LEIBNIZ Frau Betsch, die meisten von uns wissen, dass Kettenrauchen, Alkoholkonsum und Schokoriegel uns nicht guttun. Warum handeln wir nicht entsprechend?
CORNELIA BETSCH Das versuchen wir herauszufinden. Denn nur wenn wir Gesundheitsverhalten verstehen, können wir es verändern. Es geht uns dabei nicht darum, Menschen zu etwas zu überreden. Vielmehr wollen wir verstehen, warum sie sich nicht impfen lassen, unvernünftig mit Antibiotika umgehen oder sich ungesund ernähren. Unsere Forschung zeigt, dass hierbei immer wiederkehrende Faktoren eine Rolle spielen: Wie leicht ist ein bestimmtes Verhalten? Sind sich die Menschen des Risikos bewusst? Oder sind sie Fehlinformationen aufgesessen? Erst wenn wir die Gründe für ein bestimmtes Verhalten geklärt haben, überlegen wir, wie man die Gesundheitsentscheidungen zum Positiven unterstützen kann, indem man etwa über Irrglauben aufklärt oder praktische Hindernisse aus dem Weg räumt.
Das klingt, als trägt zwar jeder Mensch für sich selbst Verantwortung – aber als wirkten eben auch strukturelle Barrieren, die gesundes Verhalten blockieren?
Das stimmt, und die wirken auch besonders stark. Wenn in einem Restaurant von zehn Gerichten nur ein einziges vegetarisch ist, werden viele Gäste Fleisch bestellen. Und das, obwohl unsere Studien zeigen, dass etliche Menschen bereit wären, sich stärker pflanzenbasiert zu ernähren. Entsprechend betrachten wir immer auch den Kontext, in dem sich ein Verhalten abspielt. Das kann auch je nach Kontext und Kultur variieren – in afrikanischen oder europäischen Ländern können ganz unterschiedliche Barrieren relevant sein. Das untersuchen wir auch am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin.
Also sind viele Menschen »eigentlich« bereit, etwas für die Gesundheit zu tun und der Kontext verhindert das dann?
Das findet sich in der Tat häufig – nicht nur bei Gesundheitsfragen, sondern zum Beispiel auch beim Thema Nachhaltigkeit. Die meisten Deutschen sagen, dass Klimaschutz ihnen wichtig ist und die Politik hier mehr tun müsse. Aber nicht nur das eigene Verhalten hinkt da etwas hinterher, sondern auch die Zustimmung zu Regulierungen. In unseren Studien zum Beispiel sagen viele, dass die Verursacher hoher CO2-Emissionen auch dafür zahlen sollten. Zugleich lehnen sie aber eine Steuer auf Fleisch- und Milchprodukte ab. Das passt natürlich nicht zusammen.
Gesundheitskommunikation und -politik kommen nicht ohne Leitbilder aus: Wer Verhalten beeinflussen will, braucht eine Vorstellung davon, was »richtig« ist. Wie gelingt das, ohne Menschen zu bevormunden?
Es ist nicht unser Ziel, Menschen wie Marionetten zu anderem Verhalten zu bringen, das wäre ja ein ziemlich düsteres Bild. Es gibt aber beispielsweise aus der Medizin viele Erkenntnisse, wie sich Gesundheit für alle relativ einfach verbessern ließe. Zum Beispiel würden viel weniger von uns Deutschen an Zivilisationskrankheiten leiden, wenn wir mehr Gemüse essen, uns mehr bewegen, weniger rauchen und weniger Alkohol trinken würden. Als Gesellschaft müssen wir die Frage beantworten, ob wir bereit sind, die Folgekosten von ungesundem Verhalten zu tragen, oder ob und wie wir Prävention fördern. Da gibt es viele Möglichkeiten: Sichere Fahrradwege, Bewegungsangebote, gute Gesundheitskommunikation, mehr günstiges, gesundes Essen. So kann der Staat Gesundheit fördern, ohne die Leute zu gängeln oder zu etwas zu zwingen. Auch hier gilt wieder: Das kann in anderen Kontexten komplett anders sein, daher ist das Zusammenspiel von Theorien und lokalen Daten wichtig. Viel Forschung und Theoriebildung kommt nur aus einem Teil der Welt, aus den westlichen Ländern im globalen Norden. Das verleitet dazu zu denken, wir hätten auf Basis der westlichen Psychologie »den Menschen« verstanden. Aber trotzdem kann man vermutlich sagen, dass sich viele Menschen wünschen, dass es ihnen leichter gemacht wird, sich gesundheitsbewusst und klimafreundlich zu verhalten. Denn dass ungesundes Verhalten einfach ist – dafür ist durch die Konsumgüterindustrie reichlich gesorgt.
Als Gesellschaft müssen wir die Frage beantworten, ob wir bereit sind, die Folgekosten von ungesundem Verhalten zu tragen, oder ob und wie wir Prävention fördern.
CORNELIA BETSCH
In der Corona-Pandemie wurde heftig über eine Impfpflicht diskutiert. Im Rückblick betrachtet: Wären noch stärkere Eingriffe in die persönliche Freiheit sinnvoll gewesen?
Zu den Bedingungen und Folgen einer Impfpflicht haben wir intensiv geforscht. Viele Menschen reagieren auf Pflicht oft mit Reaktanz, das heißt, sie verweigern sich Dingen, die sie ohne Druck freiwillig getan hätten. Der Widerstand drückt das Bedürfnis aus, sich persönliche Freiheit zurückzuholen. Aber Verbote oder Pflichten sind nicht grundsätzlich schlecht. Gegen die Einführung der Gurtpflicht in Deutschland gab es 1975 großen Widerstand. Aber seitdem sterben deutlich weniger Menschen bei Verkehrsunfällen. Jede Intervention hat ihre Kosten und ihren Nutzen. Man muss das jeweils im Kontext betrachten, die Maßnahmen gut ausbalancieren. Und es gibt neue Befunde, die zeigen, dass nach der Einführung von solch starken Regelungen der Widerstand auch abnimmt, weil Menschen dann stärker den Nutzen für die Gemeinschaft sehen als ihre eigene Einschränkung.
Können Sie praktische Tipps geben: Wie muss Gesundheitspolitik gestaltet sein, damit sie wirkt?
Unsere und andere Forschung zeigt, dass Maßnahmen insbesondere dann akzeptiert werden, wenn sie folgende Kriterien erfüllen: Sie müssen einen Nutzen für die Betroffenen haben, effektiv und einfach umzusetzen sein. Darüber hinaus ist Fairness wichtig: Wird eine Gruppe benachteiligt, dann müssen diese Nachteile ausgeglichen werden. Ich würde mir wünschen, dass gesundheits- und klimapolitische Vorstöße stärker auf diese Kriterien abgeklopft werden – auch von den Medien. Diese Kriterien sind es nämlich, die die Menschen wirklich interessieren und unsere Meinung prägen. So würden viele Diskurse vielleicht zielführender.
CORNELIA BETSCH
leitet die Arbeitsgruppe Gesundheitskommunikation am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg, einem Leibniz-Institut. Als Leibniz-Professorin für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt ist sie Direktorin des Institute for Planetary Health-Behaviour (IPB). Nachdem die Psychologin in der Pandemie Teil des Corona-Expertenrats war, wurde sie kürzlich in den Deutschen Ethikrat berufen.



