01 Midsommar
Weil es in Schweden zu dieser Jahreszeit kaum dunkel wird, sind die Feierlichkeiten zur Sommersonnenwende besonders ausgelassen. Ein blumengeschmückter Mittsommerbaum wird errichtet, es gibt Konzerte und Tänze. Zum fröhlichen Festmahl werden Hering, Sauerrahm und Knäckebrot gereicht. Und Schnaps. Lärmen und Trinken sollen nicht nur die bösen Geister vertreiben, sondern auch Glück sowie Schutz für Mensch und Vieh bringen. Gut, dass in Schweden zu Midsommar frei ist.
02 Jul
Wenn die Nacht am tiefsten ist, feiert man in Nordeuropa Yule. Lange bevor es Weihnachten gab, markierte das Fest den Sieg des Lichts über die Dunkelheit – einen Moment der Hoffnung im Herzen des Winters. Später verschmolzen christliche und heidnische Bräuche; nicht umsonst wird Weihnachten in Skandinavien heute auch als Julfest bezeichnet. Noch immer symbolisiert das Verbrennen des Yule-Blocks, ein großer Holzscheit, die Hoffnung aufs Licht. Immergrüne Zweige bringen ein Stück Leben ins Haus.


03 Yalda
Vom 21. auf den 22. Dezember feiern Menschen die »Geburt« des Lichts – denn jetzt werden die Tage endlich wieder länger. Begangen wird Yalda unter anderem im Iran, Kurdistan, Armenien und Afghanistan. Freunde und Familie treffen sich in den Häusern der Ältesten, man isst rote Trauben und Granatäpfel (als Symbol für Morgenröte und Neuanfang) und rezitiert gemeinsam Gedichte des persischen Dichters Hafis. Gefeiert wird Yalda seit vorislamischen Zeiten, als der Zoroastrismus die vorherrschende Religion in der Region war.
04 Inti Raymi
Lange bevor die Spanier nach Südamerika kamen, ehrte das Fest den Sonnengott Inti, Garant für Fruchtbarkeit und Ordnung. Inti Raymi markierte die Wintersonnenwende der Südhalbkugel. Mit Tänzen, Gesängen und Opfergaben begrüßten die Inka die Sonne und baten um Segen für die Felder. Nach der Kolonisierung wurde das Fest lange unterdrückt. Seit dem 20. Jahrhundert wird es wieder offiziell gefeiert, immer am 24. Juni. Besonders im peruanischen Cusco, einst Hauptstadt des Inkareichs, hält man die Tradition lebendig.


05 Jāņi
von AGNESE BERGHOLDE-WOLF
Für uns Kinder war das lange Wachbleiben fast das Schönste an diesen Festtagen. Einmal im Jahr steht in meiner Heimat, dem kleinen Lettland, das ganze Leben still. Es gilt dann, Jāņi zu feiern, das den meisten in Deutschland als Johannisfest geläufig sein dürfte.
Traditionell wird in der kürzesten Nacht des Jahres nicht geschlafen. Man verbringt sie mit Familie und Freunden, nach Möglichkeit an einer Feuerstelle in der Natur, im Garten oder am Wasser.

Und wenn es doch mal ein komplett verregneter Jāņu-Abend sein sollte (in Lettland liegt das im Juni durchaus im Bereich des Möglichen), kann man sich immer noch die herrlich verworrene Komödie »Schneidertage auf Lüttwalden« (lettisch: »Skroderdienas Silmačos«) des Dramatikers Rūdolfs Blaumanis anschauen – im Trockenen, zu Hause auf dem Sofa. Das Stück ist unsere lettische Alternative zum Silvestersketch »Dinner for One«; mit dem Unterschied, dass wir unser »the same procedure as every year« nicht am Ende des Jahres haben, sondern in seiner Mitte.
Gefeiert wird in Lettland hauptsächlich am Vorabend des 24. Juni, auf Lettisch Zāļu vakars (Blumentag). Dieser Name leitet sich von dem Brauch ab, an diesem Tag Heilkräuter, Gräser und Pflanzen zu sammeln, die zu Sträußen gebunden oder als Kränze geflochten werden. Zu Jāņi schmücken sie dann Häuser, Frauen tragen sie in den Haaren, Männern, vor allem Trägern des Namens Jāņis (lettisch für Johannes; es ist der wohl beliebteste Jungenname in Lettland), bindet man Kränze aus Eichenzweigen. Auch in meinen Erinnerungen verbinde ich das Jāņi meiner Kindheit zuallererst mit dem Pflücken von Blumen, von rotem und weißem Klee, süßlich duftendem Labkraut, wild blühenden Margeriten und verschiedenen Gräsern.
Die Kränze, die wir flochten, wurden nach den Feiern damals wie heute bis zum nächsten Jahr aufgehoben und dann im Feuer verbrannt. Als mein Bruder Jāņis geboren wurde, band auch unsere Familie für ihn einen wuchtigen Kranz aus Eichenzweigen; als er ihn zum ersten Mal aufgesetzt bekam, schaute er uns wenig amüsiert an. Überhaupt empfanden wir uns erst jetzt, da wir unseren eigenen kleinen Jāņis hatten, als »richtige« Jāņu-Familie: als Johannes-Kinder (Jāņa bērni), Johannes-Mutter (Jāņa māte) und Johannes-Vater (Jāņa tēvs), wie sie in den Volksliedern besungen werden.
Seit dieser Zeit stellt meine Mutter auch selbst die traditionelle Jāņu-Speise her: Kümmelkäse. Mit der runden, sonnengelben Köstlichkeit, die zugleich ein Symbol für das gefeierte Zentralgestirn ist, werden am Blumentag und den darauffolgenden Tagen Gäste bewirtet.
Enorm geheimnisvoll fanden wir Kinder die in traditionellen Volksliedern erwähnte Farnblüte, die nur in der Jāņu-Nacht blühe. Wer sie finde, so hieß es, dem seien Gesundheit, Glück und Wohlstand sicher. Außerdem verleihe sie einem die Fähigkeit, Tiere sprechen zu hören und die Zukunft vorherzusagen. Diese Wunderblüte wollten auch wir unbedingt mal finden! Erst im jugendlichen Alter wurde uns klar, dass es sich hierbei nicht um ein besonderes Naturereignis handelt. Es ist eine im wahrsten Sinne blumige Umschreibung der intimen Zweisamkeit und ein Symbol der Fruchtbarkeit.



