frage?
KNÖRNSCHILD Wir ziehen Lautsprecher mit Seilen hoch oder lehnen lange Stangen an Bäume. Dann spielen wir den Tieren einen vorher aufgenommenen Fledermaus-Dialekt vor und gucken uns an, wer sich da angezogen fühlt. So sehen wir, ob freilebende Weibchen den einen Dialekt einem anderen Dialekt vorziehen.
Wie hilft die Förderung bei solchen Forschungsfragen?
KNÖRNSCHILD Vorher musste ich viel kleinteiliger denken. Wenn ein Forschungsprojekt begonnen hatte, dachte ich schon an die Anschlussfinanzierung. Also macht man eher Sachen, bei denen man sich ziemlich sicher ist, dass es schon funktionieren wird. Jetzt kann ich ein interessantes Vorhaben auch mal größer aufziehen, auf freiere Art und Weise herangehen. Und es ist auch nicht mehr so schlimm, wenn das dann mal ein Jahr lang nicht funktioniert. Dafür habe ich die Chance, zum Schluss etwas wirklich Neues herauszufinden. So funktioniert gute Forschung.


Interdisziplinäres Arbeiten ist ein wichtiges Merkmal der Leibniz-Forschung. Gilt das auch für das Professorinnenprogramm?
EFFERTZ Unbedingt. Die Förderung eröffnet dafür Freiräume. Frau Laudenbach, die zu Investorinnen am Finanzmarkt forscht, hat zum Beispiel eine Sozialwissenschaftlerin als Doktorandin eingestellt, um ihre ökonomischen Fragestellungen breiter adressieren zu können.
Welche interdisziplinären Ansätze verfolgen Sie, Frau Knörnschild?
KNÖRNSCHILD Wir trainieren gerade zusammen mit Sprachwissenschaftlern aus den Niederlanden ein Large-Language-Model, also eine Art ChatGPT, nur mit Lautäußerungen von der Großen Sackflügelfledermaus. Dieses Modell entwickeln wir komplett neu. Da haben wir wirklich zwei ganz unterschiedliche Disziplinen: Wir erheben die Daten und schieben sie möglichst bereinigt rüber. Dann machen die Linguisten ihre Magie. Wenn es fertig ist, haben wir hoffentlich einen Saccopteryx-Chatbot, der tatsächlich mit Tieren sprechen kann.
Und? Funktioniert es?
KNÖRNSCHILD Das wissen wir noch nicht. Die Supercomputer rechnen noch. Wir hoffen, dass wir 2026 erste Ergebnisse haben.


Gibt es neben den vielen positiven Aspekten des Professorinnenprogramms auch etwas, das Sie verbesserungswürdig finden?
KNÖRNSCHILD Nein, ich bin eigentlich sehr zufrieden. Von allen Förderungen, die ich bisher hatte, bin ich mit dieser definitiv am glücklichsten — gerade weil sie so wahnsinnig frei ist. Und weil nicht nur ein Projekt gefördert wird, für das zufällig ich die Idee hatte. Die Förderung bezieht sich konkret auf mich als Person, das ist eine ganz andere Wertschätzung.
Was würden Sie gern ändern, Frau Effertz?
EFFERTZ Als die größte Herausforderung empfinde ich die Komplexität der Berufungsverfahren. Es gibt diverse Modelle, die jeweils unterschiedlich ablaufen und oft recht langwierig sind. Darauf haben wir bei Leibniz allerdings keinen großen Einfluss. Was sich natürlich ändern sollte, ist die Situation, die das Programm überhaupt erst nötig macht. Das wäre eigentlich das Schönste: Wenn es in Zukunft so viele Professorinnen geben würde, dass man unsere Förderung gar nicht mehr braucht.
Der Leibniz-Wettbewerb
Das Professorinnenprogramm ist eine der sechs Programmlinien des Leibniz-Wettbewerbs. Die Leibniz-Gemeinschaft fördert damit herausragende Forschende sowie innovative Projekte, die Forschungsfelder voranbringen, Austausch fördern und Forschungserkenntnisse in die Praxis übertragen. In Leibniz-Junior Research Groups etwa können junge Forschende eigene Forschungsgruppen an Leibniz-Instituten aufbauen. Die Leibniz-Kooperative Exzellenz, Leibniz-Forschungsverbünde und WissenschaftsCampi fördern die Zusammenarbeit von Forschenden der Leibniz-Gemeinschaft mit externen Partnern, und das Programm Leibniz-Transfer sorgt dafür, dass Wissenschaft, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft sich noch enger miteinander austauschen.
Für die Programme stellen Bund und Länder insgesamt 35 Millionen Euro bereit — mit Erfolg: 37 Junior Research Groups, 124 Projekte der Leibniz-Kooperative Exzellenz, fünf Forschungsverbünde, 33 Leibniz-WissenschaftsCampi und 40 Leibniz-Professorinnen sind nur einige Resultate.
Mehr erfahren Sie in unserem Sonderheft zum Leibniz-Wettbewerb.



